Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

797 Presseschau-Absätze - Seite 75 von 80

Magazinrundschau vom 07.04.2003 - New York Times

Da capo!, ruft auch Christopher Benfey angesichts des beeindruckenden Debüts von Monique Truong (mehr hier), "The Book of Salt" (erstes Kapitel), die Geschichte des vietnamesischen Kochs von Gertrude Stein in den dreißiger Jahren. Und obwohl Truong sich auf trendigem Terrain bewege, die postkoloniale Perspektive, das Recyceln eines Nebencharakters aus einem bekannten Buch, der Homosexuellenroman, die Geschichte eines Exils; nichts wirkt für den Rezensenten "secondhand": "Truong zeichnet einen völlig glaubwürdigen schwulen asiatischen Mann, der durch ein fremdes Europa treibt. Der Plot ist minimalistisch und schwer fassbar. Die allmähliche Einwickelung der Geheimnissen - von Sexualität, Rasse und Herkunft - ist eindringlicher als ein bestimmter Konflikt."

Norman Rush hält "Bay of Souls" (erstes Kapitel sowie der Ausschnitt einer Lesung zum Mithören) für eine "faszinierende Erweiterung" des dunklen Werks von Robert Stone (mehr hier und hier). Er lobt den abenteuerlichen Roman um Vodoo-Praktiken und kolumbianische Paramilitärs als eine hochkonzentrierte Arbeit, weniger brutal als die vorherigen Bücher, aber trotzdem "aufwühlender als alle anderen".

Daphne Merkins begrüßt einen Essayband von W.G. Sebald: "Eine klarsichtige, fast triumphale Vorahnung der Auslöschung" bestimme die Essays in "On the Natural History of Destruction", findet sie, vor allem imponiert ihr in dieser Hinsicht der zentrale Aufsatz über Luftkrieg und Literatur. "Ein Attribut allen wirklich inspirierten Schreibens ist seine Originalität, woher auch immer Ursprünge und Einflüsse zu finden sind. Der Ton von Sebalds Arbeit scheint mir ohne Beispiel zu sein ... Seine mäandernde Form und bemerkenswert formale Prosa (ein deutscher Kritiker bezeichnete es als einen Stil, der immer im Smoking daherkommt) umgeht die üblichen Zwänge der Erzählung, angezogen von der Grabesstille, die über dem hektischen Impuls des Geschichtenerzählens liegt."

Weitere Artikel: Nachträgliche Korrekturen machen ein Buch nicht unbedingt besser, bemerkt Judith Shulevitz in ihrem Close Reader anlässlich einer von Joyce Carol Oates' überarbeiteten Neuauflage ihres zweiten Romans "A Garden of Delights" von 1967. "Der Anfang wurde für das 21. Jahrhundet umgeschrieben, mit all den satten Farben und der kinotauglichen Präzision, wie sie sich der Leiter eines Workshops für kreatives Schreiben nur wünschen kann." David Orr kann zudem Charles Simics (mehr hier) Gedichtesammlung wärmstens empfehlen, und das will was heißen, da es sich bei "The Voice at 3:00 a.m." um Liebeslyrik und beim Rezensenten um einen Anwalt handelt. "Simic mag nicht an Theorien glauben, aber er glaubt an die Menschen - eine Überzeugung, die ihn zu einem erstaunlich effektiven Liebesdichter macht."

Magazinrundschau vom 31.03.2003 - New York Times

Bevor W.C. Fields (Aphorismen) zum Filmstar wurde, schreibt Richard Schickel in seiner Besprechung der Fields-Biografie (erstes Kapitel) von Richard Curtis, verbrachte er zwei Jahrzehnte beim Kabarett, wo er seine unnachahmliche Comicversion von sich selbst erschuf. "Der einst verbreitete Männertyp, den er verkörperte - der trunksüchtige Einzelgänger, gerissen und tönend, ohne Liebe oder Wurzeln, der seine kleinen Pläne und zum Scheitern verurteilten Träume unter einer Wolke aus grandiosen Worten verbarg - ist verloren." Nur beinahe, denn jetzt gibt es ja die Biografie. Und auch wenn sich Schickel von dem ihm etwas zu biederen Curtis gewünscht hätte, dass er "Field's feinere Absurditäten mit ein wenig mehr Verve und Detail" erzählt hätte, muss er dem Autor doch ein Kompliment aussprechen. Denn immerhin sei das Buch die "bei weitem vollständigste, redlichste und schließlich anrührendste Darstellung" von Fields "traurigem, einsamen Leben."

Außerdem gibt es Interessantes zum Innenleben der USA. Ab und an erscheinen Essays, die exakt ausdrücken, was eine Nation gerade denkt, preist Serge Schmemann Robert Kagans "Of Paradise and Power" ("Macht und Ohnmacht", erstes Kapitel im Original). In dem jetzt auf Buchformat erweiterten Aufsatz aus dem vergangenen Sommer schildert Kagan, wie Europa und Amerika sich entfremden werden. "Der Fakt, dass Kagan seinen Essay Monate vor dem Auseinanderdriften von Washington und Paris im Weltsicherheitsrat veröffentlicht hat, lässt ihn fast als Propheten erscheinen."

Loren Goodman schreibt ein Gedicht über das Gedichteschreiben im Auftrag der Regierung: "My work for the government / is not only confidential, it is gross, exquisite / many lives hang in the balance. I'm also writing some poems /that aren't for the government, but now those seem / about nothing at all. I don't know where or how my poems / will be used, but I want them to be foolish and deadly."

Weitere Besprechungen: Sophie Harrison findet den im Mysterygenre beheimateten Debütroman von Louise Welsh "The Cutting Room" (erstes Kapitel) deshalb so bemerkenswert wie unterhaltsam, weil man auf jeder Seite die Schaffensfreude der Autorin spüre. Manchmal müsste man Vassilis Vassilikos von ihm so genannte Novistory "The Few Things I Know About Glafkos Thrassakis" zwar eher dekodieren als lesen, nichtsdestotrotz wünscht sich Mary Park mehr von diesem Autor, der "noch viel zu spärlich" ins Englische übersetzt worden ist.

Magazinrundschau vom 24.03.2003 - New York Times

Als ein "funkelndes Gespräch über die Darstellung des Leids" preist ein begeisterter John Leonard das neue Buch von Susan Sontag, "Regarding the Pain of Others" (erstes Kapitel). Sontag schreibt über das Geschäft des Kriegsfotografen, der von Krise zu Krise reist. "Sie folgt den Spuren des Fotojournalismus von Roger Fenton im Tal des Todes nach dem Angriff der Light Brigade ... zu Hungersnöten in Indien und Massakern in Biafra und Napalm in Vietman und ethnischen Säuberungen auf dem Balkan ... Sie hat ungewöhnliche Dinge zu sagen über Kolonialkriege, Gedenkstätten, christliche Ikonographie, Lynchpostkarten, Virginia Woolf, Andy Warhol, Georges Bataille und St. Sebastian", meint Leonard. "Und sie provoziert, in gewohnter Weise." Zum Abschluss versucht der Rezensent noch ein Kompliment. "Während sie so viele ernstzunehmende Denker bewundert hat, ist sie selbst zu einem geworden." Dieser Film über den Kriegsfotografen James Nachtwey könnte Sontag inspiriert haben.

Judith Shulevitz hat für den Close Reader ein interessantes Buch gelesen, ''Transgressions: The Offenses of Art" von Anthony Julius. Der fragt sich, ob es wirklich immer Kunst ist, wenn man, wie es die Avantgarde heute fast ausschließlich tut, ein beliebiges Tabu der Gesellschaft aufspürt und verletzt. "Andres Serranos Foto von einem in Urin getauchten Kruzifix, Barbara Krugers anklagende Slogans oder Robert Mapplethorpes Selbstporträt mit einer Peitsche, die aus seinem Anus ragt, um einige gefeierte Beispiele zu nennen, sind eindeutig dazu bestimmt, wenigstens manche Betrachter zu beleidigen. Bloß, die Bemerkung, dass Regelverletzungen, indem sie zur Norm wurden, banal geworden sind, wird langsam selbst banal, und erklärt lange nicht so viel wie es scheint."

Außerdem besprochen: Suzanne Rutas empfiehlt "The Point of no Return" (erstes Kapitel), das Debüt von Siddhartha Deb, die Geschichte vom "indischen Don Quichote" Dr. Dam, ein idealistischer Republikaner, der immer zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Laura Miller erinnert Scott Spencers neuer Roman "A Ship Made of Paper" (erstes Kapitel) an einen Gerichtsprozess, in dem die Protagonisten Iris und Daniel, Liebende und Ehebrecher, die Welt auf die Anklagebank laden. William Finnegan schwärmt von "Reporting Civil Rights" (erstes Kapitel), zwei voluminösen Bänden mit nahezu 200 Essays, Reden, Artikeln und Reportagen zum Kampf um die Bürgerrechte von 1941 bis 1973. Neben der umfassenden Darstellung der verschiedenen Strömungen und Entwicklungen aus erster Hand sind die Sammelbände zudem ein "schmeichelndes" Porträt des amerikanischen Journalismus, notiert Finnegan.

Magazinrundschau vom 17.03.2003 - New York Times

Zwei neue Bücher beschäftigen sich mit den Journalismus in Amerika, und beide zeigen, schreibt Ted Widmer in seiner Doppelbesprechung, "dass es dem Patienten nicht gut geht". Eric Alterman, Kolumnist für The Nation and MSNBC.com, räumt in "What liberal Media?" (erstes Kapitel) auf mit der Legende, Medien wären politisch eher links der Mitte beheimatet. "Eine schwungvolle Antwort auf den Glauben, dass eine riesige linke Verschwörung Rundfunk und Presse kontrolliert", hat Alterman da abgeliefert, lobt Widmer. Allerdings "scheint das Buch schnell geschrieben worden zu sein, und das sieht man manchmal". Anstatt sich mit der minutiösen Aufarbeitung vergangener Fernsehübertragungen aufzuhalten, hätte Alterman lieber mehr über die grundsätzlichen Veränderungen der Medienlandschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten schrieben sollen, findet der Rezensent. Trotz dieser Mängel sei "What Liberal Media?" aber "mutig, unerwartet und erfrischend". Herbert J. Gans hingegen beschäftigt sich in seiner Studie "Democracy and the News" (erstes Kapitel) weniger mit der politischen Ausrichtung als mit dem "Vertrieb von Informationen als Nachrichten". Der Soziologe Gans befürchtet, dass eine "wirtschaftliche und politische 'Entmachtungs-Spirale' die Bürger von wirkungsvoller Partizipation im Staat abhält. Die Presse ist, so der Tenor von Gans, "korporativ und korpulent" geworden. "Das Problem ist nur", schließt der Rezensent, "dass Gans wie wir alle keine richtige Idee hat, was wir jetzt tun könnten".

Leon Aron zeigt sich schwer beeindruckt von William Taubmanns "monumentaler Biografie" Nikita Chruschtschows, Totengräber des Stalinismus. Zwei Jahrzehnte hat Taubmann an seinem Porträt geschrieben, und es ist unwahrscheinlich, schwärmt Aron, dass es in absehbarer Zeit eine Studie zu Chruschtschow geben wird, die diese hier übertrifft, weder in punkto Reichhaltigkeit noch in der Komplexität. "Dieser Band ist in jeder Hinsicht ein Erfolg: Bandbreite, Tiefe, Lebendigkeit, Farbe, Tempo". Zudem, so Aron, ist das Buch "eine facettenreiche Untersuchung der wirtschaftlichen und politischen Kräfte der ersten 47 Jahre des Sowjetstaates". Und natürlich liefere Taubmann "eine ganze Reihe" von Gründen, die Chruschtschows überraschende Abkehr von Stalin auf der Geheimrede des Parteitags erklären. Alles in allem, jubelt Aron, wird Taubmanns Studie "auf Jahre hinaus" den Standard in Sachen Chruschtschow setzen.

Weitere Besprechungen: Bruce Bawer ist fasziniert, wie anziehend John Banville (hier liest er) in seinem Roman "Shroud" (erstes Kapitel) seinen hassenswerten Protagonisten zeichnet. Banville hat den wegen angeblicher Kollaboration mit den Nazis in Verruf geratetenen und vor 20 Jahren gestorbenen Humanisten Paul de Man (Bibliografie) als Vorlage für seine Hauptfigur genommen. Jean Thompson lobt die "talentierte" ZZ Packer, die in den acht Novellen von "Drinking Coffee Elsewhere" (erstes Kapitel) eine Welt erschaffen habe, die "bevölkert ist von lauten, traurigen und unbedingt kennenlernenswerten Menschen, die einem ein Versprechen geben: dass noch mehr kommen wird". Helen Stevensons "Instructions for Visitors", die Memoiren des Zusammenlebens mit einem unmöglichen Mann in einem fremden Land, sind "eher witzig als albern", konstatiert Alida Becker. Stevenson schreibe amüsant über ihre Umgebung, "am besten aber ist sie,wenn sie ihre eigenen Emotionen schildert".

Magazinrundschau vom 10.03.2003 - New York Times

Eigentlich beherbergt Steven Millhausers neuer Roman "The King in the Tree" (erstes Kapitel) drei Bücher in einem, freut sich Laura Miller. Und das ist gut so, denn "die Kurzform kommt Millhausers Talenten besser entgegen". Ein "Meisterstück der Gothic Novel" über eine verbitterte Witwe, die Geschichte eines spanischen Schwerenöters, der die Dekadenz Venedigs mit einem Leben auf Lande in England eintauscht, und eine Erzählung aus der Perspektive des Beraters des legendären Königs von Cornwall: "Romantische Dreiecksbeziehungen, verbotene Liebe und Eifersucht - die Not, die aus der eigenen Vorstellung erwächst - das sind die wiederkehrenden Elemente", notiert die Rezensentin. Millhauser "beschäftigt sich mit den Dingen, die wir tun oder erfinden, um unseren farblosen Leben zu entkommen, er legt sie offen, um sowohl die Perlen als auch den schleimigen, dunklen Untergrund zu offenbaren. Der Autor zeige uns, dass die entlegensten Winkel der Vorstellungskraft nur den völlig Skrupellosen offenstehen".

Jedes Zeitalter bekommt den Dante, den es verdient, glaubt eine düster aufgelegte Judith Shulevitz im Close Reader. Dante, der das Inferno erfunden hat und jetzt als Popfigur und Protagonist in Romanen wiederentdeckt wird, sei so universal, das jede Generation sich ein neues Bild von ihm mache. "Unserer wäre ein befreiter Dante, ein tragisch realistischer Dante, ein Radio-Talk-Show-Dante, der seine liberale Sympathie für die Verdammten überwunden hat und die Notwendigkeit der Brutalität einsieht. Kafka hat diese Interpretation von Dante in 'In der Strafkolonie' vorhergesehen, in der Kriminelle auf eine Maschine geschnallt werden, die ihnen eine hieroglyphische Zusammenfassung ihrer Taten auf den Rücken sticht, eine rätselhafte Botschaft, die sie erst in einer Explosion der Klarheit im Moment ihres Todes begreifen. Ihr masochistisches Einverständnis unterstreicht den Horror des Strafregimes."

Weitere Besprechungen: Michael Hoffmann dankt Jerzy Ficowski für "Regions of The Great Heresy" - die Biografie über den von der SS ermordeten polnisch-jüdischen Maler und Schriftsteller Bruno Schulz (mehr hier und hier) - und für die jahrzehntelange Suche nach Briefen, Berichten, Geschichten und Bildern, für das Zusammentragen all jener Mosaiksteinchen, "von denen über jeden einzelnen ein eigenens Buch hättte geschrieben werden können". Roxana Robinson feiert Nancy Clarks gelungenen Debütroman "The Hills at Home" als "elegante, intelligente und sehr lustige Chronik einer weitverzweigten Familie unter einem großen Dach". Und Ann Hulbert lobt Janna Malamud Smiths "A Potent Spell" Plädoyer für die längst überfällige Anerkennung der Leistungen der Mütter durch die Gesellschaft. "Was Smiths Werk so außergewöhnlich macht", schreibt die Rezensentin, sei ihr Hinweis darauf, "wie die Frauen bisher aus Sorge um ihre Kinder ihrer eigenen Einschüchterung zugestimmt haben."

Magazinrundschau vom 03.03.2003 - New York Times

Dunkle Zeiten in der New York Times Book Review: Bücher von Krieg und Faschismus dominieren die Besprechungen. Mark Bowden rühmt "Jarhead" (erstes Kapitel), die Erinnerungen des Golfkriegsveteranen Anthony Swofford, als "eines der besten Bücher, das je über das militärische Leben geschrieben wurde". Selten bekomme der zivile Leser einen so unvermittelten Einblick in die Gedanken eines Soldaten, denn normalerweise werde der Blick durch die "verschwommene Brille des Patriotismus getrübt". Nicht so bei Swofford. Der fängt die "Fröhlichkeit, Anspannung, Geilheit und Einsamkeit" der langen Vorbereitungszeit in der Wüste ein, um dann ehrlich und unverblümt, sprachmächtig und manchmal gar poetisch seine Erfahrungen im Krieg zu vermitteln, schwärmt Bowden. Selten gebe es "Marines, die ihre Erlebnisse überhaupt mitteilen wollen, aber noch seltener sind die Marines, die wie Swofford auch noch schreiben können". Dessen Fazit des Kriegs ist nüchterner als die Rezension: Letztendlich laufe alles darauf hinaus "für alte weiße Männer zu kämpfen und zu sterben".

Antonio Lobo Antunes (mehr hier) lässt in seinem Roman "Inquisitors' Manual" (erstes Kapitel) die Zeit der Diktatur von Antonio Salazar wiederauferstehen. William Deresciewicz hält das Buch für mehr als eine bloße Allegorie auf den Faschismus, vielmehr zeige es auf, wie der Terror die Gesellschaft durchdringe. "Wenn Salazar und sein Regime immer älter werden, atmen wir eine Atmosphäre aus Illusion und Feigheit. Das Regime fällt hier nicht einmal in sich zusammen, sondern viele Male, denn die Geschichte setzt sich aus den Erinnerungen von etwa einem Dutzend sehr verschiedener Charaktere zusammen". Insgesamt, schließt Deresciewicz, das beeindruckende "Porträt einer zur Gänze ruinierten Gesellschaft".

Außerdem: John Sutherland preist Michael Pyes Roman "The Pieces from Berlin" (erstes Kapitel) als technisch ausgefeilte und kunstvolle Reflektion über die Moral. Pyes Protagonistin hilft vor dem Zweiten Weltkrieg jüdischen Freunden, deren Kunstschätze zu verstecken, benutzt diese aber nach dem Krieg als Grundstock für ihren eigenen florierenden Kunsthandel. Joseph Dorman schätzt Gerald Sorins Biografie des Literaturkritikers und langjährigen Sozialisten Irving Howe (erstes Kapitel). Der "emphatische Biograf" Sorin sei zwar mit seiner Figur etwas zu sanft umgesprungen, dennoch sei es ihm gelungen, die Verflechtung von Politik und Literatur in Howes Leben deutlich zu machen. Und David Oshinsky hat Lizabeth Cohens Studie "A Consumers' Republic" mit Gewinn gelesen. Cohen zeige auf, wie sich der kriegsbestimmte Patriotismus in den USA nach 1945 auf den Konsum verlagert hat.

Magazinrundschau vom 24.02.2003 - New York Times

Am interessantesten ist ein Artikel, der zwar auf den Buchseiten, aber nicht direkt in der Review steht: David D. Kirkpatrick berichtet über Querelen bei Random House. Nachdem die renommierte Cheflektorin Ann Godoff gefeuert worden war, weil sie nicht genug Profit gemacht haben soll, lockt sie jetzt renommierte Random House-Autoren (darunter auch Bestsellerautoren) zu ihrem neuen Arbeitgeber Penguin USAGina Centrello, Verlagschefin von Ballantine und Random House, hat Schwierigkeiten, einen Nachfolger zu finden, weil der offenbar sehr viel weniger Entscheidungsfreiheit haben wird als Godoff. Dafür muss er enger mit Ms. Centrello zusammenarbeiten, die von der Marketing- und Finanzseite kommt. Außerdem auf den Buchseiten: eine zwiespältige Rezension von John Rockwell zu Frederic Spotts Studie über Hitler als Kunstkritiker.

T. Coraghessan Boyle (homepage) hat sich für seinen "unmäßig unterhaltsamen" neuen Roman "Drop City" eine Hippie-Kommune im Kalifornien der Siebziger ausgesucht, die als Hintergrund für zwei ungewöhnliche Liebesgeschichten dient, wie Dwight Garner in seiner Rezension erklärt. Boyle schreibe "unglaublich gut über die Freak-Parade, die er da auf den Leser loslässt", lobt Garner und ist erstaunt darüber, "wie viel menschliche Komplexität" Boyle in dieses Szenario packt. Kurz und gut, "einer der lustigsten und gleichzeitig subtilsten Romane über die Hippie-Ära, die langsam zu verblassen scheint", urteilt Garner, der nur einen Wermutstropfen beklagt: den etwa übereilten Schluss.

In seinem neuen Buch "Spooky Art" (erstes Kapitel) hat Norman Mailer (mehr hier) einige seiner Aussagen zur Kunst des Schreibens versammelt. Das Buch sei aber keineswegs eine Liste von Do's and Don'ts, beruhigt James Campbell, "aber wenn es professionelle Tipps gibt, dann sind sie recht grundlegend". Viele von Mailers Überlegungen hätten aber auch rein gar nichts mit dem Schreiben zu tun. Mit dem Schlusskapitel, in dem Mailer über andere Autoren und Kritiker herzieht, kann Campbell nichts anfangen. "Ein solches Übermaß an Neid und Konkurrenzdenken ist ungesund", rät er dem Altschriftsteller und bescheidet Mailer schließlich, dass er wie viele seiner Kollegen wenig hilfreich sei, andere in die Kunst des Schreibens einzuführen.

"Die Schriftsteller sind unsere öffentlichen Intellektuellen geworden, unsere Universalgelehrten, unsere Geografen, unsere Erforscher der materiellen Welt", stellt Judith Shulevitz in ihrem Close Reader fest. Trotzdem sind Intellektuelle als Handelnde Mangelware im modernen Roman, wundert sie sich, um sich dann einem Buch zu widmen, in dem alles anders ist: Richard Powers' ''The Time of Our Singing'' (hier die Rezension).

Außerdem: Timothy Naftali hält Thomas Powers Abriss der Geheimdienstarbeit seit 1941, "Intelligence Wars", für eine nützliche Einführung in einen bisher vernachlässigten Teil der amerikanischen Geschichte. Kathryn Harrison findet in Valery Martins "Property" (erstes Kapitel) vor allem die Nebengeschichte spannend und faszinierend, den Kampf zwischen der vernachlässigten Ehefrau eines Plantagenfarmers und ihrer Sklavin Sarah. Colin McGinn, Philosophieprofessor an der Rutgers University, verreißt Antonio Damasios "Looking for Spinoza" (erstes Kapitel). Damasio ist Neurologe und hat bereits zwei Bücher über Gefühl und Gehirn geschrieben. Und schließlich druckt die Book Review Tropico, ein Gedicht von Nicholas Christopher, das schon recht tropisch beginnt: "On the abandoned tennis court in the coconut grove where the cows chew weeds along the baseline ...".

Magazinrundschau vom 17.02.2003 - New York Times

Wie eine selbst aufgenommene Kassette mit den eigenen Lieblingsliedern kommt Gerald Marzorati das "Songbook" (erstes Kapitel) von Nick Hornby (hier mehr) vor, eine Sammlung von 26 originellen und leidenschaftlichen Essays, jeder über ein oder zwei Stücke. "Hornby ist überhaupt nicht an den Trends der Musikwelt interesisiert, geschweige denn an den Karrieren der Musiker. Er interessiert sich für - oder besser, ist fasziniert von - den Songs an sich." Marzorati hat sich mitreißen lassen von der Hingabe, mit der Hornby über seine bevorzugten Aufnahmen schreibt, die er als "Vehikel zum Erlangen von so etwas wie dem Göttlichen" sieht. Genauso wie ihn Hornbys Sinnieren über die Sterblichkeit dazu angeregt hat, sich zu überlegen, was für einen Song er gerne bei seinem Begräbnis gespielt haben würde. Hornby wünscht sich auf jeden Fall "Caravan" von Van Morrison.

Voll des Lobs ist auch Stacy Schiff nach der Lektüre von Janice Galloways "Clara" (erstes Kapitel), einer Biografie über Clara Schumann. Ein "schimmerndes Werk", jubelt die Rezensentin. Denn die Autorin habe es geschafft, nicht der romantischen Selbstinszenierung ihres Objekts zu verfallen. "Galloway, eine schottische Schriftstellerin mit einem scharfen Blick und einer großen, unverzagten Energie, stolpert nicht über" die 47 Tagebuchbände von Schumann, "sondern denkt ihren Weg in sie hinein und um sie herum." Und trotz einiger Missklänge wie der Obsession der Autorin mit Schriftarten oder erzählerischen Brüchen sei Galloways Buch ein großartig "klingendes, wuselndes Universum".

Außerdem: Margo Jefferson reflektiert über Richard Rodriguez' wunderbare Essayerzählungen "Brown. The Last Dicovery of America", die nach ihrer Meinung "das Ende unserer selbstbeweihräuchernden Frömmigkeit" markieren sollten. Die Farbe Braun steht für Rodriguez dabei für alles "Hybride" im amerikanischen Leben, alles was sich nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien einteilen lässt. Richard Eder hält sich im Aufmacher mit einer klaren Wertung über William Boyds "Any Human Heart" (erstes Kapitel) ziemlich zurück, zumindest gesteht er der Hauptfigur, dem "unbedeutenden britischen Autor, Kunsthändler, Spion, Zufallsgefährten von Dutzenden von Prominenten, unglücklichen Ehemann und Liebhaber" eine gewisse "Integrität" zu.

Magazinrundschau vom 10.02.2003 - New York Times

Rick Marin hat sich prächtig amüsiert bei der Lektüre von Robert Lanhams "The Hipster Handbook", das Nicht-Hippen erklärt, was "deck", also hip ist, und was nicht. Und all das in "Slanguage", der oft übersetzungsbedürftigen Hip-Sprache. Lanham liefere nicht nur Einblicke in Skurrilitäten, sondern auch darüber, wie sich Subkulturen immer weiter spalten, und nicht zuletzt grundsätzlichere Erkenntnisse: "Zahlreiche Seiten sind den Hipster-Beziehungen gewidmet. Dabei kommt heraus, dass Hipster-Männer das wollen, was alle Männer wollen: Sex. Hipster-Frauen dagegen 'begehren keine schmalen, sensiblen, kränklichen Männer in engen T-Shirts mehr. Eigentlich fanden sie solche Männer nie wirklich begehrenswert. Sie hatten nur wenig Auswahl während der Indie-Rocker-Ära der Neunziger.' Für männliche Hipster", so Marin, "könnte dies die wahrhaft nützlichste Erkenntnis dieses Buches sein." (Wer an den Hippen nippen will, der kann das erste Kapitel lesen).

Pankaj Mishra ist angetan, wenn auch nicht ganz, von Pico Iyers Roman "Abandon" (erstes Kapitel), in dem der junge Student John MacMillan sich entschließt, "die Welt durch das Licht des Sufismus zu sehen". "Mit seinem Wissen über den Sufismus", so Mishra, "ist Iyer gut ausgerüstet, um Vorurteile gegen den Islam auseinanderzunehmen. Mit bewundernswertem Taktgefühl und Subtilität, und durch faszinierende iranische Figuren, zeigt er die ursprüngliche Bedeutung von "dschihad" auf und eröffnet, dass der Ayatollah Khomeini irrwitzige Liebesgedichte schrieb. Doch das Aufeinanderprallen der Werte, das Iyer anspricht, kommt als Zusammenprall von nicht-analysierten Abstrakta daher. Es ist eben zur intellektuell glamourösen Art geworden, über schwerwiegendere und tiefere Konflikte politischer und wirtschaftlicher Art nicht zu reden."

Weitere Bücher: Margaret Talbot kann sich nicht recht entscheiden, ob sie Adrian Nicole LeBlancs Dokumentarbuch "Random Family" über arme Familien in der New Yorker Bronx wegen dessen mangelnder Reflektiertheit tadeln, oder ob sie es nicht vielleicht loben soll, weil dessen gedankliche Enge die abgeschottete Perspektive der beschriebenen Familien spürbar macht. Morris Dickstein ist tief beeindruckt von in Sherwin B. Nulands Autobiografie "Lost in America", in der dieser seine Krankheit schildert. Für Dickstein liest es sich "wie eine dieser confessions, die die Seele heilen". Schließlich kann Brooke Allen zwar verstehen, warum man Louise Erdrichs Romanen einen solch enthusiastischen Empfang bereitet, weil sie nämlich die populären Themen des Eingeborenen-Lebens und der Weiblichkeit verknüpft, doch auch in "The Master Butchers Singing Club" (Leseprobe) bleibt sie nach Allens Ansicht weit hinter ihrem Anspruch zurück.

Magazinrundschau vom 02.02.2003 - New York Times

Heute sind sie ausgestorben, die Universalgelehrten vom Schlage eines Christopher Wren (mehr hier): Lisa Jardine stellt uns den 1632 geborenen Mathematiker, Astronomen und Erfinder in ihrer Biografie "On a Grander Scale" (erstes Kapitel) als geniales Geschöpf der Renaissance vor, der, bevor er sich der Architektur zuwandte und etwa die St. Pauls Kathedrale in London entwarf, von Isaac Newton als einer der drei fähigsten Köpfe der Geometrie bezeichnet wurde und in schon seinen Jugendjahren mit Oxforder Studienkollegen wie William Petty (mehr hier) und Robert Boyle (mehr hier) quasi nebenbei die legendäre Royal Society gegründet hatte. Witold Rybczynskit, selbst Architekturprofessor, glaubt der Renaissance-Spezialistin Jardine in seiner Rezension zwar schon, dass Wren weit mehr war als nur ein begabter Gebäudekonstrukteur, aber "es gibt keinen Zweifel daran, dass er nun mal mit seinen Bauten in die Geschichte eingegangen ist, und eine Biografie, die diese nicht ausgiebig würdigt, wirkt ein wenig luftig. Dieser Mangel wird kompensiert durch einen Reichtum an Informationen über periphere Themen und Individuen; dies ist ein Buch, in dem - metaphorisch gesagt - die Fußnoten ihre Fußnoten haben.

Ganz entzückt ist Jeffrey Eugenides, Autor des viel gefeierten Romans "Middlesex" (Links dazu hier) davon , dass er, im Lieblingscafe von Joseph Roth (mehr hier) in Amsterdam sitzend, eine Sammlung seiner Feuilletons ("What I Saw". Reports from Berlin. 1920-1933) lesen konnte. "Das Schwierigste an dieser Besprechung ist, dass ich jeden Satz aus "What I Saw" zitieren möchte. Es ist wie mit Borges Universal Library; das die ganze Welt enthält: eine richtige Rezension dieses Buches wäre schlicht das Buch selbst. Der Wert dieser Feuilletons hat nichts zu tun mit der typografischen Perspektive, was zählt, ist ihre kontinuierliche Brillanz, ihr unwiderstehlicher Charme und ihre unverminderte Bedeutung." Eugenides gibt nebenbei auch eine aufschlussreiche Kurzdefinition des Feuilletons: "Keine Nachricht. Kein Stadtbericht. Das Gegenteil eines Editorials, beschreibend, philosophisch, mäandernd und poetisch."

Außerdem: Neil Gordon glaubt, Risa Millers gewiefter Debütroman "Welcome to Heavenly Heights" wird gehörig unterschätzt. In dem Buch beschreibt sie den Umzug eines jüdisch-orthodoxen Pärchens von Baltimore in eine mit allem Komfort ausgestattete, von waffenstrotzenden Helikoptern bewachte und dabei noch spottbillige, weil vom Staat und geheimnisvollen Gönnern gesponserte Siedlung nördlich von Jerusalem. Durchaus interessant, aber nicht völlig überzeugend findet John Noble Winford die These des ehemaligen britischen U-Boot-Kommandanten Gavin Menzies, die Chinesen hätten Amerika schon "1421" (erstes Kapitel), also siebzig Jahre vor Kolumbus, entdeckt. Und Walter Kirn ist sich sicher, dass niemand anderes eine so wundervolle Geschichte über die Bedeutung von Kleinigkeiten hätte schreiben können wie der Minaturist Nicholson Baker mit "A Box of Matches" es nun getan hat. (Erstes Kapitel und hier eine Lesung des Autors.)