Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

238 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 24

Magazinrundschau vom 16.12.2013 - The Atlantic

Warum nennt man ausführliche Reportagen und umfassende journalistische Beiträge seit neuestem "Long-Form"-Journalismus, fragt sich ärgerlich James Bennet, während die an Umfang vergleichbare Kurzgeschichte ganz im Gegenteil ihre eigene Kürze herausstellt? "Ich denke, dieser taxonomische Irrweg ist ein Anzeichen für den sich fortsetzenden kommerziellen Umbruch und das wacklige Selbstvertrauen, er mag an beidem vielleicht sogar beteiligt sein. Die Geschichte des Übergangs von einer Industrie, die in der Erinnerung so überschwänglich und ambitioniert war, dass sie aus eigener Kraft verkünden konnte, einen 'New Journalism' zu erfinden, hin zu einer Industrie, die mit geballten Fäusten etwas zu bewahren versucht, das sich 'Long-Form Journalism' nennt, klingt nicht gerade nach einer Long-Form-Geschichte mit Happy End. 'New Journalism', das ist ein aufregendes Versprechen an eine größere Welt. 'Long-Form' klingt wie die murmelnde Beschwörung einer Priesterschaft, die im Vergehen begriffen ist." Sein Alternativvorschlag? "Magazine Journalism." Dagegen haben wir nichts einzuwenden.
Stichwörter: Faust, Umbruch, Priesterschaft

Magazinrundschau vom 26.11.2013 - The Atlantic

In einem riesigen Report untersucht Don Peck die Mechanismen der Arbeitswelt. Aller psychologisch unterfütterten Personalpolitik zum Trotz herrsche noch immer eine Regel: Große Männer und schöne Frauen werden leichter eingestellt und schneller befördert, wer kompetent aussieht, wird besser bezahlt. Jetzt dienen sich Firmen wie Knack als Lösung und preisen Big Data als Lösung, beziehungsweise ihre Computerspiele: "Diese Spiele sind nicht zum Spaß da: Sie wurden von einer Gruppe von Neurologen, Psychologen und Datenspezialisten entwickelt, um das menschliche Potenzial zu erkunden. Wer nur 20 Minuten spielt, erklärt Knack-Gründer Guy Halfteck, generiert mehrere Megabyte Daten, exponentiell mehr als alles, was Aufnahmeprüfungen oder Bewerbungstests herausfinden. Wie lange man zögert, bevor man handelt, die Vielzahl der Handlungen, die Art der Problemlösung - all diese Faktoren und noch viel mehr werden beim Spielen gespeichert und dann genutzt, um Kreativität und Ausdauer zu ermitteln, soziale Intelligenz und Persönlichkeit, die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen oder Prioritäten zu setzen. Das Ergebnis ist laut Halfteck ein hochauflösenden Porträt unserer Psyche und unseres Intellekts, ein Test für unsere Anlagen als Führungspersönlichkeit und Innovator."

Der kanadische Theoretiker und Politiker Michael Ignatieff bricht eine Lanze für Machiavellis politisches Traktat "Der Fürst", das seit seinem Erscheinen vor fünfhundert Jahren ein anhaltender Skandal ist: "Machiavelli glaubte nicht, dass sich Politiker grämen sollten, wenn sie sich die Hände schmutzig gemacht haben. Seiner Meinung nach verdienten sie kein Lob für moralische Skrupel oder Gewissensbisse. Er hätte es mit den Sopranos gehalten: Manchmal tut man, was man tun muss. Aber 'Der Fürst' hätte nicht solange überlebt, wenn es nur eine Apologie des Gangstertums wäre. Bei Gangstern ist unnötige Grausamkeit effizient, während sie in der Politik, das verstand Machivelli sehr gut, schlimmer ist als ein Verbrechen. Nämlich ein Fehler."

Magazinrundschau vom 05.11.2013 - The Atlantic

Macht Google uns dumm, fragte Nicholas Carr vor fünf Jahren und stieß damit eine weitreichende Debatte an. Die nächste Marke auf dem Weg zum Untergang des Abendlandes erblickt er jetzt in der umfassenden Automatisierung von Arbeitsabläufen, die aus einst kompetenten Handarbeitern Datenverwalter und Bildschirmarbeiter macht, denen zusehends die Welt und die Befähigung zum aktiv planenden Handeln abhanden kommt. Was sie noch überflüssiger macht. "Wenn die Fähigkeiten der Computer sich so rasant verbessern und wenn im Vergleich dazu die Leute langsam, tappsig und anfällig für Fehler wirken, warum sollte man dann nicht makellose, unabhängige Systeme bauen, die fehlerfrei arbeiten, ganz ohne Überwachung oder Eingriff eines Menschen? Warum sollte man nicht den menschlichen Faktor aus der Gleichung nehmen? ... Die Medizin für unzulängliche Automatisierung heißt totale Automatisierung. Die Idee ist verführerisch, doch keine Maschine ist unfehlbar. Früher oder später wird selbst noch die avancierteste Technologie zusammenbrechen", und dann wird niemand mehr wissen, wie man eine Raumstation mit Alupapier aus der Zigarettenschachtel und Spucke zusammenhält.

Außerdem: James Somers unterhält sich mit Douglas Hofstadter, Physiker, Informatiker und Kognitionswissenschaftler, über die Forschung zur Künstlichen Intelligenz.

Magazinrundschau vom 01.10.2013 - The Atlantic

Nach zwei Drogentoten beim großen New Yorker Electric Zoo Festival herrscht Katerstimmung in der seit 2008 in den USA boomenden Electronic-Dance-Music-Festivalszene, berichtet P. Nash Jenkins, der sich für seine Reportage auf eine lange Spurensuche begibt, ob das, was zu Beginn als neuerlicher Sommer der Liebe und Woodstock-Renaissance apostrophiert wurde, nach seiner Kommerzialisierung und Industrialisierung überhaupt noch dem ursprünglichen Spirit entspricht. Dabei stellt er fest, dass nicht das dort offenbar zuhauf eingeworfene Ecstasy, bzw. MDMA, die eigentliche Gefahr darstellt, sondern das Setting, in dem es genommen wird, bis hin zur allgemeinen Ahnungslosigkeit, was diese Droge betrifft. Ein medizinischer Drogenexperte bestätigt ihm, dass die Gefahr einer Droge umso größer wird, je tiefer man sie in den Untergrund verbannt: "Er unterstreicht zwei zentrale Schwächen im Feldzug gegen MDMA: Dessen 'Finger weg'-Botschaft (die, wie er sagt, 'an jenem Publikum vorbeizielt, das es auf jeden Fall nehmen wird') und den Mangel an öffentlichen Informationen über die wahre Beschaffenheit einer Droge - eine Folge ihrer Kriminalisierung. 'Nimmt man 20 Schmerztabletten auf einmal, schädigt man damit seine Leber. Doch die meisten lesen den Beipackzettel", sagt er. 'Bei MDMA denkt sich ein Kid einfach, oh, eine ist toll, sechs sind noch toller und warum sniefen wir das Zeug nicht einfach.' ... Das Risiko besteht nicht in der Droge, sondern in der Party. Man stelle sich sich selbst vor, zum Bersten gefüllt mit nach Außen drängender Energie. Wird Musik gespielt, tanzt Du wie Hölle. Man stelle sich vor, wie das Noradrenalin das Herz rasen lässt und das Wasser, das der Körper zum Überleben braucht, sich aus allen Poren als Schweiß ergießt. ... Man wird wahrscheinlich beim Tanzen sterben."

Magazinrundschau vom 20.08.2013 - The Atlantic

Mark Bowden untersucht in einer Riesenrecherche die Vor- und Nachteile des Drohnenkriegs - juristisch, politisch, militärisch und moralisch. Und auch wenn er zugibt, dass Attacken durch Drohnen dem Gegner keine Chance lassen sich zu ergeben, und generell so unfair sind wie Davids Steinschleuder, hält er sie im Vergleich zu Atomwaffen für einen echten Fortschritt. Aber: "Kein amerikanischer Präsident wird jemals einen politischen Preis dafür zahlen, dass er die nationale Sicherheit über die internationale Meinung gestellt hat, doch der einzige richtige Weg weiterzumachen, ist, im Nachhinein die Entscheidungen offenzulegen, wie Ziele ausgesucht werden und was beim Angriff herausgekommen ist. Auf lange Sicht kommt es mehr darauf an, dem Gesetz treu zu bleiben als einen weiteren Schurken eliminiert zu haben. Mehr Umsicht und Transparenz sind nicht nur moralisch und juristisch essentiell, sie sind auch in unserem eigenen Interesse, denn die Angriff selbst nähren ein Antidrohnen-Narrativ und führen zu der Art kleiner willkürlicher Terror-Attacken, die zu bin Ladens abscheulichem Erbe gehören." (Deutlich kritischer hat den Drohnenkrieg kürzlich Stephen Holmes in der London Review of Books gesehen, sein Artikel liest sich ebenfalls spannender als jeder Krimi).

Außerdem: Graeme Wood besucht einen amerikanischen Soldaten, der nach Nordkorea desertiert war, dort vierzig Jahre lang lebte, und jetzt in Japan Cracker verkauft. James Fallows lässt sich von Charles Simonyi erklären, wie man die generelle Langsamkeit von Software verbessern kann. James Parker erzählt die Geschichte des britischen Privatschülers John Mellor, der später als Clash-Sänger Joe Strummer berühmt werden sollte.

Magazinrundschau vom 25.06.2013 - The Atlantic

Seit dem Sturz Ben Alis im Januar 2011 wird in Tunesien um religiöse und säkulare Werte gerungen. Habib Kazdaghli, Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Manouba, ist mit seinem Widerstand gegen Vollverschleierung und Geschlechtertrennung zum Ziel salafistischer Angriffe geworden. Er schildert gegenüber Thomas A. Bass, wie Saudi Arabien und Katar die liberale Tradition des Landes zurückzudrängen versuchen: "Tunesien ist das einzige Land in der islamischen Welt, in dem für Frauen und Männer die gleichen Scheidungsgesetze gelten. Wir betreiben keine Vielehen. Tunesien ist ein Spezialfall, ein Gegenmodell, deswegen wollen sie es beseitigen. Ohne uns könnten sie behaupten, dass gewisse Bräuche nur im Westen praktiziert werden. Es bringt sie in Verlegenheit, dass wir, als Muslime, dieselbe Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen haben, wie man sie im Land der 'Ungläubigen' findet."

Magazinrundschau vom 11.06.2013 - The Atlantic

Es geht bei den Protesten am Taksim-Platz sehr wohl um westlichen Lebensstil und ganz konkret um das Recht auf Alkohol, meint der türkische Autor Cinar Kiper im Atlantic. Es trinken zwar allenfalls 20 Prozent der Türken ab und an Alkohol, aber das ändert nichts am erbitterten Kampf Tayyip Erdogans: "Einen großen Sprung zu einer 'islamisch korrekteren' Gesellschaft machte Erdogans Partei AKP erst vor zwei Wochen, als weitere Verschärfungen des Alkohol-Gesetzes erlassen wurden. Es war eine 17-stündige Marathon-Sitzung des Parlaments mit Beleidigungen, Streit zwischen Parlamentariern und kollektivem Auszug aller Fraktionen außer der AKP. Das Ausmaß an Spannung und Gebrüll beweist die Entschlossenheit der Religiösen und die Furcht der Säkularen".

Magazinrundschau vom 23.04.2013 - The Atlantic

Putin reibt sich die Hände, weil die Attentäter von Boston tschetschenischer Herkunft sind. Genau was er braucht, um seine brutale Tschetschenienpolitik zu rechtfertigen, glaubt Thor Halvorssen, der mehr Engagement von den Europäern fordert: "Tschetschenien mag außerhalb der politischen Grenzen der europäischen Familie liegen, aber es ist in seiner überwältigenden Mehrheit eine europäische Nation. Die meisten Tschetschenen suchen - anders als die beiden Verdächtigen von Boston (die laut Berichten nach Kirgisien geflohen waren, wo Dschochar Zarnajew geboren wurde) - Zuflucht in Demokratien, nicht in islamischen Diktaturen. Die Arabische Liga hat nicht ein einziges Mal Besorgnis geäußert über die muslimische Bevölkerung in Tschetschenien und was das russische Regime ihr antut. Die meisten tschetschenischen Flüchtlinge suchen Freiheit, leben in freien Ländern und verstehen die Trennung von Staat und Moschee."

Magazinrundschau vom 25.03.2013 - The Atlantic

Jordanien ist arm, rückständig und von einer Menge feindlicher Staaten umgeben. Der semi-absolutistische König Abdullah hätte sein Volk gern reicher, glücklicher und politisch emanzipierter, schreibt Jeffrey Goldberg in einem großen Porträt. Aber bisher blieben Abdullahs Reformen recht halbherzig, auch weil außer den Muslimbrüdern niemand im Wüstenstaat eine Demokratisierung befürwortet. Schon gar nicht die lokalen Machthaber: "Mehr als die Hälfte der Jordanier sind palästinensischer Herkunft, mit Wurzeln in der Westbank, aber die Stammesführer stammen von der Eastbank (des Jordans), und die Haschemiten-Könige waren zur Verteidigung des Throns auf Eastbanker angewiesen, seit sie vor hundert Jahren aus Mekka in das Gebiet kamen, das damals Transjordanien hieß. Diese Beziehung ist von kühler Geschäftsmäßigkeit: Für ihre Unterstützung des königlichen Hofes erwarten die Führer der östlichen Stammes, dass die Haschemiten im Gegenzug ihre Privilegien schützen und die Palästinenser in Schach halten. Wenn die Haschemiten dies nicht genug beachten, folgen die Probleme auf den Fuß."

Magazinrundschau vom 19.03.2013 - The Atlantic

"Es klingt vielleicht sonderbar, aber die Kopie eines digitalen Werks unter Unterwanderung des Kopierschutzes entspricht dem früheren Kauf eines Taschenbuchs für das Regal", schreibt Benj Edwards im Hinblick auf die Arbeit von Bibliotheken und Archiven, deren Arbeit zur Bewahrung des kulturellen Erbes heute wegen Kopierschutzmaßnahmen und der daraus resultierenden Abhängigkeit vom Wohlwollen einer Industrie signifkant erschwert wird. Wer heute Archivarbeit leisten will, wird seiner Ansicht nach regelrecht in die Illegalität getrieben: "Dank des Digital Millennium Copyright Acts hängt die Zukunft unserer Kulturgeschichte von der Arbeit derjenigen ab, die sich um das Gesetz nicht scheren, von jenen Leuten also, die viele Rechteverwerter wohl 'Piraten' nennen würden. Was für eine Ironie, dass die Piraten am Ende als Helden gefeiert werden, wo sie doch eigentlich die Bösen sein sollten. Wenn Bibliothekare sich genauso verhalten würden, würde man sie als Kriminelle bezeichnen."

Außerdem geht Megan Garber in einem interessanten kulturhistorischen Abriss der Frage nach, warum, vor allem aber: seit wann wir eigentlich Applaus spenden.