Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

191 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 20

Magazinrundschau vom 06.04.2010 - New Statesman

Der britische Autor und Vatikan-Spezialist John Cornwell versucht sich die verharmlosenden Reaktion des Papstes auf den Kindesmissbrauch durch katholische Priester zu erklären und kommt zu dem Schluss, dass für den Papst Kindesmissbrauch eher einen Verstoß gegen geistliche Gebote als ein weltliches Verbrechen darstellt. "Benedikts Initiativen gegen die pädophilen Priester zielen denn auch eher auf übernatürliche denn auf menschliche Abhilfe. Er hat dekretiert, dass Hostien (von denen Katholiken glauben, sie seien 'Körper, Blut, Seele und Göttlichkeit Jesu Christi) in Hunderten von Kirchen in Irland zur Anbetung ausgestellt werden sollen. Er hat gelobt, Geistliche ins Land zu schicken, um die Seminare, Klöster, Gemeinden und Diözesen zu überprüfen. Diese spirituellen Stoßtruppen werden das Evangelium neu verkünden, um die irischen Priester und Nonnen zu beschämen. Sie werden Gebete anführen, Homilien halten und Beichten hören. Im selben Brief gibt der Papst geistlichen Fehlinterpretationen der Reformen des zweiten Vatikanischen Konzils die Schuld. Mit anderen Worten: katholische Liberale haben letztlich irischer Geistliche verführt und von ihrer priesterlicher Frömmigkeit abgebracht."

Außerdem denkt Terry Eagleton über das Böse nach, das erst mit Freud und schließlich mit der Postmoderne ein wenig aus der Mode gekommen ist: "Im Großen und Ganzen können postmoderne Gesellschaften trotz ihres Faibles für Monster und Vampire mit dem Bösen wenig anfangen. Vielleicht liegt das daran, dass dem postmodernen Menschen - cool, nicht festgelegt, gelassen und dezentriert - die Tiefe fehlt, die wahre Zerstörungslust braucht. Im Postmodernismus muss nichts erlöst werden. Für die großen Modernen wie Franz Kafka, Samuel Beckett oder den jungen T.S. Eliot gab es noch sehr wohl etwas, das gerettet werden musste, es war nur unmöglich geworden zu sagen was. Becketts verlassene, verwüstete Landschaften erscheinen wie eine einzige nach Erlösung schreiende Welt. Aber Rettung setzt Verlorenheit voraus, Becketts nichtsnutzige, bedeutungslose menschliche Figuren sind zu versunken in Apathie und Trägheit, um auch nur milde unmoralisch sein. Sie bringen nicht die Kraft auf, sich selbst zu hängen, schon gar nicht, ein ganzes Dorf voller unschuldiger Menschen in Brand zu stecken."

Magazinrundschau vom 16.02.2010 - New Statesman

Mit dem Titel "Alles, was Sie über den Islam wissen, ist falsch" will die linksliberale Zeitschrift dem Publikum die Angst vor dem Islam nehmen. Einer der Autoren ist der Reformprediger Tariq Ramadan, der sich die Frage stellt, was ein "gemäßigter Muslim" eigentlich sei, und zu dem Ergebnis kommt, dass schon der Begriff "irreführend" sei. Eines seiner Argumente: "Ich glaube, dass die Frage politischer Mäßigung oft subjektiv ist. Das afghanische Beispiel liegt auf der Hand: Dieselben Leute, die vor zwei Jahrzehnten als 'Freiheitskämpfer' gegen die sowjetischen Invasoren gefeiert wurden, beschreibt man heute als 'Terroristen' wenn sie sich der anglo-amerikanischen Besetzung ihres Landes widersetzen. Und jedermann wird natürlich terroristische Akte gegen Zivilisten in New York, Rabat, Bali, Amman, Madrid und London verurteilen, aber wie soll man die Widerstandbewegungen im Irak, in Afghanistan oder Palästina beschreiben, die gegen die von ihnen als illegal und illegetim verstandenen Besatzungen kämpfen?"

Magazinrundschau vom 22.12.2009 - New Statesman

Leo McKinstry wirft noch einmal die Frage auf, welchem Zweck die Bombardierung deutscher Städte durch die britische Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg diente. Nach Sichtung verschiedener Archive kommt er zu dem Schluss, dass die Hunderttausende zivilen deutschen Opfer nicht Unglück waren, sondern Absicht: "Typisch ist ein Papier aus dem Bombing Operations Directorate des Luftministeriums vom August 1941, das in den Archiven der Universität Cambridge liegt. Es erklärt, dass der Fokus zukünftiger britischer Attacken die 'Menschen in ihren Häusern und in Fabriken' sein müssten, 'wie auch die Versorgung mit Elektrizität, Gas und Wasser, von der das industrielle und häusliche Leben abhängt'. Während sich das Direktorium allmählich mit dieser Idee anfreundete, fand sie Bestärkung mit der Bombardierung Coventrys durch die Luftwaffe. Für die meisten Briten war dieser Angriff eine Gräueltat. Für den Stab der Royal Air Force war er eine Inspiration. Der Angriff auf Coventry, heißt es in dem Papier, war 'einer der erfolgreichsten der deutschen Luftstreitkräfte auf dieses Land', auf 800 Einwohner kam eine Tonne Spreng- und Brandstoffe. 'Wenn das Bomber Command jeden Monat einen Angriff im Maßstab von Coventry ausführen könnte, wäre das Ergebnis totale Panik im industrialisierten Westen Deutschlands' wie auch 'ein beträchtlicher Verlust an Leib und Leben, umfassende Zerstörung und Beschädigung der Häuser der Arbeiter'."
Stichwörter: Gas, Wasser, New Statesman, Coventry

Magazinrundschau vom 01.12.2009 - New Statesman

Amerikas bester Reporter Seymour Hersh spricht im Interview über die Tücken des investigativen Journalismus', zum Beispiel über die Frage, ob ungenannte Quellen - oder was man dann später im Text "a higher-level former senior intelligence official" nennt - nicht ziemlich gefährlich sind. "Ich hasse das. Um mit dieser Anomalie, dieser Schande vor mir zurechtzukommen, begrüße ich es, wenn Leute mich verklagen. Ich war in viele Prozesse verwickelt. Ich begrüße das, weil es ein geeigneter Maßstab ist. Ich glaube ich bin sieben mal verklagt worden. Wir waren einmal vor Gericht und der entscheidende Punkt war, dass der Richter meine Quellen genannt haben wollte. Ich war schon drauf und dran zu sagen, dass wir die Klage anerkennen und uns wegen Verleumdung verurteilen lassen. Der Richter war vor einigen Jahrzehnten in Chicago von Reagan ernannt worden, und dieser Reagan-Mann entschied, dass ich meine Quelle nicht nennen muss. Wir gingen zum Richter und gaben ihm einen Bericht über sechs Leute und beschrieben sie, und der Richter akzeptierte, dass sie real waren - dass ich seriös war und Quellen hatte. Aber wenn er das nicht getan hätte, hätte ich den Fall verloren geben müssen."

Magazinrundschau vom 17.11.2009 - New Statesman

Nicky Gardner schickt einen melancholischen Report aus dem Berliner Hinterland, dem Kohl "blühende Landschaften" versprochen hatte. "Fast zwanzig Jahre später warten viele Gemeinden im östlichen Deutschland immer noch auf Kohls Nirvana. Sicher, neue Namen bevölkern jetzt die ökonomische Wüste, die die Staatsbetriebe der DDR hinterlassen hat. Aber die Neuankömmlinge - multinationale Firmen wie Oracle, eBay, DHL, Mercedes Benz, Rolls Royce Aerospace, Pratt & Whitney, Bombardier und die Daimler AG - zieht die grüne Wiese an. Sie mögen Betonarchitektur und Glasbüros, die von jungfräulichen Wäldern umgeben sind. Oder Lagerhäuser aus Aluminium auf grüner Flur. Bei ihrem Umzug in Brandenburgs Business-Korridor haben viele Firmen Steuervorteile von einer Landesregierung erhalten, die behauptet, keine Ressourcen zu haben, um den Verfall der Städte aufzuhalten."

Außerdem: Terry Eagleton überprüft Walter Benjamins These, wir könnten die Vergangenheit ändern.

Magazinrundschau vom 20.10.2009 - New Statesman

Nach einem Jahrzehnt der Gewalt – wie groß sind heute die Chancen für die Demokratie in Nepal, überlegt Isabel Hilton mit Blick auf ein Land, dessen Zukunft in den Händen einer wackeligen Koalition aus 22 von Nepals 24 politischen Parteien liegt. "Demokratie ist in Nepal keine einfache Sache. Viele politische Parteien des Landes, selbst die ziemlich disziplinierten Maoisten, werden von internen Zersplittergruppen geplagt, Abspaltungen sind an der Tagesordnung. Diese Spannungen werden jeden Tag im Parlament ausgetragen, das sich eine Deadline bis zum nächsten Mai gesetzt hat, die Blaupause für Nepals politische Zukunft zu vervollständigen. Um das zu tun, muss es zwischen einem präsidialen oder einem parlamentarischen System wählen und festlegen, auf welchen Grad an Autonomie Nepals mehr als 100 ethnische Gruppen hoffen dürfen. General de Gaulle hat einmal bemerkt, es sei unmöglich, ein Land zu regieren, dass 246 verschiedene Arten von Käse kennt. Nepal, mit seinen 126 Sprachen, stellt eine noch größere Herausforderung dar."

Der Autor Will Self ekelt sich vor dem Leichenfeld London, das mit Hühnerknochen übersät ist auf die man ständig drauftritt. Nachdem er das festgestellt hat, marschiert er ins nächste Kentucky Fried Chicken: "Ich bestelle männlich zwei Hühnerstücke mit Pommes und einem kleinen Eimer Sprite. Ich bekomme zwei Hühnerbrüste - zumindest glaube ich, dass es Hühnerbrüste waren; sie könnten genauso gut die alten Arschbacken eines indonesischen Kinderarbeiters sein."

Magazinrundschau vom 13.10.2009 - New Statesman

In Großbritannien ist Philip K. Dicks "Man in the High Castle" neu aufgelegt worden. John Gray preist den Roman (die Nazis haben den Krieg gewonnen, allerdings toben schwere Machtkämpfe um die Nachfolge des syphiliskranken Hitler) als Dicks subtilsten. Und stimmt eine generelle Hymne auf Dicks Science Fiction an: "Wie Borges und Calvino nutzt Dick die Romanwelt nicht nur, um die allzu vertrauten Ambivalenzen menschlicher Gefühle nachzuzeichnen. Weitaus ehrgeiziger stellt er die Vorstellungen in Frage, mit denen wir unsere Erfahrungen interpretieren. Wir glauben, wir sind verkörperter Geist, der Pläne fasst und sie ausführt; wir glauben, unser Leben spiegelt diese Pläne wieder. Wir meinen, dass die Theorien, die wir uns über die Welt bilden, nicht nur nützlich, sondern wahr sind. Diese höchst fragwürdigen Annahmen sind Dicks Thema, und indem er uns die falsche Sicherheit nimmt, die mit der herrschenden Sicht der Dinge einhergeht, gehört er zu den befreiendsten Autoren des 20. Jahrhundert."

Magazinrundschau vom 06.10.2009 - New Statesman

"Enorm erfrischend" findet Edward Skidelsky die Vorlesungen von Michael Sandel über Moralphilosophie. Sandel vertritt eine Theorie, die das Gute über das Richtige stellt, und damit beiden Spielarten des Linksliberalismus widerspricht, die das Richtige über das Gute stellen. Es bleibt allerdings ein Problem für Skidelsky: "Der Grund, warum moderne Linke Fragen über das Gute so gern zur Seite schieben, liegt darin, dass sie sie für unbeanwortbar halten. Sie sind, insgesamt gesehen, moralische Skeptiker - sie behaupten, so etwas wie moralische Wahrheit gebe es nicht oder sie sei jedenfalls nicht leicht zugänglich. Die Frage nach dem Richtigen an die Frage nach dem Guten zu koppeln, erscheint ihnen als Einladung zum Bürgerkrieg. Wenn Sandels Alternative uns überzeugen soll, dann muss er uns zeigen, dass es so etwas wie moralische Wahrheit gibt, und dass sie uns zugänglich ist."

Außerdem: Tim Adams schreibt über Anselm Kiefer, der am 16. Oktober eine Ausstellung in London eröffnet. Antonia Quirke hörte eine BBC-Sendung über den Dirigenten Carlos Kleiber.

Magazinrundschau vom 25.08.2009 - New Statesman

Zwanzig Jahre Mauerfall und die Fotografie-Ausstellung "Ostzeit" im Haus der Kulturen der Welt regen Dave Rimmer an, über die Wiedervereinigung von Ost- und Westberlin nachzudenken: "Es scheint, als wäre Berlin einfach noch nicht bereit für ein Wiedervereinigungs-Denkmal. Tatsächlich ist Berlin trotz aller der Vereinigung dienenden Projekte - wie das kommerzielle Zentrum am Potsdamer Platz oder der neue Bahnhof - immer noch eine geteilte Stadt. Ost und West wählen unterschiedlich, haben unterschiedliche historische Erinnerungen und unterschiedliche aktuelle Sorgen. Ein kürzlicher Volksentscheid, der die Zukunft des Flughafens Tempelhof betraf - ein Bauwerk, das wegen der Luftbrücke 1948 für viele Westberliner eine wichtige Rolle spielt - scheiterte an einer zu niedrigen Wahlbeteiligung, weil sich im anderen Teil der Stadt niemand einen Deut um diesen Ort scherte."

Im Aufmacher fassen Maha Atal und Damian Kahya gut verständlich, aber ohne neues hinzuzufügen, den Stand der Besorgnis um Googles dominierende Position im Such- und Anzeigengeschäft zusammen.

Magazinrundschau vom 11.08.2009 - New Statesman

Wir befinden uns an einem politischen Wendepunkt, aber etwas Wichtiges fehlt, klagt Dominic Sandbrook. "Die große Idee. ... Warum haben unsere politischen Führer - intelligente, nachdenkliche Männer und Frauen, die an den besten Institutionen Britanniens ausgebildet wurde - so schmerzlich und enttäuschend wenige neue Ideen?" Ein Grund ist der Werdegang heutiger Politiker, meint er. "Moderne Politiker treten von einer exklusiven Blase in die nächste. Wir haben heute eine Art Schmalspur-Version der französischen Ecole Nationale d'Administration. Aus ihr geht eine politische Klasse hervor, die in Oxford und Cambridge ausgebildet wurde, ein paar Jahre als Berater gearbeitet haben und dann in sichere Positionen und Jobs in Ministerien katapultiert werden - eine Welt, in der Ideen keine große Rolle spielen".
Stichwörter: New Statesman