Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

191 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 20

Magazinrundschau vom 08.01.2008 - New Statesman

Der ukrainische Autor Andrej Kurkow war zu einer Lesung ins nordpolnahe norwegische Städtchen Kirkenes geladen und staunte nicht schlecht, dort auf eine ganze Menge Russen und vor allem Russinnen zu stoßen: "Tatsächlich sind von den 3900 Einwohnern von Kirkenes nicht weniger als 400 die russischen Ehefrauen norwegischer Männer. Ich habe die einheimischen Männer nicht gefragt, warum so viele von ihnen die Frauen ihres Landes verschmähen, aber das Muster scheint klar. Viele norwegische Männer denken erst über das Heiraten nach, wenn der vierzigste Geburtstag näherrückt. Die abenteuerlustigeren suchen sich dann in Murmansk oder Archangelsk eine Braut, die fauleren sehen sich im nahegelegenen russischen Städtchen Nikel um. Nicht dass die Norwegerinnen weniger zuverlässig wären; sie nehmen das Leben nur etwas ernster als die Russinnen und sie erwarten oft einfach mehr von ihren Männern."

Weitere Artikel: Als überaus schädlich für die Aussichten progressiver Politik betrachtet Matthew Taylor den Pessimismus in westlichen Gesellschaften, der schon deshalb erstaunlich sei, weil er sich meist auf die allgemeine, gar nicht so sehr auf die persönliche Situation bezieht. Helena Drysdale zeigt sich fasziniert von Nicholas Ostlers Biografie des Lateinischen mit dem optimistischen Titel "Ad Infinitum"

Magazinrundschau vom 18.12.2007 - New Statesman

"Ich muss doch sagen, dass ich lieber 'Frohe Weihnachten' als eine 'Frohe Feiertagszeit' wünsche", bekennt ausgerechnet der Ober-Atheist Richard Dawkins, der nichts von einem konsequenten Säkularismus wissen will: "Amerikaner wünschen sich schüchtern 'Frohe Feiertage', und geben eine Unmenge Geld für Feiertagsgeschenke aus. So weit ich weiß, singen sie auch Feiertagslieder um den geschmückten Feiertagsbaum. Der Feiertagsmann wurde bisher noch nicht gesichtet. Glücklicherweise ist dies nicht die einzige Wahl: Der 25. Dezember ist der Geburtstag von einem der wahrlich größten Männer, die je auf der Erde gelebt haben: Sir Isaac Newton. Seine Errungenschaften können zurecht gefeiert werden, wo immer seine Wahrheiten gelten. Und das heißt von einem Ende des Universums bis zum anderen. Happy Newton Day!"

Magazinrundschau vom 27.11.2007 - New Statesman

Auch wenn Pekings boomende Kunstszene viele aufregende Künstler und das Ullens Centre for Contemporary Art (Ucca) hervorgebracht hat, mag Alice O'Keeffe nicht einstimmen in den großen Jubel. Die neue "Kulturrevolution" lässt noch auf sich warten: "Die rapide Kommerzialisierung der Kunstszene hat aber auch zur Suche nach ihrer Seele geführt. 'Ein Künstler zu sein, ist nicht mehr das gleich wie früher', sagt Dong Qiang, Kunstprofessor an der Pekinger Universität. 'Jetzt geht es nur noch darum, Geld zu verdienen.' Chinas Gegenwartskunst fehlt ein intellektuelles Fundament, das solide genug wäre, um dem warmen Regen standzuhalten, meint er. 'Für China ist das etwas ganz Neues. Die Leute wissen nicht zwischen guter und schlecher Kunst zu unterscheiden. Sammler sehen in ihr Dekoration, und die Künstler machen, was man ihnen sagt.' Ein Blick durch die Galerien in Dashanzi und anderswo in Peking bestätigt Professor Dongs Befürchtungen."

Weiteres: Flora Bagenal stellt die chinesische Rockband Snapline vor. Robert Turnfull besucht das neue, von Paul Andreu gebaute Nationaltheater in Peking und fragt sich, für wen hier gespielt werden soll.

Magazinrundschau vom 20.11.2007 - New Statesman

David Matthews untersucht die Beziehung afro-karibischer Briten zu den Konservativen. Im Augenblick stimmen bei Wahlen ca. 80 Prozent für Labour. Doch sobald sie die soziale Leiter etwas höher gestiegen sind, könnte sich das ändern, denn Afro-Kariben und Afrikaner sind "in vieler Hinsicht maßgeschneidert für die Tories", meint Matthews. "1962 kamen meine Eltern von British Guayana (heute Guayana) nach England. Sie waren klassische Immigranten: hart arbeitend, unabhängig, Hausbesitzer. Maßgeschneiderte Tories. Kulturell ist die Diaspora immer noch konservativ. Die Einstellung zu kindlicher Disziplin, Abtreibung und Homosexualität ist tief reaktionär. Vor ein paar Jahren zeigte eine Umfrage, dass 96 Prozent aller Jamaikaner gegen die Legalisierung der Homosexualität sind. Die afrikanische Diözese der Anglikanischen Kirche ist jetzt so rechts, dass sogar Gott sich fühlt wie ein schuldiger weißer Liberaler. Aber bedeutet sozialer und kultureller Konservatismus auch politischer Konservatismus?" Noch nicht, aber es könnte dazu kommen, denn nach über 50 Jahren, in denen er Labour gewählt hat, fragt sich zum Beispiel mancher schwarze Brite: Wo sind die schwarzen Parlamentarier auf den vorderen Labour Bänken?

Ein gewisser Neid erfüllt Kira Cochrane, wenn sie nach Schweden sieht: "Die Schweden scheinen ohne jede Anstrengung in praktisch allem, das erstrebenswert ist, auf den ersten Platz zu rutschen, stimmt's? Sie sind gesund - sie haben eine der längsten Lebenserwartungen in der Welt. Sie sind freundlich - sie wurden gerade als das beste Land in Europa genannt, wenn es darum geht, Immigranten zu begrüßen und ihnen zu helfen, sich niederzulassen. Sie sind intelligent - sie haben den höchsten pro-Kopf-Anteil an Nobelpreisträgern. Sie gaben uns Abba, die karaokefreundlichste Popgruppe aller Zeiten.... Und als ob das nicht genug wäre, wurden sie jetzt zum zweiten Mal als das Land ausgezeichnet, das am meisten für die Gleichberechtigung getan hat."

Weiteres: Besprochen werden die neue CD von Burial (hier ein paar Hörproben) und Thomas Schüttes Skulptur am Trafalgar Square.

Magazinrundschau vom 06.11.2007 - New Statesman

Der nigerianische Schriftsteller und Nobelpreisträger Wole Soyinka beschreibt eine genuin mobile Kunstform, der man nicht nur in Afrika auf Schritt und Tritt begegnen kann - Kalligrafie und Malerei auf den Seitenwänden von Transport-Lastern: "Ich bezeichne dieses Genre oft als 'bewegliche Wandgemälde' oder wandernde Manuskript-Illuminationen - ein von den Mönchen des Mittelalters geborgter Begriff, die ihr Leben damit zubrachten, göttliche Manuskripte zur Erbauung der Gläubigen und zur Verführung der Ungläubigen oder Skeptiker auszuschmücken. Die meisten Afrikaner haben diese Malerei gesehen; eine ganze Menge sind sogar darin gereist. Ich nehme an, dass Sie nie von einem der Laster überfahren wurden, sonst würden Sie dies hier wohl kaum lesen. Es gibt diese Darstellungen auch in Lateinamerika. Sie sind oft rasch ausgeführt, krude, zeugen von wenig geschulter Zeichenkunst und beweisen ziemlich bizarre Farb-Vorlieben. Und doch sind sie scharfsinnige politische Statements, treffende Kommentare zu den Realitäten des Alltags, aber auch den Wünschen der Menschen."

Magazinrundschau vom 30.10.2007 - New Statesman

Der schwarze britische Schauspieler und Dramatiker Kwame Kwei-Armah ist froh, dass endlich über den Exodus schwarzer britischer Darstellerinnen und Darsteller diskutiert wird. Es ist, wie er feststellt, ein großes Problem: "Die überwältigende Mehrheit schwarzer Schauspieler meiner Generation musste feststellen, dass ihre einzige Hoffnung auf eine Karriere in Amerika liegt... Meine Altersgenossen tauschen Tipps nicht übers Vorsprechen, sondern über das '01 Visum', jenes Dokument, das 'jenen den Zugang zu den Vereinigten Staaten erlaubt, die in der Film- und Fernsehproduktion Außerordentliches geleistet haben'. Ich habe einmal einen sehr interessanten Kommentar zur Karriere des US-Generals und späteren Außenministers Colin Powell gelesen. 'Er hatte Glück, dass seine [in Jamaica geborenen] Eltern das Schiff nach New York und nicht nach Southampton genommen haben. Im anderen Fall hätte er es vielleicht zum Sergeant gebracht."

Weitere Artikel: Alex Brummer warnt davor, die Bedeutung der Musikindustrie zu unterschätzen: Neue Künstler hätten nach wie vor kaum Chancen auf den Durchbruch ohne die Beziehungen und Marketing-Instrumente der großen vier Konzerne, in deren Händen nach wie vor 95 Prozent der Verkäufe liegen. Becky Hogge stellt fest: Blogs könnten eines Tages den Niedergang des Qualitätsjournalismus ausgleichen. Über die Bedeutung von Jean Sibelius für Finnland denkt Rick Jones nach.

Magazinrundschau vom 16.10.2007 - New Statesman

Roger Boyes, Deutschland-Korrespondent der Times, stellt sich hinter die polnischen Kaczynskis, deren Politik er vielleicht etwas ruppig, aber im Grunde ganz richtig findet. Und mit 7,5 Prozent Wachstum sei Polen auch wirtschaftlich auf dem richtigen Kurs: "Das Ergebnis ist eine expandierende Mittelklasse, die sich gegen das populistische Kanzelgedonner sträuben, aber durchaus eine verträglichere Version vom Konservatismus der Kazynskis gutheißen mag. Es gibt einen Konsens in weiten Teilen des sozialen Spektrums, dass Polen um seinen Platz in der globalen Ordnung härter kämpfen muss. Deutsche Politik in Osteuropa hat sich immer darauf gegründet, die kleineren Nachbarn in wirtschaftliche Abhängigkeit zu ziehen, in der Hoffnung, dadurch politische Unterstützung bei der Durchsetzung eigener Ziele zu gewinnen. Polen ist zu groß, zu selbstbewusst, um die Dienstmagd deutscher Interessen zu werden. Es ist die deutsche Ostpolitik, die überdacht werden muss, und nicht die deutsche Westpolitik: die EU-Erweiterung hat die Nachbarschaftlichkeit neu definiert." (Weshalb die Dienstmägde jetzt in England dienen)

Außerdem in diesem Polen-Schwerpunkt: Marek Kohn sammelt Informationen zu den in Großbritannien lebenden Polen. Jo Barret befragt polnische Migranten.

Magazinrundschau vom 09.10.2007 - New Statesman

Zum vierzigsten Todestag besichtigt Isabel Hilton (mehr) das dürre Vermächtnis des Berufsrevolutionärs Ernesto "Che" Guevara. Nicht nur, dass Alberto Kordas ikonisches Bild vor seiner Karriere als Postermotiv manipuliert wurde - Guevaras Gesicht wurde um ein Sechstel gestreckt, um ihn nicht zu pummelig zu erscheinen lassen. Auch "politisch gibt es keine Bewegung, die sich als guevaristisch bezeichnen würde. In Peru stehen sich Fidelistas und Guevaristas gegenüber, ebenso wie in Panama und Mexiko. Für die linken Intellektuellen der Gegenwart ist Ches Erbe mit seiner Romantisierung und Heroisierung problematisch. Jorge Castaneda, der mexikanische Schriftsteller und Soziologe, schrieb in seiner Che-Biografie, dass Ches Ideen den heutigen Generationen nichts zu bieten hätten. Für Castaneda sind seine 'Ablehnung der Ambivalenz' und der Unwille, die Widersprüche des Lebens zu verstehen, die Folgen einer schadensreichen Epoche in Lateinamerika. In einem Zeitalter, in dem die Absolutheitsansprüche von Marxismus und Marktkapitalismus als gescheitert angesehen wurden, hatte Che nichts zu sagen."

Magazinrundschau vom 18.09.2007 - New Statesman

Salman Rushdie preist das in einer Londoner Ausstellung zu sehende Werk der Fotografin Taryn Simon, die ihre Bilder in schwer zugänglichen Zonen der Gesellschaft schießt: "Dass es ihr gelungen ist, Zugang zu - um nur Beispiele zu nennen - Scientology zu bekommen und zu MOUT, einer abgeriegelten Stadtsimulation in Kentucky, die zum Zwecke militärischer Übungen als städtisches Schlachtfeld genutzt wird; oder zum Imperialen Büro der Weltlichen Ritter des Ku Klux Klan..., die aussehen wie Charaktere in einem Film der Coen-Brothers; oder auch zum Operationssaal, in dem an einer Palästinenserin eine Wiederherstellung ihres Hymen vorgenommen wird - all das belegt, dass Simons Überzeugungskraft ihrem fotografischen Können in nichts nachsteht."

Magazinrundschau vom 17.07.2007 - New Statesman

Alice O'Keeffe berichtet von der aufgeheizten Stimmung im Venezuela von el Presidente Hugo Chavez: "Die Menschen in Caracas sagen einem ihre Meinung, noch bevor sie sich vorgestellt haben. Auf meinem ersten Ausflug in die Straßen der Stadt, fragt ich einen Buchhändler, wo ich eine Karte kaufen könnte. Er fasste mich heftig am Arm und erwiderte: 'Es gibt nur eine Sache, die Sie über Caracas wissen müssen, nämlich dass wir Revolutionäre sind!' Die ganze Bevölkerung ist politisiert; gespalten in zwei Lager, die sich feindlich gegenüberstehen: Chavistas und die abschätzig 'Esqualidos' genannten Oppositionellen - die 'Schwächlinge'. Die Debatte wird so wütend geführt, dass die Situation oft als Kalter Bürgerkrieg beschrieben wird. Mit einem machtverrückten Chavez am Ruder, ist die Gefahr groß, dass er nicht kalt bleibt."

Übernommen wurde außerdem die Rede, die Wim Wenders letzten November in Berlin auf der Konferenz "Europa eine Seele geben" hielt.