Die Ungarn leiden schrecklich: Die Nation ist geteilt und nichts scheint die beiden Teile versöhnen zu können. Das ist kein Drama, sondern normal,
meint Istvan Deak, emeritierter Professor für Geschichte an der Columbia University of New York. Der kurze Moment nationaler Einheit im
Herbst 1956 konnte nicht dauern: "Auch die Protagonisten der Französischen Revolution haben sich nach einigen Jahren gegenseitig
auf die Guillotine geschickt. [...] Kann es nicht sein, dass viele von denen, die im Oktober 1956 aus freien Stücken gegen die kommunistische Macht auf die Straße gingen, am 1. Mai 1957 ebenfalls
freiwillig für Kadar mitmarschierten? Hier muss man auch in Betracht ziehen, dass die historische Rolle des von mir persönlich für
einen Mörder gehaltenen Janos Kadar von mehr als der Hälfte der ungarischen Bevölkerung positiv beurteilt wird. Deshalb wäre für die Öffentlichkeit vor allem eine rationale Beurteilung ihrer Vergangenheit wichtig. Was dabei ganz bestimmt nicht hilft, ist die
Heiligsprechung eines historischen Ereignisses, weil dann all jenen, die an der Heiligen Schrift etwas verändern wollen, sogleich der Stempel des Häretikers und Vaterlandverräters aufgedrückt wird."
Für den Dichter und Kritiker
Akos Szilagyi steht Ungarn unabwendbar vor einer antiliberalen Reaktion. Echte liberale Demokraten - das zeigt sich jetzt - habe es in Ungarn nämlich nie gegeben. Man hielt sich nur dafür. "Sobald deutlich wurde, dass der Untergang des ausgedienten Systems sich nicht in der
Rückgewinnung der Freiheitsrechte erschöpft, sondern sich auch im Zusammenbruch der staatlichen Subsysteme (Industrie, Landwirtschaft), der steigenden Arbeitslosigkeit, ja sogar im Abbau der staatlichen Versorgungssysteme fortsetzt, knickte dieser gefühlsmäßige Liberalismus ein."