Magazinrundschau - Archiv

Merkur

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Magazinrundschau vom 02.04.2013 - Merkur

In seiner aktuellen Ausgabe versammelt der Merkur mehrere Artikel zum Themenspektrum Nachrichten, Handel und Verkehr. Lothar Müller blickt dabei auf die Anfänge der Zeitung zurück und sieht ihren heißen Kern in der durch die Reichspost ermöglichte Verschmelzung aus Aktualität, Periodizität und Universalität: "Die Druckerpresse allein war nicht in der Lage, ein Gebilde wie die Zeitung hervorzubringen. Es dauerte nach Gutenberg noch gut 150 Jahre, bis um 1605 in Straßburg mit der Relation des Johannes Carolus die erste gedruckte Zeitung auf den Markt kam. In diesen 150 Jahren hatte sich, zum Nutzen nicht nur der Kaufleute, sondern auch der Humanisten, deren Korrespondenzen ihre Bücher weitläufig umspülten, die moderne Infrastruktur des Postwesens in Deutschland entwickelt."

Außerdem untersucht Niels P. Petersson, welche Rolle die Schifffahrt für die Globalisierung spielte. Und Wolfgang Hagen überlegt, ob das Internet nicht eher dem Buch als den Massenmedien vergleichbar sei: "Alle seine Inhalte sind - idealiter - gleich weit entfernt."

Magazinrundschau vom 05.03.2013 - Merkur

Helmut König huldigt den großen Dissidenten der Geschichte, denen hierzulande oft genug mit Misstrauen begegnet wird. Zwar ist auch König nicht immer einverstanden mit ihrer Ablehnung der Politik, aber dass sie die Moral über eine ökonomische Kosten-Nutzen-Analyse setzen und gegen die Logik des kleineren Übels, das macht ihre Größe aus: "Sie können und wollen nicht mit jemandem zusammenleben, der sich an Verbrechen und an Unrecht beteiligt hat. Lieber nehmen sie in Kauf, dass ihnen Unrecht angetan wird, und sie ziehen es vor, mit der ganzen Gesellschaft uneins zu sein statt mit sich selbst. Das ist das Prinzip des Handelns, dem sie folgen. Diese Übereinstimmung mit sich selbst verleiht ihnen ihre Stärke und Unabhängigkeit, das Gefühl von Würde und Stolz und eine tiefe innere Befriedigung. Darin liegt der einzige Erfolg, der einzige Nutzen, der mit moralischem Handeln verbunden ist."

Weiteres: Auf Joachim Rohloffs Text zu Frank Schirrmachers nachlässigem Sprachgebrauch haben wir schon in der Feuilletonrundschau hingewiesen. Die Print-Ausgabe übernimmt Martha Nussbaums Essay über Katherine Boos Indien-Reportage "Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben" (hier das englische Original aus dem TLS). Thomas E. Schmidt schreibt über Angela Merkels Politikstil.

Magazinrundschau vom 08.01.2013 - Merkur

Der Schriftsteller Chaim Noll will von einem Arabischen Frühling nichts wissen, er sieht vielmehr einen Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Großmächten Iran und Saudi-Arabien ausgetragen, in den sich nun auch Katar eingeschaltet hat: "Der Emir von Katar war maßgeblich am Sturz des libyschen Gaddafi-Regimes beteiligt, indem er neben der medialen auch zur direkten militärischen Einwirkung beitrug und als einer der ersten islamischen Herrscher Kampfflugzeuge für den gemeinsamen Einsatz von Nato und Arabischer Liga zur Verfügung stellte. Katar brach auch als erstes Land die diplomatischen Beziehungen zum Assad-Regime in Syrien ab und gab damit das Signal zum Sturz dieses entscheidenden Alliierten des regionalen Gegners, des schiitischen Iran. 2011 löste Katar große Überraschung aus, als das Emirat dem durch Sabotage der Erdgasleitungen aus dem Sinai zeitweilig von Energieknappheit bedrohten Israel seine eigenen Erdgasreserven anbot. Neuerdings wendet der geldschwere Golfstaat sein Interesse der Hamas in Gaza zu, die durch den ökonomischen Verfall des Iran in finanzielle Schwierigkeiten geraten und damit - so das Kalkül - reif für eine sunnitische Übernahme ist."

Außerdem plädiert der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe angesichts wachsender Inflationsgefahr und eines "im Grunde bereits zerbrochenen Euro-Systems" für die Rückkehr zur D-Mark. Im Print fürchtet der Historiker Eli Zaretsky um die Zukunft der amerikanischen Linke, die wahrscheinlich nicht ganz so glorreich sein wird wie ihre Vergangenheit.

Magazinrundschau vom 04.12.2012 - Merkur

Nach Ausgaben ohne eine einzige Autorin, gönnt sich der Merkur im Dezember eine Ausgabe ganz ohne Autoren, und das ganz ohne Frauenthemen oder Niveauverlust!

Hannelore Schlaffer wünscht sich als Ergänzung zur Ideengeschichte eine Körpergeschichte des Intellektuellen, denn auf äußerliche Abweichung legte der kritische Geist einmal großen Wert, wie Schlaffer Diderots Satire "Rameaus Neffe" entnimmt. "Seine Eleganz ist die Schlamperei, und diese der Ausdruck einer Wahrhaftigkeit, die beim Körper beginnt. Damit brüskiert er selbst die Nonchalance, die sich große Herren leisten dürfen, indem er einen Stil einführt, der einen überlegenen Esprit zur Anschauung bringt. Rauheit der Stoffe, Nachlässigkeit des Schnitts, Fablosigkeit, Ungepflegtheit dienen seit Rameaus Neffen den Anhängern der 'wahren Natur' als Zeichen, an denen sie sich erkennen. Sie verachten glänzende Stoffe, die Aura des aristokratischen Reichtums, und die gute Fasson, die die Figur zur Statue, dem traditionellen Vorbild männlicher Schönheit macht."

Stefanie Peter erzählt, wie Polen sich von einem weiteren liebgewonnen Mythos verabschiedet, dem der aristokratischen Vergangenheit. Aus der unzerstörbaren Adelsrepublik wird wieder ein Land der Bauern, wie sie unter anderem in der gazeta Wyborcza gelernt hat, in einem Interview mit den Warschauer Soziologen Jacek Wasilewski, "in dem dieser darauf hinweist, dass die polnische Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg vorwiegend aus Bauern bestand: 'Von denen kommen wir her', sagt Wasilewski, 'nicht von den Czartoryskis, Radziwiłłs oder den herausragenden Vertretern der Krakauer oder Warschauer Intelligenz'."

Julia Voss erinnert an die NS-Ausstellung "Entwartete Kunst" und ihre zum Teil sehr unerwarteten Folgen für die moderne Kunst in der Bundesrepublik.

Magazinrundschau vom 06.11.2012 - Merkur

Die Architektur der 50er Jahre hat sich mittlerweile erfolgreich rehabilitiert, auf weniger Sympathie stoßen die Megabauten der 60er und 70er Jahre. Der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt bricht im wohl ersten bebilderten Artikel des Merkurs (der leider nicht online steht), eine Lanze für Großsiedlungen, Sichtbeton und die "robuste Poesie" des Brutalismus: Was Architekten wie Gottfried Böhm mit seinen Bauten aus den sechziger Jahren, Kirchen und Rathausburgen in Bensberg oder Bocholt, Rolf Gutbrod mit seinen Universitätsbauten in Köln oder das Team der Bielefelder Universitätsplaner im Sinn hatten, war eine Ästhetik der größeren Sinnlichkeit, der tastbaren, körnigen Gebäudehäute, der stärkeren Körperhaftigkeit. Gegenüber ihrer desolaten Umgebung behaupteten solche bildstarke Schöpfungen eigensinnig ihre Sonderexistenz, schlossen sich trotzig ab, boten jedoch Zuflucht in ihren Leibeshöhlen. Der selbstbewusste Auftritt solcher Monumente ließ auf ein entsprechendes Selbstvertrauen der Urheber schließen."

Außerdem verteidigt der schwedische Autor Steve Sem-Sandberg die fiktive Holocaust-Literatur gegen die Verfechter der Authentizität. Konrad Adam schreibt über Leistung.

Magazinrundschau vom 18.09.2012 - Merkur

Das Doppelheft des Merkurs widmet sich dem allseits herangezogenen Experten. In der Finanzwirtschaft, erklärt der Ökonom Michael Streeck, ist ein Experte jemand, der in keiner Notregierung mehr fehlen darf - und im Dienst von Goldmann Sachs steht: Larry Summers, Robert Rubin und Hank Paulsen in den USA, in Europa Lucas Papademos, Mario Draghi und Mario Monti: "Die Böcke als Gärtner und die Brandstifter als Biedermänner? Ist das, was sie angerichtet haben, tatsächlich derart, dass nur sie es wieder entwirren können? Oder ist, was als Rettung deklariert wird, in Wirklichkeit eine Schlüsselübergabe an übermächtig gewordene Belagerer, verbunden mit ergebenen Bitten um milde Behandlung? Es trifft zu, dass die meisten nicht durchschauen, was die 'Super-Marios' treiben - ob sie uns 'retten' wollen oder die, denen sie nahestehen, und ob sie tatsächlich dem Abschöpfen abgeschworen und sich dem Wertschöpfen zugewandt haben. Da es um Geld geht - um Kredite, Zentralbanken, Leistungsbilanzen usw. -, lässt sich die Sache nur allzu leicht durch Verwissenschaftlichung mystifizieren: viel zu kompliziert für Otto Normalverbraucher, mit seiner drei minus in Mathe. So viel von Harvard, Columbia e tutti quanti zertifizierte Brillanz kann nur bewirken, dass man sich geradezu lächerlich vorkäme, wenn man gegen sie auf dem eigenen gesunden Menschenverstand bestünde."

Ekkehard Knörer denkt sehr grundsätzlich darüber nach, wie sich mit dem Medienwandel auch die Position des Kritikers verändert. Eine Demokratisierung der Kritik droht seiner Ansicht aber ebenso wenig wie ein allgemeiner Niveauverlust: "Allerdings multipliziert und fragmentiert sich die Öffentlichkeit endgültig zu Öffentlichkeiten, der Kanonkonsens zu Wertegemeinschaften mit untereinander nicht vereinbaren Urteilskoordinaten. Die Tätigkeit der Kritik wird dabei nun klarer erkennbar als das, was sie stets war: ein Sprachspiel, in dem einzelne in Expertenfunktion Urteile fällen, die klingen, als gälten sie für die Allgemeinheit."

Weiteres: Christian Demand erkennt in der Architekturkritik eine Tendenz zur "bürgerlichen Bausündenschelte" und plädiert für eine ästhetische Erziehung, die lehrt, "die Welt auch dort auszuhalten, wo sie sich den eigenen ästhetischen Präferenzen gerade nicht fügen will". Rudolf Burger befasst sich mit der Futurologie der siebziger Jahre.

Magazinrundschau vom 31.07.2012 - Merkur

Rainald Goetz hat als Heiner-Müller-Gastprofessor an der FU eine Schreibwerkstatt geleitet, Jan Kedves hat daran teilgenommen - oder sich eingeschmuggelt? - und kann von einem Clash der Kulturen berichten: "Goetz sagt: 'Die Arbeit des Schreibens ist dazu da, alles, was im Ich ist, zu widerlegen.' Nur wer viel lese und sich vom Gelesenen wieder freimache, könne Schreiben lernen: 'Lesen ist das Wichtigste. Lesen ist Ich-Auflösung, Ich-Aufgabe.' Dann fragt Goetz reihum ins Plenum: 'Warum wollen Sie Schriftsteller werden? Und nicht Lektor, Journalist oder was anderes?' Eine Aufforderung zum Hosen-Runterlassen, hier und sofort. Ist das zu brutal? Goetz selbst zögert: 'Wenn Sie das als richtige Zumutung empfinden, können Sie natürlich auch an Ihren Nachbarn weitergeben - aber Sie sollten sich von der Frage eigentlich angesprochen fühlen!' Eine Studentin traut sich: 'Ich finde faszinierend, was man mit Sprache alles machen kann. Und wir werden immer Geschichten brauchen, deswegen finde ich, ist Schriftsteller ein sinnvollerer Beruf als Immobilienmakler.' Goetz fasst es nicht: 'Nein ...!'"

Weiteres: Timothy Snyder bespricht Paul Prestons "Der spanische Holocaust" (hier das englische Original aus The New Republic). Helmut König macht sich daran, die Bundesrepublik als Philosophiegeschichte zu schreiben. Grob umrissen ließe sich sagen: "Die erste Hälfte der (alten) Bundesrepublik ist Hermeneutik, die zweite Hälfte ist Ideologiekritik. Danach wird es allerdings schwierig." Und der Jurist Horst Meier verhandelt den Fall vom Hausverbot für NPD-Politiker in Hotels.

Magazinrundschau vom 03.07.2012 - Merkur

Thomas E. Schmidt schickt einen gewaltigen Stoßseufzer in den Politikhimmel: Angela Merkel, die nüchterne, ideologielose Physikerin hat nicht nur die Rechts-links-Kulturkämpfe beendet, sie hat das ganze Land sediert. Seither herrscht Langeweile: "Nachdem sie es eine Zeitlang anders versucht hatten, sind sie heute die Meister in der Kalibrierung des Normalzustands. Keine Haupt- und Staatsaktionen, keine politischen Umschwünge, die das Volk und die Verbündeten seekrank zu machen drohen, keine die politische Moral bis ins Mark zerfressenden Skandale, kein machtbewusstes Auftrumpfen auf offener Bühne. Aber auch keine Grandeur, keine nationalen Aufschwünge, kein atemberaubendes Machttheater, keine Siegertypen. In dieser Hinsicht nichts oder nur stümperhafte Versuche."

Marc Schweska unternimmt eine kleine Phänomenologie der Farbe Grau: "Eine Feier der Schönheit von Grau ist beinahe undenkbar, eher eine Ästhetik seiner Hässlichkeit. Wer erinnert sich nicht an den grauen Ostblock, dessen Antikonsumismus sich im Übermaß der Farbe Grau darstellte. Diesen Eindruck gaben zahlreiche Augenzeugen beiderseits des Eisernen Vorhangs wieder, der ebenfalls grau war. Unstrittig ist, dass die Zweite Welt den Untergang allein aufgrund ihrer Grauheit verdient hatte."

Magazinrundschau vom 05.06.2012 - Merkur

Der Schriftsteller Thomas Hettche umkreist zaghaft das Soldatische, das sich bei uns nur in der verdrucksten Form von Bundeswehr-Gedenkstätten niederschlägt. Er sucht nach einer ethischen und ästhetischen Praxis bei Ernst Jünger und findet sie im Pergamon-Altar: "Dieser Fries ist eine Schlachtbeschreibung, eine höchst propagandistische sogar, denn der Sieg der Olympier ist unzweifelhaft und schön, aber dennoch lässt seine Kunst jenen Raum für das Leid des Sterbens in einem Krieg. Wobei am erstaunlichsten wohl ist, dass diese Darstellung nicht einfach Mitleid für die Sterbenden zu wecken versteht und es dem Betrachter damit leicht macht, sich auf die Seite der Opfer zu schlagen, sondern dass dieser Fries uns zugleich, im selben Moment, die Schönheit der Sieger zeigt und uns so mitschuldig werden lässt."

Sehr intensiv, aber sehr kritisch setzt sich Remigius Bunia mit David Graebers gerade hoch im Diskurs stehender Schrift "Schulden" auseinander. "Denn für ihn sind Staat, Geld und Markt sekundäre Phänomene, die nur unter bestimmten Bedingungen aufkommen und auf die Gesellschaften immer wieder verzichtet haben. Primär ist nur zweierlei: Gewalt und Schulden."

Magazinrundschau vom 01.05.2012 - Merkur

In einem fundierten Beitrag trägt Beatle Rössler, Professorin für praktische Philosophie in Amsterdam, die moralischen, statistischen und rechtlichen Argumente für die Frauenquote zusammen. Dass trotz der aus ihrer Sicht eindeutigen Benachteiligung von Frauen viele jüngere Frauen (wie Familienministerin Kristina Schröder) die Quote ablehnen, führt Rössler auf "das Selbstmissverständnis" einer Generation von Frauen zurück, die in der Illusion von Gleichberechtigung aufgewachsen sei. Tatsächlich ist die Diskriminierung allgegenwärtig, wie auch Rössler erst kürzlich wieder feststellen musste: "Während ich Material sammle, Aufsätze und Statistiken lese, im Internet nach neueren europäischen Rechtsentwicklungen zum Thema Quotierung suche, fällt mir der neue Merkur in die Hände, vom Februar 2012. Die Autoren: nur Männer. Das ist natürlich nicht sonderlich komisch. Ist es Zufall, wenn in Zeitschriften mit sehr allgemeiner Thematik ('Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken') nur männliche Autoren schreiben?"

Der Soziologe Stefan Schulz überlegt, ob die Piratenpartei ihre politischen Ziele nicht eher erreichen könnte, wenn sie hierarchisch wie eine klassische Partei aufgebaut wäre: "Für Mitglieder der Piratenpartei liest sich das wie ein Kulturverrat. Ist es doch gerade Offenheit und Zugänglichkeit für jedermann, was die Partei ausmacht und von allen anderen Parteien unterscheidet. Doch müssen sich die Mitglieder der Partei entscheiden, ob sie ihre Themen basisdemokratisch innerhalb der Parteiorganisation oder machtpolitisch in der Gesellschaft diskutieren wollen. Das Letztere erfordert Strategie und Planung, also die bewusste Limitierung, den Verzicht auf Potentiale und die arbeitsteilige Bündelung von Engagement zugunsten weniger, aber zielsicherer Aktionen. Die Piratenpartei müsste ihre rationalen und technologiegestützten Prinzipien der Wissensakkumulation und Mehrheitenmathematik aufweichen und dafür das Spiel der Massenmediendemokratie mitspielen."

In der Internetkolumne kritisiert Kathrin Passig die Berichterstattung über die Selftracking-Plattform quantifiedself.org, bietet einen kurzen Abriss der empirischen Selbstbeobachtung und stellt fest, dass es die verschiedensten Gründe gibt, sein Freizeitverhalten statistisch auszuwerten: "Letztlich ist es ein aufklärerischer Gedanke: Habe Mut, dich deiner eigenen Daten zu bedienen."