Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

234 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 24

Magazinrundschau vom 17.08.2021 - The Atlantic

Auch der pensionierte US-Colonel Mike Jason fragt sich, wie es zu diesem schäbigen Ende kommen konnte: "Von meinen Einsätzen im Irak bis hin zu meiner Zeit in Afghanistan wurden größere systemische Probleme nie wirklich angegangen. Es ist uns nicht gelungen, die irakischen und afghanischen Streitkräfte als Institutionen aufzubauen. Wir haben es versäumt, die notwendige Infrastruktur zu schaffen, die sich mit der militärischen Ausbildung, dem Training, den Gehaltssystemen, der Karriereentwicklung, dem Personal und der Rechenschaftspflicht befasst - all die Dinge, die eine professionelle Sicherheitstruppe ausmachen. Durch die Rotation der Teams in sechsmonatigen bis einjährigen Einsätzen konnten wir die drängenden Probleme der irakischen und afghanischen Armeen und Polizeikräfte nicht lösen: endemische Korruption, sinkende Moral, grassierender Drogenkonsum, miserable Instandhaltung und ungeschickte Logistik. Wir waren sehr gut darin, Züge und Kompanien auf die Durchführung von Razzien und das Betreiben von Kontrollpunkten vorzubereiten, aber dahinter funktionierte wenig. Es ist bezeichnend, dass die besten Kräfte in Afghanistan heute die Kommandos der Spezialeinheiten sind, kleine Teams, die mutige und großartige Leistungen erbringen - aber nicht wegen einer sie stütztenden Institution, sondern trotz einer solchen."

Aber wurde wirklich gar nichts erreicht? Die Rückkehr der Taliban ist eine Katastrophe die afghanischen Frauen, schreibt Lynsey Addario. Und trotzdem gibt es Hoffnung: "Heute gibt es eine neue Generation afghanischer Frauen, die sich nicht mehr daran erinnern können, wie es war, unter den Taliban zu leben. 'Sie sind voller Energie, Hoffnung und Träume', sagte mir Shukriya Barakzai. 'Sie sind nicht so wie ich, wie ich es vor 20 Jahren war. Sie sind viel aufmerksamer. Sie kommunizieren mit der Welt. Es ist nicht [das] Afghanistan, das in einem Bürgerkrieg verbrannt wurde. Es ist ein entwickeltes, freies Afghanistan, mit freien Medien, mit Frauen."

George Packer, der Freunde und Kollegen in Afghanistan hatte, ist schlicht verzweifelt über den unglaublichen Bürokratismus, dem afghanische Helfer unterzogen werden, bis sie ein Visa und alle Papiere für die Aus- und Einreise beisammen haben. Hätte man nicht wenigstens das hinbekommen können? "Vielleicht waren die Bemühungen um den Wiederaufbau des Landes von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Aber dass wir die Afghanen im Stich gelassen haben, die uns geholfen, auf uns gezählt und ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, ist eine endgültige Schande, die wir hätten vermeiden können. Die Regierung Biden hat es versäumt, die Warnungen zu Afghanistan zu beherzigen, sie hat nicht mit der gebotenen Dringlichkeit gehandelt - und ihr Versagen hat Zehntausende von Afghanen einem schrecklichen Schicksal überlassen."

Magazinrundschau vom 29.06.2021 - The Atlantic

In einem Artikel des Magazins stellt George Packer fest, dass sich die Amerikaner nicht mehr auf gemeinsame Werte und Geschichte berufen mögen. Stattdessen hat das Versagen der Mittelklassendemokratie der Nachkriegsjahre laut Packer vier maßgebliche neue Narrative hervorgebracht, die sich aber nicht ohne Weiteres vereinen lassen: "Sie reagieren auf reale Probleme. Jedes von ihnen bietet einen Wert an, der den anderen fehlt und umgekehrt. 'Free America' feiert die unumschränkte Kraft des Individuums. 'Smart America' respektiert Intelligenz und möchte Veränderung. 'Real America' engagiert sich für einen Ort und verfügt über einen Sinn für Beschränkungen. 'Just America' fordert die Konfrontation mit dem, was die anderen zu vermeiden suchen. Die vier gründen in einer einzigen Gesellschaft, und sogar in einer so polarisierten wie der unseren formen, absorbieren und überschneiden sie ineinander. Doch zugleich neigen sie dazu, uns zu trennen und gegeneinander auszuspielen. Diese Spaltungen verkleinern jedes der Narrative in eine beschränkte und immer extremere Version seiner selbst. Alle vier Narrative sind außerdem von einem Statuswettbewerb angetrieben, der Angst und Ressentiments fördert und Gewinner und Verlierer hat. In 'Free America' sind die Macher die Gewinner und die Nehmer sind die Verlierer, die den Rest mit in die erstickende Abhängigkeit des Staates zwingen wollen. In 'Smart America' sind die ausgewiesenen Meritokraten die Gewinner, die Verlierer sind die schlecht Ausgebildeten, die sich gegen den Fortschritt stellen. In 'Real America' sind die hart arbeitenden Leute des weißen, christlichen Herzlandes die Gewinner, und eine verräterische Elite und andere, die das Land bedrohen, zählen zu den Verlierern. In 'Just America' sind die Gewinner die marginalisierten, die Verlierer die dominanten Gruppen, die die Macht nicht abgeben wollen. Ich möchte ungern in einer dieser Welten leben."

In einem weiteren Beitrag zeichnet Kaitlyn Tiffany die Firmengeschichte von Kodak nach: "Das Geschäftsmodell war einfach: Verteile zigmillionenfach billige Kameras, mitunter waren sie sogar gratis, und erschaffe eine lebenslange Kundschaft für das viel lukrativere Produkt des Films. Der Reichtum machte Kodak ehrgeizig. Man schuf das Filmformat für Hollywood, die Super-8-Technologie für den Homemovie-Markt, das System, um den Mond zu kartografieren, und Spionagekameras … 'Beweise es mit Kodak', 'Urlaub ohne Kodak ist vergeudeter Urlaub', 'Lass Kodak die Geschichte erzählen', gingen die Werbeslogans. 'Kodaking' wurde zum Verb, so wie 'Instagramming'."

Außerdem: Timothy McLaughlin und Rachel Cheung schreiben einen Nachruf auf das Tabloid Apple Daily, "aufrührerisch und sensationslüstern, feurig und unverschämt prodemokratisch", mit dessen Schließung durch die chinesischen Behörden die Pressefreiheit in Hongkong zu Ende geht. Und anlässlich von Laura Fairries Filmdoku "Lady Boss: The Jackie Collins Story" feiert Sophie Gilbert die britische Bestsellerautorin, die Frauen mit ihren Romanen wieder und wieder versichert hat, dass "ihre Lust und ihre Autonomie" so wichtig ist wie von jedem anderen.
Stichwörter: USA, Kodak, Pressefreiheit, Hongkong

Magazinrundschau vom 20.07.2021 - The Atlantic

Der uigurische Dichter Tahir Hamut Izgil floh 2017 mit seiner Familie aus China in die USA. In Atlantic stellt der Übersetzer Joshua L. Freeman ihn vor und erzählt, wie er Izgil in China kennenlernte. Dann übergibt er ihm das Wort: Izgil erzählt, dass er und seine Frau schon lange überlegt hatten, China zu verlassen, als sie auf dem Weg ins Wochenende angerufen und aufgefordert wurden, auf die Polizeistation zu kommen und ihre Fingerabdrücke abzugeben. "Die Antragsformulare mussten vom stellvertretenden Chef der Polizeiwache für nationale Sicherheit unterschrieben werden. Als ich in seinem Flur stand, sagte mir ein Han-Polizist, ich solle warten, da der stellvertretende Chef im Keller jemanden befragen würde. Ich nahm auf einer Eisenbank im Korridor Platz. Bald hörte ich die Stimme eines Mannes, der jämmerlich schrie. Ich schauderte. Der diensthabende Beamte eilte herbei und schloss die Metalltür, die in den Keller führte. Normalerweise hatten Treppenhäuser keine solchen Türen. Es war klar, dass diese Polizeistation einen Verhörraum eingerichtet hatte. Nun mussten meine Frau und ich durch diese Metalltür gehen ... Güljan, von unserem Nachbarschaftskomitee, wartete auf uns. Sie ließ uns ein Register unterschreiben. Zusätzlich zu unseren Fingerabdrücken sagte sie nun, dass sie auch Blutproben, Stimmproben und Gesichtsbilder nehmen würden. Meine Frau schaute mich ängstlich an. Fast alle, die ich aus dem Arbeitslager kannte, in dem ich zwei Jahrzehnte zuvor inhaftiert gewesen war, waren bereits wieder verhaftet worden. Ich würde offensichtlich bald an der Reihe sein."
Stichwörter: China, Uiguren, Izgil, Tahir Hamut

Magazinrundschau vom 06.07.2021 - The Atlantic

Der freie, auf Schwarmintelligenz aufgebaute Inhalt des Internets ist eine schöne Sache, aber eine Bibliothek des Wissens ist es nicht, und das ist ein Problem, schreibt der Jurist und Computerwissenschaftler Jonathan Zittrain. Denn Digitalien verändert sich ständig, und das wirkt sich dann auch auf analoge Bibliotheken aus: Links werden ungültig, Inhalte entfernt oder - noch schlimmer - verändert. Was wird aus unserem Wissen, wenn es nicht mehr in einer verlässlichen Version verfügbar ist? "Wenn ein gedrucktes Buch eine Passage enthält, die jemand als diffamierend empfindet, kann die geschädigte Person dagegen klagen - und, wenn sie Recht bekommt, Schadensersatz erhalten. Selten wird die Existenz des Buches selbst in Frage gestellt, schon allein wegen der Schwierigkeit, die Katze nach der Veröffentlichung wieder in den Sack zu stecken. Jetzt ist es viel einfacher, eine Verfeinerung oder eine völlige Änderung des beanstandeten Satzes oder Absatzes zu fordern. Solange die Änderungsforderungen nicht abwegig sind, können sie in einen Vergleich aufgenommen werden, ebenso wie das Versprechen, die Tatsache einer Änderung nicht publik zu machen. Dafür muss nicht einmal eine Klage eingereicht werden; es wird nur eine Forderung gestellt, öffentlich oder privat, und zwar keine, die auf einem Rechtsanspruch beruht, sondern einfach eine, die auf Empörung und potenzieller Publicity beruht. Das erneute Lesen eines alten Kindle-Favoriten könnte dann zu einer leicht (wenn auch nur kurz) veränderten Version dieses alten Buches werden, mit dem nagenden Gefühl, dass es nicht ganz so ist, wie man es in Erinnerung hat. ... Wenn ein Gerichtsurteil, ein wissenschaftlicher Artikel oder eine redaktionelle Kolumne auf eine Website oder Seite verweist, hat der Autor in der Regel etwas ganz Bestimmtes im Sinn. Wenn sich diese Seite ändert - und es gibt keine Möglichkeit zu wissen, ob sie sich ändern wird -, dann ist ein Zitat im Jahr 2021 nicht für die Ewigkeit verlässlich, wenn die nächste verfügbare Kopie dieser Seite eine ist, die im Jahr 2017 oder 2024 archiviert wurde."

Magazinrundschau vom 27.04.2021 - The Atlantic

Seit sich das Militär in Myanmar im Februar an die Macht geputscht hat, reißen die Demonstrationen nicht ab. Tausende Menschen sind gefoltert oder getötet worden. Der Rest der Welt - vielleicht zu beschäftigt mit dem Zählen von Mikroaggressionen im eigenen Land - schlägt gelegentlich die Hände über dem Kopf zusammen, tut aber nichts. Bei den Burmesen kommt das nicht gut an, versichert Timothy McLaughlin, der fürchtet, Myanmar könne wie Syrien ein gescheiterter Staat werden: "In den letzten Tagen und Wochen haben viele Burmesen den Vereinten Nationen und der internationalen Gemeinschaft ihr Gefühl von Verrat und Verzweiflung ausgedrückt und ihre intensive Wut, weil dem Land nicht geholfen wurde. Trotz der besten Bemühungen des Militärs, Myanmar offline zu halten, ist eine Reihe von Memes und Nachrichten aufgetaucht. In einem viralen GIF sieht man eine grinsende Karikatur von einem Soldaten, der ein automatisches Gewehr auf einen Demonstranten richtet, der ein Schild hält. Ein UN-Beamter in der Nähe wirft ein Papierflugzeug, das harmlos von der Mütze des Soldaten abprallt. Der Soldat feuert daraufhin. Der Demonstrant wird aus dem Bild geschleudert, eine animierte Blutspur folgt ihm. Ein anderes weit verbreitetes Bild zeigt einen Mann, der ein handgeschriebenes Pappschild hält, auf dem steht: IN '70' TAGEN NUR '700' MENSCHEN GETÖTET. LASS DIR ZEIT, UN. WIR HABEN NOCH 'MILLIONEN' ÜBRIG."
Stichwörter: Myanmar, Vereinte Nationen

Magazinrundschau vom 13.04.2021 - The Atlantic

Der Politstratege Adam Jentleson befürchtet, dass in den USA das Mehrheitsprinzip in ernster Gefahr sein könnte und damit die Demokratie: "Der dazugehörige Teufelskreis besteht aus vier miteinander verschränkten Komponenten: Kandidaten, die weiße Konservative repräsentieren, in unserer ideologisch geordneten Ära also Republikaner, beginnen jeden Wahlzyklus mit Wählerunterdrückung und Manipulation, was ihnen den Sieg leichter macht. Dann unterstützen antidemokratische Strukturen des Systems, die es immer gab, die aber nie eine Partei systematisch die andere ausstechen halfen, den nämlichen Kandidaten, die Kontrolle über Institutionen wie das Weiße Haus und den Senat zu übernehmen, obwohl sie weniger Stimmen gewonnen haben und weniger Menschen vertreten als ihre Gegner. Sobald diese neu gewählten Beamten die Kontrolle über die Institutionen haben, nutzen sie sie, um ihre Macht außerhalb der Reichweite der Wähler zu verankern. Wenn sie schließlich abgewählt werden, behalten sie ein Veto über die Agenda der Mehrheit, mit dem sie Veränderungen blockieren und das konservative Narrativ nähren, dass die Regierung 'kaputt' sei. Das beschleunigt ihre Rückkehr an die Macht - genau auf dem Weg, den sie mit der Unterdrückung von Wählern vorbereitet haben. Der Nettoeffekt dieser Schicksalsschleife ist eine wachsende Divergenz zwischen der Agenda der Regierung und dem Willen der Regierten, eine unhaltbare Dynamik in jeder Demokratie. Da die demokratische Kontrolle des Kongresses an einer Handvoll Sitze hängt, könnten die nächsten zwei Jahre die letzte Chance des Landes sein, diesen Zyklus zu stoppen."

Magazinrundschau vom 23.03.2021 - The Atlantic

Anne Applebaum und Peter Pomerantsev machen sich Gedanken, wie das Internet der Zukunft aussehen könnte, wenn es nicht mehr von einer Handvoll Konzerne beherrscht wird. Zerschlagung ist nicht ihr Ziel, vielmehr wollen sie viele kleine soziale Netzwerke schaffen, die die großen zumindest teilweise ersetzen können. Die Ideen und das Werkzeug dafür sind längst da, meinen sie und nennen als Beispiel die Idee der taiwanesischen Politikerin Audrey Tang von partizipatorischen "Township-Institutionen", in denen Bürger sich mit sicheren Identitäten bewegen können, wie sie der brasilianische Anwalt Ronaldo Lemos skizziert, und in der die Algorithmen von "Bürger-Wissenschaftlern" kontrolliert werden, wie es der Forscher J. Nathan Matias vorschlägt: "Diese Idee, so argumentiert er, ist nicht neu: Bereits im 19. Jahrhundert haben unabhängige Wissenschaftler und Verbraucherschützer zum Beispiel die Stärke von Glühbirnen und die Wirkung von Medikamenten getestet und sogar aufwändige Maschinen erfunden, um die Haltbarkeit von Socken zu prüfen. Als Reaktion darauf haben die Unternehmen ihre Produkte entsprechend verbessert. Vielleicht ist es an der Zeit, unabhängige Forscher die Auswirkungen von Algorithmen testen zu lassen, die Ergebnisse zu teilen und - unter Beteiligung der Öffentlichkeit - zu entscheiden, welche Algorithmen am nützlichsten sind. ... Das vielleicht treffendste historische Vorbild für die algorithmische Regulierung ist nicht das Trust-Busting, sondern der Umweltschutz. Um die Ökologie rund um einen Fluss zu verbessern, reicht es nicht aus, einfach die Verschmutzung durch Unternehmen zu regulieren. Es wird auch nicht helfen, die verschmutzenden Unternehmen einfach zu zerschlagen. Man muss darüber nachdenken, wie der Fluss von den Bürgern genutzt wird - welche Art von Wohngebäuden an den Ufern errichtet werden, was flussaufwärts und flussabwärts transportiert wird - und die Fische, die im Wasser schwimmen. Fischer, Segler, Umweltschützer, Immobilienentwickler und Anwohner müssen alle ein Mitspracherecht haben. Übertragen Sie diese Metapher auf die Online-Welt: Politiker, Bürgerwissenschaftler, Aktivisten und gewöhnliche Menschen werden zusammenarbeiten müssen, um eine Technologie mitzugestalten, deren Auswirkungen vom Verhalten jedes Einzelnen abhängen und die für unser Leben und unsere Wirtschaft genauso wichtig sein wird, wie es Flüsse einst für die Entstehung früher Zivilisationen waren." Für die Demokratie könnte das Wunder wirken, glauben Applebaum und Pomerantsev. Allerdings nagt an ihnen leise der Verdacht, die Leute könnten ein so gezähmtes Internet langweilig finden.

Magazinrundschau vom 09.03.2021 - The Atlantic

In den Trump-Jahren ist die Auslandsberichterstattung immer mehr geschrumpft. Auch vor diesem Hintergrund würdigt George Packer zwei Bücher von bzw. über weibliche Kriegsreporter, die einen ganz eigenen Blick auf den Krieg warfen: die Fotografin Catherine Leroy, Kate Webb und Frances FitzGerald waren in ihren Zwanzigern und ohne formale Ausbildung, als sie den Vietnamkrieg begleiteten. Oder Margaret Coker, die in ihrem Buch "The Spymaster of Baghdad" von einer irakischen Spionage-Eliteeinheit namens "die Falken" erzählt, "die aus einfachen Männern besteht, die geholfen haben, ihr Land vor dem Ansturm des IS zu retten. Cokers Berichterstattung über diese Männer, ihre Familien und die Familie einer jungen Frau, die von den Terroristen rekrutiert wurde, ist so akribisch, dass sie unsichtbar in eine geschlossene, manchmal beängstigende Welt eindringt und sie mit filmischen Details schildert. Dies ist eine Geschichte von irakischem Heldentum und Leid, ohne dass ein Amerikaner in Sicht wäre."

Magazinrundschau vom 16.02.2021 - The Atlantic

Ist Hyperpop der gegenkulturelle Sound der Gegenwart? Also ein Pendant zu dem, was der derbe Hardcore-Punk und der Gangsta-Rap der Reagan-Achtziger darstellte? Und lässt sich das so ohne weiteres parallelisieren? Immerhin entstanden Hardcore und Rap an der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Peripherie, wohingegen Hyperpop sich leicht greifbarer Technik, Social Media und ästhetischer Entwürfe des Mainstreams bedient, die dann allerdings rigoros durch den digitalen Fleischwolf gezogen werden. Um solche Fragen rund um das vieldiskutierte Genre (hier ein Videoessay, der ein paar grundsätzliche Fragen klärt) dreht sich Spencer Kornhabers Essay im Atlantic: "Zumindest dahingehend besteht Konsens, dass dieser Sound seine Entstehungszeit reflektiert. Die Musik passt wie maßgeschneidert zu den DIY-Albernheiten auf TikTok, zur Videogame-Gewalt auf Twitch und den grenzenlosen 'Soviel-Du-hören-willst'-Möglichkeiten des Musikstreamings. Man könnte kein Gebräu erfinden, das den Zeitgeist besser ködert. Aber jede neue, chaotische Jugendästhetik der Musikgeschichte war immer auch eine Reaktion gegen die Zeit und nicht bloß eine Reaktion auf sie. Die Blastbeats im Hardcore, die Provokationen des Gangsta-Rap und die Seufzer im Grunge - sie alle machten sich extreme Ästhetiken zunutze, um Mainstreamwerte wie Wohlanständigkeit, Angepasstheit und Konsumerismus zu hinterfragen. ... Natürlich entwickelten auch Anti-Pop-Werte Massenappeal - insbesondere nach den frühen Neunzigern, als Grunge groß wurde. ... Doch das tatsächliche Hörerlebnis ließ sich für viele nicht immer ganz in Einklang bringen mit den Insider-versus-Outsider-Dichotomien, die die Musikindustrie vermarktete. Für bestimmte Leute, zum Bespiel ein queeres Kid in den frühen nuller Jahren, das sich auf Britney-Spears-Fanforen im Netz rumtrieb und außerdem von Fans der Rockgruppe Staind gemobbt wurde, stellte es ohne weiteres einen transgressiven Move dar, an Pop Freude zu haben. Die Geschichte der Musik in den 2010er-Jahren ist zum Teil auch die Geschichte solcher Transgressionen, die ins Licht treten. ... Der heterosexuelle, weiße Durchschnittstyp: Dieser Buhmann ist für Hyperpop so bedeutsam wie es einst der Yuppie für Hardcore-Punk oder der Senatorensohn für die Woodstock-Meute war." Zu den Superstars des Hyperpop zählen im übrigen 100 Gecs:

Magazinrundschau vom 05.01.2021 - The Atlantic

In der neuen Ausgabe des Magazins stellt Barbara Demick ein Buch des in seiner Heimat verfolgten chinesischen Historikers Yang Jisheng vor ("The World Turned Upside Down: A History of the Chinese Cultural Revolution"). Yang bietet darin einen von der Partei abweichenden Blick auf Maos Großen Sprung nach vorn: "Mao, so schreibt er, ist verantwortlich für den Machtkampf, der China ins Chaos stürzte, eine Ansicht, die von anderen Historikern wie Roderick MacFarquhar und Michael Schoenhals gestützt wird. In Yangs Buch gibt es keine Helden, nur Scharen von Kämpfern, involviert in einen sich wiederholenden Prozess, in dem die gegnerischen Seiten sich dabei abwechseln, 'die Macht zu haben, sie zu verlieren, geehrt und dann eingesperrt zu werden, auszulöschen und ausgelöscht zu werden'. Der Teufelskreis eines totalitären Systems, so Yang … Um mutmaßliche Verräter aus den oberen Schichten loszuwerden, umging Mao die Bürokratie der KP. Er machte Studenten zu seinen Kriegern, den Roten Garden, staffierte sie mit Kappen und weiten Uniformen aus, die sie um ihre dürren Leiber banden. Sommer 1966 wurden sie losgelassen, um Konterrevolutionäre und Reaktionäre auszumerzen ('Die Monster und Dämonen ausradieren', schrieb People's Daily). Ein Mandat, das erlaubte, echte und nur vorgestellte Feinde zu quälen. Die Roten Garden verfolgten ihre eigenen Lehrer, zerstörten Antiquitäten, verbrannten Bücher und plünderten Privathäuser (bevorzugt Klaviere und Nylonstrümpfe, schreibt Yang.) Um die übereifrige Jugend in den Griff zu kriegen, schickte Mao 16 Millionen von ihnen zu harter Arbeit aufs Land. Er setzte Militär ein, um die Gewalt einzudämmen, aber die Kulturelle Revolution war nicht mehr zu stoppen. Bei Yang erscheint Mao als wahnsinniger Herrscher, der mit sich selbst beschäftigt ist, während seine willigen Vollstrecker sich gegenseitig zerfleischen. 'Während Mao kühn aus der Ferne kommentierte, die Welt drehe sich auf den Kopf, wurden die Menschen mit jedem Kampf weiter ins Elend gestürzt. Aber sein Appetit auf das Chaos hatte Grenzen, wie Yang in einem dramatischen Kapitel über das 'Wuhan-Ereignis' festhält. Juli 1967 stieß eine Einheit des Kommandeurs der regionalen Volksbefreiungsarmee in Wuhan mit einer Einheit von Revolutionsführern aus Peking zusammen. Das Ereignis hätte zu einem Bürgerkrieg führen können. Mao selbst reiste in geheimer Mission an, um die Waffenruhe anzuleiten, doch endete er schutzsuchend vor der Gewalt in einem Gästehaus und wurde von der Regierung unter Zhou Enlai mit einem Militärjet ausgeflogen. 'Wohin fliegen wir?' fragte der Pilot Mao. 'Flieg erst mal los', erwiderte Mao panisch."

Weitere Artikel: Arun Venugopal erzählt, wie Inder in Amerika von einer Problemminderheit zu einer Vorbildminderheit wurden - und das nicht nur durch eigenes Zutun: "Einwanderer aus Indien, bewaffnet mit Hochschulabschlüssen, kamen nach dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung und profitierten von einem Kampf, an dem sie nicht teilgenommen oder ihn gar miterlebt hatten. Sie bahnten sich ihren Weg nicht nur in die Städte, sondern auch in die Vorstädte und wurden im Großen und Ganzen leichter akzeptiert als andere nicht-weiße Gruppen." Und Ed Yong schildert die Arbeit der Wissenschaft in der Coronakrise, die viele Missstände aufgedeckt hat.