Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

584 Presseschau-Absätze - Seite 44 von 59

Magazinrundschau vom 26.05.2009 - London Review of Books

David Runciman bespricht eigentlich nur Andrew Lihs Buch "The Wikipedia Revolution", erzählt bei der Gelegenheit aber die Geschichte der Online-Enzyklopädie nach und denkt über die Gründe für ihren Erfolg nach. Im kleinen finden sie sich offenbar in der Form des Buchs selbst, dessen Nachwort durch die Beiträge vieler in einem Wiki zustande kam: "Es ist erfreulich, dass Lih das Nachwort mit ins Buch aufgenommen hat, denn es ist besser geschrieben als der Rest, präziser im Stil und mit einem genaueren Fokus. Die von ihm selbst allein geschriebenen Kapitel sind voller interessanter Informationen, enthalten aber zu viele unwichtige Einzelheiten über Leute, denen Lih einen Gefallen erweisen möchte. Nichts davon im Nachwort - es kommt auf den Punkt, ohne Rücksicht auf Verluste. Allerdings hilft es auch, dass der Platz, weil dies ein Buch ist, begrenzt bleibt, so dass der häufigste Wikipedia-Fehler automatisch vermieden wird: Nicht zu wissen, wann man aufhören soll."

Weitere Artikel: Die Autorin Anne Enright kennt, will ihr scheinen, alle Hotels der Welt und staunt vor allem über den Mangel an Eigenarten. John Lanchester schildert die Absurditäten und Ironien des Finanzmarkts am Beispiel der in jeder Hinsicht unterschätzten Royal Bank of Scotland. Daniel Soar geht der Geschichte des @-Zeichens nach. Peter Campbell schreibt über die Ausstellung "Sickert in Venice", zu sehen in der Dulwich Picture Gallery.

Magazinrundschau vom 12.05.2009 - London Review of Books

Der Schriftsteller Colm Toibin liest den Briefwechsel zwischen der Dichterin Elizabeth Bishop und dem Dichter Robert Lowell, der ein Zeugnis ihrer engen Freundschaft ist, und stellt fest: "Die Briefe zeigen, dass Lowell eine Kreuzung aus einem Fuchs und einem Welpen war. Er kannte viele kleine Dinge und war oft voller Hoffnung für seine Gedichte, seine Theaterstücke, seine Freunde, seine Ehefrauen und seine Kinder. Er trieb sich sehr viel herum, körperlich und geistig. Bishop dagegen war eine Kreuzung aus Igel und Schnecke. Sie kannte ein großes Ding, oder wollte es kennen; sie hinterließ silberne und schwer lesbare Spuren."

Andrew O'Hagan denkt über Susan Boyle (hier) und verwandte YouTube-Phänomene nach: "Ihr Erfolg ist nicht schwer zu verstehen: Wir lieben die Idee, dass Talent im Verborgenen blüht, und es gehört zu unseren am tiefsten verwurzelten Phantasien, dass die Bescheidensten unter uns, die Unschuldigsten, die, die am wenigsten hermachen, die Fähigkeit haben, die Welt in Erstaunen zu versetzen. Diese Vorstellung ist das sentimentale Geheimnis des ganzen Showbusiness."

Weitere Artikel: Gareth Peirce, die als Rechtsanwältin des islamistischen und des IRA-Terrors Angeklagte verteidigt hat, schreibt über Folter und die gefährliche Staatsgeheimnisskrämerei Großbritanniens. Jenny Turner bespricht Ratgeber-Bücher, die erklären, wie man aus finanziell schlechten Zeiten das beste macht. Michael Wood hat im Kino den schwedischen Adoleszenz-Vampir-Film "So finster die Nacht" (Webseite) gesehen.

Magazinrundschau vom 28.04.2009 - London Review of Books

Der Anteil Sharia-kompatibler und damit spekulationsarmer islamischer Banken am Weltfinanzsystem ist gering - aber er wächst rapide. Jeremy Harding erklärt ihren Reiz für gläubige Muslime: "Sie bewundern daran, was sie als die Fähigkeit der Banken zu Stabilität und Transparenz betrachten, und einen Sinn für Verhältnismäßigkeit im Umgang mit Geld: Sieh ihm ins Auge, sag ihm, dass du es magst, aber gib zu, dass du leise Zweifel am transzendenten Wert von Papier hast. Das ist keine sehr raffinierte Haltung, aber seit der Kreditkrise gibt es nicht mehr viele, die den raffinierten Verwaltern der modernen Geldkultur noch trauen; in diesem Sinn ist der Aufstieg der Sharia-kompatiblen Produkte auch eine Herausforderung an den inoffiziellen, polytheistischen Glauben Britanniens, die Verehrung von Märkten im allgemeinen und von Finanzmärkten im besonderen."

Weitere Artikel: Der Literaturkritiker des New Yorker, James Wood, analysiert die Romane von Ian McEwan und kommt zum Ergebnis, dass der britische Autor da am besten ist, wo er seine eigene Lust an der Manipulation auch auf der Erzählebene untersucht, nämlich in seinem Roman "Abbitte". Daniel Finn denkt über irischen Republikanismus bzw. den Mangel daran nach. Thomas Jones schreibt über das Erdbeben in den Abruzzen, seinen Weinkeller und Plato Höhle. Peter Campbell sieht sich die Isa-Genzken-Ausstellung in der Londoner Whitechapel Gallery an.

Magazinrundschau vom 07.04.2009 - London Review of Books

John Lanchester ist am 19. März 2009, nach fast zweihundert Jahren Theoriebildung zum realistischen Roman, ein Licht aufgegangen: "Stendhal sagte, der Roman sei 'ein Spiegel, den man eine Straße hinunterträgt'. Obwohl dieser Vergleich allgemein als meisterhafte Zusammenfassung des Realismus-Projekts in der Literatur gilt, habe ich immer dazu tendiert, ihn arg buchstäblich zu nehmen. Wieviel würde der Spiegel eigentlich zeigen? Käme es nicht sehr darauf an, wie groß er ist? Wer sieht hinein in den Spiegel? Und würde derjenige nicht eher recht wenig sehen? Ist die Romanautorin die Person, die den Spiegel trägt - oder steht sie am Straßenrand und blickt in den Spiegel? Aber wäre sie da nicht etwas sehr passiv, schließlich soll es doch ihr Roman sein? Würde der Winkel des Spiegels sich ändern, so dass man mehr sehen kann von dem, was passiert? Wir können uns jetzt alle beruhigen. Es ist endlich klar, dass Stendhal eigentlich sagen wollte: Der Roman ist sowas ähnliches wie Google Street View."

Außerdem in einer sehr interessanten Ausgabe: Der Pakistan-Korrespondent Graham Usher berichtet über den wachsenden Einfluss Indiens in den USA - und die hoch problematischen Auswirkungen auf die Entwicklung in Afghanistan. Michael Wood hat im Kino Tom Tykwers Film "The International" gesehen und mag als einer der ganz wenigen Kritiker die Schießerei im Guggenheim-Museum gar nicht - deutlich besser gefällt ihm Tony Gilroys "Duplicity". Der Historiker Christopher Clark bespricht Fabrice d'Almeidas Buch über "Die High Society im Dritten Reich".

Magazinrundschau vom 24.02.2009 - London Review of Books

Nicht einmal in der Ersten Republik, schreibt der Marxist und Historiker Perry Anderson, hat Italien ein solches Ausmaß an Habsucht, Ungerechtigkeit und Verwahrlosung erlebt, wie heute. Und daran, das macht Anderson sehr deutlich, ist nicht Berlusconi Schuld, sondern die Gier der ganzen politischen Klasse: "Der Quirinale, in dem der Präsident residiert - derzeit Giorgio Napolitano, bis gestern ein prominenter Kommunist, undurchdringlich wie seine Vorgänger -, stellte zuletzt 900 Diener in Rechnung. Die Kosten des präsidialen Establishment, die sich seit 1986 verdreifacht haben? Doppelt so hoch wie die des Elysee-Palasts, viermal so viel wie der Buckingham Palast, acht Mal so viel wie der deutsche Präsident... 2007 hatte Italien nicht weniger als 547.215 Dienstwagen - für eine regierende Klasse von 180.000 gewählten Repräsentanten; Frankreich hat 65.000 Limousinen. Sicherheit? Berlusconi gibt mit 81 Bodyguards auf Staatskosten ein Beispiel. Nach einigen Schätzungen entsprechen die Ausgaben für politische Repräsentation in Italien denen von Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Spanien zusammen. Unter dieser Kruste von Privilegien lebt jeder vierte Italiener in Armut."

Magazinrundschau vom 27.01.2009 - London Review of Books

Der US-Nahost-Experte Henry Siegman (hier ein kritischer Artikel zu Siegman) sieht die Schuld am Gaza-Krieg fast ausschließlich auf der israelischen Seite und erläutert in seinem Artikel, warum Verhandlungen mit der Hamas nicht nur möglich, sondern unbedingt notwendig sind. Und er warnt Barack Obama: "Wenn Barack Obama einen erfahrenen Nahost-Vermittler wählt, der an der Idee festhält, dass Außenstehende auf eigene Vorschläge für ein gerechtes und dauerhaftes Friedensabkommen verzichten sollten; wenn er darauf verzichtet, Druck auszuüben und es beiden Parteien überlässt, ihre Differenzen untereinander auszutragen - dann wird er sich einen palästinensischen Widerstand einhandeln, der noch viel extremer ist als die Hamas. Dieser Widerstand wird sich dann wirklich mit Al-Quaida verbünden... Vielleicht glauben ein paar Israelis, darunter die Anführer der Siedlerbewegung, dass ihnen das nützt, da die Regierung dann einen Vorwand hätte, am Anspruch auf ganz Palästina festzuhalten. Diese Illusion würde freilich das Ende Israels als jüdischer und demokratischer Staat bedeuten."

Außerdem gibt es ein Online-Only-Spezial zum Gaza-Krieg. Es schreiben unter anderem Tariq Ali, Michael Wood und Alastaire Crooke. Durchweg wird die israelische Seite scharf verurteilt.

Weitere Artikel: Colm Toibin bespricht Sheila Rowbothams Biografie des schwulen sozialistischen Autors Edward Carpenters, Peter Campbell hat die Ausstellung "Darwin Big Idea" im Londoner Natural History Museum besucht. Paul Myerscough liefert einen Erfahrungsbericht vom Pokern. John Lanchester schreibt zur Woolworths-Pleite.

Magazinrundschau vom 23.12.2008 - London Review of Books

John Lanchester widmet sich der Welt des Computerspiels, zu der er erst einmal feststellt, dass sie weiten Teilen der gebildeten Bürger komplett unbekannt ist. Und das, obwohl in den Verkäufen das Videospiel die Musik und das Kino gerade überholt. Auch andere Vergleiche sind interessant: "Die Videospiele sind ein viel widerständigeres, frustrierenderes Medium als ihre kulturellen Wettbewerber. Die älteren Medien haben die Idee, dass Schwierigkeit eine Tugend ist, weitgehend aufgegeben; ja, wenn ich eine hoch-kulturelle Vorstellung nennen sollte, die in der Zeit meines Erwachsenenlebens gestorben ist, dann wäre das die Idee, dass Schwierigkeit künstlerisch wünschenswert ist. Es scheint mir doch eine gewisse Ironie darin zu liegen, dass das Schwierige im jüngsten aller Medien eine solche Renaissance erlebt - und es ist keineswegs ein Zufall. Eine der am häufigsten gehörten Beschwerden von Gamern, wenn sie über Neuerscheinungen schreiben, lautet: das ist zu leicht. (Wäre eigentlich schön, wenn ein wenig von diesem Ethos in die Buchwelt hinüberschwappte.)"

Weitere Artikel: Die Romanautorin Hilary Mantel erinnert sich an ihre Zeit im saudi-arabischen Jeddah vor fünfundzwanzig Jahren. Sara Roy schildert die Lage im Gaza-Streifen, Adam Shatz kommentiert die Unruhen in Griechenland. Besprochen werden John Updikes Roman-Sequel "The Widows of Eastwick" und Gus van Sants neuer Film "Milk".

Magazinrundschau vom 16.12.2008 - London Review of Books

In der "Tagebuch"-Rubrik schildert der Schriftsteller Tariq Ali nüchtern empörende Fälle von "Ehrenmorden" in Pakistan. Am Ende des Textes erfährt man, wie nahe ihn das angeht: "In der letzten Oktoberwoche wurde die Enkelin meines Onkels, Zainab, von ihren beiden Brüdern Inam und Hamza Ahmed erschossen. Sie war gerade achtzehn Jahre alt. Offenbar hatte Zainab einen Liebhaber und weigerte sich trotz mehrerer Warnungen, die Beziehung zu beenden. Sie telefonierte gerade im Haus ihres Großvaters, als ihre Brüder ihr sieben Kugeln in den Leib jagten. Ich weiß nicht, ob ihre Mutter, die ich zuletzt sah, als sie zehn Jahre alt war, an dem Mord beteiligt war. Ich finde es aber auf jeden Fall schockierend, dass mein Onkel die Beerdigung der Leiche am selben Tag zuließ, ohne wenigstens darauf zu bestehen, dass ein 'First Information Report' [die Voraussetzung für die Einleitung einer Untersuchung, PT] an die örtliche Polizeistation übermittelt wurde - von einer Autopsie ganz zu schweigen."

Weitere Artikel: Unter der Überschrift "Amerika gesteht die Niederlage ein" informiert Patrick Cockburn über einen Ende November vom irakischen Parlament verabschiedeten Beschluss : Er sieht vor, dass die "USA ihre 150.000 Soldaten bis Ende Juni nächsten Jahres aus irakischen Städten und Dörfern abziehen und sich bis Ende 2011 völlig aus dem Irak zurückziehen." Daniel Soar kommentiert englischsprachige Jahresend-Bücherbestenlisten. Besprochen werden die große "Babylon"-Ausstellung im British Museum und eine Biografie der Tänzerin und John-Maynard-Keynes-Gattin Lydia Lopokova.

Magazinrundschau vom 02.12.2008 - London Review of Books

Neal Ascherson, Autor eines großen Buchs über die Schwarzmeerregion, ist in das offiziell zu Georgien gehörende Abchasien gereist, über das man im Westen wenig weiß. Anders als die Südosseten, die wohl eher zu Russland wollen, würden die Abchasen einen eigenen Staat bevorzugen, seit sie 1992/93 die Georgier - mehr als 50 Prozent der Bevölkerung - vertrieben haben. Ascherson plädiert dafür, dass die EU solche Unabhängigkeitsbestrebungen unterstützt. Er vergleicht den Konflikt überraschenderweise nicht mit Nordirland, sondern mit der Oder-Neiße-Grenze: "Jahrzehntelang war klar, dass jeder, der die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie auch nur in Erwähnung zog, politischen Selbstmord beging. Das westdeutsche Fernsehen brachte den Wetterbericht, wolkig oder sonnig, für Schlesien genauso wie für Bayern. Öffentlich unterstützten die Alliierten diese Position nach Kräften. Unter der Hand gab jeder französische oder britische Diplomat zu, dass dies furchtbar und wirklichkeitsfremd war. Aber genau das haben sie daran geschätzt. Ein Westdeutschland, das so fest an dieses unmögliche Dogma gebunden war, wäre niemals in der Lage, einen Handel mit der Sowjetunion abzuschließen, etwa Wiedervereinigung gegen Austritt aus der Nato. Erst in den 70er Jahren entschloss sich Willy Brandt, das Land aus dieser Falle hinauszuführen, indem er die territorialen Ergebnisse des Krieges und die neuen Grenzen anerkannte."

Weitere Artikel: Donald MacKenzie erzählt, wie man einen Hedgefonds gründet. Mahmood Mamdani versucht zu erklären, warum Simbabwes Diktator Robert Mugabe von seinem Volk weniger gehasst wird, als er es eigentlich verdient. Der griffigen Schlagwortkunst des Malcolm Gladwell ("Blink") nähert sich Thomas Jones mit Blick auf dessen neues Buch "Outliers: The Story of Success". Besprochen werden Steve Colls Geschichte der "Bin Ladins" und Jean-Luc Godards nun auch auf englischsprachiger DVD greifbare "Histoire(s) du cinema".

Magazinrundschau vom 18.11.2008 - London Review of Books

Exklusiv online will Slavoj Zizek nicht in die Obama-Skepsis radikaler Linker - oder gar Rechter - einstimmen und erklärt, warum sich da mal wieder die Naivität der Zyniker zeigt: "Der typische Zyniker wird dir zuflüstern: 'Aber siehst du denn nicht, dass es nur um Geld/Macht/Sex geht, dass alle Bekenntnisse zu Prinzipien und Werte nichts als leere Phrasen sind?' Was der Zyniker nicht erkennt, ist seine eigene Naivität, die Naivität der zynischen Weisheit, die nämlich die Macht von Illusionen einfach nicht begreift. Der Grund, warum der Sieg Obamas einen solchen Enthusiasmus auslöste, ist nicht nur der, dass er, wider alle Wahrscheinlichkeit, gelang: vielmehr führte er vor allem vor Augen, dass dergleichen wirklich möglich ist."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller und Chefredakteur von n+1 Keith Gessen, der mit seiner Großmutter in Moskau lebt, schildert, wie die Finanzkrise nun Russland erreicht. Michael Wood hat insgesamt, wenngleich nicht immer im Detail, fasziniert die Edition von Franz Kafkas während seiner beruflichen Tätigkeit für eine Prager Versicherung angefertigten Schriften gelesen. Besprochen werden unter anderem zwei CDs mit Audio-Aufnahmen britischer Autoren - Andrew O'Hagan ist schockiert zu hören, dass Arthur Conan Doyle so ganz und gar nach Gordon Brown klingt. In einer Online-Vorabveröffentlichung schreibt der Autor Tim Parks über "Gomorra", das Buch - das ihn überzeugt hat -, und über "Gomorra", den Film - der ihn enttäuscht.