Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

234 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 24

Magazinrundschau vom 30.10.2012 - The Atlantic

Als Zeichen für eine krisenhafte Modernität wertet der Autor Teju Cole die Vorfälle von Lynchjustiz, die sich immer wieder und in sehr brutaler Form in Nigeria ereignen. Anfang Oktober etwa wurden vier des Diebstahls beschuldigte Männer bei lebendigem Leib verbrannt. Ein häufiger Anlass zur Bildung eines Mobs ist aber auch der vermeintliche Penisklau, eine in Westafrika verbreitete Form der Hysterie. Aus heiterem Himmel glauben Männer plötzlich, sie seien um ihre Männlichkeit gebracht worden: "Im Jahr 2011 beschuldigte in Gusau der Bankangestellte Idowu Olatunji den Journalisten Saminu Ibrahim des Penisklaus. Auf einmal befand sich Ibrahim in tödlicher Gefahr. Eine Menge umzingelte ihn mit mörderischer Absicht, und nur die Anwesenheit eines geistesgegenwärtigen Polizisten bewahrte ihn vor einem grausigen Tod. Was diesen Fall aber wirklich ungewöhnlich machte und zu einem Lehrbuchfall für Nigerias Neurosen und verwirrte Modernität, war, dass Ibrahim später Olatunji wegen Verleumdung und falscher Beschuldigung vor Gericht brachte. Er beantwortete das Gesetz des Dschungels mit dem bürgerlichen Recht. Und genau an diesem Punkt verschwand die Geschichte aus der Öffentlichkeit."

Magazinrundschau vom 25.09.2012 - The Atlantic

Das Parteispendensystem ist intransparenter geworden, berichtet James Bennet in einem ausführlichen kritischen Artikel über den Zustand der amerikanischen Demokratie. Die unbegrenzten, teilweise anonymen Spenden, die in sogenannten Super PACs gesammelt werden, werden die Wahlkämpfe grundlegend verändern: "Früher konnten Kandidaten abschätzen, wie viel Geld sie für einen bevorstehenden Wahlkampf aufbringen mussten. Heute, unter dem Risiko riesiger, völlig unvorhersehbarer Summen aus unbekannten Quellen, können sie nie sicher sein, dass sie genug beisammen haben. Das bedeutet, dass alle ständig mehr Geld herbeischaffen müssen."

Magazinrundschau vom 11.09.2012 - The Atlantic

Mächtig beeindruckt berichtet Alexis C. Madrigal von einem Besuch bei Google Maps, wo inzwischen innerhalb von zwei Wochen mehr Daten organisiert werden als Google im ganzen Jahr 2006 zur Verfügung hatte - und das schließt nicht aus, dass Kreuzungen nach Nutzerbeschwerden von Hand neu gezeichnet werden. Madrigal sieht in diesen Daten womöglich den größten Vorteil Googles gegenüber dem größten Konzern der Welt - Apple: "Nicht nur um ihrer selbst willen, sondern weil Ortungsdaten alles, was Google tut, wertvoller machen. Oder, wie mein Freund und Science-Fiction-Autor Robin Sloane es mir sagte: 'Ich bleibe dabei, dass dies Google Kerngeschäft ist. In 50 Jahren wird Google die self-driving car company sein, ermöglicht durch die tiefe Detailkenntnis in den Karten. Und, ach ja, eine Suchmaschine wird es auch noch irgendwo haben."

Magazinrundschau vom 21.08.2012 - The Atlantic

Offenbar sind auch im Westen viele Gläubige entschlossen, schnurstracks ins Mittelalter zurückzukehren, damit sie endlich wieder gefahrlos Frauen schurigeln können. "Es geht schon wieder los", berichtet Garance Franke-Ruta. "Diesmal hat der republikanische Abgeordnete Todd Akin das zeitgenössische Äquivalent zu dem frühen amerikanischen Glauben breitgetreten, nur Hexen würden nicht untergehen, als er im Interview mit einer lokalen Radiostation in Missouri verkündete, eine 'echte Vergewaltigung' führe nicht zu einer Schwangerschaft. 'Nachdem was ich von Ärzten weiß, ist eine solche Schwangerschaft sehr selten', erklärte Akin im Interview mit KTVI-TV. 'Wenn es eine echte Vergewaltigung ist, dann kennt der weibliche Körper Wege, sich gegen eine Schwangerschaft zu verschließen.'" Dieser Schwachsinn ist nicht neu. Franke-Ruta zitiert einige haarsträubende Beispiele, darunter den republikanischen Politiker Stephen Freind, der laut Philadelphia Daily News 1988 erklärte: "Die Chancen, dass eine vergewaltigte Frau schwanger wird, 'stehen eins zu Millionen und Millionen und Millionen'. Der Grund dafür sei, so Freind, dass die traumatische Erfahrung einer Vergewaltigung bei der Frau dazu führe, dass sie 'ein bestimmtes Sekret absondert', das Spermien tötet."

Ob die edlen Lebensschützer die krebskranke Sechzehnjährige gerettet hätten, die in der dominikanischen Republik starb, nachdem man ihre eine Chemotherapie verweigert hatte mit der Begründung, dies würde ihren knapp drei Monate alten Fötus gefährden?

Magazinrundschau vom 29.05.2012 - The Atlantic

Vietnam sucht mehr und mehr die Unterstützung der USA, um ihre Interessen in der South China Sea gegen China zu verteidigen. Dieses Meer ist nicht nur einer der wichtigsten Handelswege in Asien, dort liegt vermutlich auch mehr Öl als sonst irgendwo auf der Welt, Saudiarabien ausgenommen, berichtet Robert Kaplan. "Wie ein chinesischer Diplomat mir erklärte: 'China ist siebzehn Mal in Vietnam eingefallen. Die USA sind einmal in Mexiko eingefallen und sehen Sie, wie empfindlich die Mexikaner deswegen sind. Wir wachsen mit Büchern auf, die voller Geschichten sind über Nationalhelden, die die Chinesen bekämpften.' Die vietnamesische Furcht vor China ist genau deshalb so tief, weil Vietnam der Umarmung dieses gigantischen Nachbarn, dessen Bevölkerung fünfzehn Mal größer ist, nicht entkommen kann."

Außerdem: Abnehmen ohne Jojo-Effekt ist möglich, behauptet David H. Freedman - mit modernen Apps und den Methoden des Verhaltensforschers B.F. Skinners.

Stichwörter: Apps, Vietnam

Magazinrundschau vom 17.04.2012 - The Atlantic

Taylor Clark porträtiert den Videospiel-Erfinder Jonathan Blow, ein Mann, den selbst seine Freunde als "schwierig" und "stachelig" beschreiben, der mit dem Spiel Braid großen Erfolg hatte und mit dem so gewonnenen Geld jetzt das tut, was ihm am meisten am Herzen liegt: das Videospiel zur Kunst zu treiben. Keine Kleinigkeit, denn Videospiele sind, von zwei Ausnahmen abgesehen, schlicht dämlich, meint Clark. Eine von den zwei Ausnahmen ist Braid: "Auf der Oberfläche ist Braid ein schlichtes zweidimensionales Plattformerspiel, das dem abgenutztesten Aufbau eines Videospiels folgt. 'Tim ist weg, um die Prinzessin zu retten', liest man im ersten Buch, das Tim in den Wolken findet. 'Sie wurde von einem grässlichen bösen Monster entführt.' Aber Braid handelt so wenig von der Rettung einer Prinzessin wie Kafkas 'Verwandlung' von einem Käfer. Durch die Bücher, die Tim findet, enthüllt Blow, dass Tim einen Fehler gemacht hat und hofft, ihn wiedergutzumachen, was in den zentralen Spielmechanismus von Braid führt: Tims einzigartige Fähigkeit, die Zeit zurückzuspulen. Während Tim versucht, die Vergangenheit ungeschehen zu machen, muss er gleichzeitig Rätsel lösen, die sich um seine Kontrolle über den Zeitfluss ranken. Inspiriert von den wechselnden Realitäten in Calvinos 'Unsichtbare Städte' und Alan Lightmans 'Einsteins Traum' hat Blow fünf Hauptreiche geschaffen, in denen sich die Zeit jeweils anders verhält... Das verblüffendste an Braid ist jedoch, dass es sich, viel mehr als jedes andere Spiel, wie ein Autorentext anfühlt - so reich an Bedeutung und Gefühlen wie jede gut erzählte Geschichte."

Weitere Artikel: Stephen Marche überlegt, ob Facebook uns nicht in Wirklichkeit einsamer macht und findet nach Lektüre diverser Studien heraus: Kommt darauf an. Wenn man es nutzt, um Verabredungen im wirklichen Leben zu treffen, hilft es. Wenn man es nutzt, um Verabredungen im wirklichen Leben zu vermeiden, schadet es. David Samuels hat wochenlang jedes Konzert der "Watch the throne"-Tournee von Kanye West und Jay-Z besucht und eine Vorliebe für Kanye West entwickelt.

Magazinrundschau vom 20.03.2012 - The Atlantic

Der australische Philosoph Patrick Stokes spricht im Interview darüber, wie sich durch das Internet unser Umgang mit Tod und Trauer verändert hat und macht dabei auch folgende Beobachtung: "Offline schaffen wir spezielle, abgegrenzte Orte, an denen wir tote Menschen begraben, auf Facebook sind sie nicht abgegrenzt, sie existieren weiter Seite an Seite neben den Profilen der Lebenden. Wir haben es hier also nicht mit einem online-Friedhof zu tun, die Toten bleiben unter uns."

Kann gut sein, dass Ronald Reagan und Margeret Thatcher gesiegt haben, meint Michael J. Sandel, der auflistet, was inzwischen alles für Geld zu haben ist: Ein Upgrade der Gefängniszelle für 90 Dollar die Nacht, eine indische Leihmutter für 8.000 Dollar, die Handynummer eines Arztes für 1500 Dollar im Jahr. Oder besonders schlau: "Das Recht, ein vom Aussterben bedrohtes Spitzmaulnashorn zu erschießen für 250.000 Dollar. Südafrika lässt Farmer eine begrenzte Anzahl solcher Lizenzen an Jäger verkaufen, um den Farmer einen Anreiz zu geben die gefährdete Spezies aufzuziehen und zu schützen."

Außerdem: Joseph O'Neill liest Philip Roth.

Magazinrundschau vom 17.01.2012 - The Atlantic

Sehr bedauerlich findet es Robert D. Kaplan, dass der Politikwissenschaftler John Mearsheimer nur mit seinem umstrittenen Buch "Die Israel-Lobby" in Verbindung gebracht wird: Viel bedeutender sei sein Werk "The Tragedy of Great Power Politics" - so wegweisend wie Samuel Huntingtons "Kampf der Kulturen" und Francis Fukuyamas "Ende der Geschichte". Darin propagiere Mearsheimer eine unverstellte Realpolitik, die vor allem daraus ausgerichtet sein müsse, China in Schranken zu halten: "'Tragedy' beginnt mit einer kraftvollen Absage an den Ewigen Frieden zugunsten eines Ewigen Kampfes, wobei die großen Mächte immer in der Offensive sind, denn sie können nie sicher sein, wie viel militärische Macht sie brauchen werden, um auf lange Sicht zu überleben. Da kein Staat jemals Sicherheit besitzt, lehrt Mearsheimer, ist sein inneres Wesen für sein internationales Auftreten weniger entscheidend als wir glauben. 'Große Mächte sind wie Billardkugeln, sie unterschieden sich nur in der Größe', behauptet er. Mit anderen Worten, Mearsheimer lässt sich nicht sonderlich davon beeindrucken, dass ein Staat eine Demokratie ist."

In einer Art Liebeserklärung an die Joan Didion ihrer Teenagerzeit erinnert sich Caitlin Flanagan, wie Didion eines Tages zum Abendessen ins Haus ihrer Eltern eingeladen wurde. Flanagans Vater war Professor in Berkely, Flanagan selbst war damals Vierzehn: "Es war alles wie immer - bis sie eintraf. Selbst für eine Vierzehnjährige machte sie den offenkundigen Eindruck einer Jammergestalt. Ich hatte einmal einen koreanischen Studenten bei einer Dinnerparty der Fakultät erlebt, der vor Angst fast zu implodieren schien. Aber verglichen mit Didion hatte er die Cocktailparty-Selbstsicherheit eines Noel Coward. Zunächst mal: Was hatte sie an? Ein Chanelkostüm, informierte mich meine Mutter (beeindruckt und amüsiert zugleich) am nächsten Tag. Es war so ganz klar der falsche Aufzug für eine Fakultäts-Dinnerparty in den frühen 70ern, so ganz klar ein Hinweis darauf, dass sie versucht hatte, angesichts dieser angsteinflößenden ehemaligen Professoren ihr erwachsenes Bestes zu gebenihr erwachsenes Bestes zu geben, was den Eindruck von ihrer katastrophalen Unsicherheit noch verstärkte."

Magazinrundschau vom 22.11.2011 - The Atlantic

Die Überschrift von Jeffrey Goldbergs und Marc Ambinders 19-seitiger Reportage über Pakistan sagt schon alles: "Der Alliierte aus der Hölle". Eine Frage treibt die beiden besonders um: Wie sicher sind die pakistanischen Atomwaffen vor muslimischen Terroristen? Es stellt sich heraus, dass die Pakistaner sich mehr für die Frage interessieren: Wie können wir unsere Atomwaffen vor amerikanischen und indischen Spionen schützen? Zu diesem Zweck werden die Waffen bzw. ihre Bestandteile ständig im Land herumgefahren. "Statt das nukleare Material in bewaffneten, gut geschützten Convois zu transportieren, zieht die SPD es vor, das Material in einem Täuschungsmanöver in Zivilautos ohne erkennbaren Schutz im normalen Verkehr zu bewegen. Nach pakistanischen wie amerikanischen Quellen sind manchmal Kleintransporter mit bescheidenem Sicherheitsprofil das bevorzugte Beförderungsmittel."

Außerdem: Caitlin Flanagan erklärt, warum die amerikanische Elke Heidenreich, Oprah Winfrey, so phänomenal erfolgreich ist.

Oh, und übrigens lagen im Oktober bei The Atlantic die Einnahmen aus Anzeigen auf der Webseite über den Einnahmen aus Anzeigen im Printmagazin, meldet die NYT.

Magazinrundschau vom 20.09.2011 - The Atlantic

Nach den jüngsten und weidlich von den Medien ausgeschlachteten Affären um Anthony Weiner, Arnold Schwarzenegger und Dominique Strauss-Kahn weist der Medienhistoriker David Greenberg darauf hin, dass das Sexleben von Politikern erst seit Ende der 70er zu einer Waffe im politischen Kampf geworden ist, und zwar mit durchaus scheinheiligen Argumenten: "Die Geschichte gibt wenig Grund zu der Annahme, dass sexuelles Fehlverhalten oder die damit einhergehende Täuschung oder Heuchelei einen Politiker ungeeignet für Führungsaufgaben macht. Richard Nixon war, obwohl monogam, unser korruptester Präsident, während Ted Kennedy, wie presönlich ausschweifend auch immer, zu den größten Senatoren gehörte." Meist werde die Geschichte am heiklen Punkt "Charakter" aufgehängt, aber wie Greenberg weiß, geht es noch wackliger: "In manchen Fällen, wie dem von John Edwards rechtfertigten Journalisten die Bedeutung ihrer Geschichte mit einem besonders exquisiten Zirkelschluss: Jeder Politiker, der sich Extravaganzen oder ein riskantes Sexualverhalten erlaubt, hieß es, verdient es, geoutet zu werden, schon weil ihm die richtige Urteilskraft fehlt - schließlich wisse jeder, dass in unserem gegenwärtigen Medienbetrieb sein Verhalten in einen Skandal münden kann."

Außerdem: Unverzeihlich, aber erwartbar findet Benjamin Schwarz, dass der seit jeher unterschätzte Ambrose Bierce erst jetzt in die Library of America aufgenommen wurde. Und Christina Schwarz feiert David Lodges Roman über H.G. Wells' sehr aktives Liebesleben "A Man of Parts".