Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

191 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 20

Magazinrundschau vom 02.12.2008 - New Statesman

Mit großem Interesse hat Andrew Hussey "The Shameful Peace", Frederic Spotts' Buch über die französischen Intellektuellen unter der deutschen Besatzung gelesen. Viele Intellektuelle, so lernt er, waren durchaus angetan von den Nazis, besonders wenn sie dieses gewisse arische Aussehen hatten wie Karl Heinz Bremer, der stellvertretende Leiter des Deutschen Instituts in Paris. Zu seinen Verehrern "gehörten nicht nur Robert Brasillach, sondern auch Personen, die so lächerlich und abscheulich waren wie Serge Lifar, der führende Tänzer des Pariser Opernballetts. Sogar nach der Befreiung 1945 prahlte Lifar damit, dass er eine physische Beziehung mit Adolf Hitler gehabt hätte. Er genoss es, zärtlich die Arme seiner Liebhaber zu streicheln und dabei zu murmeln: 'Nur zwei Männer haben mich so liebkost: Diaghilev und Hitler.'" (Wer sich für diesen Aspekt der deutsch-französischen Beziehungen interessiert, dem sei ergänzend Francois Dufays "Herbstreise" empfohlen, ein Bericht über die Deutschlandreise französischer Schriftsteller im Oktober 1941)

Außerdem: In einer kurzen Notiz empfiehlt Katy Taylor Daniel Kehlmanns "Ich und Kaminski" als "durch und durch unterhaltsame" Lektüre.

Magazinrundschau vom 11.11.2008 - New Statesman

Beim Londoner Jazzfestival tritt am 14. November der tunesische Sänger und Oud-Spieler Dhafer Youssef auf. Anlass für Hisham Matar, eine Hymne auf einen Musiker zu schreiben, der Sufi-Philosophie mit klassischer indischer Musik und skandinavischem Avantgardejazz verbindet. "In 'Divine Shadows' ebenso wie in seiner jüngsten Veröffentlichung 'Glow' ... scheint Dhafer Youssef mit nordeuropäischen Musikern den Punkt auszumessen, an dem arabische und westliche Musik sich treffen und trennen. Westliche Musik, die sich hauptsächlich mit der linearen Reise beschäftigt, mit Bewegungen, die sich auf eine Lösung hin bewegen, wird kontrastiert mit der reisenden Natur der klassischen arabischen Musik: sie interessiert sich weniger dafür irgendwohin zu gelangen als zu sein. Die Kombination ist packend und beschwört das Verlangen der Sufis nach neuen Wegen der Vereinigung, die in dem Dilemma mitschwingen, in dem sich die muslimische Welt und das westliche Europa heute befinden. Hier wird aus dem Verlangen nach der Rückkehr des Göttlichen die Sehnsucht nach Harmonie und Brüderlichkeit mit dem anderen."

Hier ein Auftritt des Dhafer Youssef Quartetts (Dhafer Youssef, Eivind Aarset, Audun Erlien und Rune Arnesen) beim Jazz Onze Plus Festival 2006 in Lausanne: "Odd poetry"



Außerdem: Norman Stone stellt Charles Kings "instruktive und interessante" Geschichte des Kaukasus, "The Ghost of Freedom", vor.

Magazinrundschau vom 04.11.2008 - New Statesman

Alice Albinia ist nach Kaschgar gereist, in die Haupstadt der hauptsächlich von muslimischen Uiguren bewohnten chinesischen Provinz Xingjian. Friedliches Zusammenleben ist hier reine Propaganda: "Wenn man heute die Id-Kah-Mosche besichtigt, sieht man ein großes Plakat, das in gebrochenem Englisch die staatliche Politik vorgibt: 'Alle ethnischen Gruppen leben friedlich zusammen hier. Sie arbeiten gemeinsam, um ein schönes Heimatland aufzubauen und lehnen ethnische Trennung und illegale religiöse Aktivitäten ab.' Wenig überraschend lehnen viele Uiguren die Chinesen als Invasoren ab, die ihre Kultur und Religion bedrohen. Während Peking weiter darauf abzielt, Han-Chinesen und Handel nach Xinjiang zu bringen, gibt es noch stillen Widerstand in den Straßen nördlich der Moschee. Hier, wo alte Männer in Teehäusern Schach spielen und Läden ihre plombenziehenden Süßigkeiten aus gehackten Walnüssen verkaufen, trifft man alte Frauen, die kein Mandarin sprechen, Handwerker, die China für ein anderes Land halten und Händler, die nicht der Pekinger Zeit folgen." Und Männer, die sich darüber beklagen, dass den Frauen verboten wird, in der Schule oder im Staatsdienst Kopftücher zu tragen.

Gegen "Hunger", Steve McQueens Film über den im Hungerstreik gestorbenen IRA-Mann Bobby Sands (mehr hier und hier), sieht Marc Fosters James-Bond-Film "Ein Quantum Trost" ganz schön alt aus, befindet Ryan Gilbey: "McQueen beherrscht Tempo und Kontrast: er wechsel ernsthafte Ruhe mit beklemmendem Lärm ab; Bilder des körperlichen Zerfalls mit Andeutungen spiritueller Schwerelosigkeit; geduldige, endlose Einstellungen mit rasanten Bildern, die den Eindruck erwecken, die Kamera wäre an ein Feuerrad gebunden gewesen. Dieser überwältigende Sturm lässt all die Extra-Tricks und Innovationen ganz schön mickrig erscheinen, die sich frühere Filmemacher ausgedacht haben, um uns stärker in ihre Welt zu ziehen."

Magazinrundschau vom 16.09.2008 - New Statesman

Die neue Ausgabe widmet sich ausführlich dem Iran. Dazu berichtet Asieh Amini über die Bloggerszene, die seit ihrer Entstehung vor gut sieben Jahren Bürger- und Frauenrechtsinitiativen, wie "Change for Equality", hervorbringt oder im Netz freie Pressearbeit leistet. Doch Amini wie auch die anderen Blogger haben unter der massiven staatlichen Repression und Zensur zu leiden. Mittlerweile hat zwar selbst Präsident Ahmadinejad einen Blog, aber der Druck auf die freien Blogger erhöht sich stetig: "Im Juli begann die Regierung, ein Gesetz gegen "Online-Kriminalität" auszuarbeiten. Das Parlament muss dem Gesetzesentwurf noch zustimmen, aber dann könnte Bloggern und Webmastern im Falle einer Verurteilung wegen 'Förderung der Korruption, Prostitution und Apostasie' die Todesstrafe drohen."

Weitere Artikel: Maziar Bahari sammelt in Teheran Eindrücke seines zwiegespaltenen Landes und sprach mit Akbar Etemad, einem langjährigen Berater des Shahs, der Verständnis für das iranische Atomprogramm zeigt. Und Robert Tait erklärt, dass nur noch die sprudelnden Einnahmen aus dem Ölgeschäft die iranische Wirtschaft vor dem Kollaps retten. Schließlich analysiert der Labour-Abgeordnete Denis MacShane das Siechtum der europäischen Sozialdemokratie und fragt sich, ob Frank Steinmeier der richtige Kandidat für harte Entscheidungen ist.

Magazinrundschau vom 26.08.2008 - New Statesman

Rob Sharp erzählt die Geschichte der radikalen Aktivistin Nehanda Abiodun, die aus den USA nach Kuba floh und heute als Hip-Hop-Musikerin gefeiert wird: "Abiodun wurde als Cheri Dalton geboren und wird vom FBI im Zusammenhang mit einer Reihe von Raubüberfällen gesucht. Sie lebt seit zwanzig Jahren im Exil in Havanna und gilt als die 'Patin' des kubanischen Hip-Hop und ist die Gründerin der havannischen Gruppe von Black August, einer höchst einflussreichen Grass-Roots-Organisation zur Förderung der Hip-Hop-Kultur." Die aber vom kubanischen Staat unterstützt wird: "Nach anfänglichen Auseinandersetzungen um die Meinungsfreiheit wird das Genre nun von der Agencia Cubana de Rap (kubanische Rap-Agentur) gefördert, die ein staatseigenes Plattenlabel und ein Hip-Hop-Magazin betreibt."

Weitere Artikel: Jonathan Meades feiert eine zehn Kilo schwere Monografie des "größten Architekten des 20. Jahrhunderts" mit dem sprechenden Titel "Le Corbusier Le Grand". Kaum weniger enthusiastisch schreibt Michael Bywater über Ian Kellys neue Casanova-Biografie.

Magazinrundschau vom 15.07.2008 - New Statesman

Vic Motune beschreibt die Schwierigkeiten weiblicher muslimischer Rapper wie Neelo fer Mir, Muneera Rashida (mehr hier) von Poetic Pilgrimage, Lady Dizzla, Angel MC Shay, Lyrical Lailah oder Deeyah, eine in Norwegen geborene Muslimin. Trotz großer Erfolge in Norwegen musste sie das Land verlassen, nachdem sie und ihre Familie bedroht worden waren: Sie sei ein schlechtes Vorbild und kleide sich zu sexy. "Sie kam nach London in der Hoffnung, dass hier die Dinge anders wären, aber die Probleme holten sie ein. Als in einem asiatischen Musikkanal das Video für ihre Single 'Plan of My Own' zeigte, in dem sie verführerisch mit einem Mann tanzt, fingen die Todesdrohungen und Schikanen wieder an. Sie lebt jetzt in den USA und braucht fortlaufend Schutz von Bodyguards. 'Leute sagen zu mir, wenn du etwas bescheidener auftreten würdest, deinen Akt etwas abschwächen würdest, wäre alles ok. Und wissen Sie was? Ich habe versucht, traditionelle Kleidung auf der Bühne zu tragen und war immer noch die Hure."

Außerdem: Ryan Gilbey langweilt sich in dem Abba-Musicalfilm "Mamma Mia!" Roger Scruton empfiehlt die Rieslings der Schönborns.
Stichwörter: Norwegen, Vice, Kleidung, New Statesman

Magazinrundschau vom 08.07.2008 - New Statesman

Bevor er Richard Brodys völlig kompetente, wenn auch zum Bedauern des Rezensenten komplett ironiefreie Godard-Werk-Biografie "Alles ist Kino" bespricht, muss Gilbert Adair, Autor und Cinephiler, eines erst einmal klar stellen: "Als der Elitist, der ich bin, möchte ich festhalten, was sich (für alle echten Cinephilen) im Grunde von selbst versteht: Wer das Werk von Jean-Luc Godard nicht kennt, der hat, nun, nicht das Recht, aber doch die Autorität verwirkt, über das Kino der Gegenwart zu urteilen. Schließlich würde keiner, der keine Ahnung von Picasso hat, auch nur eine Sekunde lang für im mindesten satisfaktionsfähig erachtet, wollte er sich über die Gegenwartskunst äußern. Und der derzeitigen überwältigenden kritischen Vorliebe für die populistischen Seiten des Mediums zum Trotz, gilt dasselbe auch fürs Kino - wenngleich diese Vorliebe ironischerweise auch von Godard und seinen ebenso Hollywood-begeisterten Freunden Francois Truffaut, Claude Chabrol, Jacques Rivette und Eric Rohmer erfunden wurde."

Lucy Beresford hat Patrick McGraths (Autor u.a. des von David Cronenberg verfilmten Romans "Spider") jüngsten Roman "Trauma" gelesen - als Vergnügen würde sie die Lektüre nicht bezeichnen, aber es ist ein faszinierendes Buch: "'Trauma' ist das ungeschönte Expose eines Lebens im Hinterland geistiger Gesundheit - es beschreibt eine Welt der Flashbacks, der Alpträume, des Alkoholmissbrauchs und der Depression."

Magazinrundschau vom 17.06.2008 - New Statesman

Anlässlich der Fußballeuropameisterschaft erinnert Robin Stummer daran, dass Österreich vor gar nicht langer Zeit - neben England - eines der gefürchtetsten Teams im Weltfußball war und sich eines der besten Spieler der Welt rühmen konnte: Matthias Sindelar. An den erinnern sich die Österreicher offiziell nicht so gern. "Einige Sekunden körniger Wochenschauaufnahmen, eine handvoll alter Presseausschnitte, ein Straßenname, ein Grab. Das ist die magere Hiternlassenschaft von Matthias Sindelar - einem der größten Fußballspieler der Welt, dem Pele der Zwischenkriegsjahre, ein Sportgenie, dass nicht nur das Spiel in die moderne Zeit geführt hat, sondern ganz nebenbei auch noch Hitler brüskierte. Viele glauben, dass die Verachtung des Mittelfeldspielers für die Nazis ihn das Leben kostete. ... In einem kleinen Land, das nicht gerade von Weltklassesporthelden überflutet ist, von ausgewiesenen antifaschistischen Märtyrern mal ganz abgesehen, ist die Abwesenheit von Sindelar in Österreichs offzieller Geschichte und Gegenwart seltsam. Keine Statue, kein Stadionname, keine Poster. Keine Fußballakademie trägt seinen Namen; es gab nicht ein Biopic, keine Ausstellung, keine Gedenktafel, keine neuen Untersuchungen seines verdächtigen Todes."

Magazinrundschau vom 01.04.2008 - New Statesman

"Ist Boris ein Fake", fragt das Magazin auf dem Titel. Boris Johnson kandidiert als Konservativer gegen Ken Livingston für das Amt des Londoner Bürgermeisters. Es sieht gut für ihn aus, und das nur deswegen, wie Brian Cathcart notiert, weil der flamboyante Johnson sich permanent selbst verleugnet. "Wie ein Mann, der sein Stottern überwindet, hat Johnson seinen fast pathologischen Hang überwunden, jeden aber auch jeden, mit dem er spricht, zu verwirren und zu schockieren. Immer wieder hat er deshalb Unsagbares ausgeplaudert. Zudem hat er es sich abgewöhnt, entweder zu spät oder gar nicht zu Terminen aufzukreuzen. Nicht nur der Kandidat strengt sich an, auch die Menschen um ihn herum geben das Letzte. Im Wahlkampfteam kursiert der Witz, dass Chefstratege Lynton Crosby bei jedem öffentlichen Auftritt Johnson im Visier eines Scharfschützengewehrs hat, bereit, ihn sofort auszuschalten, falls sein Mundwerk wieder mit ihm durchgeht."

In einem weiteren Artikel untersucht Sholto Byrnes die Biografie des Mannes, dessen Urgroßvater Ali Kemal der letzte Innenminister des Ottomanischen Reichs und dessen Ur-Urgroßmutter möglicherweise eine tscherkessische Sklavin war.

Die darstellende Kunst in China wird stagnieren, meint der chinesische Schriftsteller Xiaolu Guo nach einem Besuch der Ausstellung "China Design Now" im Londoner Victoria and Albert Museum, solange der Sozialismus verdrängt und der Konsumismus umarmt wird. "'Unschuldige' Menschen behaupten immer, Kunst könne und solle unbeeinflusst sein von den Schatten der Politik und der Geschichte. Aber als ich vor den Video-Clips von Wong Kar-wais Film 'In the Mood for Love' stand, die ebenfalls in der Ausstellung gezeigt wurden, erschien es mir, als sei die wichtigste Aussage des Films Maggie Cheungs exotisches 'qipao'-Kleid. Ich ging weiter, ließ den melancholischen Soundtrack des Films hinter mir und fragte mich: Kann hier und jetzt kommerzielle Werbung die Hauptkunst einer ganzen Nation werden? Wenn ja, dann ist China diese Nation."

Magazinrundschau vom 05.02.2008 - New Statesman

In dieser Spezialausgabe geht es um Gott. Der Fernsehjournalist Andrew Marr macht das im Vergleich zu Muslimen und Katholiken eher sanfte Auftreten der anglikanischen Kirche für die sich schnell leerenden Gotteshäuser Großbritanniens verantwortlich. "Dies ist ein wässriges, gemäßigtes Land mit einem langen und gutbegründen Misstrauen gegenüber dem Eifer. Abgesehen von Nordirland haben sich die Briten das letzte mal im im 17. Jahrhundert über Religionsfragen erhitzt." Marr bemerkt den Rückzug der Religion vor allem in der öffentlichen Kultur. "Man denke nur an das England der 40er und 50er. Man denke an den Einfluss religiöser Dichter (T.S. Eliot, der späte Auden), an religiöse Kunst und Architektur (der Wiederaufbau der Kathedrale von Coventry), an religiöse Musik (Brittens Hymnen, Missa Brevis und Weihnachtslieder) und an religiöse Autoren wie C.S. Lewis. Dann wird einem klar, dass das Christentum von einer zentralen kulturellen Position an den Rand gewandert ist."

Außerdem erklärt Sholto Byrnes die religiösen Wurzeln der säkularen Freiheiten, und Jeremy Rosen, William Dalrymple und Ziauddin Sardar beleuchten die recht unterschiedlichen Gottesbilder in der menschlichen Geschichte.