Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

191 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 20

Magazinrundschau vom 14.10.2014 - New Statesman

Die aktuelle Ausgabe des New Statesman hat der Künstler Grayson Perry (aka die töpfernde Transe) gestaltet. Mit Martin Amis unterhält sich Perry über das Drama des weißen Mannes, das Glück und die Kunst:
"GP: Von einem Künstler haben die Leute oft dieses Klischee im Kopf, dass man die Existenz unter mörderischen Qualen erleidet. Ich dagegen hatte von Anfang an den Ehrgeiz, das Glück in meine Arbeit zu bringen, ein möglichst komplexes Bild von Glück zu schaffen.
MA: Eine wirklich scharfsinnige Bemerkung über das Glück in der Kunst kommt von Maupassant. Er hat gesagt: Das Problem mit dem Glück ist, dass es wie mit weißer Tinte geschrieben scheint, man kann es auf Papier nicht erkennen. Wie wenig Schriftsteller haben es überhaupt geschafft, das Glück auf ihren Seiten zum Schwingen zu bringen. Tolstoi vielleicht - die kurzen Moment von Glück in "Anna Karenina", nicht in Annas Geschichte, sondern in der Geschichte von Lewin; und dann ist da diese schöne Novelle, "Happy Ever After", in der gibt es eine hinreißende Beschreibung von Glück. Aber natürlich ist das echt schwer. In der Kunst geht es um Anspannung.
GP: Ich frage mich manchmal, ob das mit der Ernsthaftigkeit ein Problem des Brandings ist - dass irgendwie die verkrüppelte Gefühlswelt eines suizidalen Mannes in der Kultur dominant wurde. Das ist dann ernst."

Weiteres: In einem zweiten Text verfolgt Perry den Aufstieg des weißen, heterosexuellen Mittelklasse-Manns. AA Gil huldigt dem Anzug als der erfolgreichsten Produkt der britischen Inseln.

Magazinrundschau vom 16.09.2014 - New Statesman

Kriegsberichterstattung verändert sich durch einen neuartigen Bürgerjournalismus, schreibt Ian Steadman und stellt zwei Protagonisten einer Bewegung vor, die per Crowdsourcing Licht in strittige Fragen bringen will. Einer davon ist Eliot Higgins, der auf seiner Website bellingcat Material zum Absturz des Flugs MH17 in der Ukraine sammelte und mit seiner "open source investigation", an der jeder teilnehmen kann, ziemlich lückenlos nachweisen kann, dass das Flugzeug tatsächlich von den Separatisten abgeschossen wurde: "Der unter Verdacht stehende Buk-Raketenwerfer wurde am Tag des Abschusses an verschiedenen Tageszeiten von Menschen aus der Region aufgenommen. Higgins rekonstruierte seinen Weg und konnte mit einer Karte zeigen, dass das Flugzeug zur Zeit des Abschusses in seiner Reichweite war." Der israelische Architekt Eyal Weizman versucht in seinem Projekt "Forensis" mit ähnlichen Mitteln, den kontrollierenden Blick des Staates auf die Bürger mit dessen eigenen Mitteln zu bekämpfen.

Weitere Artikel: Der 1961 geborene Will Self beklagt den "grässlichen Kult um talentlose Hipster", den seine Generation angezettelt hat. Judith Shulevitz und Rebecca Traister diskutieren in einem langen Briefwechsel, wie es mit dem Feminismus weitergeht.

Magazinrundschau vom 17.06.2014 - New Statesman

Kaum ein gutes Haar lässt John Gray an Kenan Maliks Geschichte der Ethik "The Quest for a Moral Compass". Vor allem in Maliks rigoroser Kritik am Monotheismus und seiner Absolutsetzung der Aufklärung sieht Gray das marxistische Denken eines alten Trotzkisten, der sich letzten Endes selbst das Wasser abgräbt: "Marx konnte zugeben, dass einige Werte essentiell menschlich waren, auch wenn er leugnete, dass es eine bleibende menschliche Natur gibt, denn er glaubte an die interne Logik der Geschichte, die ihrem Wesen nach letztendlich gut sei. Ohne die tröstliche Überzeugung - die sich Marx unerlaubt von der Religion lieh - hängen Maliks universale Wert im leeren Raum. Hat man den Monotheismus erst einmal aufgegeben, muss man sich von der Idee verabschieden, menschliche Werte seien universal oder objektiv in dem Sinne, wie Rationalisten wie Malik sie glauben möchten. Man bleibt mit dem real existierenden menschlichen Tier zurück, mit seinen vielen unterschiedlichen Geschichtserzählungen und sich bekriegenden Moralvorstellungen."

Dreißig Jahre nach dem Bergarbeiterstreik fragt Donald Macintyre, ob er wirklich in so einer krachenden Niederlage hätte enden müssen.

Magazinrundschau vom 06.06.2014 - New Statesman

John Gray bespricht im New Statesman den Sammelband "Mao"s Little Red Book", der zwar ganz interessant beleuchte, welchen Einfluss einst die Mao-Bibel im Westen hatte, aber kein Wort über Maos Verbrechen verliere. Gray findet das symptomatisch für die Sinologie an den Universitäten: "Wahrscheinlich werden einige einwerfen, dass wir um Maos Versäumnisse wissen - warum also auf ihnen herumreiten? Aber wenn wir heute das Ausmaß von Maos Verbrechen kennen, dann ist das nicht das Ergebnis von jahrzehntelanger akademischer Arbeit. Die erste gründliche Untersuchung zur großen Hungernot, "Hungry Ghosts" (1996), wurde von dem in Hongkong lebenden Journalisten Jasper Becker verfasst. Erst 2010 erschien "Maos Großer Hunger" des Historikers Frank Dikötter, eine wegweisende Studie, die auf jahrelanger Forschung in den jüngst geöffneten chinesischen Archiven basiert. Abgesehen von den Erinnerungen der Überlebenden, wurden die menschlichen Kosten der Kulturrevolution am besten in den Büchern "Chinese Shadows" und "The Burning Forest" von Simon Leys erfasst (ein Pseudonym des belgischen Sinologen und Schriftstellers Pierre Ryckmans). Eine Offenbarung und Maßstab für alle ist die Arbeit "Mao" von Jung Chang und ihrem Mann Jon Halliday (Leseprobe bei Vorgeblättert). Abgesehen von Dikötters wurde keines dieser Bücher über die menschlichen Erfahrungen unter Mao von einem Wissenschaftler geschrieben."

Magazinrundschau vom 11.04.2014 - New Statesman

John Gray hat Mark D. Whites Buch über die Tugenden des Comic-Helden "Captain America" wirklich gern gelesen. Es ist amüsant und durchgehend anregend, kurz: populäre Philosophie erster Güte, lobt er im New Statesman. Wie White allerdings behaupten kann, die Ideale des Captains seien klassisch-griechisch, wo sie doch ganz klar amerikanisch-christlich sind, ist Gray ein Rätsel: "Zum Teil kann man das vielleicht mit der professionellen Deformation der akademischen Philosophie erklären. Vor allem in Amerika ist zeitgenössische Philosophie stur säkular. Auch nur das geringste symphathisierende Interesse an Religion zu zeigen, ist die schnellste Art des Karriereselbstmords. Vielleicht deshalb wurde die Tugendethik recht populär. Viele Philosophen haben erkannt, dass Utilitarismus und Menschenrechte armselige Arten sind über Ethik nachzudenken. Wenige haben sich bemüht, die jüdischen und christlichen Wurzeln zu erkunden, aus denen sich die moderne westliche Ethik entwickelt hat. Stattdessen blickt man zurück auf die Griechen. Ohne Sinn dafür, wie sich moralische Ideale verändern - denn zeitgenössische angelsächsische Philosophie ist durch und durch unhistorisch - versteht man nicht, dass die antiken Vertreter der Tugendethik in einer Welt lebten, die fast unvorstellbar weit von der unseren entfernt ist."

Magazinrundschau vom 28.02.2014 - New Statesman

Wo ist die obszöne Dichtung des 17. Jahrhunderts? Wo Nashe und Wilmot? Wo Philipp Larkins Ode auf die Masturbation "Annus Mirabilis"? Sehr lückenhaft findet Germaine Greer New Statesman Sophie Hannahs Anthologie "The Poetry of Sex". Überhaupt ist Poesie immer sexuell, meint Greer: "Dichtung ist ebenso ein sexuelles Phänomen wie Vogelgezwitscher. Typischerweise ist sie eine männliche Darstellung, deren Kunst eher darauf zielt, andere Männchen zu entmutigen und aus dem Feld zu schlagen als das selbstvergessene Weibchen zu verführen, sei es nun ein ungebildeter Mensch oder eine Futter suchende Henne. Die männliche Zurschaustellung ist sexuell, aber es geht ihr nicht um den Sex, sie möchte eine fundamental alltägliche und vorübergehende Interaktion durch Kunstfertigkeit und Erfindungsgabe verfeinern. Wenn sie durchgedrungen ist, fällt Schweigen - über den Vogel und den Dichter."

Magazinrundschau vom 14.02.2014 - New Statesman

Anlässlich der Olympischen Spiele in Sotschi erinnert eine Ausstellung in Lausanne daran, dass die Bolschewiken viele Jahre von Olympia nichts wissen wollten. Sie gründeten nach der Revolution die Arbeiter-Spartakiade, erstmals 1928 veranstaltet, die sportliche Leistungen ohne Wettkampf zeigten, erzählt Michael Prodger. "Um die Botschaft zu verbreiten, dass mens sana in corpore sano das neue sowjetische Ethos war, wurden Künstler hinzugezogen. Es war eine gute Kombination. Wenn Sport Modernität repräsentierte, dann war die Wiederschaffung der modernen Welt die treibende Kraft hinter der Kunst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, des Zeitalters der 'ismen'. Sie lag dem Kubismus und dem Futurismus zugrunde ebenso wie den russischen Bewegungen des Konstruktivismus und Suprematismus. Künstler wie Alexander Rotschenko, Varvara Stepanowa, Kasimir Malewitsch und El Lissitzky waren enthusiastische Verkünder des Images vom sowjetischen 'neuen Mann' (und der 'neuen Frau', denn anders als im Westen waren die Frauen im russischen Sport gleichgestellt.)."

Magazinrundschau vom 27.01.2014 - New Statesman

Was Kafka im "Prozess" vorweggenommen hat, waren nicht die großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts, nicht Terror und Verfolgung, meint sein Biograf Reiner Stach in einem lesenswerten Essay (hier auf Deutsch), sondern der moderne Überwachungsstaat, der vor allem dank seiner willigen Helfer so glatt funktioniert: "Kafka beschrieb nicht nur, wie aus Menschen Opfer wurden, sondern zeigte auch, in welchem Maß die Macht auf die Komplizenschaft ihrer Opfer angewiesen ist. Das Phänomen geht über das Politische hinaus und berührt die Erkenntnise der Psychoanalyse. Wenn ein Sohn seinem Vater auch noch lange nach dessen Tod gehorcht, heißt dies, dass er die Knute, die ihn einst niederhielt, in die eigene Hand genommen hat... Für Kafka war das Problem nicht die Maschinerie, - die Bürokratie selbst ist nicht schuld, sie ist kein aktiver Agent. Die Schuld trifft uns."

Magazinrundschau vom 18.06.2013 - New Statesman

Julia Copus erinnert an die heute nahezu vergessene Dichterin Charlotte Mew, die von ihren Zeitgenossen sehr bewundert wurde, nicht zuletzt weil sie wie eine französische Marquise aussah, aber offenbar recht derben Slang sprach: "1896 in eine vornehme viktorianische Mittelklassefamilie geboren, von einer dominanten Mutter, die um jeden Preis den Schein waren wollte, war Mew erstaunlich wenig unterdrückt. Sie ging, wohin sie wollte, ohne Begleitung, und rauchte ihre eigenen selbstgedrehten Zigaretten. Als ihr Vater 1898 starb, sah sich Mew gezwungen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und begann ernsthaft, Geschichten zu schreiben, um sie zu veröffentlichen. Man hätte niemals sehen dürfen, dass sie Geld verdiente, und ihre Mutter hätte das auch niemals zugelassen; das Schreiben war der Weg, diese Demütigung zu umgehen. Aber ihre Erzählungen waren nur ein Mittel zum Zweck und es dauerte beinahe zwanzig Jahre, bis sie ihren ersten Gedichtband 'The Farmer's Bride' zustande brachte."

Fin de Fête
von Charlotte Mew

"Sweetheart, for such a day
One mustn't grudge the score;
Here, then, it's all to pay,
It's Good-night at the door.
 
Good-night and good dreams to you,-
Do you remember the picture-book thieves
Who left two children sleeping in a wood the long night through,
And how the birds came down and covered them with leaves?
 
So you and I should have slept,-But now,
Oh, what a lonely head!
With just the shadow of a waving bough
In the moonlight over your bed."

Magazinrundschau vom 19.03.2013 - New Statesman

Der Historiker Brendan Simms blickt auf die Geschichte Deutschlands in Europa zurück, das über Jahrhunderte entweder zu schwach oder zu mächtig war. Seit fünf Jahren, meint Simms, ist das europäische Gefüge aus dem Gleichgewicht: "Heute ist Deutschland zu stark und zu schwach, oder zumindest zu unengagiert. Es sitzt mit Unbehagen im Herzen einer EU, die vor allem dazu geschaffen wurde, Deutschlands Macht einzudämmen, die aber stattdessen dazu beigetragen, diese zu vergrößern; und schließlich hat ihre fehlerhafte Konstruktion unbeabsichtigt viele Europäer ihrer Souveränität beraubt, ohne ihnen eine demokratische Beteiligung in der neuen Ordnung zu gewähren. Nun stehen wir vor der Frage: Wie kann die Bundesrepublik, die wohlhabend und sicher ist wie niemals zuvor, überzeugt werden, die politische Initiative zu ergreifen und die notwendigen ökonomischen Opfer zu bringen, um das Werk der europäischen Einigung zu vollenden?"