Magazinrundschau - Archiv

The Economist

428 Presseschau-Absätze - Seite 28 von 43

Magazinrundschau vom 19.04.2005 - Economist

Sehr aufschlussreich findet der Economist die Lektüre von Kurt Eichenwalds Buch "Conspiracy of Fools: A True Story", das den Niedergang des Enron-Konzerns nachzeichnet. Eichenwald ist ein Reporter der New York Times, der viele Beteiligte interviewt hatte, die Geschichte jetzt jedoch als fiktiven Bericht aufgeschrieben hat. Dennoch hält der Economist es für möglich, dass "sich die Methode des fiktiven Berichts aus erster Hand als die beste Art der Wahrheitsfindung herausstellen könnte". Eichenwalds Version der Verantwortlichkeiten werfe ein neues Licht auf den Prozess, der gegen Enrons Doppelspitze angestrengt wurde: "Mag sein, dass Kenneth Lay und Jeffrey Skilling wegen Betrugs verurteilt werden. Doch wenn Eichenwald mit seiner Darstellung Recht hat, käme dies einem Justizirrtum gleich." Der Hauptfehler von Lay und Skilling habe darin bestanden, dass sie zu faul und inkompetent waren, ihre nächsten Untergebenen zu kontrollieren, die ihrerseits mit ihrem Eigennutz und ihrer Inkompetenz den Konzern ruiniert haben. "Jeder Boss, der diese traurige Geschichte liest, wird zu dem Schluss kommen: Es hätte auch mich erwischen können", glaubt der Economist.

Im Aufmacher träumt der Economist von einer Revolution, die dem Albtraum des Steuerdschungels ein Ende bereitet: ein pauschaler Einkommensteuersatz. Doch bleibt dabei nicht die soziale Gerechtigkeit auf der Strecke, um deretwillen unser Steuerwesen von den Reichen einen verhältnismäßig größeren Anteil ihrer Einkünfte abverlangt? Die Antwort des Economist lautet Nein. Und in einem weiteren Artikel schaut der Economist nach Osteuropa, wo der Traum Wirklichkeit geworden ist, und dieses Steuermodell schon vielerorts eingeführt wurde - mit großem Erfolg.

Weitere Artikel berichten, dass mit Saul Bellow ein Autor gestorben ist, der es verstand, das Englische und "das mannigfaltige Erz der Immigranten-Stimmen" zu einer "wilden Legierung" zu verschmelzen, wo die Schlachten der britischen Parlamentswahlen geschlagen werden, ob ein französisches Nein beim Referendum über die EU-Verfassung noch abzuwenden ist, dass Arnold Schwarzenegger in Kalifornien politisch unter Druck gerät, und warum Chinas Wirtschaft - man höre und staune - unter Personalmangel leidet.

Magazinrundschau vom 12.04.2005 - Economist

Der Economist scheint - zumindest in der Online-Ausgabe - vorerst nur noch ein Thema zu kennen: die für den 5. Mai angesetzten britischen Parlamentswahlen. Im Dossier erklärt der von früheren Wahlkämpfen gelangweilte Economist voller Vorfreude, warum dieser Wahlkampf überraschend interessant werden könnte. Dazu gehöre zum einen das Erstarken der Liberal Democrats zu einer ernst zu nehmenden dritten Kraft im politischen Spektrum. Zum anderen sei da die Ernüchterung über den Irak-Krieg und Tony Blair. Spannend, so der Economist, könnte der Wahlkampf jedoch vor allem werden, weil er völlig offen sei: "Eigentlich ist Großbritannien ein gemütliches Plätzchen. Es gibt kein großes Thema, das die Nation beschäftigen würde, wie dies bei der Inflation und der Arbeitslosigkeit in den Siebziger und Achtziger Jahren der Fall war. Das macht die Dinge beweglich. Ein Thema könnte unerwartet Feuer fangen und die sorgfältig ausgearbeiteten Wahlkampfpläne könnten in Flammen aufgehen."

Wer steht zur Wahl? Der Economist lässt die Kandidaten von Labour, Tories und Liberal Democrats Revue passieren, mit der kleinen Besonderheit, dass auch der derzeitige Schatzmeister Gordon Brown Erwähnung findet, da dieser Tony Blair im Laufe der nächsten Amtszeit ablösen könnte, was die Wahlentscheidung zugunsten der Labour-Partei eher noch verzwickter mache.

Außerdem zu lesen: Ob Brüssel ein Nest der Korruption ist, wie sich die weltpolitische Zusammenarbeit zwischen den USA und Europa von der transatlantischen Verkühlung erholt, warum der neue Verlauf des israelischen Sicherheitswalls nicht besser ist als der seines Vorgängers (weil es noch zahllose Enklaven gibt, wie etwa das Dorf Nu'aman, deren Bewohner voller Galgenhumor an die Gründung des unabhängigen Staates Nu'amanistan denken), und wie die Zukunft des ländlichen Chinas aussehen könnte (man kann sie schon besichtigen, im Vorzeigedorf Beihe in der Provinz Schandong), und warum es schön ist, dass Prinz Charles und Camilla Parker-Bowles endlich heiraten konnte.

Einen "Koloss der katholischen Kirche" nennt der Economist Papst Johannes Paul II. in seinem Nachruf. Der Zukunft der katholischen Kirche ist auch der Aufmacher gewidmet, der jedoch den zahlenden Lesern vorbehalten ist.

Magazinrundschau vom 05.04.2005 - Economist

Das geflügelte Wort "Der Kunde ist König" ist so alt, dass es schon Patina angesetzt hat, sollte man meinen, doch nie war es so zutreffend wie jetzt, im Zeitalter der Informationstechnologien, meint Paul Markillie in einem Spezial-Dossier. Denn "Wissen ist Macht", um bei den geflügelten Worten zu bleiben, und der Kunde wird, da er sich nun bedeutend umfassender informieren kann, zum selbstbewussten und klugen Käufer, der sich zwar noch von gut gemachter, einfallsreicher Werbung unterhalten lässt, ihr aber nicht mehr hörig ist. Dies stelle zwangsläufig neue Anforderungen an die Marketing-Strategen, nicht zuletzt angesichts des relativ jungen Phänomens des "media multi-tasking", die Tatsache nämlich, dass mehrere Medien gleichzeitig genutzt werden. "Das hat enorme Konsequenzen für Werber und TV-Programmgestalter", sagt James Rutherfurd, Geschäftsführer einer New Yorker Handelsbank. "Früher ging es darum, die Menschen dazu zu bringen, den Fernseher anzuschalten. Jetzt kann es gut sein, dass der Fernseher läuft, doch nun geht es darum, die Aufmerksamkeit auf den Fernseher zu lenken, und das heißt jetzt weg vom Computer-Bildschirm, weg von der Zeitschrift, weg vom iPod."

Einen neuen Fall von französischer Resistance nimmt ein belustigter Economist zur Kenntnis. Als Antwort auf Googles Vorhaben, Millionen von Texten aus amerikanischen und englischen Bibliotheken online zur Verfügung zu stellen, wollen nun auch die Franzosen eine solche Textdatenbank bereitstellen, weigern sich jedoch, diese von Google durchforsten zu lassen, und befürworten die Gründung eines "Google a la francaise". Doch "warum nicht Google die Arbeit machen lassen? Das französischsprachige Google wird bei 74 Prozent aller Internetsuchen in Frankreich genutzt. Die Antwort ist das vulgäre Kriterium, dessen es sich bedient um die Ergebnisse zu ordnen. 'Ich glaube nicht', schrieb Kulturminister Donnedieu de Vabres in der Zeitung Le Monde, 'dass der einzige Zugang zu unserer Kultur das automatische Sortieren nach Beliebtheit sein sollte, welches Googles Erfolgsrezept ist.'"

In weiteren Artikeln erfahren wir, was man in den Niederlanden unter "harter Liebe" gegenüber der immigrierten Bevölkerung versteht und warum die Idee einer multikulturellen Gesellschaft zu konservativ ist, und ob die Australier mit ihrem Premierminister John Howard einer Meinung sind, wenn dieser verkündet, dass die Bindung zu den USA "wesentlich für die australische Psyche" ist.

Nicht sehr beeindruckt zeigt sich der Economist von Dick Tavernes Buch "The March of Unreason: Science, Democracy and the New Fundamentalism", in dem er den rationalistischen Szientismus für unfehlbar erklärt und unbändig gegen alle Arten von Humbug, sprich alternativer Wissenschaft, wettert. Und schließlich porträtiert der Economist die kürzlich verstorbene Labour-Ikone Lord Callaghan als jemanden, der ein "auffallend schlechter Finanzminister, ein sich abplagender Innenminister und ein gewöhnlicher Außenminister" war, dann aber zu einem "beeindruckenden Premierminister" wurde.

Leider nur in der Printausgabe zu lesen: Das Geburtstagsständchen für die 225 Jahre alte Neue Zürcher Zeitung.

Magazinrundschau vom 29.03.2005 - Economist

Fast als Dichter würdigt der Economist den verstorbenen amerikanischen Diplomaten George Kennan, der mit seiner Einschätzung des Moskauer Regimes als Sicherheitsrisiko entscheidend zur Verschärfung des Kalten Krieges beigetragen hat. "In seinem späteren Leben hatte George Kennan das Gefühl, seine Worte seien missverstanden worden. Schlimmer noch, sie hätten 'unbeabsichtigt einen großen Felsen von einem hohen Berghang losgetreten'. Und das, obwohl er seine Worte immer umsichtig wählte und aus seinen Telegrammen und Memos sowie aus seinen 22 Büchern eine Kunst zu machen pflegte. Dean Acheson, für den Kennan arbeitete, als dieser Außenminister war, drückte es einmal so aus: 'Das Problem mit George ist, dass er so wunderschön schreibt, dass er einen von allem überzeugen kann.' Dann fand er noch andere Worte: George erinnere ihn an das alte Pferd seines Vaters, das, wenn es hölzerne Brücken überquerte, beim Klang seiner eigenen Schritte erschrak."

Weitere Artikel widmen sich der spannungsreichen Beziehung zwischen China und Japan, kritisieren die Art, wie im Fall der Komapatientin Terry Schiavo die amerikanische Regierung in die Rechtsprechung eingreift, warnen vor einer Art statistischer Parallelwelt, die die Glaubwürdigkeit der nationalen Statistiken gefährde, und versteht das drohende Nein der Franzosen zur EU-Verfassung als ein Nein zu einer "falschen Art von Europa", will heißen zu einem liberalen Europa.

Passend zu Ostern hat der Economist "Holy Fire", Victoria Clarks unterhaltsames und informatives Buch über das christliche Jerusalem gelesen, vemisst darin aber echte Einfühlung in das Mysterium der Pilgerfahrt. Und schließlich wird gemeldet , dass der "Codex Sinaiticus", eine in der British Library befindliche Abschrift der Bibel, digitalisiert werden soll.

Magazinrundschau vom 22.03.2005 - Economist

In einem der Türkei gewidmeten Dossier plädiert der Economist dezent, wenn auch unmissverständlich für deren EU-Beitritt. In der Tat müsse man die vielbeschworene Differenz zwischen den derzeitigen EU-Staaten und der Türkei zeitlich perspektivieren: "Die heutige Türkei ist nicht diejenige, die letztendlich die erste muslimische Nation werden könnte, die der weitgehend christlichen EU beitritt, genausowenig wie die heutige EU nicht derjenige Club ist, dem die Türkei letztendlich beitreten könnte." Inmitten der europäischen Unruhe, so der Economist weiter, geben sich die Türken jetzt dementsprechend betont gelassen, man könnte auch sagen pragmatisch: "Istanbuls Taxifahrer, die als sicheres Barometer der Lage ihrer Nation gelten können, wissen, dass schon die Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft ihr Land verändert hat. 'Es wäre jetzt nicht mehr schlimm, sollten wir es nie schaffen, in die EU zu kommen', sagt einer. 'Sehen Sie nur die unglaublichen Veränderungen, zu denen wir es gebracht haben, allein schon bei dem Versuch hineinzukommen.'"

In zwei umfangreichen Artikeln begutachtet der Economist die Reform der Geheimdienste in den USA und Großbritannien. Dabei erweist sich die amerikanische Reform (die Ernennung eines "Chefs der nationalen Geheimdienste") als hoffnungsloses Gewurschtel, während die eher prinzipiellen britischen Reformbemühungen laut Economist eine adäquate Antwort auf den Butler Report darstellen.

Außerdem zu lesen: der Nachruf auf den Physiker Hans Bethe, der es nie bereut hat, an der Erfindung der Atombombe mitgewirkt zu haben, ein Porträt der in Großbritannien weit verbreiteten Spezies des leidenschaftlichen Vogelbeobachters (alias der Zwitscherer, alias der Trainspotter des post-industriellen Zeitalters) und die zwiegespaltene Besprechung von Jeffrey D. Sachs' Buch über die Bekämpfung der Armut ("The End of Poverty: Economic Possibilities for Our Time"), das sich als zuverlässiges Abbild seines Autors erweist: "brillant, leidenschaftlich, optimistisch und ungeduldig".

Magazinrundschau vom 15.03.2005 - Economist

Er war ein Aufständischer, der doch seinen Gegnern überraschend ähnlich war. Die Rede ist vom ermordeten tschetschenischen Rebellenführer Aslan Maschadow, dem der Economist ein einfühlsames und differenziertes Porträt widmet: "Putin hat versprochen, dass die Täter eine großzügige Belohnung erwartet. Doch wenn er Maschadow früher begegnet wäre, hätte er vermutlich einen konventionelleren Sowjetbürger als er es selbst war vorgefunden. Altmodische Tugenden wie die Offiziersehre lagen ihm am Herzen, und er berief sich auch weiterhin auf sie, als er im ersten modernen Tschetschenienkrieg (1994 bis 1996) gegen seine frühere Kameraden kämpfte. Einige seiner russischen Gegner fühlten, dass sie es mit einem von ihnen zu tun hatten: Während einer Verhandlungsphase im Jahr 1995 kamen sich Maschadow und der russische General Anatoli Romanow so nahe, dass sie fast Freunde wurden - bis der General von einer mysteriösen Bombe verwundet wurde."

Weitere Artikel: Es wird viel über die "digitale Kluft" zwischen Arm und Reich geredet, doch das Vorhaben der UNO, mit ihrem neu geschaffenen "Digitalen Solidaritätsfond" arme Länder mit Computern auszustatten, erklärt der Economist für völlig sinnfrei und empfiehlt stattdessen, die Mobilfunknetze auszubauen - denn so werde tatsächlich Entwicklung gefördert. Ganz Manhattan greift zum Taschentuch, berichtet der Economist und ist selbst ganz ergriffen von Billy Cristals Broadway-Show "700 Sundays".

Außerdem: prophezeit wird der baldige Niedergang der neokonservativen Doktrin, befürchtet wird anlässlich des erzwungenen Rücktritts von Boeing-Chef Harry Stonecipher das Ende der Liebe am Arbeitsplatz, erklärt wird, dass die Zukunft der technischen Innovation in den Händen ihrer Nutzer liegt - und ganz besonders der Alpha-Nutzer, begutachtet wird die Architektur im boomenden China, wo die durchschnittliche Lebensdauer eines Gebäudes schlappe zehn Jahre beträgt!
Stichwörter: Broadway, UNO, Tschetschenienkrieg

Magazinrundschau vom 08.03.2005 - Economist

Briefe eignen sich nicht als Druckmittel, könnte man annehmen. Dass dem nicht so ist, hat Peter Benenson zur Genüge bewiesen, erklärt der Economist in seinem Nachruf auf den Gründer von amnesty international. "Seiner Briefkampagne war ein beispielloser Erfolg beschert, im Kleinen wie im Großen. Der in der Dominikanischen Republik inhaftierte Gewerkschafter Julio de Pena Valdez erinnert sich: Als im Sommer 1975 die ersten 200 Briefe eintrafen, gab man ihm seine Kleider zurück. Als 200 weitere ankamen, besuchte ihn Gefängnisdirektor. Und als schließlich 3000 eingetroffen waren, ordnete der entnervte Präsident seine Freilassung an."

Mit ungewohnter Deutlichkeit ("Lesen Sie es.") wird dem Leser "Against the Flow", eine Sammlung von Samuel Brittans politischen und ökonomischen Kommentaren ans Herz gelegt. Dieses Buch sei so ausgezeichnet, dass andere Kommentatoren - und da bezieht der Rezensent sich mit ein - zögern müssen, ob sie sich angesichts solcher intellektueller Überlegenheit "inspiriert oder verzweifelt" fühlen sollen.

Weitere Artikel: Der Economist liefert einen Überblick über Wirklichkeit und Entwicklungschancen gescheiterter Staaten. Wie gescheitert Staaten sein können, beweist übrigens der Wahlslogan des ehemaligen liberianischen Diktators Charles Taylor: "Er hat meine Mutter umgebracht. Er hat meinen Vater umgebracht. Ich stimme für ihn." Prophezeit wird ein erbitterter Kampf um das EU-Budget für die Jahre 2007 bis 2013 und die damit einhergehende Neuverteilung der Gelder unter den mittlerweile 25 Mitgliedsstaaten.

Außerdem zu lesen: Warum trotz steigender Abfindungssummen die Vergütung der Top-Manager tatsächlich rückläufig ist, dass die BBC zwar eine leichte Umstrukturierung über sich ergehen lassen muss, sich aber über weitere zehn Jahre Rundfunkgebühren freuen kann, und dass George W. Bushs Reformvorhaben bezüglich der Gesundheitsversicherung für sozial Schwache (Medicaid) lediglich Oberflächenkosmetik ist.

Und schließlich liefert der Economist ein Dossier über die zwei neuen asiatischen Tiger Indien und China, in dem er der allzu simplen und irreführenden Auffassung begegnet, China habe sein rasantes Wachstum seinem autoritären System zu verdanken. Nur im Print widmet sich der Economist der Demokratiebewegung im Mittleren Osten.

Magazinrundschau vom 01.03.2005 - Economist

Sehr vergnüglich zu lesen ist der Nachruf auf Hunter S. Thompson, das enfant terrible des amerikanischen Motosport-Journalismus und Begründer des sogenannten Gonzo-Journalismus, für den Objektivität in der Berichterstattung gleich zwei Fremdwörter auf einmal sind. "Dass er die Regeln des amerikanischen Journalismus regelrecht in den Boden stampfte, geschah mehr oder weniger zufällig. 1970 wurde er beauftragt, über das Kentucky Derby Bericht zu erstatten, doch sein Hirn war - wie immer - zu sehr mit Drogen zugeschüttet, als dass er die Story hätte schreiben können. Eins nach dem anderen riss er mit zittrigen Händen die mit Whiskey-getränkten Weitschweifigkeiten überzogenen Seiten seines Notizbuches heraus und schickte sie zum Druck. Das Ergebnis, 'Das Kentucky Derby ist dekadent und verkommen', war ein Renner, obwohl Thompson darin weder das Rennen beschrieb noch den Sieger nannte. Und er war verblüfft: Es war wie "einen Aufzugschacht hinunterzufallen und in einem Pool voller Nixen zu landen".

In einem umfassenden Artikel beschäftigt sich der Economist mit einem Phänomen, das die arabische Welt revolutioniert hat: "Das Satellitenfernsehen hat ein Gefühl der Dazugehörigkeit und der Mitwirkung in einer Art virtueller arabischer Metropole hervorgebracht. Mit ihm beginnt ein Traum wahr zu werden, den fünfzig Jahre politischer Reden und Gesten nicht vollbringen konnten: die arabische Einheit." Ob es auch die Redefreiheit und die Demokratie bringen wird?

Außerdem zu lesen: Warum Clint Eastwoods scheinbar völlig unamerikanische Ode an eine Verliererin "Million Dollar Baby" letzten Endes doch sehr amerikanisch ist, dass es mehr als Zeit ist, Homosexuellen offiziell den Dienst in der US Army zu erlauben, warum das spanische Ja zur EU-Verfassung leider nur der Auftakt einer Reihe von äußerst unsicheren Referenden ist und schließlich dass die nur aus 16 Gemälden bestehende Londoner Caravaggio-Ausstellung "The Final Years" so herausragend ist, dass sogar unter Hausarrest stehende Menschen das Risiko eingehen, sich in die Warteschlange einzureihen.

Magazinrundschau vom 22.02.2005 - Economist

Nur Tennessee Williams könnte ihm den Rang des größten amerikanischen Dramatikers des 20. Jahrhunderts streitig machen, behauptet der Economist in seinem Nachruf auf Arthur Miller. Das Schreinern und das Theaterschreiben habe ihm die gleiche architektonische Lust bereitet, doch seiner Baukunst seien keine - wie oft behauptet - didaktisch abgekarteten Konstrukte entsprungen: "Wie er gestand, verfolgte er eine Absicht, die jenseits des Belehrens lag. Und wenn er auch lehrmeisterhaft erscheinen mochte, so stellte er doch eigentlich Fragen. 'Wie können wir nützlich sein?' 'Warum leben wir?' Er war, wie er einmal bekannte, 'verliebt in das Wunder? das Wunder, wie Dinge und Menschen zu dem werden, was sie sind. Die Absicht jedes seiner Stücke bestand darin, zu entdecken, welche Verpflichtung oder welche Herausforderung seine Hauptfigur annehmen, und von welcher sie sich abwenden würde - 'dieser Moment, wenn sie aus einem Himmel voller Sterne plötzlich einen davon fixiert'."

Was Michael Grandage am Londoner West End Theatre aus Schillers "Don Carlos" macht, ist nicht nur gut, sondern auch erfolgreich, bescheinigt ein angenehm überraschter Economist. Und das, wo doch der germanisch-wortreiche Schiller auf britischen Bühnen als halsbrecherische Angelegenheit gilt.

Außerdem zu lesen: Warum George W. Bush bei seinem Europa-Besuch wohl kaum der Gesprächsstoff augehen wird (es gibt genügend Konfliktpunkte, die einer Klärung harren), dass ein neues US-Gesetz der "magischen Gerichtsbarkeit" Einhalt gebieten will, indem es Sammelklagen zur Zuständigkeit des - nicht so leicht zu beeindruckenden - Bundesgerichtshofs macht, warum Tony Blair seinen Charme jetzt besser ablegt, und warum der MBA - trotz vermehrter Kritik - nicht am unethischen Verhalten von Top-Managern Schuld ist.

Heraus aus dem Schatten der Türme: Der Economist hat ein Dossier zu New York zusammengestellt.

Magazinrundschau vom 15.02.2005 - Economist

Wie die ukrainische Revolution in Orange unlängst gezeigt hat, schwindet die russische Autorität über die ehemaligen Sowjetrepubliken. Dass dies andernorts jedoch eher für Instabilität als für Autonomie sorgt, erläutert der Economist am Beispiel des nördlichen Kaukasus, wo man vergeblich nach Anzeichen eines Neubeginns suche: "Einheimische Führer mit zu viel Macht der unschönen Art und zu wenig Macht der besseren Art sorgen für zerbrechliche Regierungen, die unfähig sind, mit Erschütterungen umzugehen. Wie in Beslan. Fünf Monate nach der Belagerung ist die Schule weder abgerissen noch erhalten worden. Schnee fällt durch die Dachsparren und bedeckt die zerstreuten Schulutensilien, die Spiezeuge und die von den Angehörigen der ermordeten Kindern hinterlassenen Wasserflaschen (weil sie den Geiseln versagt wurden)."

Bei Andrew Roberts' gewaltiger Schilderung der Schlacht von Waterloo ("Waterloo: Napoleon's Last Gamble") fühlt sich der Economist wahlweise an die wandgroßen Schlachtgemälde europäischer Museen und die Hollywood-Epen der fünfziger Jahre erinnert. Doch im Laufe der sehr unterhaltsamen Lektüre niste sich der "lästige Eindruck" ein, "dass der Zielleser ein in den englischen Shires lebender Brigadier im Ruhestand ist, der verzückt die Pfeffermühle und einige Teelöffeln in Position bringt, um den Moment nachzuspielen, in dem die Engländer und ihre Verbündeten Napoleon zur Strecke brachten."

In weiteren Artikeln ist zu lesen, was Tony Blair von seinem Idol Magaret Thatcher in puncto Timing lernen kann, dass das politische Bewusstsein der Amerikaner unter Schizophrenie leidet (obwohl sie sich zunehmend konservativ fühlen, hat sich ihre Meinung, gerade was die "kulturellen Kriege" der Abtreibung und der gleichgeschlechtlichen Ehe angeht, deutlich liberalisiert), dass ganz Spanien Kopf steht angesichts des von der baskischen Regierung geplanten Unabhängigkeits-Referendums, warum die Hochzeit von Prinz Charles mit Camilla Parker-Bowles letztendlich wenig Aufsehen erregt (weil die Royals festgelegt haben, dass sie nicht Königin werden wird), und dass es nun endlich wissenschaftlich erwiesen ist, dass Hunde und ihre Herrchen sich ähnlich sehen. Und schließlich würdigt der Economist den kürzlich verstorbenen Biologen Ernst Mayr, als Pionier der Evolutionsbiologie, dem eine Erklärung der Artenvielfalt zu verdanken ist.

Leider nur im Print zu lesen ist der Aufmacher, den der Economist einer möglichen "Rückkehr ins gelobte Land", sprich: der sich neu eröffnenden Chance eines Friedens im Nahen Osten widmet.