Magazinrundschau - Archiv

Harper's Magazine

64 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 7

Magazinrundschau vom 01.08.2023 - Harper's Magazine

Krithika Varagur schickt eine herzzerreißende Reportage aus Nigeria über das Paar Nkechi und Subomi Mabogunje, die beide Träger der Sichelzellenanämie (Sickle Cell Disease, SCD) sind, einer Erbkrankheit. Nigeria ist die Hauptstadt dieser Krankheit auf der Welt. Auf seine Einwohner entfallen etwa die Hälfte aller jährlich neu auftretenden Fälle weltweit. Für junge Paare ist es zumindest in den Großstädten fast schon üblich geworden, einen entsprechenden Test zu machen, bevor man sich enger bindet. "Angesichts der Bedeutung der Ehe in Nigeria, der relativ geringen Verbreitung von Pränataltests und des Abtreibungsverbots in den meisten Fällen festigt sich rasch eine gesellschaftliche Norm, die zwei Menschen mit Sichelzellgenen davon abhält zu heiraten oder sich auch nur zu verabreden. Aber nicht jeder trifft diese Entscheidung. Eine Studie aus dem Jahr 2015 ergab, dass eine von fünf Personen, die aufgrund ihrer vorehelichen Untersuchungen wussten, dass sie in einer AS-AS-Beziehung lebten, trotzdem heirateten. Einige Gesetzgeber haben versucht, in dieser Grauzone zu intervenieren. Staaten sowohl im Norden als auch im Süden haben Maßnahmen verabschiedet, um voreheliche Tests vorzuschreiben; im Jahr 2020 debattierte der nigerianische Senat über ein SCD-Management-Gesetz, das unter anderem auch voreheliche Tests fördern würde. Während dieser Diskussionen deutete Chukwuka Utazi, ein Senator aus dem Bundesstaat Enugu, an, dass er selbst eine genotypbedingte Trennung erlitten hatte. Er wisse, wie schmerzhaft eine solche Entscheidung sein könne. Aber in Afrika, so meinte er, 'heiraten wir für Kinder, nicht für die Liebe'. (In Nigeria wird die Intimsphäre bereits reglementiert: Öffentliche Zurschaustellung homosexueller Zuneigung ist zum Beispiel illegal, und die Strafen für gleichgeschlechtlichen Verkehr reichen von Gefängnisaufenthalten bis zur Hinrichtung durch Steinigung). Ein anderer Senator meldete sich zu Wort: 'Wir werden nicht zulassen, dass die Liebe uns das Beste aus unseren Ehen wegnimmt.' Heterosexuelle nigerianische Paare, die an diesen genetischen Scheideweg kommen, überlegen nicht nur, ob sie sich trennen oder heiraten sollen. Sie überlegen auch, was ein gutes Leben ausmacht, sowohl für sich selbst als auch für ihre zukünftigen Kinder. SCD ist kein Todesurteil - vor allem nicht in einer Stadt wie Lagos -, aber es ist in der Regel ein lebenslanges Urteil.... Ihre Bedenken sind im Großen und Ganzen auch für den Rest von uns relevant, die wir im Zeitalter der Gentests und ihrer neuartigen Entscheidungsfindungsmethoden leben. Werdende Eltern stellen sich die Frage: Auf welche Krankheiten sollten wir testen? Wie riskant ist es, ein bestimmtes Merkmal zu vererben?"
Stichwörter: Sichelzellenanämie, Nigeria

Magazinrundschau vom 11.07.2023 - Harper's Magazine

Der britisch-niederländische Schriftsteller Ian Buruma ist kein Freund der Wokeness. Er selbst hat seine Erfahrungen mit ihr gemacht, als er 2018 als Chefredakteur der New York Review of Books gehen musste, weil er einen umstrittenen Artikel drucken ließ. Aber ihm wären materielle Reformen in Bildung und Gesundheit, die den Armen und Unterprivilegierten zugute kämen, auch lieber als symbolische Kämpfe. Wokeness meint Buruma, entspringe nicht einem politischen, sondern einem protestantischen Geist, der noch heute seine Tugendhaftigkeit zur Schau stelle wie holländische Händler im 17. Jahrhunderts: "Man könnte diese selbstgefälligen Würdenträger des Goldenen Zeitalters der Heuchelei bezichtigen, weil sie ihren Reichtum auf dem Rücken der Kolonialsklaven erwirtschaftet haben und immer noch so tun, als wären sie heiliger als du. Aber man kann Spuren derselben protestantischen Selbstgerechtigkeit (und Heuchelei) im Verhalten vieler Menschen heute erkennen. Vergleichbare Beispiele unter unseren Zeitgenossen sind Phil Knight, der Mitbegründer von Nike, der eine Werbekampagne gegen Rassismus mit dem NFL-Quarterback Colin Kaepernick genehmigte, bevor er rechtsgerichteten republikanischen Politikern Geld spendete. Oder Jeff Bezos, dessen Unternehmen Amazon seine Homepage mit einem Black-Lives-Matter-Banner schmückte und gleichzeitig Gesichtserkennungssoftware an Polizeidienststellen verkaufte... Dass es ihnen besser geht als den meisten Menschen, ist kein Hinderungsgrund, sich tugendhaft zu fühlen, solange sich 'die Auserwählten' öffentlich zu ihrem Streben nach 'social justice' bekennen. So ist es für Fortune-500-Unternehmen fast schon obligatorisch geworden, eine Erklärung zu Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion zu veröffentlichen, in der sie sich zu den richtigen Werten bekennen, unabhängig davon, wie weit diese Werte von der Tätigkeit des Unternehmens entfernt sind. 'Wir gehen den Weg vom Bewusstsein über das Engagement hin zum Handeln' (PepsiCo, Inc.); 'Vielfalt und Inklusion sind die Grundlage unserer Kultur und spiegeln unsere Werte wider, das Richtige zu tun' (Lockheed Martin); 'Wir engagieren uns seit langem für Inklusion, Vielfalt und Gerechtigkeit' (Goldman Sachs). Diese Worte klingen durchaus hohl, da sie von einem Junkfood-Hersteller, einem Waffenproduzenten und einer Investmentbank kommen, aber was zählt, ist, dass sie wie die protestantische Liturgie öffentlich rezitiert werden."

Magazinrundschau vom 23.05.2023 - Harper's Magazine

Ian Penman liest RJ Smiths Biografie über Chuck Berry, "Chuck Berry - An American Life". Zugegeben, man erfährt einige Details über Berrys Sexleben, auf die man nicht unbedingt erpicht war. Aber auch Poesie spielt eine Rolle. "Wo kommen sie her, diese Lieder? Robbie Robertson hat Berry einmal genau diese Frage gestellt, und Berry antwortete, dass es absolut kein Geheimnis sei: 'Sie kamen aus der Poesie. Die Poesie schildert eine Szene oder eine Geschichte, und das ist der Ursprung meiner Texte.' Zu Hause wurden regelmäßig Gedichte rezitiert, vor allem Werke des schwarzen Mundartdichters Paul Laurence Dunbar. Dadurch, schreibt Smith, bekam Berry ein Gefühl dafür, 'was Stimmen erreichen können'. Auch Miles Davis und Chester Himes - der wie Berry in St. Louis aufgewachsen ist - bezeichneten Dunbar als eine große Präsenz in ihrer Kindheit. Davis verglich Dunbars 'Negro Southern'-Stimme mit Lead Belly und Bessie Smith. Dunbar, schreibt Smith, war ein 'Verkäufer, der seine Kunst an die Menschen brachte, indem er sprach wie sie'. Er hatte die Fähigkeit, als eine kunstvoll volkstümliche Persönlichkeit, die 'sowohl echt als auch eine Erfindung' war, zu einem schwarzen und weißen Publikum zu sprechen. All dies scheint auf unheimliche Weise entscheidende Elemente von Berrys eigenem Agieren vorauszusagen."

Hier eine Einführung in das Leben und Werk Dunbars in Text und Video:



Der ehemalige Atlantic-Redakteur Benjamin Schwarz und der Politologe Christopher Layne hantieren in der Titelgeschichte "Why Are We in Ukraine?" nur mit den ganz großen Bausteinen wie einst Herfried Münkler, bevor er lernen musste, dass die Ukraine existiert. Die Nato ist demnach immer nur dabei zu expandieren, während Russland, das sich auf seiner bescheidenen Fläche umzingelt fühlt, immer nur warnt. Und da die Nato das Hauptinstrument der amerikanischen Hegemonie ist, während die osteuropäischen Länder rätselhafter Weise aus eigenen Antrieb in sie drängten, ist am Ende Amerika schuld, wenn Putin auf den roten Knopf drückt.

Magazinrundschau vom 22.11.2022 - Harper's Magazine

In Niger wachsen die Spannungen zwischen nomadischen Hirten und sesshaften Bauern, zwischen Peul, Tuareg und Djerma, aber auch die politischen Konflikte mit der Regierung. Zudem treibt die Terrorgruppe ISGS (Islamischer Staat in der Groß-Sahara) ihr Unwesen. In der Hauptstadt Niamey wundert sich Reporterin Caitlin L. Chandler, dass sich der internationale Wanderzirkus fast schon vollzählig eingefunden hat: Militärs, Geheimdienste und Söldnertruppen, dazu UNHCR, Unicef, IOM und GIZ. Ob's hilft? "In Niamey scheint der Konflikt einen Großteil der lokalen Wirtschaft anzutreiben. Nach Angaben der Beobachtungsstellung für Ökonomische Komplexität rangiert Reis bei den Importen an vorderster Stelle, gefolgt von 'explosiver Munition', einer Kategorie, die 'Bomben, Granaten, Torpedos, Minen und Raketen' umfasst. Neben den Amerikanern sind in Niamey etwa tausend französische Soldaten stationiert, außerdem Abordnungen aus Algerien, Belgien, Kanada, den Niederlanden, Italien und Spanien, eine UN-Friedenstruppe für Mali, die Sicherheitsattachés der Europäischen Union und Soldaten der G5 Sahel, einer gemeinsamen Initiative von Burkina Faso, Mali, Tschad, Mauretanien und Niger. (Mali hat sich diesen Sommer zurückgezogen.) Viele dieser ausländischen Truppen, die sich auf einen nebulösen Mix aus Grenzkontrollen und Aufstandsbekämpfung kaprizieren, fahren in gepanzerten Fahrzeugen in die Stadt hinein und wieder hinaus. Oft übernachten sie in neuen, bewachten Hotels in der Nähe des Kennedy-Kreisverkehrs. Im New York Restaurant des Radisson Blu Hotels versammeln sich militärische Auftragnehmer und Diplomaten am Pool und schlürfen fluoreszierende Cocktails. Eines Abends erhaschte ich einen Blick auf Linda Thomas-Greenfield, die amerikanische Botschafterin bei den Vereinten Nationen, als ein Konvoi sie von dem plüschigen Hotel zu einer Veranstaltung des UN-Sicherheitsrats brachte. Der damalige Kommandeur des AFRICOM, General Stephen Townsend, war ebenfalls in der Stadt und traf sich mit den Franzosen. Im Garten eines italienischen Bistros, das einer Wüstenbehausung nachempfunden war, hörte ich, wie ein Mann seinem Begleiter, der für die UNO arbeitete, erzählte, er gehöre zu den deutschen Spezialkräften, die hier 'nachrichtendienstliche Erkenntnisse' sammelten und 'etwas Beratung' leisteten."

Magazinrundschau vom 27.09.2022 - Harper's Magazine

Verfassungsrecht soll den Staat in Schach halten. Das kann zum Problem werden, wenn am Ende die Verfassungsrichter Politik machen und nicht mehr das gewählte Parlament. Auch Amerika braucht keinen liberaleren Obersten Gerichtshof, sondern schlicht weniger Verfassungsrechtsprechung, empfiehlt Ian MacDougall. Er plädiert für eine Reform, die die Politik wieder mehr ins Recht setzt und es Gerichten zumindest schwerer macht nationale Gesetze einfach aufzuheben: "Dies ist kein risikoloses Unterfangen. Manche mögen das Gespenst des 'Liberalismus der Angst' der politischen Philosophin Judith Shklar heraufbeschwören: die richterliche Oberhoheit als Kontrolle gegen die schlechten Dinge, die ein ungezügelter Staat tun kann. Aber die Gerichte werden einen fähigen Autokraten nicht aufhalten. In Ländern, die in jüngster Zeit in den Autoritarismus abgerutscht sind, haben die Gerichte entweder gelernt, den Tyrannen zu lieben, oder sie wurden von ihm unterdrückt. Wenn Verfassungsrecht ein effektives Regieren verhindert, schafft es zudem ideale Bedingungen für den Aufstieg populistischer Autokraten. Das größere Risiko besteht heute nicht darin, dass der Kongress gelegentlich Gesetze verabschiedet, die vielen von uns nicht gefallen. Es besteht darin, dass fünf wohlhabende Anwälte den Kongress daran hindern, auf die Bedürfnisse des Landes zu reagieren. Andere mögen sich fragen, wer, wenn nicht der Oberste Gerichtshof, die Rechte von Minderheiten gegen die Tyrannei der Mehrheit sichern wird. In Wahrheit erkennen die Gerichte nur relativ wenige Rechte an; die meisten der Rechte, die wir genießen, ergeben sich nicht aus der Verfassung, sondern aus Bundesgesetzen. Um nur einige wenige zu nennen: Wahlrecht, Arbeitsrecht, Behindertenrecht, Rechte gegen Diskriminierung bei der Arbeit, bei der Wohnungssuche und bei der Vermittlung von Sozialwohnungen. Wie der Rechtswissenschaftler Jamal Greene in 'How Rights Went Wrong' darlegt, hat der Kongress die institutionelle Fähigkeit, verschiedene Werte und Interessen abzuwägen und miteinander in Einklang zu bringen, und nicht nur zu entscheiden, welche Interessen alle anderen übertrumpfen sollen. Wenn es um gesetzlich verankerte Rechte geht, besteht die Hauptaufgabe der Gerichte seit den achtziger Jahren darin, diese zu untergraben, indem sie die Befugnisse des Kongresses beschneiden und manchmal sogar an sich reißen."

Magazinrundschau vom 02.08.2022 - Harper's Magazine

Im Augenblick wird die amerikanische Demokratie zwar von Kräften auseinandergerissen, die ihren Ursprung maßgeblich in Religion haben, aber der berühmten Autorin und Essayistin Marilynne Robinson liegt daran, den "religiösen Ursprung des amerikanischen Liberalismus darzulegen". Ihr Artikel in Harper's - ursprünglich ein Vortrag - ist im Grunde eine Ehrenrettung der Puritaner, deren Beitrag zum Entstehen der amerikanischen Verfassung sie als total unterschätzt ansieht. Ihr Artikel ist auch eine Hommage auf den Priester und Politiker Hugh Peters, der nur den einzigen Fehler machte, von Massachusetts nach England zurückzukehren, wo er zum Berater Cromwells ernannt wurde - und dafür später "halb" gehängt (damit es lange dauert), verbrannt und gevierteilt wurde. Von ihm stammen Texte von einer Liberalität, die auch Jefferson die Schamesröte ins Gesicht hätte treiben können. Armen soll geholfen werden, statt sie in die Fron zu zwingen, die Gefängnisse sollen menschlicher gestaltet werden, Künstler sollen Förderung bekommen, Religion soll frei sein, Juden sollen nicht diskriminiert werden, zitiert sie seine wunderbare aufklärerische Prosa. Ein Punkt ist Robinson dabei besonders wichtig: "In seinem gesamten Werk beruft sich Peters auf die Heilige Schrift, um seine Reformen zu unterstützen. Dass die Bibel in der frühneuzeitlichen und insbesondere in der revolutionären Kultur Englands einen liberalisierenden Einfluss hatte, liegt uns ebenso fern wie die Vorstellung, dass Cromwell und sein Parlament einen Geistlichen engagieren würden, dessen politische Ansichten so fortschrittlich waren, dass sie uns im unvorstellbar wohlhabenden und vergleichsweise stabilen 21. Jahrhundert in Verlegenheit bringen." Über Cromwells eigene Gewaltexzesse verliert Robinson leider kein Wort.

Außerdem: Lauren Markham erzählt, wie man Baumdieben mittels Baum-DNA auf die Spur kommt.

Magazinrundschau vom 26.07.2022 - Harper's Magazine

Was bleibt von Christopher Hitchens zehn Jahre nach seinem Tod, fragt Christian Lorentzen in einem Essay über den großen Intellektuellen, Polemiker und Trinker. Hitchens verfügte über Witz, Stil und Bildung, versichert Lorentzen, auch wenn er nach dem 11. September nicht mehr die imperialen Machtzentren ins Visier seiner Essays nahm, sondern "Provinzdespoten" wie Slobodan Milosevic oder Saddam Hussein: "In den Abteilungen Theologie und Zauber ist Hitchens' Vermächtnis schwer zu entwirren, da seine atheistischen Brandreden letztlich zu einem Werk hochkarätiger Performance-Kunst wurden, um es großzügig auszudrücken oder weniger wohlwollend, zu einer Stand-up-Nummer. Es ist auch einfach nicht der herausragendste Teil seines Werks, weder auf Video noch auf Papier. Wie bei seiner Polemik gegen den Krieg gegen den Terror setzt er Ironie auf falsche Weise ein. Sie war für Hitchens schon immer ein Hammer, aber jetzt benutzt er ihn, um Nägel einzuschlagen, anstatt sie herauszuziehen. Hitchens' Werk selbst hat etwas mit einem Hammer gemeinsam: Es ist ziemlich kopflastig. Sein Ruf rührt heute von der Arbeit seines letzten Jahrzehnts - dem Rechtsruck, der Gottesverachtung und dem öffentliche Sterben an Krebs. In dieser Zeit wurde er zu einer Berühmtheit. In kommerzieller Hinsicht - und nur in diesem Sinne - könnte man ihn als Spätzünder bezeichnen, aber seine besten Arbeiten stammen aus den Achtzigern und Neunzigern." Aus dieser Zeit stammen die Essays des Bandes "A Hitch in Time". Lorentzen nennt sie die "rechtschaffen-ironisch-zynisch-idealistische-Störenfried-Phase".

Magazinrundschau vom 03.05.2022 - Harper's Magazine

Sam Lipsyte findet in Las Vegas die Zukunft der sexuellen Erfüllung - sie nennt sich "Digisexualität" und gegenüber dem, was uns da blüht, wirkt der Boom der Online-Pornografie in den letzten 20 Jahren in etwa so beschaulich wie heute Erotikheftchen aus den 60ern: Sex mit Robotern, Eintauchen in die erotischen Sphären der Virtual-Reality im Ganzkörperanzug - J.G. Ballard und David Cronenberg hätten es sich nicht schöner ausdenken können. Für Menschen, denen aus verschiedensten Gründen ein aktives sexuelles Leben verwehrt bleibt, könnte dies zwar einer Erlösung gleichkommen, schreibt Lipsyte in seiner launigen Reportage. Aber aus der Utopie könnte rasch eine Dystopie werden:  "Ich werde diese dunkle Vorahnung einfach nicht los, wenn ich mir ein Zuckerbergsches Pornoversum vorstelle. Die großen Social-Media- und Tech-Firmen haben bereits erheblichen Anteil daran, den öffentlichen Diskurs zu pervertieren, den allgemeinen Grundkonsens zu erschüttern und die Vernunft zu strangulieren. Wartet bloß ab, was erst geschieht, wenn die auf Sex abfahren. Abgeschottet in unseren Helmen und beim Kuscheln mit den Bots - so werden wir leichte Ziele für alle möglichen Arten von Manipulation. Und selbst wenn wir den Eindruck haben, dass unsere exquisitesten individuellen Sehnsüchte mit der Präzision einer lernenden Maschine erfüllt werden, werden wir doch einsamer sein als je zuvor."

Magazinrundschau vom 25.01.2022 - Harper's Magazine

Mit der Covid-Pandemie ist in Amerika was angestiegen? Der Waffenverkauf selbstverständlich. "Die Amerikaner neigen dazu, Schusswaffen als Bollwerk gegen die Angst vor dem Zusammenbruch des Staates zu kaufen, und 2020 fühlte sich wie ein einziger langer Notfall an. Im Laufe des Jahres wurden in den Vereinigten Staaten fast dreiundzwanzig Millionen Schusswaffen gekauft, neun Millionen mehr als 2019. Vierzig Prozent wurden von Erstbesitzern gekauft, derselbe Anteil von Frauen", erklärt Rachel Monroe in ihrem Brief aus Texas, für den sie sich u.a. mit dem schwulen schwarzen Waffenverkäufer Michael Cargill unterhalten hat. Hintergrund ist ein neues Gesetz, das eigentlich nicht einmal die Mehrheit der waffentragenden Texaner wollte: Es erlaubt jedem das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit, ohne Genehmigung. Die Vorstellung, dass jeder, der einem auf der Straße entgegenkommt, eine Waffe tragen könnte, macht etwas mit den Leuten. Selbst die, die das eigentlich ablehnen, fangen an Waffen zu kaufen. Auch die Polizei rüstet auf: "In dem Maße, in dem Privatpersonen schwerer bewaffnet sind, hat die Polizei ihre Feuerkraft erhöht - von Revolvern mit sechs Schuss Kaliber .38 zu halbautomatischen Glocks in den 1990er Jahren und AR-15s in den 2000er Jahren -, was für die libertäre Position, dass liberale Waffengesetze ein staatliches Gewaltmonopol verhindern, unangenehm ist. Die allgegenwärtige Präsenz von Waffen im öffentlichen Raum scheint das ängstliche Gefühl der Polizisten zu verstärken, auf feindlichem Gebiet zu patrouillieren. Robert Shockey, der Exekutivdirektor der Police Chiefs Association für den Bundesstaat Missouri, wo das genehmigungslose Tragen von Waffen seit 2017 legal ist, sagte mir, er glaube, dass die meisten Polizisten die meisten Menschen bei Verkehrskontrollen für bewaffnet halten."

Magazinrundschau vom 11.01.2022 - Harper's Magazine

Nebenbei erfährt man in Andrew Cockburns Artikel gegen den neuen Glauben an Atomkraft, dass die amerikanische Linke sich mit der deutschen doch nochmal länger zum Diskutieren in ein Hinterzimmer setzen sollte - denn Protagonistinnen wie Alexandria Ocasio-Cortez sind glatt pro! Aber natürlich auch Bill Gates, der eine laut Cockburn uralte und hundertmal gescheiterte Technologie mit seiner Firma TerraPower als den neuesten heißen Scheiß verkaufen will. Cockburns Argumente gegen Atomkraft sind im wesentlichen die bekannten und die unbekannten Havarien, der Lobbydruck der Industrien und die Tatsache, dass offizielle Stellen schlimme Ereignisse systematisch herunterspielen. Er bezieht sich auf das Buch "Manual for Survival - An Environmental History of the Chernobyl Disaster" von Kate Brown, die in Tschernobyl nach der wahren Zahl der Toten recherchiert hat. "Brown verbrachte zehn Jahre in Archiven in der Ukraine, Weißrussland und Russland, wo sie Aufzeichnungen über die Millionen von Menschen ausgrub, die nicht nur der unsichtbaren Wolke ausgesetzt waren, sondern auch deren Rückständen in der Landschaft, aus der sie ihre Nahrung bezogen. (…) Auf ihren Reisen durch die betroffenen Gebiete, die zum Teil weit von der Anlage selbst entfernt waren, traf Brown Gemeinden, die durch die Strahlung zerstört wurden, und zum Beispiel auch auf Frauen, die Wolle von Schafen geschoren hatten, die in der Strahlungszone geschlachtet worden waren. Das Tragen von Ballen radioaktiver Wolle, so Brown, 'war, als würde man ein Röntgengerät umarmen, während es immer wieder eingeschaltet wurde'. Viele wurden krank und starben. Doch unter den Zehntausenden von Seiten, die Brown durchforstete, fand sich nur ein einziges obskures offizielles Dokument, das eine konkrete Zahl für die Todesfälle im Zusammenhang mit Tschernobyl nannte: 36.525. Das war die Zahl der Frauen in der Ukraine, die eine Rente erhielten, weil ihre Ehemänner an den Folgen der Katastrophe gestorben waren - eine Zahl, die weit über den Angaben westlicher Behörden lag."