Magazinrundschau - Archiv

NZZ Folio

85 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 9

Magazinrundschau vom 03.04.2007 - Folio

Pünktlich zum Frühling wird Folio romantisch: Es geht ums Heiraten. Die Journalistin Shobhaa De hält die gute alte arrangierte Ehe für das Modell der Zukunft in einem von der Emanzipation der Frau verunsicherten Indien. "Die Männer in den asiatischen Gesellschaften sind auf Zurückweisung nicht eingestellt. Jahrhundertelang hat man ihnen eingeredet, die Welt - und die Frauen darin - gehörten ihnen. Sie brauchten nur mit dem Finger zu schnippen und auf eine zu zeigen: Das ist die Braut. Bingo. Und die Auserwählte werde vor Dankbarkeit überfließen. 'Träum weiter, Junge', erwidern heutige Frauen mit Nachdruck. 'Du bist nicht der Richtige.' Das ist eine gewaltige kulturelle Umwälzung, an der die Männer schwer zu kauen haben. An diesem Punkt kommt Mama ins Bild. Sie ist zur Hauptunterhändlerin geworden, zur Maklerin in Beziehungsfragen. Und die Jungs sind heilfroh darüber."

Weitere Aritkel: Ankja Jardine unterhält sich mit Pfarrerin Käthi La Roche über die Unfähigkeit vieler Heiratswilliger, alleine zu sein. Jardine untersucht auch, was die weltweit verteilten Kinder von Samenspender 5010 so machen. Michael Miersch versucht von Dompteuren zu lernen, wie man die Ehefrau bändigt. Till Raether widmet sich jenen, die nach dem Tod des Ehepartners übrig bleiben. Die Autorin Ruth Schweikert liefert eine Kurzgeschichte zur Hochszeitsnacht. Mikael Krogerus sinniert über den Heiratsantrag. Präsentiert werden außerdem einige Skurrilitäten rund um den Bund fürs Leben.

Luca Turin hat nicht geglaubt, dass Guerlain das "wahrscheinlich beste" Parfum der Welt ohne Verluste den neuen EU-Richtlinien anpassen würde, wie er in seiner Duftnote bekennt. "Erst als einige Leute im Haus selbst es ablehnten, an der Formel herumzudoktern, holte Guerlain den großen Edouard Flechier. Er hat einige Jahre über dem Problem gebrütet. Vor zwei Tagen erhielt ich eine Probe - Flechier hat das Unmögliche möglich gemacht. Das neue Mitsouko (hier mehr zur Geschichte des alten) entspricht allen Richtlinien und duftet sensationell: ein bisschen brotiger im Anlaut als früher, einen Hauch weniger süß im Fond, eine etwas kräftigere Irisnote im Herzen. Wenn ich zwischen dem alten und dem neuen Mitsouko wählen müsste, ohne alter Gewohnheit zu folgen, ich nähme vielleicht sogar das neue. Bravo!"

Magazinrundschau vom 06.03.2007 - Folio

Um die digitale Renaissance des Radios geht es in NZZ Folio in diesem Monat. Übers Internet kann man Exoten wie La Colifata hören, wie eine kleine Auswahl von internationalen Radioperlen zeigt. "Mal ist es ein Stadtrundgang durch Buenos Aires, untermalt mit Jimi Hendrix. Mal ein Liveständchen zum Tag des Kindes. Mal ein Korrespondentenbericht aus dem Himmel. Soll ja keiner sagen, dass das Programm von La Colifata irgendwie vorhersehbar wäre. Aber ein Sender, der sich 'die Durchgeknallte' nennt, muss ja auch seinem Namen alle Ehre machen. 1991 kam ein Psychologiestudent auf die Idee, seinen Patienten in der Psychiatrieklinik La Borda in Buenos Aires ein Diktiergerät in die Hand zu drücken. So poetisch, so fantasievoll, so klarsichtig war das, was die 'Irren' ihm da erzählten, dass ihm ein Radiosender die Bänder aus der Hand riss und ausstrahlte. Daraus wurde ein eigenes Programm, La Colifata, das heute über 50 Sender weiterverbreiten."

Weiteres: Peter Glaser räsoniert über Wohl und Wehe der neuen Technik. Hanspeter Künzer hört sich durch die englische Radiolandschaft. Stefan Betschon registriert die digitalen Auswirkungen auf die Schweizer Radioszene. Burkhard Strassmann schaut Tontechnikern über die Schulter. Und Karl Lüond erzählt eine schöne Geschichte aus dem Jahr 1977, als Piratensender noch mit Polizeipatrouillen verfolgt wurden. Außerdem gibt es eine Radiogeschichte in pdf-Dokumenten, die hier auf der rechten Seite abzurufen sind.

Luca Turin singt in seiner Duftkolumne ein Lob auf - man höre und staune - ein Parfüm aus dem Hause Calvin Klein. "CK One ist im Grunde kein Parfum, sondern eine chemische Zeitmaschine. Die meisten Düfte arbeiten mit einer logarithmischen Zeitskala, auf der die nachfolgende Phase etwa zehnmal so lange dauert wie die vorangegangene: sechs Minuten Kopfnote, eine Stunde fürs Herz, der Rest des Tages gehört dem Fond. Während des Bühnenwechsels können viele aufregende Dinge passieren, wie etwa in der ersten halben Stunde von Patous EnJoy oder in den ersten drei Stunden von Guerlains Insolence. Andere Düfte, wie zum Beispiel J?Adore oder DK Gold, verschmelzen gleichsam mit der Zeit, indem sie über Stunden hinweg unmerklich von einem Akkord zum nächsten, ähnlichen hinüberschweben. CK One geht einen eigenen Weg: Es bringt die Zeit zum Stillstand."

Magazinrundschau vom 06.02.2007 - Folio

Die Teheraner Künstlerin Jinoos Taghizadeh erzählt, wie sie einmal an einem öffentlichen Strand die Männer um ihre leichte Kleidung beneidete, es später aber auch nicht wagte, sich an einem privaten Swimmingpool im Badeanzug zu zeigen. Ihre Schlussfolgerung: "Der öffentliche Raum ist für euch der Ort, wo gesetzestreue Bürger ihre Freiheiten ausleben - uneingeschränkt von Ideologie oder Religion. Für uns ist jedoch vor allem das Private wichtig. Der private Raum ist für uns nicht nur ein Domizil, sondern auch ein Refugium vor den Zumutungen der Außenwelt. Draußen sind wir gezwungen, uns auf bestimmte Weise zu benehmen, uns Gesetzen zu beugen, die nicht die unseren sind, und die Existenz anderer zu akzeptieren, deren Träume und Wünsche mit den unseren kollidieren. Drinnen haben wir unseren Zufluchtsort vor einer Welt voller Ungerechtigkeit, Laster, Täuschung und Unglück. Vor diesem Hintergrund ist auch unsere Sehnsucht nach Migration zu verstehen - die Sehnsucht, sozialen und materiellen Zwängen zu entfliehen. Ihr im Westen schürt sie, indem ihr behauptet, die Freiheit, die wir im Privaten erleben, sei bei euch auch im Öffentlichen gewährleistet. Vermutlich ist dies der Hauptgrund, warum wir die westliche Welt idealisieren. Doch eure äußere Freiheit ist eine andere als unsere innere."

Die mittlerweile in Zürich lebende Zeichnerin Parsua Bashi schildert die alltäglichen Zumutungen eines Lebens unter Männern, vor denen auch der Tschador nicht schützt: "Bis zum Büro waren es etwa zehn Minuten. Wenn ich an Leuten vorbeiging, sah ich Fußpaare, weibliche Füße, männliche Füße, Kinderfüße, zu zweit, allein, zu dritt, in einer Reihe. Ich wich allen Blicken aus und wünschte mir auch nichts zu hören: 'Baby!' - 'Dich vernasch ich!' - 'Schau dir diese Titten an!' - 'Willst du meine Telefonnummer?'"

Weiteres: Bahman Nirumand erinnert sich von Berlin aus sehnsuchtvoll an Teheran, das er unter dem Schah hatte verlassen müssen, in das er 1979 zurückgekehrt war, nur um drei Jahre später wieder flüchten zu müssen. Farsin Banki und Victor Kocher liefern Eindrucke aus den vergnüglichen Nischen des Gotteststaat. Ulrich Tilgner berichtet, wie Teherans Studenten die Buchmesse nutzen, um Kontakte zum Westen zu knüpfen. Und Rudolph Chimelli entschleiert die vielen Gesichter des Mahmud Ahmadinedschad. Und schließlich: Luca Turin hat den Glauben an die Parfümiers wiedergefunden - Chanels neuer Duft "Rue Cambon", auf der Basis eines Pfeffer-Iris-Akkords, löste bei ihm ein Gefühl aus, "das ich seit Jahren nicht mehr verspürt hatte: die erregende Spannung weiblicher Schönheit".

Magazinrundschau vom 16.01.2007 - Folio

Der Ethnologe Nigel Barley beschreibt, wie hart es ist, Schmerzrituale anderer Kulturen zu studieren: "Ich erforschte einmal ein Volk, bei dem der zentrale Ritus im Leben eines Mannes darin bestand, sich den Penis der Länge nach schälen zu lassen. Es war das Markenzeichen, das den Knaben vom Manne trennte. Wer sich dem Ritus nicht unterzog, war eine Heulsuse. Durch die Verwandlung wurde man zu einem richtigen Mann, dem Besten, was der Herrgott hervorgebracht hatte. Man durfte umherstolzieren und jeden beliebigen Eid auf das Beschneidungsmesser ablegen. Ich lag die ganze Nacht wach und fragte mich, ob ich wirklich ein echter Mann oder vielmehr: ein echter, hartgesottener Ethnologe werden müsse. Schließlich bezahlte ich eine Strafe von sechs Flaschen Bier an die Männer, um als 'ehrenhalber beschnitten' klassifiziert zu werden. Ich bin heute noch davon überzeugt, dass es das Geschäft meines Lebens war."

Im Gespräch mit Andreas Heller und Gudrun Sachse behauptet der Schmerzforscher Walter Zieglgänsberger: "Soziokulturell lässt sich feststellen, dass Menschen, die einer niedrigeren sozialen Schicht angehören und viele Geschwister haben, weniger über Schmerzen klagen. Auch geht ein Norweger anders mit dem Schmerz um als ein Südeuropäer, was man auf dem Fußballplatz unschwer erkennen kann."

Weitere Artikel befassen sich mit dem Leiden von Schmerzpatienten, mit dem Weltmeister im Chiliessen, Foltertraining für amerikanische Spezialkommandos und der Geschichte des Morphiums.

In seiner Duftkolumne gewinnt Luca Turin der Verfilmung von Patrick Süskinds "Parfum" etwas Gutes ab: Thierry Mugler hat ihm die limitierte Edition zum Film geschickt: Sie "enthält 15 Düfte, die von Christophe Laudamiel und Christoph Hornetz komponiert wurden und verschiedene Szenen des Films versinnlichen... Am besten gelungen sind die Schusterwerkstatt (Atelier Grimal), ein bitterer Lederakkord, und der Duft mit dem deprimierenden Namen Human Existence, der die größte, fäkalischste Dosis Zibet seit Menschengedenken enthält."

Magazinrundschau vom 05.12.2006 - Folio

Folio beschäftigt sich in seiner neuen Ausgabe mit dem Verständnis von Freiheit. Ulrich Schmid kritisiert die Bewunderung mancher Westeuropäer für die "neuen Freiheiten" in Russland und China. "Freiheit, wohin man schaut: Wer will, raucht im Restaurant, wer will, fährt mit dem Auto übers Trottoir, wenn die Straßen verstopft sind, und wer nachts um drei bei der Metrostation Bier und Hamburger kaufen will: bitte. Im Wohnblock im Stadtteil Otradnoje, in dem ich wohne, wenn ich in Moskau bin, kann jeder so lange und so laut Musik hören, wie er will, niemand ruft die Polizei. Als mich Moskauer Freunde in Washington besuchten, waren sie entsetzt über die vielen Verbote und über die Beflissenheit, mit der sie befolgt wurden." Man kann das aber auch ganz anders sehen: "'Ist dir aufgefallen, dass russische Polizisten und Soldaten im Dienst rauchen?' fragt Lena, eine Moskauer Freundin. 'Das ist sie, unsere neue russische Freiheit: mies, selbstsüchtig, stinkend.'"

In der arabischen Welt wächst der Freiheitsdrang der Frauen. Und sie machen Fortschritte - wenn auch nicht immer aus den feinsten Gründen, wie Anja Jardine erfahren hat. "'Kennen Sie den?' fragt der Taxifahrer auf dem Weg zum Flughafen; er heißt Gaffah, ist Inder und seit 30 Jahren in Kuwait. 'Ein Wissenschafter kommt vor der Invasion zum ersten Mal nach Kuwait und bemerkt, dass die Frauen auf der Straße grundsätzlich hinter ihren Männern herlaufen. Als er nach der Befreiung zurückkehrt, ist er überrascht, zu sehen, dass die Frauen nun vor ihren Männern gehen. 'Der Status der Frau hat sich in kurzer Zeit enorm verbessert', sagt er freudig zu einem Kuwaiter, 'was hat diesen Fortschritt bewirkt?' - 'Landminen', antwortet der Mann.' Und Gaffah will sich totlachen."

Weitere Artikel: Daniel Weber interviewt Wim Wenders, den "großen Regisseur der Sehnsucht nach Freiheit". David Hesse untersucht, was Freiheit von liberte, Saoirse, zi you und liberty unterscheidet. Michael Mirsch fragt sich, ob Zootiere Gefangene oder Luxusrentner sind. Eher letzteres, glaubt er: "Es ist ein Irrglaube, Wildtiere lebten stressfrei und glücklich". Und Till Rather erzählt von der "mönchischen Freiheit" eines modernen Vaters.

Luca Turin stellt in der "Duftnote" so genannte "Nischenparfüms" vor, "kühne, poppige und trügerisch einfache" Parfüms, die nicht zum Mainstream passen und von kleinen Marken wie L'Artisan kreiert werden. "Man sollte nie die französische Fähigkeit zum Raffinement unterschätzen: Von Debussy bis zur Nouvelle Cuisine sind die Franzosen in Hinblick auf frische, knappe, subtile Schönheit schlicht unübertroffen. Es gibt kein Parfum, das dies besser veranschaulichte, als Duchaufours sensationelles 'Timbuktu' (2004). Es ist ein Vetiver (mehr) wie kein anderes, mit der kühlen, rosigen Ausstrahlung der Morgendämmerung."

Magazinrundschau vom 14.11.2006 - Folio

"Shopping hat zu Unrecht den Ruf, eine anspruchslose Tätigkeit zu sein. In Wahrheit ist es wohl die am meisten unterschätze Kulturtechnik unserer Zeit", führt Reto U. Schneider in das Thema dieses Heft ein. Vom Kreuzzug gegen das Shopping berichtet Marc Pitzke. Der Performancekünstler Bill Talen predigt als Reverend Billy mit seiner 'Church of Stop Shopping' im Stil der Fernsehevangelisten - und findet immer mehr Zuhörer. "Seine Jünger sind sich einig: Der Teufel - 'die Bestie, das Böse!' ruft Reverend Billy - schwimmt im Fließband-Latte-macchiato von Starbucks, dessen Filialen 'unsere Nachbarschaft zerstören'. Er döst in den Endlosregalen von Wal-Mart, der weltgrößten Handelskette aus Arkansas, deren Umsatz höher ist als das Bruttosozialprodukt der Schweiz. Er lugt durch die BH-Auslagen von Victoria's Secret, der Reizwäschefabrik aus Ohio, die mit der Produktion von Millionen von Katalogen 'ganze Wälder in Postwurfsendungen verwandelt'."

Außerdem besucht Burkhard Strassmann das offiziell chaotische Lager von Amazon in Bad Hersfeld, Sabine Kobes, Textchefin der Gala, berichtet über die Shoppinggewohnheiten von Promis und Hollywood-Diven, Anja Jardine über einen Besuch beim Maßschneider, Mikael Krogerus unterhält sich mit shoppenden Teenagern, und Herbert Cerutti bietet kleine Kulturgeschichten des Shopping-Mobiliars: der Plastiktüte, des Einkaufwagens, der Registrierkasse und der Rolltreppe.

Und in der Duftnote ruft der weltbeste Parfumkritiker Luca Turin in einem leidenschaftlichen offenen Brief den Vorsitzenden der Coty Inc. Dr. Harf auf, die Kreationen des legendären Parfumeurs Francois Coty wieder aufzulegen: "Wem etwas an Parfum liegt, kennt seine Meisterwerke: L'Origan, Ambra Antique, L'Aimant, Chypre, Emeraude. Leider sind alle außer Emeraude und L'Aimant verschwunden, und was erhalten blieb, hat mit den ursprünglichen Düften wenig gemein. ... Bringen Sie die Coty-Klassiker in ihrer ursprünglichen Formel neu heraus!" Vor Schreck ist den angesprochenen Herren die Biografie von der Website gerutscht. Das ist nicht nötig. Wir bestellen Chypre sofort!

Magazinrundschau vom 03.10.2006 - Folio

Diesmal geht es im Folio um Fernsehserien. Kristina Bergmann stellt ägyptische Soaps vor, die für den gesamten arabischen Markt produziert werden. Der Renner ist die während des Sechs-Tage-Kriegs spielende Serie "Ich komme zurück, Alexandria". In den Hauptrollen: der smarte, sexy Ägypter Abduh und ein fieser, jämmerlicher Israeli namens Oliver. "In westlichen Augen wirken solche TV-Serien nicht nur unrealistisch, sondern paranoid. Von den Arabern werden sie verschlungen. 'Sie beweisen ihnen, dass die Israeli Feinde sind', sagt die junge Ägypterin Marwa lakonisch. Marwa studiert Medienwissenschaften und möchte Fernsehansagerin werden. Sie wisse, dass der Konflikt in Wahrheit komplexer sei, als die Seifenopern ihn darstellten. 'Doch auch ich freue mich, wenn der agierende Israeli darin böse und feige ist und für seine Niederträchtigkeit bestraft wird', sagt Marwa. Mit ihren 20 Jahren ist sie eine gewiefte Person."

Weiteres: Mikael Krogerus unterhält sich mit Steven Bochco, dem Erfinder der Serie "Columbo". Judith Halberstam schreibt über die post-post-feministische Serie "Desperate Housewives" und ihren schwulen, republikanischen Schöpfer Marc Cherry. Außerdem empfiehlt die Redaktion Serien, die man gesehen haben muss (allerdings ohne die "Sopranos" auch nur zu erwähnen!).

Magazinrundschau vom 12.09.2006 - Folio

In einem spannenden Artikel befasst sich Daniel Weber mit privaten Militärfirmen wie Blackwater, Dyncorp oder Erinys, die nicht zuletzt seit dem Irakkrieg ein Bombengeschäft machen - mit einem Jahresumsatz von 100 Milliarden Dollar: "Privatsoldaten bewegen sich also in einer rechtlichen Grauzone, sie sind weder Soldaten noch Zivilisten. Dies erklärt, warum seit Kriegsbeginn im Irak kein einziger Privatsoldat eines Verbrechens angeklagt oder verurteilt wurde. Selbst nicht im Folterskandal von Abu Ghraib. Die in den Skandal verwickelten US-Soldaten wurden vor Militärgericht gestellt und verurteilt. Die Untersuchung der US-Armee ergab, dass in Abu Ghraib auch Übersetzer und Verhörspezialisten der amerikanischen Militärfirmen Titan und CACI tätig gewesen und in die Folterungen verwickelt waren. Aber bis heute ist keiner angeklagt oder bestraft worden."

Steffan Heuer wirft einen Blick auf Amerikas gut geölte Wohltätigkeitsindustrie: "Tue Gutes, verpflichte berühmte Spender, rede darüber - und wiederhole den Vorgang möglichst regelmäßig. Der Mechanismus, der an Bürgergewissen und Bürgerstolz gleichzeitig appelliert, funktioniert nicht nur an der Spitze der Einkommenspyramide, sondern quer durch alle Schichten der Gesellschaft. Wohlstand auf Erden ist in den von calvinistischer Ethik geprägten und im Vergleich zu Europa tief religiösen USA noch immer ein Zeichen gottgefälliger Lebensführung. Und wer mehr als andere angesammelt hat, sollte auch mehr in den Klingelbeutel legen." Allerdings weist Heuer auch darauf hin, dass die berühmten Stiftungen nicht unbedingt Werkzeuge des Guten sind: "Da sie keiner wirklichen öffentlichen Aufsicht unterstehen und nur selten, wenn überhaupt, vom Finanzamt geprüft werden, sind dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet."

In weiteren Artikeln geht es um die Privatisierung öffentlicher Dienste und Neuseelands endlich überwundene Privatisierungsdepression.

Magazinrundschau vom 15.08.2006 - Folio

Alles Lügen im neuen Folio! Reto U. Schneider besucht die New Yorker Zeitung Weekly World News, die jede Woche 48 Seiten voller Lügen verbreitet - mit Erfolg. "Damals wie heute teilt sich die Leserschaft in zwei gegensätzliche Gruppen. Da sind einerseits Städter, Studenten, Intellektuelle, Künstler, die Weekly World News als surrealistische Sozialsatire lesen und die Schlagzeilen neben Gary-Larson-Cartoons an die Bürotür hängen: 'Nonne will sich von Gott scheiden lassen und verlangt das halbe Universum.' Auf der anderen Seite sind da die Leser in ländlichen Gebieten im Süden der USA, Bewohner von Wohnwagenparks, Verschwörungstheoretiker, religiöse Fundamentalisten, wild entschlossen, an nichts zu zweifeln, was in dieser Zeitung steht."

Constantin Seibt amüsiert sich darüber, wie sein erlogener Brecht-Text von 1979 offizielle Anerkennung erfahren hat ."Zum guten Schluss erschien das gesamte Kernstück von Brechts Fußballtheorie auf Seite 41 im offiziellen 'Kunst- und Kulturprogramm der Bundesregierung Deutschland zur Fifa-WM 2006' (Vorwort: Franz Beckenbauer und der ehemalige Innenminister Otto Schily). Zitiert wurde es unter dem Titel 'Theater muss wie Fußball sein' vom Bundesfilmpreisträger Peter Lohmeyer, dem es nicht zuletzt meine Brecht-Passage über die besondere kritische Qualität des Fußballpublikums angetan hatte: 'So ist auch Kritik Markenzeichen dieses Publikums. Während der Smokingträger in Konzerten oder im Theatersaal aufs Maul sitzt, treffen wir in den Sportstadien auf einen Menschen, der pfeift, raucht, singt, aber nicht jede Darbietung zu ertragen gewillt ist.'" Der Beweis als pdf.

Weiteres: "Niemand hat vor, eine Mauer zu errichten." Christian Ankowitsch präsentiert weltbekannte und weltpolitische Lügen. Martin Lindner untersucht anhand einiger bekannter Fälle, warum Hochstapler sich oft bewusst um Kopf und Kragen lügen. Lügendetektoren haben noch nie funktioniert, stellt Ken Alder in seiner Geschichte des Geräts fest. Im Gespräch mit Gudrun Sachse verteidigt der Undercover-Journalist Günter Wallraff seine Täuschungsmanöver. Sachse erzählt außerdem die Geschichte des ostdeutschen CIA-Agenten Eberhard Fätkenheuer, der auch jetzt nicht ohne Lügen leben kann.

In seiner Duftnote findet Luca Turin die Parfums Balmain "mit verbundenen Händen auf dem Henkerskarren, der sie für immer ins 9. Arrondissement bringt".

Magazinrundschau vom 04.07.2006 - Folio

Wieder so eine Ausgabe, an der man sich festliest! Diesmal geht es im Folio um Schottland. Allan Brown liefert ein kleines Glossar zu treffenden und unzutreffenden Klischees: "Über Malzwhisky wird viel Unsinn erzählt, etwa dass er sich je nach der Gegend seiner Destillation im Geschmack unterscheide. Dies hat die hochfahrende Vorstellung genährt, Whisky sei ebenso komplex wie guter Wein und wahre Kenner könnten in einer Probe Bowmore, Glenfiddich, Lagavulin oder Talisker Spuren von Schokolade, Eiche, Lakritz oder Seife entdecken. In Wirklichkeit wollen sie sich nur wichtig machen." Und zum Stichwort "Engländer" schreibt er: "Man nimmt allgemein an, dass die Schotten ihre Nachbarn aufgrund jahrhundertealter militärischer Streitigkeiten und neuerdings auch wegen des politischen Desinteresses in Westminster bis aufs Blut hassen. Diese Annahme ist richtig."

Mikael Krogerus gibt einen anschaulichen Bericht aus Europas Hauptstadt der Morde und Messer - aus Glasgow: "Die Jungs schauen mich an. Wir sind 20 Meter voneinander entfernt, ich werde nervös. Soll ich umkehren? Wegrennen? Meine Schritte werden langsamer, ihre schneller. Ich bleibe stehen. Der mittlere bellt etwas zur Begrüßung: 'Haaaw, you, giiies fägg!' Er spricht Glasgower Dialekt, ich verstehe kein Wort. Die beiden anderen kichern und tauschen Blicke aus, ihre Gesichter sehen seltsam alt aus. Der mittlere nimmt einen Schritt auf mich zu, ich weiche zurück. Alle drei sprechen jetzt durcheinander, die Angst lärmt in meinem Kopf: Ich könnte ihnen mein Portemonnaie geben. Oder ich könnte mich wehren. Ich bin einen Kopf größer als der mittlere... Aus den Augenwinkeln sehe ich einen Mann, der kurz zu uns herüberblickt, dann weitergeht. Mit lauter Stimme sage ich: 'Ich bin Journalist', es klingt schwächlich. Es ist mein erster Abend in Glasgow. Und ich habe Angst vor 11-Jährigen." (Vielleicht wollten die Jungs nur eine Zigarette?)

Weiteres: Rohland Schuknecht begibt sich auf die Highland-Halbinsel Knoydart, wo man sich noch die Zeit mit Gummistiefelweitwurf und Hirschhodenjagd vertreibt. Die Unabhängigkeitsbestrebungen der Schotten nimmt Andreas Heller nicht allzu ernst: "Sie kommen nicht vom britischen Empire los, weil sie dann nicht mehr davon träumen können, wie wunderbar es wäre, unabhängig zu sein." Harald Willenbrock erzählt die Geschichte der Royal Bank of Scotland, die inzwischen zur sechstgrößten Bank der Welt aufgestiegen ist. Liliane Lerch porträtiert den Late-Night-Star Craig Ferguson.

Und Luca Turin trauert in seiner "Duftnote" der guten alten Zeit nach, als es noch keine Verträglichkeitsprüfungen für Parfümstoffe gab. Doch dann wies ihn ein Kollege "auf einen neuen Moschusduft namens Musk KS von Grau Aromatics hin, der (natürlich) aus Deutschland kommt. Ich bestellte ein Muster und war verblüfft: kraftvoll, erdig, unvergleichlich. Dann betrachtete ich die chemische Struktur. Das Molekül enthält zwei Bromatome und eine Nitritgruppe - alles Stoffe, die jedem Schreibtischwächter den Schweiß auf die Stirn treiben. Aber Grau hat es hergestellt, geprüft und schickt sich nun an, es zu verkaufen. Gott segne sie."