Magazinrundschau - Archiv

Merkur

240 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 24

Magazinrundschau vom 03.04.2012 - Merkur

Michael Maar verleiht noch einmal sehr wortgewaltig seiner Bewunderung für Wolfgang Herrndorfs Agenten-Wüsten-Roman "Sand" Ausdruck, dem er immerhind eine gute Nachricht entnimmt: "Es gibt eine Reststrahlung von Empathie in der Kälte des Alls. Herrndorf hat den größten, grausigsten, komischsten und klügsten Roman der letzten Dekade geschrieben. Er ist aimable; und sein Werk wird bleiben."

Der Rechtsanwalt Benno Heussen sieht Europa als Fusionsprojekt ähnlich scheitern wie Daimler-Chrysler. Vor allem wird es ihm zu kostspielig: "Europa muss die Stiere bändigen. Aber der Friede darf am Ende nicht teurer bezahlt werden als der Krieg. Darüber müssen wir in allen Zungen sprechen. Auch auf Griechisch."

Außerdem stimmt Ralph Bollmann ein Lob der Bürokratie an, Rosten Woo widmet sich der Architektur des Raumanzugs, und Adam Krzeminksi erinnert an Fürst Adam Czartoryski.

Magazinrundschau vom 06.03.2012 - Merkur

Stephan Wackwitz, seit dem Herbst für das Goethe-Institut in Tiflis, flaniert durch die Stadt und erlebt in einem Vergnügungspark, wie poetisch und absurd zugleich sie ist: "Das Absurde in freundlich-produktiver Koexistenz mit dem Poetischen ist ja die Denkform und Zentralmetapher der Filme Federico Fellinis in den frühen sechziger Jahren gewesen: zu einer Zeit, in der Italien etwa in derselben Weise zwischen Mittelalter und Moderne stand wie Georgien heute. Es waren die Sonne, die Zypressen, die ordinären oder madonnenhaften Frauen in Fellinis '8 1/2', die mir hier in Tbilissi wieder erschienen, die Nächte und Leuchtreklamen, die nächtlichen Treppen, Terrassen, Ruinen und Brunnen in 'La Dolce Vita'. Schönheitskult und Schafherden."

Christoph Kappes, Blogger und Internetunternehmer, gibt Entwarnung angesichts der, auch von Eli Pariser geschürten, Furcht vor der "Filter Bubble", in die uns Google zu umhüllen drohe. Gefiltert wird immer, auch offline, meint Kappes, und angesichts der Potenzierung von Informationen im Internet muss es dies erst recht: "Wer in Schwabing oder Blankenese wohnt, hat bald ein anderes Bild von der Welt als Cindy aus Marzahn. So wie jede Entscheidung Selektion ist, ist jede Entscheidung, die Situation nicht zu verändern, ein Schritt in die eigene 'Bubble'. Bemerkenswert ist nur, dass wir bei Onlinemaschinen mit Entsetzen 'Bubble!' rufen, während wir uns selbst in unserem Offlinekokon gut eingesponnen haben. Der Mensch verliert die Fähigkeit zu unterscheiden, wenn er zu lange nur auf Gegenstände und Routinen sieht, die sich nicht unterscheiden."

Magazinrundschau vom 10.01.2012 - Merkur

Der in der Schweiz lebende russische Schriftsteller Michail Schischkin erzählt von den beglückenden oder erschütternden Erfahrung, die man beim Überschreiten von Grenzen machen kann. Er zum Beispiel sei Russland immer näher gekommen, je weiter er weggegangen sei: "Ich dolmetschte die Befragungen der Flüchtlinge aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Geschichten, die nicht schrecklich sind, gab es da nicht. Ich war in die Schweiz ausgereist und im Epizentrum des russischen Schmerzes gelandet."

Wenn Europa nicht auseinanderbrechen soll, muss Deutschland die Hegemonie übernehmen, meint der Konstanzer Jurist Christoph Schönberger, aber diesmal bitte etwas umsichtiger: "Die Hegemonie in der Europäischen Union fordert von den deutschen Eliten und der deutschen Öffentlichkeit im Grunde etwas, das Deutschlands Lage in der Mitte Europas von ihnen schon immer verlangt hat: den Verzicht auf nationale Introvertiertheit; die aufmerksame Kenntnis, Beobachtung und Beeinflussung der europäischen Nachbarn; die Definition des eigenen Interesses unter Einbeziehung der Interessenlage der Partner; das Voraus- und Mitdenken für Europa insgesamt."

Außerdem: Rainer Hank plädiert für eine selbstbewusste Kleinstaaterei und gegen den Euro. Ekkehard Knörer liest Walter Boehlich. Auf Christian Demands programmatischen "Blick zurück nach vorn" haben wir bereits in der Feuilletonrundschau hingewiesen.

Magazinrundschau vom 29.11.2011 - Merkur

Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel verabschieden sich vom Merkur. In ihrem letzten gemeinsamen Heft blicken sie auf die fast drei Jahrzehnte zurück, in denen sie das Land Ästhetik und Politik lehrten.

Bohrer zum Beispiel in seinem ersten programmatischen Essay: "Dieser Aufsatz mit dem Titel 'Die Ästhetik des Staates' hatte als Motto einen Satz von Albert Camus: 'Kein Volk kann außerhalb der Schönheit leben.' Das war durchaus polemisch gedacht, denn mir schien, dass diese bundesrepublikanische Gesellschaft, vor allem ihre Intelligenz, in der Tat außerhalb des Camusschen Prinzips lebte. Und so war der Aufsatz auch eine ironisch-utopische Parabel über 'Opulenz, Provinzialität und Konformismus' der alten Bundesrepublik und gipfelte in einer Charakteristik des grünen Milieus der berühmt gewordenen Reformuniversität Bielefeld."

Scheel schreibt über seine Arbeit am Text und am Autor: "Ich wollte unbedingt diesem Kreis edler Menschen angehören, das war meine 'Gesellschaft vom Turm' - und ich musste nun schmerzlich erfahren: Je mehr man einen Autor bewundert, umso frustrierender ist es, ihm nahezukommen. Es gibt Ausnahmen, die schönste in meinem Merkur-Leben war Robert Gernhardt... Merke: Geschätzte Autoren soll man lesen, aber nicht berühren."

Außerdem: Kathrin Passig geht der Frage nach, warum sich viele Zeitungen so schwer damit tun, ihre Artikel kommentieren zu lassen. Michael Rutschky widmet sich Fragen des erzählerischen Standpunkts von Tageszeitungsjournalisten. Jonathan Keates ergründet das Engländertum.

Magazinrundschau vom 01.11.2011 - Merkur

Thomas E. Schmidt erkundet, wie die Grünen die Natur in die politische Kultur zurückgebracht haben, auch in Form eines mit der Zeit sublimierten Rousseauismus: "Das Subjekt der Natürlichkeit, der politischen Versöhnung mit Natur, kann keine privilegierte Klasse mehr sein, die im historischen Prozess dialektische Widersprüche der Gesellschaft aufhebt. Das muss nun der Einzelne in der demokratischen Kultur tun. Der Grüne ist klassenlos. Und er dementiert die Analyse Leo Strauss? in Naturrecht und Geschichte, wonach der Eintritt des natürlichen Menschen in die Politiksphäre den Staat revolutioniere. Der Grüne wird also Parteipolitiker. Seine Losung bleibt jedoch: Wo Bürger war, soll Mensch werden. Nicht republikanische Tugend sorgt dafür, sondern Subjektivität und Engagement."

In seiner Kolumne zur Bildungssoziologie bezweifelt Jürgen Kaube, dass Schulen kompensieren können, was die Gesellschaft an Ungleichheit und Ungerechtigkeit vorgibt. (Hier eine Reportage aus The Smithonian, die die Erfolge von Finnlands Schulen damit erklärt, dass jeder Schüler als individuelle Herausforderung betrachtet wird).

Magazinrundschau vom 20.09.2011 - Merkur

Das Doppelheft des Merkur besingt in diesem Jahr den Nonkonformisten, die aus "Trotz und Treue" das "Wagnis der Wahrheit" eingehen, wie Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel im Editorial schreiben, und die sie auf keinen Fall mit den geschäftsmäßigen Tabubrechern verwechselt sehen wollen, die "das liberale Juste-milieu in Erregung versetzen, indem sie sich als verwegene Unzeitgemäße geben und eine Lanze für den Papst, den Kommunismus oder irgendeine andere Orthodoxie brechen".

Bisher war der Nonkonformismus eine Domäne des sozialen Aufsteigers und eher in Politik und Wirtschaft als in der Kultur anzutreffen, stellt der Soziologe Heinz Bude fest. Wo sollen also in unserer offenen Gesellschaft diejenigen herkommen, die sich mit der Schließung des Geistes nicht abfinden wollen? "In der Vorstellung sozialer Integration ist das Aufstiegsversprechen für die von unten doch von der Exklusionsdrohung für die in der vollgestopften Mitte abgelöst worden. Da hat aufgrund der unaufhörlich wachsenden Bildungs- und Erwerbsbeteiligung der Frauen die 'liberale Ironikerin' (Richard Rorty) dem männlichen Nonkonformisten schon lange das Wasser abgegraben. Wenn man heute einen existentiellen Nonkonformismus propagiert, tut man das womöglich in Erinnerung an vergangene Zeiten. Die Beweglichen sind genauso von sozialer Angst getrieben wie die Standhaften. Dann zählen nur noch beispielgebende Einzelne, die sich nicht mit der Ausrede zufriedengeben, dass man lieber Institutionen verbessern sollte als Individualitätstypen zu pflegen."

Jörg Lau untersucht verschiedene Typen des Außenseiters, der im Katastrophenfilm seine große Zeit erlebte, aber sehr unsympathische Züge annehmen kann, wenn er sich wie der Unabomber zum apokalyptischen Revolutionär hochstilisiert. Mit dem eher liberalen Naturaposteltum eines Henry David Thoreau kommt Lau besser klar: "Ausgerechnet der Hypermoralist Thoreau schafft ein Gegenbild zum Konzept des Gouvernantenstaats, das in unseren Tagen die politischen Phantasien beflügelt: ein Staat, der die Leute in Ruhe lässt, weil er die individuelle Freiheit als Quelle seiner Legitimität anerkennt − eine Republik der Außenseiter."

Weiteres: Siegfried Kohlhamm stellt klar, dass es Exzentrikern nicht um die Sache geht, sondern um sich selbst. Gerade darin aber liegt ihre Bedeutung: "Die Exzentriker sind nicht die Schöpfer, Urheber oder Bewahrer der Freiheit, sie sind Symptome dafür. Bolz feiert die Kraft des Reaktionärs, "seine Feinde in eine verdummende Wut zu versetzen". Und Gustav Seibt erklärt den Unterschied von Außenseiter und Ausnahmemensch.

Magazinrundschau vom 02.08.2011 - Merkur

Der Hang zu Provinzialismus, naivem Moralaposteltum und Biederkeit steigt in Deutschland, stellt (im pdf) Karl Heinz Bohrer fest. Statt eines "Veranwortungsgefühls über die eigenen Grenzen hinaus" dominiere "ein schwerfällig besserwisserisches Bedachtsein auf den eigenen Vorgarten. Eine Ikone dieses Biedersinns stellt das alltägliche Fangbild der ersten Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dar. Hat noch niemand den Erfindern dieser jeweiligen Motive gesagt, wie abgrundtief albern sie sehr oft sind? Ihr bemühter Witz drückt nämlich genau das provinzielle Unbeteiligtsein am jeweiligen Weltereignis aus. Die angestrengte Spaßigkeit ist pure Spießigkeit. Zur Spaßigkeit als politisches Spießertum passt dann auch eine Überschrift wie Aufstand gegen die Talibahn, womit man den rheinpfälzischen Brückenstreit schmunzelnd annoncierte. Die am gleichen Tage fällige Nachricht vom verheerenden Selbstmordattentat der pakistanischen Taliban wurde als Kurzmeldung auf der ersten Seite angekündigt, wo sämtliche anderen großen europäischen Zeitungen das Thema in größter Berichtsbreite beginnen ließen. Wenn Deutschlands noch immer wichtigste Tageszeitung sich so an ihr Publikum wendet, muss dieses offenbar so sein."

Nur im Print: Der gerade allgegenwärtige Egon Flaig verabschiedet den "Nonsense-Begriff" historisches Trauma.

Magazinrundschau vom 05.04.2011 - Merkur

Der Architekt und Autor Georg Franck untersucht noch einmal die Ökonomie der Aufmerksamkeit, die Prominenz in ungeahnten Dimensionen produziert und die aus Beachtung in einem Maße Kaiptal schlägt, dass Pierre Bourdieu die Waffen strecken würde. "Wer in diesem Geschäft reüssieren will, darf nicht zunächst auf Distinktion aus sein. Für diejenigen, die sich in den Medien um Präsentationszeit und -fläche rangeln, ist heikle Selektivität ein unerschwinglicher Luxus. Aus Sicht der Medienprominenz gehört eine sündhafte Portion Snobismus dazu, den Zuspruch der Massen zu verschmähen. Das Achten auf Distinktion a la Bourdieu würde für sie bedeuten, sich um ihr Bestes zu bringen, nämlich um ihre Popularität. Wer es zu Reichtum gebracht hat, hat dann auch gelernt, was Professionalität in diesem Geschäft heißt. Es kommt nicht darauf an, vornehm zu tun, sondern zu begreifen, dass die Medien nicht nur als Banken, sondern auch als Börsen fungieren. Die Medien investieren: Präsentationsfläche und -zeit; sie nehmen ein: Aufmerksamkeit. Beides, Aufwand und Ertrag, wird gemessen und publiziert."

Außerdem: Jürgen Kaube beklagt statistische, begriffliche und theoretische Beliebigkeit in der Soziologie der Ungleichheit. Hermann Lübbe schreibt im über Geld und Werte. Stephan Wackwitz nähert sich dem New Yorker Hipster. Und Reinhold Schmücker stellt fest, dass es in der Kunst keine Fehler mehr gibt.

Magazinrundschau vom 01.02.2011 - Merkur

Der Mensch sollte sich nicht von der Ökonomie ablenken lassen, meint der Schriftsteller und Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler. Wenn er verhindern will, dass er "ausgeknipst" wird, muss er die Technik im Blick behalten: "Technik bedeutet Ausschluss von Sinn. Eine technische Welt in der engeren Abgrenzung funktioniert ohne jeden Rückgriff auf Sinn und auf Handelnde, für die allein etwas Sinn macht oder nicht: Darin besteht die Wirkmächtigkeit einer technischen Welt: Mit dem Sinn ist auch jedes denkmögliche Problem aus dieser Welt eliminiert. Für die Technik gibt es nur eine Art von Desaster: Sie funktioniert nicht. Ob eine Technikkatastrophe auch eine solche für Mensch und Umwelt bedeutet, ist aus Sicht der Technik nicht nur nachrangig, sondern völlig irrelevant. Der Trick der Technik besteht darin, sich als Mittel zu beliebigen Zwecken anzubieten. Die Ökonomie akzeptiert das Angebot bereitwillig."

Außerdem: Dietmar Voss beschreibt, wie aus der patriarchalen Bio-Macht, die gemäß Foucault "sterben macht und leben lässt", eine "mütterliche" Biopolitik geworden, die "leben macht und sterben lässt" und den gesellschaftlichen Gattungskörper hegt und pflegt. Und Horst Meier stellt klar, dass der Pazifismus dem Grundgesetz nicht eingeschrieben ist.

Magazinrundschau vom 11.01.2011 - Merkur

Der israelische Philosoph Yoram Hazony versucht, in einem sehr grundsätzlichen Artikel zu erklären, warum Israel in europäischen Augen so dramatisch an Legitimation verloren hat: Europäer und Israelis haben genau umgekehrte Konsequenzen aus dem Zweiten Weltkrieg und Auschwitz gezogen: Die Europäer wollen den Nationalstaat relativieren, die Israelis wollen ihn stärken: "Paradigma A: Auschwitz bedeutet das unsagbare Entsetzen jüdischer Frauen und Männer, die nackt und mit leeren Händen dastehen und zusehen müssen, wie ihre Kinder sterben, weil es ihnen an einer Waffe fehlt, mit der sie sie beschützen könnten. Paradigma B: Auschwitz bedeutet den unsagbaren Schrecken, den deutsche Soldaten verbreiten, die Gewalt gegen andere anwenden und von nichts anderem legitimiert werden als den Ansichten ihrer Regierung über ihre nationalen Rechte und Interessen." Unvereinbare Auffassungen, die auf Israel angewendet noch weiter auseinanderklaffen. "Paradigma A: Israel bedeutet jüdische Frauen und Männer, die mit dem Gewehr in der Hand über ihre Kinder und alle anderen jüdischen Kinder wachen und sie beschützen. Israel ist das Gegenteil von Auschwitz. Paradigma B: Israel bedeutet den unsagbaren Schrecken, den jüdische Soldaten verbreiten, die Gewalt gegen andere anwenden und von nichts anderem legitimiert werden als den Ansichten ihrer Regierung über ihre nationalen Rechte und Interessen. Israel ist Auschwitz."

In der Ökonomiekolumne zeichnet Karen Horn nach, wie sich schon vor Sarrazin Wirtschaftswissenschaftler die Zähne an Evolution und Genetik ausgebissen haben, zum Beispiel der Liberale Friedrich von Hayek.