Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

191 Presseschau-Absätze - Seite 11 von 20

Magazinrundschau vom 02.08.2016 - New Statesman

John Gray hat viel auszusetzen an Richard Englishs Buch "Does Terrorism work?", aber wenn der nordirische Historiker am Beispiel der IRA die interne Logik von Terror-Organisationen untersucht, versteht Gray, welchen Appeal das Terrorleben für junge Männer haben kann: Kameradschaft, Abenteuer, Ruhm, Macht, Geld, Sex - das sei so aufregend wie Krieg: "Wenn wir den gegenwärtigen Ausbruch des IS-bezogenen Terrors in Europa betrachten, kann es nützlich sein, die inneren Belohnungen von Terrorismus zu analysieren. Anders als den Terror der IRA, auch den der ultra-brutalen provisorischen IRA, kann man den IS-Terror kaum mit Begriffen der instrumentellen Vernunft erklären. Selbst im Vergleich mit al Qaida hat der IS nur wenige konkrete Forderungen. Der gegenwärtige Ausbruch ist zum Teil auch eine Reaktion auf die Gebietsverluste der Dschihadisten in Irak und Syrien. Doch wie es English nahelegt, müssen wir uns fragen, für wen sich Terrorismus auszahlt und warum. Wenn wir das in Bezug auf den IS unternehmen, ist die Antwort nicht besonders ermutigend ... Der Terror des IS verleiht dem aus der Bahn geworfenen Einzelnen Identität und Bedeutung, er ermöglicht ihm, seine Ressentiments in den Hass auf eine Lebensweise umzudeuten. Vor dem Hintergrund tiefer Gräben in Europas Gesellschaften, wird die Organisation aus diesen Belohnungen immer größere Anziehungskraft schöpfen."

Magazinrundschau vom 05.07.2016 - New Statesman

Der Philosoph John Gray empfiehlt in einem knallharten Leave-Text der britischen Linken, ihren Zustand von Wut und Verzweiflung zu überwinden. Die EU wird bald Geschichte sein, an dem Brexit und seinen Anhängern kann er wie eh und je nichts Falsches finden: "Mit dem Begriff Populismus beleidigen die Vordenker des Establishments heute gern all die Menschen, mit deren Leben sie sich nicht mehr abgeben. Eine Revolte der Massen ist zugange, und bei ihr sind jene, die in den vergangenen zwanzig Jahren die Politik geprägt haben, weiter von der Realität entfernt, als die einfachen Frauen und Männer, auf die sie gern herabsehen. Die Verbindung einer dysfunktionalen Einheitswährung und einer destruktiven Austeritätspolitik im Zuge der Finanzkrise hat große Teile Europas wirtschaftlich stagnieren lassen und mit Arbeitslosigkeit in einem Ausmaß geschlagen, wie wir es seit den dreißiger Jahren nicht mehr erlebt haben. Zur gleichen Zeit waren die europäischen Institutionen paralysiert von der Flüchtlingskrise. Die EU ächzt unter der Last der Probleme, die sie selbst geschaffen hat, und hat zweifellos bewiesen, dass ihr die Mittel für effizientes Handeln und jede Reformfähigkeit fehlen. Wie ich vor einem Jahr schrieb, Europas Bild als sichere Bank ist der Einsicht gewichen, dass es ein gescheiterten Experiment ist. Eine Mehrheit der Briten hat begriffen, was niemand in unserem Establishment bis jetzt verstanden hat."

Magazinrundschau vom 28.06.2016 - New Statesman

Laurie Penny sitzt der Schock über den Ausgang des Brexit-Referendums noch voll in den Knochen. Was für ein furchtbares Missverständnis, stöhnt sie: "Das war eine Revolte der Arbeiterklasse, aber es ist kein Sieg der Arbeiterklasse. Das ist die Tragödie. Der kollektive Aufschrei der depressiven, deindustrialisierten Teile des Landes, die von Thatcher, Blair und Cameron rücksichtslos ausgeblutet wurden, hat sich in einen Triumph für neue Eliten verwandelt. Wieder eine Bankenkrise, wieder alte Eton-Schüler an der Macht - das sind unsere Aussichten, während die Schotten überlegen, wann sie die Reißleine ziehen, und die Union zersplittert und wir alle begreifen, dass wir mit Michel Gove auf einem glitschigen Felsen hängenbleiben. Für immer."

Magazinrundschau vom 19.04.2016 - New Statesman

Wann gäbe es je ein solches Porträt eines wichtigen Politikers in einem deutschen Medium? Peter Wilby erzählt für den (linken) New Statesman die ganze Geschichte des Seumas Milne, mild kritisch, ohne etwas auszulassen. Milne ist heute der Sprecher von Jeremy Corbyn, galt als superlinker, proputinistischer und propalästinensischer Autor des Guardian, kommt aber aus besten Kreisen - sein Vater war Generaldirekor der BBC - und wählte gewissermaßen nur die linke Variante des Konservatismus. Unter Nennung von Oxford- und Cambridge-Colleges erzählt Wilby den Karrierestart Milnus' so: "Es waren nicht linke Connections, die Milne den Weg in eine Fleet-Street-Karriere eröffneten. Wie ein Paradebeispiel des britischen Establishments in Aktion hört sich an, was mir eine gut platzierte Quelle erzählte: Vater Alasdair Milne (Winchester und New College, Oxford) empfahl seinen Sohn Seumas (Winchester and Balliol) dem Kollegen Andrew Knight (Ampleforth und Balliol), damals Chefredakteur des Economist."

Magazinrundschau vom 12.04.2016 - New Statesman

Salman Rushdie schaut in den Literatenhimmel auf zu seinen großen Lehrmeistern Cervantes und Shakespeare, die vor vierhundert Jahren am 26. April 1616 starben (was, wie Rushdie erklärt, dasselbe Datum war, aber nicht derselbe Tag, denn die Engländer hinkten mit ihrem Julianischen Kalender hinterher): "Beide lieben hochfliegende Ideen und das Leben der Gosse, ihre Schurken, Huren, Beutelschneider und Trunkenbolde würden sich in der gleichen Schenke treffen. Dieses Bodenständige verrät sie beide als große Realisten, auch wenn sie sich als Fantasten gerieren, und so lernen wir, die wir ihnen nachfolgen, dass Magie nutzlos ist, wenn sie nicht im Dienste des Realismus steht - gab es jemals einen realistischeren Magier als Prospero? -, und der Realismus verträgt eine gesunde Dosis Fabulierlust. Schließlich greifen beiden auf Tropen aus Volksmärchen, Mythen und Fabel zurück, sie lehnen es ab zu moralisieren und vor allem darin sind sie moderner als alle ihre Nachfolger. Sie sagen uns nicht, was wir fühlen oder denken sollen, sondern wie."

Christian Wolmar glaubt nicht an die Zukunft selbstfahrender Autos: "Immer wenn ich Leute aus dem Bereich frage, was wir bis wann erwarten können, ergibt as nie ein voll automatisches Fahrzeug, sondern eine Reihe von Hilfsfunktionen für Fahrer Das ist ein entscheidender Unterschied. Es ist schlimmer als nutzlos, wenn der Fahrer die Automatik kontrollieren muss und eingreifen, sobald etwas Unerwartetes eintrifft."

Magazinrundschau vom 10.11.2015 - New Statesman

Die Europäische Union steht vor dem Kollaps. Und man hat fast den Eindruck, dass sich der Historiker Brendan Simms und Timothy Less über die von ihnen entwickelte Diagnose ( sie nennen es eine "apokalyptische, aber am Ende völlig triftige Folge der Ereignisse") die Hände reiben. Und zwar wird Britannien aus der Union austreten, und die kleineren Nationen der Union Deutschland ausliefern. "Deutschland bliebe als der letzte übrig, nachdem alle anderen die Union verlassen haben oder herausgedrängt wurden. Die einzige Ausnhame könnte Österreich sein, das an Deutschland hängt wie Weißrussland an Russland oder Montenegro an Serbien." Und das tollste ist: Die Schotten verzichten nach diesem Szenario auf einen Austritt aus Großbritannien, weil sie sich vor den Trümmern der Union in den englischen Mutterschoß flüchten. Und "mit dem Vergehen der europäische Union bliebe Großbritannien als einziges erfolgreiches Modell einer multinationalen parlamentarischen Union". Timothy Less, Brendan Simms Koautor, ist ein "Krisenberater" und hat mit diesem Text jetzt bestimmt eine Menge Kunden akquiriert.

Magazinrundschau vom 20.10.2015 - New Statesman

"Kulturelle Aneignung" ist die Bête Noire der amerikanischen Linken geworden. Yo Zushi verteidigt sie mit dem Hinweis, dass Kultur von Dynamik und Austausch lebt. Niemandem "gehören", HipHop, Cornrows, Chola Chic oder das Recht, einen Kimono zu tragen. "Gegenüber der Website Jezebel erklärte die Juristin Susan Scadfidi von der Fordham University in New York, dass kulturelle Aneignung bedeutet, 'intellektuelles Eigentum, traditionelles Wissen, Ausdrucksweisen oder Gegenstände aus der Kultur eines anderen ohne Erlaubnis zu gebrauchen'. Eine solche Definition geht offenbar von der Existenz einer Zentralorganisation mit dem Mandat zur Minderheitenvertretung, bei dem man Erlaubnis und Autorisierung einholen kann - ein schwarzes Hauptquartier, ein Asienbüro, ein jüdischer Hauptsitz. Noch irritierender ist, dass sie Kultur und Tradition ins Gehege eines moralischen Besitzstands sperrt, dem Copyright nicht unähnlich, was einer legalistischen Perspektive entspricht, aber dem menschlichen Impuls entgegensteht, zu mögen, was man will, und Neues daraus zu schaffen."

Magazinrundschau vom 13.01.2015 - New Statesman

Kein Interesse am Geld? Zumindest in diesem Punkt würde die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong Michel Houellebecq wohl widersprchen. Sie rekapitulierte einige Wochen vor dem Anschlag die Geschichte des wahabitischen Islams, der seit 1973 genauso wie das Öl von Saudia-Arabien in alle Welt exportiert wird. Im Islamischen Staat sieht sie allerdings eher eine Rebellion gegen den offiziellen Wahabismus als die reine Lehre: "Es wäre ein Fehler, den IS als altmodisch zu betrachten. Er ist, wie der britische Philosoph John Gray meint, eine durch und durch moderne Bewegung, ein effizientes Geschäft, das sich mit einem Vermögen von zwei Milliarden Dollar bestens selbstfinanziert. Seine Plünderungen, der Raub der Goldbarren aus Banken, Entführungen, das Ölabschöpfen in den eroberten Gebieten und die Erpressungen haben sie zur reichsten Dschihadisten-Gruppe der Welt gemacht. In der Gewalt des IS steckt nichts Willkürliches oder Irrationales. Die Videos mit den Exekutionen sind sorgfältig und strategisch geplant, um Terror zu schüren, Dissidenten abzuschrecken und in der Bevölkerung Chaos zu stiften."

Slavoj Zizek zeigt wenig Verständnis für die Selbstzensur unter britischen Linken, die Charlie Hebdos Karikaturen nicht publizieren, um keine religiösen Gefühle zu verletzen: "Die Folge einer solchen Haltung wird genau das sein, was man in solchen Fällen erwarten kann: je mehr die westlichen Linken sich schuldig fühlen, desto mehr werden sie von islamischen Fundamentalisten als Heuchler beschuldigt werden, die ihren Hass auf den Islam nur verbergen. Die Konstellation reproduziert auf perfekte Weise das Paradox des Über-Ichs: Je mehr man das tut, was ein anderer von einem verlangt, umso schuldiger wird man sich fühlen."

Magazinrundschau vom 06.01.2015 - New Statesman

Eine irre Debatte entspinnt sich gerade zwischen Boston und London über den Sexismus der Nerd-Kultur. Auf seinem Blog hatte der MIT-Professor Scott Aaronson beschrieben, wie ihm die Mathematik aus der traumatisierenden Pubertät half. Außerdem sei er immer Feminist gewesen, aber am Ende wollten die Mädchen doch immer nur die coolen Neandertal-Typen. Er fühlt sich jedenfalls keineswegs als "privilegierter Mann": "Ich habe mich in meinen prägenden Jahren - im Grunde von 12 bis Mitte 20 - überhaupt nicht bevorzugt gefühlt, ich lebte in Angst und Schrecken. Ich hatte Angst, dass eine meiner Klassenkameradinnen irgendwie merken könnte, dass ich sie sexuell begehre und dass ich im selbem Moment verlacht und verhöhnt würde, als Spinner oder Widerling gebrandmarkt, von der Schule oder ins Gefängnis geworfen. Und dass schließlich die Leute, die mir diese Dinge antun würden, moralisch völlig im Recht wären - auch wenn ich nicht ganz verstand, wieso."

Im New Statesman fragt nun Laurie Penny, warum eine schlimme Pubertät als Argument dienen soll, Frauen aus der IT herauszuhalten, also aus dem Bereich, wo derzeit in ungeahntem Maße Wohlstand und Macht geschaffen, neu verteilt und zementiert werden: "Darum ist das Silicon Valley am Arsch: Es ist von einigen der privilegiertesten Menschen in der Welt errichtet und geführt, die sich jedoch für die geringsten halten. Von traumatisierte Menschen, die in keiner Weise den Anliegen anderer Menschen Gehör schenken, deren Traumata nämlich in struktureller Unterdrückung wurzeln. Von Menschen, die nicht hören wollen, dass jemand mehr Unterdrückung erfahren hat als sie. Die sich immer noch nicht von ihrer schrecklichen Nerdoleszenz erholt haben und deshalb nicht hören wollen, dass Frauen oder Schwarze vielleicht durch die gleiche Hölle einer Nerd-Pubertät gehen mussten."

Magazinrundschau vom 02.12.2014 - New Statesman

Warum wenden sich immer mehr westliche Autoren - von Ian McEwan über Joshua Ferris bis zu Colm Toibin und J.M. Coetzee - der Religion und Gott zu, fragt Philip Maughan und sucht Antworten bei der Autorin Marilynne Robinson, dem Lehrer Francis Spufford und dem ehemaligen Erzbischof von Canterbury Rowan Williams. Letzterer macht literarische Gründe geltend, die in der Erfahrung des Bibellesens liegen: "Die Entwicklung des Romans folgte aus einem starken Gefühl, dass es Dinge gibt, die man nur erzählerisch vermitteln kann." Spufford hat eine andere Erklärung: "Der Aufschwung der Religion mag mit dem Versagen zu tun haben, nach der Finanzkrise einen überzeugenden antikapitalistischen Diskurs zu führen. ... "Für viele verkörpert Jesus die letzte Person, die noch demoliert werden muss, bevor Britannien atheistisch wird - eben weil er sich einer utilitaristischen Berechnung widersetzt: Die Figur Jesus verweigert eine Sprache der Vorsicht und Kosten-Nutzenrechnung über Individuen von unschätzbarem Wert."