Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

191 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 20

Magazinrundschau vom 23.08.2011 - New Statesman

Die große chinesische Firewall, etliche Zusatzprogramme und 50.000 Techniker kontrollieren die chinesische Suchmaschine Baidu auf unerwünschte Inhalte hin, doch die Chinesen benutzen sie lieber als Google, zu dem sie auch Zugang hätten. Auch die westliche Musikindustrie schätzt Baidu, weiß Jonathan Margolis in einem großen Report zu berichten: "Mit ungefähr 400 Millionen hat Baidu schon fast so viele Nutzer allein in China wie Google mit 425 Millionen weltweit. Die Firma ist in Hinsicht auf künftige Gewinne sogar so zuversichtlich, dass sie freiwillig auf Einnahmen verzichtet: Künftig will sie Nutzer nicht mehr zu Seiten leiten, auf denen man illegal Musik herunterladen kann, was fast schon chinesische Tradition ist. Stattdessen hat Baidu ein bahnbrechendes Abkommen mit Universal, Warner und Sony abgeschlossen, um geschützte Stücke auf der neuen Musikplattform 'Ting!' (Hören! auf Madarin) anzubieten. Baidu ist Chinas Fenster zur Welt und zu sich selbst, ultimativer Schiedsrichter über die Realität, Quelle der Wahrheit für ein Viertel der Menschheit. Sie wird in rasanter Geschwindigkeit so bedeutend wie die KP - vielleicht noch mehr, denn die breite Bevölkerung vertraut ihr vorbehaltlos, während sie unaufhörlich über die herrschende Elite murrt."

Magazinrundschau vom 28.06.2011 - New Statesman

Der französische Islamwissenschaftler Olivier Roy liefert für den New Statesman eine geopolitische Anlayse der Lage nach dem arabischen Frühling: "Die prodemokratischen Bewegungen im Nahen Osten sind so stark, dass sie zum ersten Mal in der arabischen Welt keine übernationalen Ziele wie Panarabismus, Panislamismus oder Unterstützung für die Palästinenser verfolgen. Diese neuen Bewegungen sind eher patriotisch als nationalistisch ud wurzeln in heimischen Kontexten, wo sie die politische Führungen attackieren, ohne ihnen vorzuwerfen, dass sie Marionetten externer Kräfte sein."

Magazinrundschau vom 18.01.2011 - New Statesman

Gabriel Josipovici singt ein Liebeslied an Thomas Bernhard, dessen gerade auf Englisch erschienenen Essayband "Meine Preise" er mit großem Vergnügen gelesen hat: "Das Komitee für den Literaturnobelpreis hat in der Begründung für die Verleihung an Elfriede Jelinek 2005 angedeutet, dass es ein Fehler war, Bernhard nicht ausgezeichnet zu haben, als es erklärte, der Preis sei auch eine Auszeichnung für die ganze österreichische Tradition der Satire und Subversion - von Nestroy bis Jelinek. Aber damit steckt man Bernhard in die falsche Schublade. Jelinek ist, wie ihr Meister Theodor Adorno, eine scharfe und intelligente Polemikerin, nur für sich selbst und ihre eigenen Werte hat sie keinen Blick. Bernhard auf der anderen Seite ist viel beunruhigender, weil man unmöglich sagen kann, wo er steht."

Magazinrundschau vom 14.12.2010 - New Statesman

Anthony Barnett, Mitbegründer von OpenDemocracy, vergleicht die jetzigen Studentenproteste in Britannien mit den Studentenprotesten in den Sechzigern und fragt sich, ob auch sie von der Rechten bezwungen werden. "Im Oktober 1968 hielt eine damals noch unbekannte Margaret Thatcher eine Rede bei einem Nebentreffen während des Parteitags der Konservativen. Sie begriff den antistaatlichen Zeitgeist. Es war dann die politische Rechte, die irgendwann das Erbe des Antiautoritarismus der Sechziger übernahm. [...] Im Gegensatz zu den späten Sechzigern, als Studentenproteste lächerlich gemacht und angeprangert wurden, können sie heute glaubhaft für sich in Anspruch nehmen, den Ärger und die Besorgnis einer breiteren Öffentlichkeit zu artikulieren."

Magazinrundschau vom 05.10.2010 - New Statesman

Der Facebook-Film nährt bei Laurie Penny einen Verdacht: Speist sich der moderne Kapitalismus aus der Frustration von Männern, die an der Uni keine Freundin abbekommen haben? "'The Social Network' erinnert uns daran, dass ein Netzwerk, das die menschlichen Kontakte von 500 Millionen Menschen in aller Welt neu definiert, aus einem Akt rachsüchtiger Misogynie heraus entstanden ist. Frauenhass ist das Hintergrundgeräusch dieser Geschichte. Aaron Sorkins grandios geschriebener Showdown zwischen linkischen ehrgeizigen jungen Männern, die nach Reichtum und Respekt hungern, beschreibt Frauen und Mädchen nur als gloriose Sex-Extras, reizende Assistentinnen in der großen Zaubervorstellung, an deren Ende die Zukunft menschlicher Geschäfte und Kommunikation enthüllt werden."

Der Filmemacher Erik Gandini ("Videokratie") spricht im Interview mit Daniel Trilling über Berlusconi und seinen Fernsehstaat: "Italien ist kein faschistisches Land, aber es gibt etwas Totalitäres in unserer Kultur, und zwar in einer sehr modernen Art. Diese Celebrity-Kultur hat ein Wertesystem geschaffen, das eigentlich ein System von Nicht-Werten ist, in dem nichts wirklich gilt. Ich glaube nicht, dass Lele Mora ein politisch überzeugter Faschist ist, er steht meiner Ansicht nach weniger für eine Ideologie als für ihre Abwesenheit, und das ist sogar noch beängstigender, denn in Italien besteht der Kern der Kultur in dem Druck, ständig Spaß zu haben."

Magazinrundschau vom 21.09.2010 - New Statesman

Als ein Meisterwerk der historischen Forschung preist John Gray Frank Dikötters Buch über die Große Hungernot in China, "Mao's Great Famine", in deren Zuge 45 Millionen Menschen verhungerten, zu Tode geprügelt und gefoltert wurden: "Dikötter schreibt in einem durch und durch nüchternen und zurückhaltenden Stil, der den Horror der beschriebenen Ereignisse umso stärker zum Ausdruck bringt, und er zeigt in aller Ausführlichkeit, wie die Verantwortung für dieses Desaster direkt auf Mao zurückgeführt werden kann. Es war Mao, der seine kommunistischen Genossen zum Großen Sprung nach vorn drängte und die politische Säuberung von drei Millionen 'rechten Elementen' anordnete, denen er vorwarf, seine Politik in Frage zu stellen. Noch im Sommer 1959 hätte eine Änderung der Direktiven die Opferzahlen der Hungersnot auf einige Millionen begrenzen können. Aber Mao drängte weiter, und es starben zig Millionen. Dikötter deckt die gesamte Bandbreite dieses schrecklichen Verbrechens auf und hat damit eines der wenigen Bücher vorgelegt, die schlichtweg jeder, der das 20. Jahrhundert verstehen will, gelesen haben muss."

Magazinrundschau vom 13.07.2010 - New Statesman

Junge Menschen lesen nicht mehr, können sich auf nichts wirklich konzentrieren und sind sozial unterentwickelt, wird heute oft geklagt. Ach ja? Vielleicht sollten wir nicht so schnippisch über die "digital natives" sprechen, meint John Naish. Die produzieren nämlich einige Genies. "Multitasking ist für die meisten von uns schwierig. Versuche zeigen, dass es meist damit endet, dass man zwei Dinge schlecht macht statt eins gut. Aber einer von vierzig Menschen scheint gegen dieses Problem immun zu sein. Diese glücklichen Geschwindigkeits-Freaks können zum Beispiel Auto fahren und gleichzeitig mit ihrem Handy telefonieren und sich auf beide Aktivitäten gleich gut konzentieren. Das ergab ein Test an 200 Menschen, den der Psychologe Jason Watson von der Utah Universität durchgeführt hat. Supertaskers machen nur 2,5 Prozent der Bevölkerung aus, glaubt Watson. Aber sogar diese Zahl ist überraschend hoch. 'Nach der Kognitionswissenschaft dürfte es diese Individuen gar nicht geben', sagt er in einem Artikel, der bald im Psychonomic Bulletin and Review veröffentlicht wird."

Magazinrundschau vom 22.06.2010 - New Statesman

Leo Robson rühmt Wassili Grossmans ins Englische und Deutsche neu übersetzten Roman "Alles fließt". Grossman spannt darin den Bogen von der Russischen Revolution bis zu Stalins Tod und versucht, die gusseiserne Logik hinter dem großen Terror zu ergründen: "Grossman wollte den Sinn in Stalins Russland erkennen, und dies beinhaltete auch, sich diejenigen zu erklären, die mit dem Staat kollaboriert haben - die ihre Freunde und Nachbarn als Parasiten, Kosmopoliten, jüdisch-bourgeoise Nationalisten, Diener des Westens denunzierten. Grossman zeigt einen Schauprozess, mit einem Ankläger, der Informanten befragt. 'Denken wir nach, empfiehlt er, 'bevor wir das Urteil verkünden'. Nachdem er die Umstände erklärt, aber nicht wegerklärt hat, die einen Menschen dazu bringen zu denunzieren, ruft er: 'Trotzdem - was für ein Hund!' Und als sein moralischer Zorn ein wenig zu weichen beginnt, schließt er, dass eine bestialische Atmosphäre aus Menschen Bestien macht. Die russische Geschichte ist die Beklagte, aber dies ist kein Freispruch für den Einzelnen in Russland."

In einem kurzen Interview spricht zudem Grossmans Tochter Jekaterina Korotkowa-Grossman (mehr hier) über das Buch, dessen Kapitel über den "Hunger-Terror" sie für das stärkste im Werk ihres Vaters überhaupt hält: "Aber dies war kein von den Russen an den Ukrainern ausgeübter Genozid. Es war ein Angriff gegen die gesamte bäuerliche Bevölkerung der Sowjetunion", meint sie. "Die fruchtbaren Gegenden an Don und Kuban litten genauso schwer wie die Ukraine." Und in einem Interview über die Finanzkrise, Cameron und wer schuld ist an der Finanzkrise platzt der Epistomologe und schwarze Schwan Nassim Nicholas Taleb praktisch vor Selbstbewusstsein: "Viele, aber die größte Schuld gebe ich Ben Bernanke. Er hat die Große Depression studiert, er sollte es besser wissen. Alan Greenspan ist ungelernt. Die Ungelernten nimmt man nicht ernst."

Magazinrundschau vom 01.06.2010 - New Statesman

Mehdi Hasan fragt sich, ob das von so vielen europäischen Politikern geforderte Burka-Verbot wirklich ein Ausdruck der Sorge um muslimische Frauen sei. Und er findet ein Verbot eher kontraproduktiv. "Als der damalige Minister Jack Straw im Jahr 2006 enthüllte, darauf bestanden zu haben, dass Frauen in seinen Sprechstunden den Schleier ablegen, meldeten islamische Kleidergeschäfte in Nordwest-England einen Anstieg der Verkäufe von Niqabs, Burkas und anderen Ganzkörperschleiern. Ein junges muslimisches Mädchen sagte mir später, dass es Straws Ausführungen waren, die sie veranlasst hätten, von Kopftuch auf Niqab überzugehen."

Magazinrundschau vom 18.05.2010 - New Statesman

Penguin hat gerade zehn englische Übersetzungen zentraleuropäischer Klassiker veröffentlicht, darunter Essays von Czeslaw Milosz, Josef Skvoreckys Roman "Die Feiglinge" und Ciorans "Lehre vom Verfall". Muss man alle lesen, erklärt der Autor Adam Thirwell, dem es besonders Hasek und Cioran angetan haben. "Abschweifungen unter dem Zeichen der Niederlage: das ist die Form, die ich bevorzuge - der Roman als Gerümpel. Es ist eine Erfindung, die sicherlich durch die verrückte Politik in Zentraleuropa provoziert wurde, und doch ist der Stil von Hasek oder Cioran nicht von Politik geformt. Sie nehmen die Niederlage, die jede Politik aus dem Leben macht, und lösen sie auf in Sprezzatura."