Magazinrundschau - Archiv

Nepszabadsag

215 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 22

Magazinrundschau vom 22.04.2008 - Nepszabadsag

"Es ist ein seltenes und hoffnungsvolles Ereignis: Eine bedeutende Erscheinung der zeitgenössischen Kunst wird in Budapest nicht mit jahrzehntelanger Verspätung, sondern als Teil der jüngsten Geschichte vorgestellt", freut sich der Medienwissenschaftler Peter György über die Ausstellung der Neuen Leipziger Schule in der Kunsthalle Budapest: "Zudem ist das Leipzig-Phänomen in einem nicht unbedeutenden Maße Teil jenes kulturellen Gebietes und Zusammenhangsystems, zu welchem im übrigen auch wir gehören: zu der aus Trümmern, Verdrängungen, Schrecken, Nostalgien und schwer entzifferbaren Erinnerungsspuren bestehenden Welt postkommunistischer Länder. Das ist jene virtuelle geografische Fläche, deren Verständnis die wohl wichtigste Aufgabe zeitgenössischer Kultur und Kunst ist. [...] Der Erfolg der Leipziger mag zahlreiche Gründe haben, von denen einer erwähnt werden muss, der in engem Zusammenhang mit der Marginalisierung der Budapester Kunstszene steht: Die heutige ungarische Kunst lässt nämlich die Analyse der Beziehung zwischen zeitgenössischer Kunst und gesellschaftlicher Identität vollkommen außer Acht. Diese Analyse bedeutet für die Leipziger - neben anderen Aspekten und archäologischen Schichten - die Beschäftigung mit der jüngsten Vergangenheit. Es geht dabei nicht um Vergangenheitsbewältigung, sondern um das ästhetische Programm, die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlicher Existenz und Malerei zu konstruieren."

Magazinrundschau vom 15.04.2008 - Nepszabadsag

Jozsef Szilvassy sprach mit dem in Bratislava lebenden ungarischen Schriftsteller und Mitbegründer des dortigen Kalligramm Verlags, Lajos Grendel an seinem 60. Geburtstag. Er reist viel in Europa und der Welt herum, fühlt sich aber in der Heimat nicht richtig Zuhause: "Ich habe den Eindruck, dass die meisten Bürger der postsozialistischen Staaten keine Zukunftsvorstellung haben und an Werteverlust leiden. Wir werden überflutet von Nonsens, von beinahe sämtlichen Übeln der Verbrauchergesellschaft. Sandor Marai warnte bereits Anfang der 30er Jahre davor, dass die Zeit der Massenmenschen bevorstehe. Zuerst wurden sie von Diktatoren manipuliert und heute werden sie von den tausenden Sirenenstimmen der postindustriellen Gesellschaft berauscht. Zudem ist die ethnische Vielfalt in Mittel- und Osteuropa eine Quelle immer neuerer Konflikte, und nicht der friedlichen Symbiose, die jedem von Nutzen sein könnte. Die Situation in Ungarn wird immer erschreckender. Mit Bestürzung sehe ich, wie sich Intellektuelle und Schriftsteller in Wagenburgen verschanzen. Und die Antipathie nimmt zu. Was kann der Schriftsteller da tun? Protestieren, in der Wüste rufen und - diese Welt des Nonsens beschreiben."
Stichwörter: Marai, Sandor, 1930er, 30er

Magazinrundschau vom 08.04.2008 - Nepszabadsag

"1967 haben die jüdischen Journalisten Israel beschimpft, und heute beschimpfen sie die Araber. Und die Fidesz. Und uns. Weil sie uns mehr hassen, als wir sie. Sie sind unsere 'Anlass-Juden', deren bloße Existenz uns veranlasst, antisemitisch zu sein...", schrieb der Publizist Zsolt Bayer am 19. März in der Tageszeitung Magyar Hirlap. Der Philosoph Gaspar Miklos Tamas nimmt das zum Anlass, diese Art von Publizistik in den Orkus zu weisen: "Die judenfeindliche Hetze in Ungarn befindet sich heute - als Teil der allgemeinen Dekadenz - auf einem viel niedrigeren Niveau als früher. Während der einstige Antisemitismus, und war er noch so ekelhaft, mit den 'Schicksalsfragen' des Vaterlandes verbunden war, ist er heute Teil der schrecklichen und zugleich jämmerlichen Krise des verfallenden demokratischen Politisierens. Man trifft auf erbärmliche Logiken: Der Vorwurf des Antisemitismus sei ein 'Ablenkungsmanöver' der Regierung. Dabei lenken gerade jene von den brennend aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen ab, die gegen Juden hetzen. Platte und kurzlebige Aufmerksamkeit kann damit noch erzielt werden, ihre Zeit ist aber längst vorbei. Deshalb ist es für unsere antisemitischen Kollegen soweit, den Beruf zu wechseln - falls sie noch etwas an Talent besitzen."

Magazinrundschau vom 01.04.2008 - Nepszabadsag

Am 9. März haben die Ungarn in einer Volksabstimmung die von der sozialliberalen Regierung Gyurcsany im letzten Jahr eingeführten Gesundheits- und Studiengebühren abgelehnt. Laszlo Lengyel fühlt seinem Land besorgt den Puls. "Bemitleidet man Ungarn? Geht man auf Zehenspitzen um es herum? Wird es in ein anderes Zimmer gebracht, am Ende des Ganges? Liegt es dann dort, einsam, zwischen aufgehängten Bettlaken? Schwere Worte fallen über die Funktionsfähigkeit des Landes - nicht nur bei den ungarischen Wählern, auch bei den Politikern der Welt. Von der Wirtschaft wird gar nicht mehr gesprochen. Der Volkswille hat die Regierungsfähigkeit der Regierung in Frage gestellt, die seit der Wende ein Monopol der Linken in Ungarn war - dies haben sogar die Wähler der Rechten eingesehen. Ihre Glaubwürdigkeit hat die Gyurcsany-Regierung nun verloren. Doch parallel zu diesem Vertrauensentzug fragt sich der Wähler bangend: ist die andere Seite regierungsfähig? Die Rechte, die bislang alles getan hat, um die Regierbarkeit des Landes abzubauen? Kann Viktor Orban, der in der Lage war, den Körper zu paralysieren, den selben Körper regieren? Kann der halbe Körper, die Hälfte der Gesellschaft genesen und wieder aufleben? Nein. Eine Reihe von misslungenen Operationen und die quacksalberhaften Beschwörungen haben nichts geholfen. Der Körper liegt bewusstlos darnieder."

Der Schriftsteller György Konrad antwortet dem Historiker Arpad Pünkösti auf die Frage, ob er etwas bereut habe im Leben: "Nicht Worte oder Taten, aber verschiedenartige Versäumnisse. Schreiben bedeutet auch Isolation, man zieht sich auch von den Menschen zurück, die einem nahe stehen. Grundsätzliche Entscheidungen bereue ich nicht. Ich habe aber blöden politischen Themen wie Zensur und Diktatur oder dem neonazistischen Unsinn von heute zu viel Zeit gewährt. Ich habe versucht zu verstehen, worum es da geht. Aus einer zivilen, intellektuellen Selbstverteidigung heraus habe ich mit Binsenwahrheiten gerungen."

Magazinrundschau vom 18.03.2008 - Nepszabadsag

Der Anfang der 1980er Jahre von Jenö Szucs geprägte Begriff "Ostmitteleuropa" hat ausgedient, meint die Historikerin Maria Ormos im Interview mit Laszlo Hovanyecz. Neue Wege in Richtung Mitteleuropäertum müssten eingeschlagen werden: "Der Begriff 'Ostmitteleuropa' war einmal ein Ausdruck des Mitteleuropäertums. Er wies nämlich - zur richtigen Zeit - darauf hin, dass Polen, Tschechien, die Slowakei und Ungarn niemals Teil des von der Sowjetunion beherrschten Ostens gewesen waren und es auch nicht werden können. Darüber haben sich die betroffenen Länder sehr gefreut, aber auch westliche Historikerkreise, ja sogar die Politik hat diesen Begriff übernommen. Ich bin aber der Meinung, dass er heute überholt ist: Er vermittelt den Eindruck, als seien wir zwar der EU beigetreten, aber dennoch anders geblieben."
Stichwörter: Tschechien, Slowakei, 1980er

Magazinrundschau vom 04.03.2008 - Nepszabadsag

Der Medienwissenschaftler Peter György porträtiert den umstrittenen polnischen Künstler Artur Zmijewski, der eine Ausstellung in Budapest hat. Gezeigt wird unter anderem das Video "80064", in dem ein Auschwitz-Überlebender seine Häftlingsnummer neu tätowieren lässt (mehr hier und hier): "All die Provokationen Zmijewskis, seine mit kühlem Kopf durchdachten, komplizierten Werke zielen auf die polnische Gesellschaft ab - auf das Land, das sich als Opfer eines schrecklichen Krieges versteht. Denn Abwehrhaltung und Verdrängung können nicht mit humanistischer Pädagogik aufgelöst werden. Zmijewski will - so scheint es - eine Gesellschaft mit weniger Lügen, Selbstmitleid und Gratisstolz... Filme wie 'Roman eines Schicksallosen' oder 'Der Pianist' sind Musterexemplare für eine scheiternde humanistische Pädagogik, die Erlösung und Katharsis verspricht, selbst wenn es dafür keinen Grund gibt. Die ungleich kompliziertere und risikoreichere Ästhetik, die Zmijewski verfolgt - die in ihren Werken neue Zusammenhänge und Horizonte schafft - zwingt zur Selbsterkenntnis. Sie beruhigt uns nicht, sondern sorgt für Verwirrung und bringt uns aus der Fassung."

Magazinrundschau vom 26.02.2008 - Nepszabadsag

"Polen hat es gerade noch vermieden, in einem Atemzug mit der Türkei genannt zu werden", kommentiert der Journalist Gabor Miklos die Entscheidung der Krakauer Staatsanwaltschaft vom 11. Februar, doch keine Anklage wegen Schmähung des Polentums gegen den polnisch-amerikanischen Historiker Jan T. Gross zu erheben. Gross hat in seinem Buch "Fear" den Antisemitismus der Polen nach Auschwitz beschrieben, was in Polen nicht gut aufgenommen wurde. Gabor Miklos hofft nun auf eine positive Entwicklung: "Von meinen Freunden höre ich, das Buch werde sogar in Einkaufszentren verkauft, gleich neben der Kasse. Die Menschen interessieren sich auch für die dunklen Seiten ihrer Geschichte. Wer weiß, wohin sie das führt... Was die Nationalkatholiken mit den Kommunisten vereinte, war der Mythos der nationalen Schuldlosigkeit. Deutschland betrat 1968, vor 40 Jahren den Weg der nationalen Selbstprüfung. Mit der Wende in Mittelosteuropa wurden auch die mörderischen Mythen von einst zum Leben erweckt. Deshalb ist das Buch von Jan Tomasz Gross für viele so unangenehm. Sie haben Angst. Sie haben Angst vor den Gespenstern und vor der Geschichte. Sie haben Angst vor dem Verlust der falschen Mythen nationaler Vollkommenheit."
Stichwörter: Gross, Jan T., Krakau

Magazinrundschau vom 12.02.2008 - Nepszabadsag

Die Ungarn leiden schrecklich: Die Nation ist geteilt und nichts scheint die beiden Teile versöhnen zu können. Das ist kein Drama, sondern normal, meint Istvan Deak, emeritierter Professor für Geschichte an der Columbia University of New York. Der kurze Moment nationaler Einheit im Herbst 1956 konnte nicht dauern: "Auch die Protagonisten der Französischen Revolution haben sich nach einigen Jahren gegenseitig auf die Guillotine geschickt. [...] Kann es nicht sein, dass viele von denen, die im Oktober 1956 aus freien Stücken gegen die kommunistische Macht auf die Straße gingen, am 1. Mai 1957 ebenfalls freiwillig für Kadar mitmarschierten? Hier muss man auch in Betracht ziehen, dass die historische Rolle des von mir persönlich für einen Mörder gehaltenen Janos Kadar von mehr als der Hälfte der ungarischen Bevölkerung positiv beurteilt wird. Deshalb wäre für die Öffentlichkeit vor allem eine rationale Beurteilung ihrer Vergangenheit wichtig. Was dabei ganz bestimmt nicht hilft, ist die Heiligsprechung eines historischen Ereignisses, weil dann all jenen, die an der Heiligen Schrift etwas verändern wollen, sogleich der Stempel des Häretikers und Vaterlandverräters aufgedrückt wird."

Für den Dichter und Kritiker Akos Szilagyi steht Ungarn unabwendbar vor einer antiliberalen Reaktion. Echte liberale Demokraten - das zeigt sich jetzt - habe es in Ungarn nämlich nie gegeben. Man hielt sich nur dafür. "Sobald deutlich wurde, dass der Untergang des ausgedienten Systems sich nicht in der Rückgewinnung der Freiheitsrechte erschöpft, sondern sich auch im Zusammenbruch der staatlichen Subsysteme (Industrie, Landwirtschaft), der steigenden Arbeitslosigkeit, ja sogar im Abbau der staatlichen Versorgungssysteme fortsetzt, knickte dieser gefühlsmäßige Liberalismus ein."

Magazinrundschau vom 05.02.2008 - Nepszabadsag

Seit längerer Zeit ist die Herausgabe eines gemeinsamen ungarisch-slowakischen Geschichtsbuchs für den Unterricht geplant, doch erschienen ist das Buch, das nach deutsch-französischem Vorbild konzipiert werden soll, bis heute nicht. An Meinungsverschiedenheiten zwischen den Historikern liegt es nicht, erklärt der slowakische Historiker Dusan Kovac im Interview: "Was die Versöhnung beider Länder betrifft, sehe ich das deutsch-französische Beispiel als modellhaft an, allerdings mit einer Anmerkung: Jenen Prozess haben damals die beiden Staatsmänner initiiert, die Intellektuellen und die Bürger haben sich erst danach angeschlossen. In unserer Region hingegen wird dieser Ansatz nur von jenen Intellektuellen geteilt, die sich den europäischen Werten verschrieben haben - nicht aber von den Politikern, weder auf slowakischer noch auf ungarischer Seite. Deshalb glaube ich, dass wir von der gewünschten bis zur tatsächlichen Aussöhnung zwischen Ungarn und der Slowakei noch einen Langstreckenlauf werden absolvieren müssen."
Stichwörter: Slowakei

Magazinrundschau vom 29.01.2008 - Nepszabadsag

Neben den anstehenden Reformen machen der ungarischen Öffentlichkeit auch noch die sogenannten "dog-whistle politics" zu schaffen. Dabei geht es um die doppelbödige Sprache von Politikern, die in ihre Reden Botschaften einbauen, die nur für einen Teil der Zuhörer verständlich sein sollen. Der Politologe Csaba Gombar denkt über dieses Phänomen nach: "Eine scheinbar neutrale Sprache wird verwendet, gewichtige historische Phrasen erklingen, doch das angesprochene Publikum versteht, was wirklich gemeint ist. Es verspürt durch diese kodierte Sprache ein heimeliges Gefühl und blickt voller Sympathie auf den derart redenden Politiker, der sich allerdings schwer beim Wort nehmen lässt. Weshalb ist 'dog-whistle politics' problematisch? Scheinbar kränkt sie niemanden offen. Die beabsichtigte Bedeutung ist kaum nachzuweisen, schließlich kann es mehrere Bedeutungen geben. Man könnte schon fast sagen, 'dog-whistle politics' sei eine besonders politisch korrekte Sprache. Am Ende bliebe nur die Frage, ob es einen Unterschied gibt zwischen Höflichkeit und Arglist. Zwar ist auch diese Frage schwer zu beantworten, dennoch kann man behaupten, dass 'dog-whistle politics' nur eine Form und ein seidener Wegbereiter des vollmundigen Hasses ist - sie belastet sowohl unseren Ruf als auch unser Gemüt."
Stichwörter: Höflichkeit, Seide