Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

238 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 24

Magazinrundschau vom 20.03.2012 - The Atlantic

Der australische Philosoph Patrick Stokes spricht im Interview darüber, wie sich durch das Internet unser Umgang mit Tod und Trauer verändert hat und macht dabei auch folgende Beobachtung: "Offline schaffen wir spezielle, abgegrenzte Orte, an denen wir tote Menschen begraben, auf Facebook sind sie nicht abgegrenzt, sie existieren weiter Seite an Seite neben den Profilen der Lebenden. Wir haben es hier also nicht mit einem online-Friedhof zu tun, die Toten bleiben unter uns."

Kann gut sein, dass Ronald Reagan und Margeret Thatcher gesiegt haben, meint Michael J. Sandel, der auflistet, was inzwischen alles für Geld zu haben ist: Ein Upgrade der Gefängniszelle für 90 Dollar die Nacht, eine indische Leihmutter für 8.000 Dollar, die Handynummer eines Arztes für 1500 Dollar im Jahr. Oder besonders schlau: "Das Recht, ein vom Aussterben bedrohtes Spitzmaulnashorn zu erschießen für 250.000 Dollar. Südafrika lässt Farmer eine begrenzte Anzahl solcher Lizenzen an Jäger verkaufen, um den Farmer einen Anreiz zu geben die gefährdete Spezies aufzuziehen und zu schützen."

Außerdem: Joseph O'Neill liest Philip Roth.

Magazinrundschau vom 17.01.2012 - The Atlantic

Sehr bedauerlich findet es Robert D. Kaplan, dass der Politikwissenschaftler John Mearsheimer nur mit seinem umstrittenen Buch "Die Israel-Lobby" in Verbindung gebracht wird: Viel bedeutender sei sein Werk "The Tragedy of Great Power Politics" - so wegweisend wie Samuel Huntingtons "Kampf der Kulturen" und Francis Fukuyamas "Ende der Geschichte". Darin propagiere Mearsheimer eine unverstellte Realpolitik, die vor allem daraus ausgerichtet sein müsse, China in Schranken zu halten: "'Tragedy' beginnt mit einer kraftvollen Absage an den Ewigen Frieden zugunsten eines Ewigen Kampfes, wobei die großen Mächte immer in der Offensive sind, denn sie können nie sicher sein, wie viel militärische Macht sie brauchen werden, um auf lange Sicht zu überleben. Da kein Staat jemals Sicherheit besitzt, lehrt Mearsheimer, ist sein inneres Wesen für sein internationales Auftreten weniger entscheidend als wir glauben. 'Große Mächte sind wie Billardkugeln, sie unterschieden sich nur in der Größe', behauptet er. Mit anderen Worten, Mearsheimer lässt sich nicht sonderlich davon beeindrucken, dass ein Staat eine Demokratie ist."

In einer Art Liebeserklärung an die Joan Didion ihrer Teenagerzeit erinnert sich Caitlin Flanagan, wie Didion eines Tages zum Abendessen ins Haus ihrer Eltern eingeladen wurde. Flanagans Vater war Professor in Berkely, Flanagan selbst war damals Vierzehn: "Es war alles wie immer - bis sie eintraf. Selbst für eine Vierzehnjährige machte sie den offenkundigen Eindruck einer Jammergestalt. Ich hatte einmal einen koreanischen Studenten bei einer Dinnerparty der Fakultät erlebt, der vor Angst fast zu implodieren schien. Aber verglichen mit Didion hatte er die Cocktailparty-Selbstsicherheit eines Noel Coward. Zunächst mal: Was hatte sie an? Ein Chanelkostüm, informierte mich meine Mutter (beeindruckt und amüsiert zugleich) am nächsten Tag. Es war so ganz klar der falsche Aufzug für eine Fakultäts-Dinnerparty in den frühen 70ern, so ganz klar ein Hinweis darauf, dass sie versucht hatte, angesichts dieser angsteinflößenden ehemaligen Professoren ihr erwachsenes Bestes zu gebenihr erwachsenes Bestes zu geben, was den Eindruck von ihrer katastrophalen Unsicherheit noch verstärkte."

Magazinrundschau vom 22.11.2011 - The Atlantic

Die Überschrift von Jeffrey Goldbergs und Marc Ambinders 19-seitiger Reportage über Pakistan sagt schon alles: "Der Alliierte aus der Hölle". Eine Frage treibt die beiden besonders um: Wie sicher sind die pakistanischen Atomwaffen vor muslimischen Terroristen? Es stellt sich heraus, dass die Pakistaner sich mehr für die Frage interessieren: Wie können wir unsere Atomwaffen vor amerikanischen und indischen Spionen schützen? Zu diesem Zweck werden die Waffen bzw. ihre Bestandteile ständig im Land herumgefahren. "Statt das nukleare Material in bewaffneten, gut geschützten Convois zu transportieren, zieht die SPD es vor, das Material in einem Täuschungsmanöver in Zivilautos ohne erkennbaren Schutz im normalen Verkehr zu bewegen. Nach pakistanischen wie amerikanischen Quellen sind manchmal Kleintransporter mit bescheidenem Sicherheitsprofil das bevorzugte Beförderungsmittel."

Außerdem: Caitlin Flanagan erklärt, warum die amerikanische Elke Heidenreich, Oprah Winfrey, so phänomenal erfolgreich ist.

Oh, und übrigens lagen im Oktober bei The Atlantic die Einnahmen aus Anzeigen auf der Webseite über den Einnahmen aus Anzeigen im Printmagazin, meldet die NYT.

Magazinrundschau vom 20.09.2011 - The Atlantic

Nach den jüngsten und weidlich von den Medien ausgeschlachteten Affären um Anthony Weiner, Arnold Schwarzenegger und Dominique Strauss-Kahn weist der Medienhistoriker David Greenberg darauf hin, dass das Sexleben von Politikern erst seit Ende der 70er zu einer Waffe im politischen Kampf geworden ist, und zwar mit durchaus scheinheiligen Argumenten: "Die Geschichte gibt wenig Grund zu der Annahme, dass sexuelles Fehlverhalten oder die damit einhergehende Täuschung oder Heuchelei einen Politiker ungeeignet für Führungsaufgaben macht. Richard Nixon war, obwohl monogam, unser korruptester Präsident, während Ted Kennedy, wie presönlich ausschweifend auch immer, zu den größten Senatoren gehörte." Meist werde die Geschichte am heiklen Punkt "Charakter" aufgehängt, aber wie Greenberg weiß, geht es noch wackliger: "In manchen Fällen, wie dem von John Edwards rechtfertigten Journalisten die Bedeutung ihrer Geschichte mit einem besonders exquisiten Zirkelschluss: Jeder Politiker, der sich Extravaganzen oder ein riskantes Sexualverhalten erlaubt, hieß es, verdient es, geoutet zu werden, schon weil ihm die richtige Urteilskraft fehlt - schließlich wisse jeder, dass in unserem gegenwärtigen Medienbetrieb sein Verhalten in einen Skandal münden kann."

Außerdem: Unverzeihlich, aber erwartbar findet Benjamin Schwarz, dass der seit jeher unterschätzte Ambrose Bierce erst jetzt in die Library of America aufgenommen wurde. Und Christina Schwarz feiert David Lodges Roman über H.G. Wells' sehr aktives Liebesleben "A Man of Parts".

Magazinrundschau vom 16.08.2011 - The Atlantic

Die amerikanische Mittelklasse verschwindet. In einem großen Report stellt Don Peck fest, dass die Ungleichheit in den USA mit der Wirtschaftskrise noch größer geworden sei. Und schon vorher hatte die Citibank in einer Studie bereits den Durchschnittskonsumenten verabschiedet: "Tatsächlich, sagen sie, bestehe Amerika aus zwei klar unterscheidbaren Gruppen: den Reichen und dem Rest. Und für geschäftliche Entscheidungen spiele die zweite Gruppe keine Rolle; ihr Ausgabeverhalten oder ihre Sparraten zu verfolgen, sei reine Zeitverschwendung. Alles in der amerikanischen Wirtschaft passiere oben: Das reichste eine Prozent der Haushalte verdient so viel wie die unteren 60 Prozent zusammen; sie besitzen so viel Vermögen wie die unteren 90 Prozent; und mit jedem Jahr wird der Anteil am Reichtum der Nation größer, der durch ihre Hände und in ihre Taschen fließt."

Es brodelt in China, berichtet James Fallows, der im ganzen Land politische Proteste, ethnische Unruhen und Anschläge erlebte, und natürlich ihre Niederschlagung. Wirtschaftlich herrsche aber business as usual, weshalb er keine Voraussage darüber wagt, wie weitreichend der Unmut sein wird.

Magazinrundschau vom 21.06.2011 - The Atlantic

Nach der Lektüre von Joseph Lelyvelds Gandhi-Biografie - aber vermutlich schon vorher - hat Christopher Hitchens für den Mahatma kaum mehr übrig als für Mutter Theresa: "Gandhi kann der Schuld nicht entkommen, dass er der einzige große Prediger des Appeasement war, der nie seine Meinung änderte. Das abgenutzte Wort ist hier vollkommen angemessen, liest man, wie Gandhi die Briten anflehte, die Nazis 'Besitz von eurer schönen Insel und euren schönen Gebäuden nehmen zu lassen. Ihr werdet all das geben, aber weder eure Seelen, noch eure Köpfe. Wenn diese Herren eure Häuser besetzen wollen, gebt sie ihnen. Wenn sie euch nicht ausreisen lassen, lasst zu, dass sie euch - Mann, Frau und Kind - abschlachten.' Diese Passage ist enthüllend, nicht so sehr wegen ihrer metaphysischen Amoralität als wegen der Demonstration dessen, was im Gandhiismus immer latent war: die hoch dubiose Trennung von Verstand und Körper."

Außerdem: Bruce Barcott stellt den Kanadier Guy Cramer vor, dessen Camouflage-Muster die Armeen der halben Welt bedecken. Jonathan A. Knee erklärt der Filmindustrie, warum der Filmstreamdienst Netflix so unglaublich erfolgreich ist. Und Armanda Ripley stellt den Mann vor, der die Pisa-Fragen erfand: den deutschen Mathematiker Andreas Schleicher.

Magazinrundschau vom 17.05.2011 - The Atlantic

Die Welt ist kompliziert und darum muss die Regierung Obamas in dem einen arabischen Land die Demokratie unterstützen und in dem anderen eine unfähige Monarchie, schreibt Jeffrey Goldberg. Für Hillary Clinton, mit der er gesprochen hat, hängt viel davon ab, wie die Frauen künftig an der Macht beteiligt werden. Die Republikaner formulieren es anders: John McCain und Joseph Lieberman forderten laut Goldberg kürzlich von dem verdutzten jordanischen König, er möge mehr Demokratie zulassen, aber bitte die Muslimbrüder draußen halten. "'Eine Organisation, die bekennt, Macht durch Gewalt erreichen zu wollen, muss aufgehalten werden', sagte mir McCain. Er hatte registriert, dass die Muslimbrüder in Jordanien öffentlich der Gewalt abgeschworen haben, aber er sagt, er bezweifle ihre Ehrlichkeit. 'Jeder sagt, dass die Muslimbrüder ein moderateres Äußeres vortäuschen.' Der König, so McCain, teile seinen Standpunkt. 'Er hat es begriffen. Er ist schlau.'" Man muss diesen Artikel mit einem Ross-Thomas-Krimi neben sich lesen.

Außerdem: Matthew McGough schildert in einer spannenden, unsentimentalen Reportage, wie ein DNA-Test zur Aufklärung eines 1986 begangenen Mordes führte. Und Christopher Hitchens liest die Briefe von Rosa Luxemburg im "intensiven, doch traurigen Bewusstsein dessen, was Perry Anderson einmal 'die Geschichte der Möglichkeiten' nannte".

Magazinrundschau vom 19.04.2011 - The Atlantic

Philip Larkin war einer der miesepetrigsten Personen überhaupt in der englischen Dichtung, so charakterisiert ihn jedenfalls Christopher Hitchens, der eine Ehrenrettung dieses Dichters versucht, der Sex überhaupt nicht mochte, außer mit sich selbst und angefeuert von Fantasien, die heute als wirklich schmutzig gelten. 1951 schrieb Larkin: "Ich finde - obwohl ich natürlich für freie Lebe, fortschrittliche Schulen usw. bin - dass irgendjemand mal eine kleine Studie über die inneren Eigenschaften des Sex erstellen sollte - über seine Grausamkeit, seine Tyrannei zum Beispiel. Es scheint mir, dass jemanden unter deinen Willen zu beugen das eigentliche Wesen des Sex ist - mit Zwang oder Nachlässigkeit, wenn man männlich ist, mit Gehässigkeit oder Nörgelei oder Szenen, wenn man weiblich ist. Und was am schlimmsten ist, beide Seiten haben es lieber so als gar nicht. Ich nicht." Das Ergebnis dieser Überlegung war sein Gedicht "Deceptions".

Außerdem: Ta-Nehisi Coates erzählt, was Malcolm X ihm und seiner Familie bedeutet.

Magazinrundschau vom 15.03.2011 - The Atlantic

Im Januar 2010 wurde ein nordkoreanischer Arbeiter öffentlich von einem Erschießungskommando hingerichtet, weil er den Reispreis nach Südkorea durchtelefoniert hat. Es nützt nichts. Immer mehr Bürgerreporter verschicken News aus Nordkorea, berichtet Robert S. Boynton. Sie beliefern zum Beispiel die in Seoul beheimatete Daily NK mit Informationen, deren Mitbegründer Park In Ho erzählt, wie er einen seiner besten Reporter rekrutierte: "Ich traf ihn in China bei einer NGO. Er hatte einen Abschluss von der Kim-Il-Sung-Universität und war daher dazu bestimmt, ein Mitglied der Elite zu werden. Das erste, was er mich fragte, war, ob ich ihm helfen könne Dynamit zu beschaffen um Kim Jong Il in die Luft zu sprengen.' Sie verbrachten drei Monate zusammen, redeten und lasen Bücher über die Geschichte Nordostasiens. 'Ich wollte, dass er die Situation der Region versteht und überzeugte ihn davon, dass Terrorismus nicht nur falsch ist, sondern auch nichts ändert.' Der Mann ist jetzt ein Händler in Nordkorea. Und weil er seiner Arbeit wegen viel reisen muss, ist er einer der wertvollsten Reporter von Daily NK."

Geht es wirklich abwärts mit der Presse? Lesen wir nur noch den Blödsinn, den wir lesen wollen, hüstel, statt des Qualitätsmaterials, das wir lesen sollen? Reporterveteran James Fallows betrachtet Gawker und Fox News und kommt - nach vielen Gesprächen und überreiflicher Überlegung - zu dem Schluss: Nein, früher war's kein Stück besser. Und diese neuen Jungs haben alles in allem ziemlich gute Ideen. "'Die Linken lieben es, über den Verfall der Logik und wissenschaftlicher Methoden zu reden', sagt [Gawker-Gründer] Nick Denton. Eins seiner Beispiele: Al Gores Buch 'The Assault on Reason' über die Irrationalität des öffentlichen Lebens mit Passagen wie dieser: 'Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas beschreibt, was gerade geschieht, als 'Refeudalisierung der öffentlichen Sphäre'.' 'Aber was, wenn die Antwort auf eine falsche Erzählung nicht Fakten sind?', fragt Denton. 'Oder Habermas? Vielleicht ist die Antwort auf eine fehlerhafte Erzählung eine andere Erzählung. Man ändert die Story.' Genau das, meint er, haben Jon Stewart und Stephen Colbert getan. Sie überprüfen nicht die Fakten von Fox News oder versuchen sie direkt zu widerlegen oder sie mit den Mitteln von Fox zu bekämpfen. Sie verändern die Story nicht, indem sie die Realität verbiegen - ihre Stärke ist gerade ihr Vertrauen in Fakten - oder eine fiktive Erzählung verbreiten, sondern indem sie die Fakten auf eine Art präsentieren, wie es niemand zuvor getan hat.'"

Außerdem: Joshua Hammer beschreibt die Arbeit der - gut beschäftigten - Bombenentschärfungskommandos rund um Berlin. Und Caitlin Flanagan weiß, warum "gute" amerikanische WASP-Mütter Amy Chua nicht ausstehen können.

Magazinrundschau vom 15.02.2011 - The Atlantic

Ein sehr ängstlicher Brian Christian hat am Turing Test 2010 teilgenommen. Bei diesem Test stellen "Richter" via Computer alle möglichen Fragen an einen Menschen und an ein Computerprogramm, beide hinter einem Vorhang verborgen. Anschließend müssen die Richter anhand der Antworten entscheiden, wer Mensch und wer Computer ist. Christian ist wild entschlossen, sein Menschsein zweifelsfrei zu beweisen. Aber wie? Mit Kultiviertheit, Witz, freien Assoziationen, Beschimpfungen? Können Computer alles. "Im Mai 1989 stellte Mark Humphrys, ein 21-jähriger Student, ein Computerprogramm namens 'MGonz' online und ging nach Hause. Ein Nutzer (Name: 'Someone') an der Drake Universität in Iowa schickte versuchsweise die Message 'Finger' an Humphrys Account - ein früher Internetbefehl, der für die Frage nach Basisinformationen über einen Nutzer stand. Zur Überraschung von Someone kam sofort eine Antwort: 'lass diesen kryptischen scheiß sprich in ganzen sätzen'. Daraus entwickelte sich ein Schlagabtausch zwischen Someone und MGonz, der fast eineinhalb Stunden dauerte. (Der beste Teil war zweifellos der, als Someone erklärte, 'du klingst wie ein verdammter roboter, der sich dauernd wiederholt.') Als Humphrys am nächsten Morgen zu seinem Rechner zurückkam, sah er erstaunt in sein Log. Er fühlte sich unbehaglich."

Fasziniert hat Christopher Hitchens "The Berlin-Baghdad Express: The Ottoman Empire and Germany's Bid for World Power" gelesen, ein Buch, in dem der Historiker Sean McMeekins erzählt, wie die Deutschen unter Wilhelm II. den Islamismus in der Türkei förderten. Einer der Hauptfiguren dabei war Max von Oppenheim: "Seine Vision war ein Aufruhr der Muslime aller Länder außer in Deutschland und der Türkei. Die Fatwas, für deren Übersetzung und Verbreitung er bezahlte, lesen sich auf unheimlich Art wie der heutige Ausstoß von Al Qaida, komplett mit Referenzen an die weltweite Unterdrückung der Muslime, der verlockenden Belohnung für Märtyrertum und der generellen Erlaubnis zum Mord."