
Das
Doppelheft des
Merkur besingt in diesem Jahr den Nonkonformisten, die aus "Trotz und Treue" das "
Wagnis der Wahrheit" eingehen, wie Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel
im Editorial schreiben, und die sie auf keinen Fall mit den geschäftsmäßigen Tabubrechern verwechselt sehen wollen, die "das liberale Juste-milieu in Erregung versetzen, indem sie sich als verwegene Unzeitgemäße geben und eine Lanze für den
Papst, den
Kommunismus oder irgendeine andere
Orthodoxie brechen".
Bisher war der
Nonkonformismus eine Domäne des
sozialen Aufsteigers und eher in Politik und Wirtschaft als in der Kultur anzutreffen,
stellt der Soziologe Heinz Bude fest. Wo sollen also in unserer offenen Gesellschaft diejenigen herkommen, die sich mit der
Schließung des Geistes nicht abfinden wollen? "In der Vorstellung sozialer Integration ist das Aufstiegsversprechen für die von unten doch von der Exklusionsdrohung für die in der
vollgestopften Mitte abgelöst worden. Da hat aufgrund der unaufhörlich wachsenden Bildungs- und Erwerbsbeteiligung der Frauen die '
liberale Ironikerin' (Richard Rorty) dem
männlichen Nonkonformisten schon lange das Wasser abgegraben. Wenn man heute einen existentiellen Nonkonformismus propagiert, tut man das womöglich in Erinnerung an vergangene Zeiten. Die Beweglichen sind genauso von sozialer Angst getrieben wie die Standhaften. Dann zählen nur noch beispielgebende Einzelne, die sich nicht mit der Ausrede zufriedengeben, dass man lieber
Institutionen verbessern sollte als Individualitätstypen zu pflegen."
Jörg Lau
untersucht verschiedene Typen des Außenseiters, der im Katastrophenfilm seine große Zeit erlebte, aber sehr unsympathische Züge annehmen kann, wenn er sich wie der
Unabomber zum apokalyptischen Revolutionär hochstilisiert. Mit dem eher liberalen Naturaposteltum eines
Henry David Thoreau kommt Lau besser klar: "Ausgerechnet der Hypermoralist Thoreau schafft ein Gegenbild zum Konzept des Gouvernantenstaats, das in unseren Tagen die politischen Phantasien beflügelt: ein Staat, der die Leute in Ruhe lässt, weil er die individuelle Freiheit als Quelle seiner Legitimität anerkennt − eine
Republik der Außenseiter."
Weiteres: Siegfried Kohlhamm
stellt klar, dass es
Exzentrikern nicht um die Sache geht, sondern um sich selbst. Gerade darin aber liegt ihre Bedeutung: "Die Exzentriker sind nicht die Schöpfer, Urheber oder Bewahrer der Freiheit, sie sind
Symptome dafür. Bolz feiert die Kraft des
Reaktionärs, "seine Feinde in eine verdummende Wut zu versetzen". Und Gustav Seibt erklärt den Unterschied von Außenseiter und Ausnahmemensch.