Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

191 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 20

Magazinrundschau vom 26.02.2013 - New Statesman

Die Autorin Jeannette Winterson singt ein Hohelied auf Virginia Woolfs Roman "Orlando", der lehre "nichts auszulassen und alles zu fordern" und Zeit wie Geschlecht irrelevant mache: "Woolf glaubte, dass der kreative Geist androgyn ist. Sie war Expertin in elisabethanischer Literatur. Sie liebte die Weite und die Gewissheit des Renaissance-Denkens. Shakespeare, der seine Sonette mit derselben Leidenschaft an Jungen wie an Frauen richtete, der die Männlichkeit eines Soldaten so gut verstand wie die Intensität einer Nonne, Shakespeare schien für sie zu sein, wie wir alle sein könnten - größer, weiter und befreit von allen Konventionen und Heucheleien."

So ein "grandioser Verteidiger der Werte der Aufklärung, des Säkularismus und Internationalismus" würde der britischen Linken zur Ehre gereichen, meint George Eaton, kann aber nach der Attacke "The Trial of Christopher Hitchens" des Hamas-Unterstützers Richard Seymour gut verstehen, warum Hitchens mit dieser nichts mehr zu tun haben wollte. Und Richard Holloway findet in John Grays neuem Buch "The Silence of Animals" einen Schatten von Hoffnung für die Menschheit: "gottloser Mystizismus" kann uns zwar nicht retten, aber helfen, eine Art "kontemplative Dankbarkeit für das einzige Leben zu entwickeln, das wir haben".

Magazinrundschau vom 27.11.2012 - New Statesman

Julian Assange versteht viel vom Netz, aber wenig von Menschen, stellt die Kolumnistin und Autorin Laurie Penny nach Lektüre von Assanges neuem Buch "Cypherpunks" fest. Wenn er vom Überwachungsstaat schreibt, der uns mit Google, Facebook und den Geheimdiensten droht, gibt sie Assange recht, die Lösung aber liegt ihrer Ansicht nach nicht in einer besseren Verschlüsselung, solange wir freiwillig unsere persönlichsten Dinge online ausbreiten: "Niemand hat Ihnen ein Messer an die Gurgel gehalten. Sie haben diesen Teil Ihrer selbst aus freien Stücken preisgegeben, weil Sie fürchteten, dass Sie nicht mehr dazugehören, wenn Sie es nicht tun; und solange nicht jemand kommt und Ihnen freundlich und verständnisvoll eine Hand auf Ihren Arm legt, werden Sie weiter und weiter alles von sich herausgeben, bis es keinen Teil Ihres Privatlebens mehr gibt, der nicht verkauft werden kann. Wenn die 'globale totalitäre Überwachungsgesellschaft', die Assange vor Augen hat, wahr wird, dann wird sie von dem angetrieben werden, was sie schon hervorgerufen hat: Nicht Angst vor Gewalt, sondern ein gruseliger Konformismus."

Magazinrundschau vom 23.10.2012 - New Statesman

Der New Statesman hat bekanntlich Ai Weiwei gebeten, eine Ausgabe für ihn zu betreuen. Am besten gefällt uns seine Aktion "A little bird told me". Ai hat die Chinesen per Twitter gefragt, wie sie die Zukunft ihres Landes sehen. Die meisten der zitierten Antworten sind so pessimistisch wie die von Zhang Hali (@zhhl93): "Auf die chinesische Demokratie zu warten ist wie pinkeln zu müssen, während das eigene Haus brennt. Und es bleibt einem nichts übrig als auf einen Regenguss zu warten." Aber es gibt auch optimistische Statements wie das von Xiangfeng Ziyou Chui (@sun22382001) : "Kein Chinese hätte die Geburt von Twitter voraussagen können. Twitter und Weibo sind Gottesgeschenke für das chinesische Volk und werden die Aufklärung im Land vorantreiben. China wird dem Rest der Welt ebenbürtig und nicht mehr abseits stehen. Auch wenn der Weg steinig sein wird und viele Menschen schon aus China geflohen sind, werde ich bis zu meinem Tod bleiben."

Die Pakistanerin Mukhtar Mai, die 2002 entgegen aller Traditionen, die Männer angezeigt hatte, die sie vergewaltigt hatten, und die jetzt eine Mädchenschule führt, sieht im Interview trotz des Attentats von Taliban auf die 14jährige Schüleraktivistin Malala Yousafzai "große Hoffnung. Die Zukunft ist heller. Frauen haben eine Stimme. Sie nutzen sie, um in der Öffentlichkeit ihre Rechte einzufordern. Sogar ein Kind wie Malala hat die Courage, sich zu wehren. Es gibt Gefahren, aber gegenüber der Notwendigkeit etwas zu erreichen, sich auszudrücken, ist die Bedrohung klein. Wir müssen vorwärts gehen."

Außerdem: Sophie Elmhirst bringt uns in einem lesenswerten Porträt auf den neuesten Stand über Ai Weiwei, der selbst ein Editorial beisteuert. Online findet sich auf den Seiten des New Statesman überdies ein langes Porträt über die doppelte Booker-Prize-Trägerin Hilary Mantel.

Magazinrundschau vom 16.10.2012 - New Statesman

Auch Experimente haben ihre Grenzen, konstatiert Comic-Ikone Chris Ware, der im Interview mit Alex Hern über seine "Building Stories" spricht. Ein Teil von ihnen erschien zuerst als Tablet-App (mehr hier) für Dave Eggers Magazin McSweeney's: "Ich fand die Vorstellung richtig aufregend, Zeichnungen in etwas Tastbares zu verwandeln und die Vorteile dieser neuen technischen Möglichkeiten zu nutzen. Ich schrieb darüber, wie physische Berührung in einer Beziehung von Zuneigung in Aggression übergehen kann. Zugleich hatte (und habe) ich große Bedenken gegenüber der Idee, den Comic in ein Medium zu übertragen, das ganze Filme genauso leicht abspielt wie einzelne Bilder... Ich fühle mich nicht wohl dabei, Geld für etwas Immaterielles zu verlangen, und auch wenn ich den Strip extra so entwarf, dass man ihn berühren und manipulieren konnte wie die Figuren, von denen er erzählt, ziehe ich grundsätzlich das Solide vor, Papier, die unplugged Version, die man auch noch in fünf Jahren lesen kann, was ich bei der E-Pub-Version bezweifeln würde."

Magazinrundschau vom 30.10.2012 - New Statesman

"James Joyce wollte selbst in seinen hintergründigsten Passagen seine Leser bezaubern", Beckett fiel das im Traum nicht ein, lernt Christopher Reid bei der Lektüre der Gedichte Becketts, besonders der frühen, in den 30er Jahren entstandenen. "Der Beckett dieser Periode schien entschlossen, so rätselhaft zu sein wie die Narrenszenen der elisabethanischen Dramen, mit ihrem Rotwelsch und ihren dahingeworfenen Anspielungen. Nur ist der Argot hier eine sorgfältig bearbeitete Kostbarkeit und die Anspielungen beziehen sich meistens auf Aspekte in Becketts Leben, über die nur er Bescheid wusste. Die Anmerkungen der Herausgeber sind besonders in dieser Hinsicht erhellend." Am besten fand Reid das letzte Gedicht, ein 53-Zeiler von großer Musikalität, der so beginnt:

"folly -
folly for to -
for to -
what is the word -
folly from this -
all this -
folly from all this -
..."

Magazinrundschau vom 25.09.2012 - New Statesman

In einem - leider viel zu kurzen - Interview erklärt Autor Neal Stephenson, dessen Essayband "Some Remarks" im Sommer erschienen ist, warum die intelligenten Frauen des 17. Jahrhunderts Gottfried Wilhelm Leibniz liebten und warum es heute weniger attraktiv ist, ein Wissenschaftler zu sein, als zu Leibniz' Zeiten: "Man muss heute einen unglaublich eingeschränkten Blickwinkel haben. Ich kannte Leute, die professionelle Wissenschaftler werden wollten. Dann erreichten sie einen bestimmten Punkt, an dem sie sich um der Karriere willen hätten spezialisieren müssen - und an diesem Punkt entschieden sie, dass sie so nicht leben wollten. Spezialisierung ist notwendig, aber sie hat den unglücklichen Nebeneffekt, dass sich viele Leute abgestoßen fühlen, die ihr Leben nicht so verengt führen wollen."

Der Autobiografie von Salman Rushdie fehlt es zwar ein bisschen an Kapitalismuskritik, meint der Literaturwissenschaftler Colin MacCabe, aber die "Satanischen Verse" waren schon ein echtes Wagnis: "Als Rushdie mir Mitte der achtziger Jahre von seinem neuen Roman erzählte, in dessen Zentrum koranische Verse stünden, die auch solche Götter anerkannte, die der Prophet abgelehnt hatte, betonte er, dass er einen Raum schaffen wolle, in dem man dem Islam Respekt zollen konnte, ohne an Gott zu glauben. Das war seine unverzeihliche Sünde. ... Rushdie wagte es, die islamische Tradition für Ungläubige zu enteignen, sie den Händen der Geistlichen zu entreißen. Der Ayatollah Khomeini musste das Buch nicht lesen, um zu begreifen, was für eine Bedrohung das war und immer noch ist."

Außerdem: "Eine intellektuelle Pest verseucht uns", stöhnt Steven Poole, nachdem er sich durch eine ganze Reihe von Neuerscheinungen über die angesagten Neurowissenschaften geackert hat.

Magazinrundschau vom 11.09.2012 - New Statesman

Der britische Autor David Flusfeder spielt professionelles Poker in Las Vegas. Er erzählt von seinen Erfahrungen und zeichnet nebenbei ein etwas anderes Bild der Stadt, die GQ letzte Woche "500.000 Dollar die Nacht"-Partystadt beschrieben hatte: "Vor fünf Jahren war Las Vegas die am schnellsten wachsende Stadt der Vereinigten Staaten, mit einer Arbeitslosenquote von 4,7 Prozent. Heute liegt die Arbeitslosenquote bei über 12 Prozent. Die Kriminalitätsrate ist hoch und steigt weiter. In diesem Jahr rechnet man mit 130 Totschlagsdelikten und 16.500 Gewalttaten - das ist zweieinhalb mal so hoch wie der nationale Durchschnitt. Die größte anti-Kriminalitätsinitiative der Polizei, die ich im Juli dort gesehen habe, war das harte Durchgreifen gegen Hausierer, die ohne Lizenz Flaschen mit Trinkwasser verkaufen. Sie gehören zum normalen Straßenbild wie die mexikanischen Familien, die Anzeigenzettel für erotische Dienste auf dem Las Vegas Boulevard verteilen und die Touristen, die in der Wüstenhitze über den Strip latschen, sind dankbar. Aber, wie das Las Vegas Review-Journal über eine Familie berichtete, die von Sicherheitskräften des Planet Hollywood verwarnt worden war, 'Delores Smith, 20, erkennt, dass es unfair ist gegenüber den überteuerten lizensierten Geschäften, wenn sie und ihre Cousins Wasser für einen Dollar verkaufen'. Das ist ein interessanter und sehr vegasmäßiger Gebrauch des Wortes 'unfair'."

Rachel Halliburton porträtiert den syrischen Cartoonisten Ali Ferzat, den Schergen Assads letztes Jahr brutal verprügelt und beide Hände gebrochen haben. Heute lebt Assad vorwiegend in Kuwait, Halliburton traf ihn anlässlich einer Ausstellung in London, wo er ihr erzählte, warum seine Karikaturen seit dem Aufstand keine Typen, sondern Individuen darstellen. Assad zum Beispiel: "Einige Monate, bevor der Aufstand anfing, fühlte ich, dass die Dinge sich schneller bewegten. Ich musste diese Veränderung festhalten, ohne lange nach einer Symbolik dafür suchen zu können. Aber ich wollte mich auch von der Angst freimachen, ihn persönlich zu porträtieren. Nicht zuletzt, weil die Revolution genau jetzt Karikaturen brauchte, die die Leute bei den Protesten tragen konnten, die sie auf der Straße hochhalten konnten. Ich habe immer wieder Demonstranten in ganz Syrien gesehen, die meine Karikaturen tragen. Und ich bin stolz darauf."

Und: Laurie Penny ("The vagina can monologue, but it takes a cunt to throw a brick through a window.") und Helen Lewis ("mystic woo woo to the froo froo") nehmen Naomi Wolfs "Vagina"-Biografie auseinander.

Magazinrundschau vom 20.12.2011 - New Statesman

Ganz aus dem Häuschen ist Slavoj Zizek von Ralph Fiennes' "Coriolanus"-Verfilmung, die ihm zwei Dinge zeigte: Das Stück ist besser als Hamlet, und Coriolanus gar kein fanatischer Militarist, sondern ein radikaler Freiheitskämpfer!: "Ja, Coriolanus ist eine Mordmaschine, ein perfekter Soldat, aber er ist nicht an eine feste Klasse gebunden, er kann sich auch den Unterdrückten in den Dienst stellen. Wie Che Guevara es ausgedrückt hat: 'Hass ist ein Element des Kampfes; rücksichtsloser Hass auf den Feind treibt uns über die natürlichen Grenzen des Menschseins und verwandelt uns in effiziente, gewalttätige, ausgewählte und kalte Killermaschinen. So müssen unsere Soldaten sein; ein Volk ohne Hass kann einen brutalen Feind nicht besiegen.'" (Und Arno Breker soll ihn in Stein hauen!)

Jason Cowley wird in seinem Nachruf auf Christopher Hitchens, der im New Statesman seine Journalistenkarriere begann, nicht unhöflich, bleibt aber kühl: "Hitchens war vieles zugleich: Polemiker, Reporter, Autor, Rhetoriker, militanter Atheist, Trinker, Name-dopper, Erzähler. Er war auch ein Absolutist. Er mochte es, ein klares Ziel ins Visier zu nehmen und drauflos zu feuern; er wusste, wogegen er schreiben wollte und tat dies mit all der Kraft und Macht seiner formidablen Gelehrsamkeit und Eloquenz."

Zu lesen ist ein kurzer Auszug aus dem letzten Interview, das Richard Dawkins mit seinem atheistischen Mitstreiter Hitchens führte.

Magazinrundschau vom 29.11.2011 - New Statesman

"Der Körper der Muslimbrüder ist schneller gewachsen als ihr Hirn", schreibt Fawaz A. Gerges, Nahostexperte an der London School of Economics, in einem ausführlichen Hintergrundartikel zum Aufstieg der Muslimbrüder in Ägypten. Der Erfolg bei den Wahlen könnte sie zerreißen - nicht nur wegen des Streits zwischen den konservativen und fortschrittlichen Kräfte innerhalb der Bruderschaft. "Wenn sie eine Mehrheit gewinnen und die Regierung bilden, werden sie liefern müssen. Bedenkt man die Größe der Probleme Ägyptens und den Mangel an klar formulierten Vorschlägen für die Schaffung von Arbeitsplätzen, dann stehen die Wetten gegen sie. Und wenn sie versagen, werden ihre Wahlkampfparolen - 'Islam ist die Lösung' - mit Macht auf sie zurückschlagen."

Lesen darf man jetzt auch Richard Evans' Aufmacher aus der letzten Woche, der den Briten erklärt, dass die Deutschen keineswegs ein "Viertes Reich" zu errichten wünschen, wie einige Kommentatoren behauptet haben, aber gern eine Inflation wie in den zwanziger Jahren vermeiden möchten.

Magazinrundschau vom 30.08.2011 - New Statesman

Jaron Lanier erinnert sich, wie er mit anderen Hippies Anfang der Achtziger in Silicon Valley landete. "In Sofia Coppolas Film 'Marie Antoinette' gibt es eine Szene, wo ein Gruppe junger Adliger durch einen Ballsaal wirbelt. Ausstattung und Kostüme sind historisch, aber die Musik und das Benehmen kommen direkt aus einem modernen Tanzklub. Es scheint, als wäre eine elitäre Minderheit in der Lage gewesen, einen Zeh in die Zukunft zu stippen, um zu erfahren, was heute normal ist. So ähnlich war es in dem Silicon Valley, das ich in den 1980ern kannte. Die Debatten und Probleme, die heute eine ganze Generation beschäftigen, gab es in Miniatur schon, bevor es das Internet gab."