Magazinrundschau - Archiv

The Economist

428 Presseschau-Absätze - Seite 35 von 43

Magazinrundschau vom 24.11.2003 - Economist

Nie wieder. So lautete das Credo, nachdem der rechtspopulistische Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl zum Amt des französischen Präsidenten gelangt war. Mit der - durchaus umstrittenen - Ernennung seiner Tochter Marine zur Vize-Partei-Chefin geht Le Pen jedoch neue Wege und der Front National auf breiteren Stimmenfang. Und dazu, so der Economist, braucht es im politisch gebeutelten Frankreich nicht viel - lediglich abwarten. Dem Economist graut vor dieser unheilsschwangeren Geduld, und er ist da nicht allein: "In der satirischen Fernsehsendung 'Les Guignols de l'Info' (die Nachrichten-Kasper), tritt Le Pen jetzt schweigend auf. 'Was machen Sie?', fragt der Nachrichtensprecher. 'Nichts', antwortet er, 'ich warte bloß'."

In Massachussetts hat das Oberste Gericht das Verbot der homosexuellen Ehe für verfassungwidrig erklärt und dafür schöne Worte gefunden: "Das Recht zu heiraten bedeutet wenig, solange es nicht das Recht, die Person seiner Wahl zu heiraten, miteinschließt." Der Economist seinerseits wittert darin das Pulverfass des Präsidentenwahlkampfs.

Weitere Artikel: Wie schlecht geht es der Weltwirtschaft wirklich? Der Economist will endlich wissen, ob er lachen oder weinen soll. Die USA wollen den Präventivschlag im Artikel 51 der UN-Charta als legitime Kriegshandlung verankern: Der Economist findet das gar keine schlechte Idee. Sehr gut gefallen hat Philip E. Orbanes' Buch "The Game Makers", das die Geschichte der legendären Parker-Brüder erzählt, denen wir unter anderem Monopoly (das zuerst als zu schwierig verworfen wurde!) verdanken.

Außerdem zu lesen: eine seltsame Feststellung (britische Selbstmordattentäter sind zu teuer), ein Nachruf auf den stur unmodernen Dichter Charles Causley, Neues aus der Wissenschaft - Vorurteile verlangsamen die Arbeit - und zuletzt ein Dossier über die EU-Ost-Erweiterung.

Der Aufmacher begleitet George Bush auf seinem Besuch in London - aber leider nur in der Printausgabe.

Magazinrundschau vom 17.11.2003 - Economist

Wird es endlich zum erhofften politischen Reformkurs in China kommen? Der Economist hat schon zu viele falsche Dämmerungen gesehen, um daran zu glauben. Auch Jiang Zemins Beitrag zur marxistisch-leninistischen Philosophie, die Theorie der "Drei Vertreter", die jetzt Einzug in die Verfassung finden soll, kann scheinbar niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Und doch - "liegt in diesem Morast der Wortfülle eine Idee begraben, die sowohl Marx als auch Mao tief geschockt hätte. Jiang Zemins Idee war, dass die Chefs privater Firmen - die einst von Jiang Zemin selbst als Arbeitsausbeuter verstoßen wurden - jetzt als Parteimitglieder angeworben werden (die Partei zählte zwar schon viele führende Privatunternehmer in ihren Rängen, doch die meisten waren beigetreten, bevor sie in die Wirtschaft gegangen waren)."

Weitere Artikel: George Bush hat in einer "ausgezeichneten Rede" erklärt, die arabische Welt sei durchaus fähig, demokratisch zu werden. Schön, findet der Economist und erinnert allerdings an "die feine Unterscheidung - und den riesigen Unterschied - zwischen einer Politik, die zur Demokratie rät, und einer Politik, die sie aufzwingt."

Außerdem erfahren wir, dass jetzt sogar in Saudiarabien Kritik am islamistischen Terrorismus laut wird, wer es vermutlich zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten bringen wird (Howard Dean), wer mexikanischer Präsident wird (Andres Manuel Lopez, der Bürgermeister von Mexiko City, der jeden Morgen um sechs Uhr fünfzehn in der Frühe seine tägliche Presseerklärung abgibt), warum die Briten zwar eine bevölkerungsnahe Polizei wollen, ihr aber nicht vertrauen, was eine richtige Gedächntislücke ist (wenn wir vergessen, dass wir uns nie erinnert haben), was die Philosophen über "The Matrix" zu sagen haben (außer "Gehirne in Bottichen" nicht viel), und schließlich dass der Glaube an das Leben nach dem Tod, an Himmel und Hölle das wirtschaftliche Wachstum fördert.

Nur im Print zu lesen ist, wie schwer sich der oberste amerikanische Gerichtshof in Sachen Guantanamo Bay tut.

Magazinrundschau vom 10.11.2003 - Economist

In dieser Ausgabe geht es nur um das Eine: Die Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA waren schon immer besonders, meint der Economist, na und? "Für die Außenwelt ist Amerika ein seltsam rätselhaftes Land - seltsam, aufgrund der Offenheit seiner Gesellschaft und der Fülle an Informationen, die wir darüber haben. Von Zeit zu Zeit jedoch wird aus dem Rätseln Sorge." Mit dem Irakkrieg stelle sich wieder einmal die Frage, ob man die amerikanische Besonderheit als "größte Gefahr" fürchten oder sie als "größte Hoffnung" begrüßen sollte. Dass diese Frage nicht ganz einfach zu beantworten ist, wusste schon Alexis de Tocqueville, auf den der Begriff "American exceptionalism" zurückgeht.

Dazu hat der Economist auch ein ganzes Dossier zusammengestellt - über die USA und den 11. September, über den amerikanischen Patriotismus, über die tiefe inneramerikanischen Wertespaltung ("ein Land, zwei Kulturen"), über seine besondere Art der Religiosität und über seine besondere, kriegsähnliche Politikauffassung. Wer über Amerika schreibt, kann über George Bush nicht schweigen. Unter dem unheilverkündenden Titel "Dr. Jekyll und Mr. Bush" fragt der Economist: Ist George Bush besonders? Und schließlich geht es aufs Ganze: Ist Amerika "die letzte, beste Hoffnung auf Erden"?

In weiteren Artikeln lesen wir, warum George Bush trotz Steuersenkungen kein Ronald Reagan ist, warum Deutschlands grundgesetzlich verankerter Föderalismus dringend überdacht werden muss, dass sich im Irakkrieg die Front nach Amerika verschoben hat, ob Afghanistan in Zukunft die Islamische Republik Afghanistan heißen wird, und dass Ariel Sharon mit seiner derzeitigen, milderen Haltung eine Wende im Nahost-Friedensprozess einleiten könnte. Zuletzt ein schwungvoller Nachgesang auf den exzentrischen Tenor Franco Corelli (der so schön war, dass man endlich verstand, warum sich Mimi oder Violetta entführen ließen) und ein Lob für Ivan Hewetts leidenschaftliches Plädoyer ("Music: Healing the Rift") für eine lebendige moderne E-Musik.

Nur in der Printausgabe zu lesen: Alles, was Sie schon immer über Anglikaner wissen wollten.

Magazinrundschau vom 03.11.2003 - Economist

Der Yale-Professor und frühere Sekretär der Clinton-Regierung Harold Hongju Koh erklärt, wie stark der 11. September den amerikanischen Umgang mit Menschenrechten beeinflusst und radikalisiert hat. Doch mit einem etwaigen menschenrechtsfeindlichen Wesen Amerikas hat das herzlich wenig zu tun: "Leute, die nicht in Amerika leben, behaupten manchmal, der Grund dafür sei in der Nationalkultur verankert, die unilateral, engstirnig und machtbesessen sei. Mit Verlaub, ich möchte Sie dringend bitten, dies anders zu sehen. Die Bush-Doktrin stellt meiner Ansicht nach weniger eine klare Manifestation des amerikanischen Nationalcharakters dar als die von einer besonders extremen amerikanischen Regierung gefällten kurzsichtigen Entscheidungen."

Der Economist gerät bei der Lektüre von Shirley Hazzards neuem Roman "The Great Fire" regelrecht ins Schwärmen und scheint kurz davor, auch allen anderen Schriftstellern zwanzig Jahre Arbeit an ihrem Werk zu verschreiben: Der Roman "besitzt eine überraschende Ruhe. Und doch ist dies die Stille, die man hört, nachdem ein Schuh gefallen ist, und nicht die irreführende Ruhe vor dem Sturm. Es liegt ein Klang ein der Luft."

In weiteren Artikel erfahren wir, warum die Verhaftung des russischen Öl-Magnaten Michail Chodorkowskij unmissverständlich klar gemacht hat, dass Wladimir Putin kein Demokrat ist, dass sich die Europäische Union über ihre Skeptiker freuen sollte, warum der Wiederaufbau im Irak langfristig zum Erfolg werden wird, was die kürzlich verstorbene Madame Tschiang Kai-Schek zu einer bedeutenden Figur des 20. Jahrhunderts gemacht hat (die Personalunion von Politik, Charme und Sex) und zuguterletzt wie menschlich sich das Paarungsverhalten der Wolfsspinne ausnimmt.

Außerdem: Exklusiv im Economist erscheint in dieser Ausgabe das Latinobarometro, eine umfassende Umfrage, die in siebzehn Staaten Lateinamerikas durchgeführt wurde. Fazit: Die Lateinamerikaner sind nach wie vor Demokraten, wenn auch misstrauische, und ihre traditionelle Liebe zu den USA ist erheblich zurückgegangen.

Nur in der Printausgabe zu lesen: Britische Butler fallen in Ungnade.

Magazinrundschau vom 27.10.2003 - Economist

Im Pariser Vorort Aubervilliers, berichtet der Economist, sind zwei Mädchen aus dem Gymnasium ausgeschlossen worden, weil sie das Kopftuch streng nach islamischer Vorschrift tragen, so dass nur Gesicht und Hände sichtbar sind. Dieser Vorfall hat eine riesige Debatte über das Prinzip der Laizität in der Schule losgetreten. Wahrscheinlich, vermutet der Economist, weil die traditionell integrative Auffassung der französischen Multikulturalität auf dem Spiel steht. "Muslime sind keine Neuheit in Frankreich. Die Geschichte der nordafrikanischen Einwanderung reicht bis ins frühe 20. Jahrhundert zurück. Das Neue daran, sagt Nacira Guenif-Souilamas, Soziologin an der Universität Paris XIII, ist, dass Mädchen sich früh dazu entscheiden, das Kopftuch zu tragen, und dies auch im erwachsenen Alter weiterhin tun. Dieser Trend zeigt sich am stärksten bei gebildeten Jugendlichen, deren entnervte Mütter entweder nie den Schleier getragen oder aktiv dafür gekämpft haben, ihn nicht mehr tragen zu müssen. Das sind die 'affektierten jungen Mädchen mit ihren brandneuen Schleiern', wie Chahdortt Djavann sie in ihrem Buch 'Runter mit den Schleiern!' verächtlich nennt."

Weitere Artikel: Im Titel verkündet der Economist das "Ende des Öl-Zeitalters". Es sei an der Zeit, sich vom Öl abzuwenden, nicht weil die Erschöpfung der Ressourcen bevorstehe, sondern weil das Öl-Monopol aufgebrochen und die Umwelt geschützt werden müsse. Aus Großbritannien erfahren wir zweierlei: zum einen, dass die Debatte über die Sicherheit der Londoner U-Bahn nach den zwei Unglücken in an den Haaren herbeigezogen ist, und zum anderen, warum die geplante Anti-Graffiti-Kampagne wohl kaum erfolgreich sein wird. Der neue Gouverneur von Kalifornien hat einen guten Start hingelegt, meint der Economist, doch angesichts der großen Aufgaben, die es zu bewältigen gilt, könnte er die Leinwand bald vermissen. Außerdem hat der Economist drei gute Bücher über berühmt-berüchtigte Kurtisanen (die sogenannten "großen Horizontalen") gelesen. Zuletzt, ein Nachruf auf den bosnischen Separatisten-Führer Alija Izetbegovic.

Nur im Print zu lesen: Wie sehr sich in Europa die Geister über das Kopftuch scheiden, wie das neue koreanische Kino aussieht, und warum Angela Merkel eine Möchtegern-Reformerin ist.

Magazinrundschau vom 20.10.2003 - Economist

"Herzlichen Glückwunsch, China (jetzt brauchst du ja wohl keine Hilfe mehr)", titelt der Economist. Leider dürfen wir die Geschichte über den ersten Chinesen im All nicht lesen, sondern nur einen anderer Artikel, in dem wir erfahren, warum China nach seinem erstem bemannten Flug ins All lieber mit der bemannten Raumfahrt aufhören sollte.

Traurig aber wahr, es ist der Blick zurück, der die EU zusammenhält. Die Franzosen hatten Napoleon, Großbritannien und Spanien riesige Kolonien, die Österreicher ihr Kaiserreich, die Italiener waren einmal Römer, die neuen Griechen waren einmal alte Griechen usw. Doch da jedes Land seine ganz eigene Geschichte und seine eigene glorreiche Vergangenheit hat, so der Economist, sind auch, was die glorreiche Zukunft angeht, die Vorstellungen verschieden. "Deutschlands Anlauf zur Weltmacht endete in einem Desaster und in Ungnade; für moderne Deutsche stellt Europa eine Anstrengung dar, die traditionelle Realpolitik zu überwinden, so dass die EU mehr mit Frieden und Wohlstand als mit Machtprojektionen zu tun hat. Die Franzosen beklagen sich daher manchmal, dass 'die Deutschen aus Europa bloß eine große Schweiz machen wollen'. Ihrerseits allerdings wollen die Franzosen, dass die EU ein großes Frankreich wird. (..) Doch da das moderne Frankreich nicht alleine zur Supermacht werden kann, wünscht sich die französische Elite die EU als Ersatzbefriedigung."

Weitere Artikel: Auf den Friedensnobelpreis für die iranische Juristin Shirin Ebadi sind die iranischen Frauen zwar sehr stolz, weiß der Economist, doch mangelt es immer noch an breiter Unterstützung für die Frauenrechtsbewegung. Der Economist hat einen Wandel im britischen Bildungssystem, aber vor allem in der Haltung der regierenden Labour-Partei bemerkt. Während Old Labour auf private Schulen eher allergisch reagierte - "Ihr seid ein Haufen Biester, die bloß die Reichen ausbilden. Wir würden euch abschaffen, wenn wir könnten" - zeigt sich New Labour offener: "Ihr führt ausgezeichnete Schulen, Ihr habt eine soziale Aufgabe, wir nehmen Euch beim Wort." Die von George Bush geplanten Reformen der amerikanischen Zuwanderungspolitik nennt der Economist eine "Kultur des Nein" und prophezeit, dass sie wegen mangelnder Umsetzungsfreudigkeit versanden werden.

Außerdem lesen wir, dass Robert Hughes in seinem Buch "Goya" beweist, dass er nicht Goya-Mythen, sondern Goya liebt, dass Saudiarabien erste Reformen in Richtung Demokratie unternommen hat, dass mit der irischen Nonne und Schriftstellerin Felicitas Corrigan eine ungewöhnliche Frau gestorben ist, und schließlich, dass es den deutsch-französischen Reformbemühungen an wirklichem politischen Willen mangelt.

Nur im Print zu lesen: Mein ist die Rache, spricht Clint Eastwood.

Magazinrundschau vom 13.10.2003 - Economist

Es hört sich an wie ein sowjetisches Märchen, findet der Economist, doch es ist bittere Wirklichkeit. Am Wahltag waren die Straßen von Tschetscheniens Hauptstadt Grosny wie leergefegt. Und doch: "Die Wahlbeteiligung in der Hauptstadt betrug 98 Prozent. Das gleiche Bild zeigte sich im benachbarten Sawodskoij-Bezirk, einer Hochburg der radikal-islamisch Wahhabiten, die Achmad Kadyrow geschworen hat, zu vernichten. Auf Abdullah Bugajew, einen der übriggebliebenen Kandidaten der Opposition, fielen 6 Prozent der gesamten Stimmen, doch nur knapp über 1 Prozent im nordwestlichen Nadterechnij-Bezirk, der eigentlich als seine Hochburg gilt. 'Man würde sich ähnlichen Zuspruch für Anstand, Rechtmäßigkeit und Glasnost auch in den anderen Regionen wünschen', erklärte ein Mitglied des gesamtrussischen Wahlkommitees. Er meinte das nicht ironisch." Und wäre dem so gewesen, der Economist hätte nicht gelacht.

Weitere Artikel: Fette Zigarren, fettes Gehalt, fette Abfindungen: Der Ärger über verschwenderische Chef-Etagen ist berechtigt, so der Economist in seinem Titel, doch sollte nicht der Staat eingreifen, sondern die Aktieninhaber. Mit Arnies Wahl zum Gouverneur von Kalifornien haben die Republikaner vielleicht endlich den Weg in die amerikanische Gegen-Kultur gefunden, meint der Economist. Ob sie deshalb aber gleich Blumen im Haar tragen werden ? Die großen britischen Parteien weigern sich, die Immigration zum Thema zu machen, und der Economist findet das gut so. Gelesen hat der Economist diesmal Susan Greenfields Blick in die Zukunft ("Tomorrow's People"), der den Menschen des hypertechnologisierten Zeitalters treffend und warnend beschreibt.

Platon hatte Recht! Wissenschaftler vermuten jetzt, dass das Universum ein Dodekahedron ist, also ein geometrischer Körper mit pentagonalen Flächen. Platon assoziierte diese - perfekt symmetrische - Form mit der göttlichen Quintessenz, also mit der Schöpfungsidee.

Nur im Print zu lesen: Soll es ein britisches FBI geben?

Magazinrundschau vom 06.10.2003 - Economist

Ach so! WMD heißt gar nicht Weapons of Mass Destruction (Massenvernichtungswaffen), sondern Wielders of Mass Deception (Massenverschleierungskünstler). Behauptet zumindest der Economist. Gemeint sind damit George Bush und Tony Blair, wie wir dem Cover entnehmen können. Genaueres ist allerdings den Printlesern vorbehalten.

Der Labour-Parteitag wird wohl als das Wunder von Bournemouth in die Geschichte eingehen, meint ein verduzter Economist. Zwar hat Tony Blair seinen Auftritt, der einer der schwierigsten seiner Karriere war, blendend gemeistert, "doch das Außergewöhnlichste daran war das Publikum. Es kam zu einer zweiminütigen standing ovation, bevor Tony Blair überhaupt zum Rednerpult gelangt war ... Sogar als der Premierminister außerordentlich heikle Punkte ansprach und die Gründe darlegte, weshalb er in den Krieg gezogen war ... verebbte der Applaus nicht. Am Ende kam es zu einer weiteren standing ovation, dieses Mal sieben Minuten lang, und zu "Wir-wollen-Tony"-Sprechchören, nachdem er den Saal verlassen hatte." In mehr als dreißig Jahren Berichterstattung über Labour-Parteitage, hat der Economist so etwas noch nie gesehen.

"Opfer eines Opfers zu sein bereitet sehr ungewöhnliche Schwierigkeiten": In einem wirklich lesenswerten Nachruf ehrt der Economist den kürzlich verstorbenen palästinensischen Intellektuellen Edward Said (mehr) für sein unermüdliches Engagement und seinen messerscharfen Verstand.

Weitere Artikel: Alle Kreter sind Lügner, und jedes Paradoxon ist lösbar. So lautet das neue Diktum amerikanischer Wissenschaftler, die herausgefunden haben, dass man jedem scheinbar unlösbaren Sachverhalt mit "unscharfe Logik" beikommen kann. Unter dieser Logik, erklärt der Economist, ist folgendes zu verstehen: Anstatt der langweiligen Alternative zwischen "richtig" oder "falsch", die aus der klassischen Logik bekannt ist, können Dinge "so-etwas-wie-wahr sein, oder nur teilweise falsch." Zeit also, den Kretern zu glauben? Untergangsstimmung beim Erbfeind: Der Economist bestätigt den französischen Neuerscheinungen einen Hang zum "Deklinismus". Und der Economist wundert sich, warum die EU trotz der jüngsten Schwierigkeiten daran festhält, den Stabilitätspakt in seiner jetzigen Form in die Europäische Verfassung aufzunehmen.

Außerdem lesen wir, dass Kalifornien einer neuen Droge erliegt - der direkten Demokratie - , warum viele Iraker den Wiederaufbau ihres Landes lieber Saddam Hussein anvertrauen würden, dass Pakistans halber Schmusekurs mit Amerika für leichte Missstimmung sorgt, und dass britische Türsteher nun in den Genuss eines Konflikt-Management-Trainings kommen. Leider nur in der Printausgabe zu lesen: Frankreichs wachsende Euroskepsis.

Magazinrundschau vom 29.09.2003 - Economist

Der Economist diagnostiziert auch nach dem Berliner Verteidigungs-Gipfel ein noch etwas klappriges Verhältnis zwischen Großbritannien und den zwei Kontinentalmächten Deutschland und Frankreich. Sogar über den Ausgang des Gipfels scheinen sie sich uneinig zu sein: "Die Deutschen sagen, die Briten hätten ihre Meinung geändert; die Briten hingegen behaupten, sie seien bei ihrer Meinung geblieben."

Weitere Artikel: "Länger arbeiten, mehr Kinder kriegen". Sieht so die Zukunft der staatlichen Rentensysteme in Europa aus?, fragt der Economist. Allein schon das polemische Schlusskapitel von David Cautes Studie zur paradoxen Situation der sowjetischen Kunst ist für den Economist den Preis des Buches wert. Außerdem lesen wir, dass sich die Ausarbeitung einer irakischen Verfassung zunehmend schwieriger gestaltet, und wie schwer Condoleezza Rice es hat, in der krakenähnlichen Organisation der amerikanischen Außenpolitik, ihren Platz zu finden. Schließlich ein Nachruf auf den ungewöhnlichen Vorsitzenden des britischen House of Lords, Gareth Williams alias Lord Williams of Mostyn.

Leider nur im Print: der Aufmacher über den neuen Geist, der in Kanada weht.

Magazinrundschau vom 22.09.2003 - Economist

Das Schönste an dieser Ausgabe des Economist ist zweifellos das Cover: Vor einem malerischem Wüstensonnenuntergang steht einsam ein großer Kaktus, dessen eloquente Form den "charmanten Ausgang" des Wirtschaftsgipfels in Cancun versinnbildlicht.

"Wähler können ja so lästig sein." Mit diesen Worten kommentiert der Economist den Ausgang des Euro-Referendums in Schweden. Und wieviele Schwedens (sprich EU-torpedierende Mitgliedsstaaten) gibt es in der EU? fragt der Economist daraufhin nur scheinbar genervt. "Nicht genug", lautet seine Antwort sinngemäß: " 'Jedesmal wenn wir den Wählern eine europäische Frage stellen, lautet die Antwort entweder Nein, oder es kommt zu einem hauchdünnen Ja', zitierte die Financial Times letzte Woche einen EU-Funktionär. 'Das sollte uns etwas sagen', fügte er hinzu. Diese durchdringende Einsicht verdient Applaus. Es sollte ihnen etwas sagen. Vor allem sollte es ihnen sagen, dass die 'immer enger werdende Union', die der derzeitige Verfassungsentwurf voraussieht, nicht das zu sein scheint, was die meisten Europäer wollen."

Weitere Artikel: wie die von Lord Hutton geleitete Untersuchungskommission zur Kelly-Affäre zunehmend zu einer Kritik am journalistischen Selbstverständnis der BBC gerät. Was George Bush in der Klemme bringt (ein kolossales Irak-Budget nämlich). Warum Berlusconi glatt zum Reformpolitiker werden könnte, wenn er nicht schon Medien-Tycoon wäre. Was aus der Welthandelsorganisation nach Cancun wird. Welche Branche die beste Ausländerintegration vorweisen kann (das organisierte Verbrechen). Hochgelobt wird Mark Essigs furchtbare Geschichte des elektrischen Stuhls ("Edison & the Electric Chair: A Story of Light and Death"). Schließlich sind zwei Nachrufe zu lesen: zum Tod des Bombenmeisters Edward Teller und zum - bevorstehenden - Tod der Weltraum-Sonde Galileo.