Anouk Grinberg ist eine der bekanntesten Theaterschauspielerinnen Frankreichs. In
ihrem Buch "Dans le cerveau des comédiens - Rencontres avec des acteurs et des scientifiques" stellt sie sich eine Frage, die in mehrerer Hinsicht aktuell ist. Nämlich ob das, was sie produziert, wenn sie spielt,
Wahrheit oder Lüge ist. Dafür hat sie jahrelang mit Neurowissenschaftlern diskutiert, und spricht hier mit Ivan Jablonka von
La Vie des Idées über Experimente per Magnetresonanztomographie, in denen sie mal als sie selbst, mal
als Julia aus "Romeo und Julia" spricht und sich herausstellt, dass das Hirn
Platz für mehrere Personen hat, die in der ersten Person sprechen. "In diesem Romeo-und-Julia-Experiment zeigt sich auch, dass das, was im Hirn der Schauspieler vor sich geht, mit
Besessenheit zu tun hat, wie in afrikanischen Riten. Ihr Geist wird von
einem anderen bewohnt, mit dem Unterschied, dass bei echten Besessenheitsriten die besessene Person wirklich ihrer selbst beraubt wird, während man bei den Schauspielern, die gerade arbeiten, sieht, dass sie nicht ihrer selbst beraubt werden. Das überschneidet sich mit der Erfahrung des Schauspielens: Wenn du dich völlig von dir selbst entkoppelst, kannst du die Figur nicht mehr nähren. Man braucht
sein Selbst, um den anderen existieren zu lassen, und gleichzeitig muss das Selbst taktvoll genug sein, um so weit zu verschwinden, damit der andere zu Tage tritt."