Magazinrundschau - Archiv

HVG

354 Presseschau-Absätze - Seite 29 von 36

Magazinrundschau vom 23.07.2013 - HVG

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler László Márton erklärt im Interview, welche Rolle Deutschland für die ungarische Literatur spielt: "Auch die Deutschen haben ihren Kanon zur Welt- und auch zur ost- und mitteleuropäischen Literatur, aber es ist auch Entdeckungsgeist spürbar. Es braucht ein wenig Zeit, bis ein jüngerer Schriftsteller Erfolg hat. In der jüngsten Vergangenheit war dies der Fall mit Attila Bartis oder György Dragomán und vor kurzem sind die Bücher von László Darvasi, Zsolt Koppány-Nagy und Noémi Ildikó Nagy übersetzt worden. Péter Esterházy, György Konrád, Péter Nádas genießen einen größeren Bekanntheitsgrad. Aber viel interessanter ist, was aus der von Ernő Kulcsár-Szabó herausgegebenen, vor kurzem auf Deutsch erschienenen ungarischen Literaturgeschichte hervorgeht. Der Dichter Endre Ady erinnert auf Deutsch an die deutsche Romantik und nicht an den Symbolismus. Dezső Kosztolányi wirkt als hätte er 60 Jahre später geschrieben. Der absurde und groteske Charakter der Texte von Jenő Rejtő ist deutlicher in der Übersetzung als in der Muttersprache, in der die Lockerheit der Witze eine Selbstverständlichkeit sind."

Magazinrundschau vom 09.07.2013 - HVG

Der Komponist Péter Eötvös spricht im Interview mit Rita Szentgyörgyi über zeitgenössische Musik und Tradition: "Der zeitgenössische Geist in Ungarn ist viel stärker in der Literatur, in den bildenden Künsten und im Theater präsent als in der Musik. ... Die Mehrheit der ungarischen Orchester sind in der der 1930er Jahre stecken geblieben. ... Die Vergangenheit muss man kennen, die Zukunft muss man planen, doch leben muss man in der Gegenwart. Es ist nicht gesund, wenn Menschen nicht in ihrer Zeit leben oder wenn ihr Leben nur die Politik ausfüllt."
Stichwörter: Eötvös, Peter, Hvg, 1930er

Magazinrundschau vom 25.06.2013 - HVG

Eine Besprechung ist Péter Esterházys neuem Roman gewidmet: "Die Leitfigur der ungarischen postmodernen Prosa hatte ein Kipling'sches Rezept auf dem Schreibtisch liegen, bevor er mit seinem neuen Roman anfing: 'erzähl ihnen von Schlachten, Königen, Pferden, Teufeln, Elefanten und Engeln, aber vergiss auch nicht, ihnen von Liebe und dergleichen zu erzählen.' Und der Erzähler verspricht - anstelle eines Vorwortes - Vorwettbewerb: 'Ich gehe sie durch, Schlacht, König, Pferd, Teufel, Engel, Liebe, alles wird da sein. Das Problem mit dem Elefanten muss ich später lösen.' Er setzt sich aber auch weitere Schranken: Einen Umfang von hundert Seiten, kurze Sätze und manche parodistische Lösung für alle, die ihm seit je unter die Nase reiben, dass er 'Gästesätze' in seine Werke stellte. Der historischen Romans spielt in den 1600er Jahren, doch die Zeit wird raffiniert behandelt. Seine Protagonisten lässt er aus anderen Epochen einreisen, und so berührt sich das 17. mit dem 21. Jahrhundert. Das Spiel mit der Vermischung der Grenzen zwischen Autor, Erzähler und Protagonist ist das alte. Die Familiengeschichte im Roman ist erfinderischer als früher."

Magazinrundschau vom 18.06.2013 - HVG

Der Axel Springer Verlag und die Ringier AG verhandeln gerade mit der österreichischen Firma Vienna Capital Partners (VCP) über die Übernahme einiger ungarischer Presseorgane, damit die beiden Verlagshäuser auch in Ungarn ihre Druckereien fusionieren können. Betroffen ist auch die auflagenstärkste politische Tageszeitung Népszabadság, im Portfolio von Ringier, mit einer Minderheitenbeteiligung von 27 Prozent einer Stiftung, die der sozialistischen Partei MSZP gehört. Die Wochenzeitung HVG ging dem anstehenden Geschäft nach: "Die Fusion wurde bisher von der staatlichen Medienbehörde mit der Begründung verhindert, dass die Vielfalt der Berichterstattung stark gefährdet wäre. Unterschiedlichen Berichten zufolge stehen hinter dem VCP Fidesz-nahe Firmen, was eine Übernahme der 'links-liberalen' Népszabadság noch interessanter macht. Das wird wohl auch von der sozialistischen Partei MSZP befürchtet. Obwohl sie durch die Stiftung ein Vorkaufsrecht hat, ist es fraglich, ob sie die stark verschuldete Zeitung übernehmen kann. Der größte Teil der Schulden beläuft sich auf Verbindlichkeiten gegenüber den konzerninternen Druckereien. Die Partei würde für die kommenden Wahlen den Einfluss der mit 51.000 Exemplaren immer noch größten politischen Tageszeitung gut gebrauchen, doch die Partei kämpft selbst mit finanziellen Schwierigkeiten, liquide Mitteln für die Übernahme gibt es kaum."

Magazinrundschau vom 11.06.2013 - HVG

Anlässlich der Premiere des Dokumentarfilms, "Tartótiszt" (Führungsoffizier) von Ágota Varga befasst sich Gábor Murányi in der Wochenzeitschrift HVG mit der Stasi-Aufarbeitung in Ungarn. Der ehemalige Führungsoffizier begegnet in dem Film Menschen, die von seinen Agenten überwacht wurden. "Der Protagonist hat eine gewöhnliche Karriere im Innenministerium. (...) Der Historiker Gábor Tabajdi sagt hierzu: 'Es wäre irreführend zu denken, dass die Mitglieder der politischen Polizei des Kádár-Regimes als 'sozialistische James Bonds' ihre Arbeit erledigten. Diese kam eher der bürokratischen Tätigkeit in einem sozialistischen Großbetrieb nah. Selbst eine Lockerung der strikten 'zivilen Kleidervorschriften' blieb aus, obwohl bei 30 Grad Hitze die Mitarbeiter der Staatssicherheit leicht erkennbar waren, denn nur diese trugen in der Stadt Jackett, Hemd und Krawatte'."

Magazinrundschau vom 04.06.2013 - HVG

Der israelische Autor Amir Gutfreund spricht im Interview über sein gerade auf Ungarisch erschienenes Buch "Unser Holocaust", in dem zwei Kinder herauszubringen versuchen, was ihre Eltern ihnen verheimlichen: "Sie fangen an zu ermitteln und was sie nicht in Erfahrung bringen können, ersetzen sie einfach mit einer Fantasiewelt. (...) Meine Eltern waren während der Zeit des Holocaust kleine Kinder. Für sie war somit ein 'Neuanfang' leichter als für die damals Zwanzigjährigen. Letztere erlebten ein solches Trauma, dass sie ihr Leben nie wieder unbedacht genießen konnten. Sie konnten ihre neuen Ehepartner und ihre Kinder - die klassische zweite Generation - nicht streicheln, ohne an ihre verschwundenen Familien zu denken. Wir können glücklicher, normaler leben. Dies ist der Unterschied einer halben Generation."
Stichwörter: Trauma, Hvg

Magazinrundschau vom 21.05.2013 - HVG

Eines der wichtigen Organe der ungarischen Samisdat-Literatur war die in Jugoslawien auf Ungarisch erschienene Literaturzeitschrift Neues Symposion, die vor zwanzig Jahren - als Folge der Jugoslawienkriege - ihr Erscheinen einstellte. Ervin J. Laskovity erzählt ihre kurze Geschichte: "Die dritte Generation der Redaktion war abgesetzt worden, weil sie oppositionelle Werke von Schriftstellern aus Ungarn und von ungarischen Schriftstellern aus Rumänien veröffentlichte, u.a. von Péter Eszterházy, István Eörsi, György Konrád, Mikós Mészöly, Géza Szőcs oder Miklós Gáspár Tamás. (...) Ein weitere Skandal war, als 1982 die Zeitschrift ein kritisches Interview mit Georg Lukács veröffentlichen sollte, woraufhin der Druck abgebrochen werden musste (in Ungarn ist der Text erst 1989 erschienen). Das Interview war aber bereits Dank einer Literaturzeitschrift aus Novi Sad auf Serbokroatisch erschienen. Als Fehltritt wurde die Veröffentlichung des Gedichts 'Ein Satz über die Tyrannei' von Gyula Illyés gewertet, was nach der offiziellen Begründung 'Anlass für bedauerliche politische Missverständnisse gab'."

Magazinrundschau vom 28.05.2013 - HVG

Mit der anstehenden Fusion von Libri und Bookline erreicht der Prozess der Konzentration auf dem ungarischen Büchermarkt einen Höhepunkt, schreibt HVG. "Die zwei bedeutendsten Handelsfirmen für Bücher und Druckerzeugnisse haben ihre bevorstehende Fusion verkündet. Die Libri Buchhandels GmbH und das größte ungarische Online-Kaufhaus, Bookline von der Unternehmensgruppe Shopline AG, warten auf die Zustimmung der nationalen Kartellbehörde. Zu der neuen Unternehmensgruppe werden die Onlineportale Port.hu (Filmkritik, Kino- und Fernsehprogramm - Anm. der Red.) und Fidelio.hu (Theater- und Konzertprogramm, Kritik - Anm. der Red.) gehören, die Printmagazine Fidelio und Bóbita (Kindermagazin), das Magazinportfolio der Libri Medien GmbH, das mehrere Verlage beinhaltende Portfolio der Libri Buchverlags GmbH, sowie die Hälfte des größten Representanten des ungarischen E-Bookhandels, die eKönyv Magyarország GmbH."

Magazinrundschau vom 30.04.2013 - HVG

Anlässlich der internationalen Erfolge rumänischer Filmproduktionen bei namhaften Filmfestivals spricht Rita Szentgyörgyi mit Vertretern der "neuen rumänischen Welle" über Motivation, Hintergründe und die Lage der Filmbranche in Rumänien. "Die ganze Welt spricht über eine neue Welle des rumänischen Films, aber die Filmproduktion selbst liegt im Sterben", sagt der Regisseur Cristian Mungiu ( "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage", Goldene Palme und Europäischer Filmpreis 2007). "Diese internationalen Preise haben keinerlei Wirkung auf die Entscheidungsträger der rumänischen Filmbranche. (...) Mit sechs bis acht Produktionen jährlich, die im Ausland allesamt größere Zuschauerzahlen haben als in Rumänien, ist es schwer von einer Goldenen Zeit des rumänischen Films zu sprechen." Den Statistiken zufolge kommen im gesamten Land lediglich 80 Kinoräume auf 20 Millionen Einwohnern. Der Rumäne geht im Durchschnitt alle 10 Jahre ins Kino. "Unsere Filme werden meistens von Journalisten, Intellektuellen und Filmverrückten angesehen, das breite Publikum ist nicht interessiert", zitiert Szentgyörgyi den Regisseur Radu Jude und stellt damit eine Parallele mit der Lage des ungarischen Films her.

Magazinrundschau vom 23.04.2013 - HVG

2014 jährt sich die Deportation der ungarischen Juden von 1944 zum siebzigsten Mal. HVG stellt die für das Gedenkjahr geplanten Vorhaben vor, darunter auch einen Gedenkort für die Kinder, die Opfer des Holocaust wurden. Hierfür soll nach den Plänen der in 2005 geschlossene Güterbahnhof in Józsefváros in Budapest renoviert und ausgestattet werden. Unter anderem soll hier auch an den Retter Raoul Wallenberg erinnert werden. Der Holocaustforscher László Karsai kritisiert die Konzentration auf die Kinder: "Die bloße Hervorhebung von einigen tausend Kinderopfern aus den fünfhunderttausend ermordeten ungarischen Menschen entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Zielsetzung und ist nur ein geschmacksloser Angriff auf die Tränendrüsen." Die Macher der Ausstellung kontern: "Einige gut dokumentierte Kindergeschichten gibt es sehr wohl und mit weiteren Forschungen könnte daraus eine Ausstellung konzipiert werden, gleichzeitig soll ja im Komplex die Figur von Wallenberg einen geeigneten Platz erhalten."

Außerdem spricht der Übersetzer und Schriftsteller Mihály Dés, der dreißig Jahre lang in Spanien lebte, über seinen Roman "Pester Barock" der im Ungarn der achtziger Jahre spielt. Über das heutige Ungarn sagt er: "Die Situation halte ich für sehr ernüchternd, aber dafür ist nicht nur die inkompetente Regierung verantwortlich, sondern auch eine alte Tradition, die Selbstbesessenheit. Die Welt existiert praktisch nur aus einer Sicht: was wird über Ungarn im Ausland gesagt? Die Ungarn beschäftigen sich wie Nervenkranke nur mit ihren eigenen Problemen."
Stichwörter: Deportation, Hvg, Gedenkorte, Pest, Barock