Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 16.06.2003 - New York Times

Die New York Times gibt dem Nachwuchs eine Chance und bespricht vier Debüts im großen Stil. Jay McInerney ist begeistert von Mark Haddons "kräftigem, lustigem und originellem" Erstling "The Curious Incident of the Dog in the Night-Time" (erstes Kapitel). Der autistische Gelehrte Christopher entdeckt den Nachbarpudel tot auf eine Mistgabel gespießt und macht sich daran, das Geheimnis zu lüften. "Haddon schafft es", lobt der Rezensent, "uns tief in Christophers Kopf hineinzubringen und es uns in dessen begrenzter, streng logischer Denkweise bequem zu machen. So weit, dass wir anfangen, den gesunden Menschenverstand und die erratischen Gefühle der Leute um ihn herum in Frage zu stellen." Christopher ist zwar ein "ungelöstes Geheimnis", schreibt McInerney, "aber er ist sicher einer der merkwürdigsten und überzeugendsten Charaktere in der jüngeren Literatur."

Ebenso angetan ist Benjamin Anastas von Ellen Ullmans "spannendem und intellektuell furchtlosem" ersten Roman "The Bug" (erstes Kapitel), den sie als Wiederbelebung des Frankenstein-Motivs versteht, bloß dass diesmal Computerviren den Part der intelligenten künstlichen Kreatur übernehmen. Der Lobreigen für die Newcomer geht weiter mit Sara Mosles verzückter Rezension von Maile Meloys (eine Lesung zum Anhören) "spektakulärer" Erzählung "Liars and Saints" (erstes Kapitel), der Odyssee einer französisch-kanadisch-amerikanischen Familie über den ganzen Erdball und vier Generationen hinweg. Unmöglich ist es für Francine Prose, Joan London nicht für deren "offenkundiges Talent" und ihren Erstling "Gilgamesh" zu bewundern. In dem "paradoxerweise schlank gehaltenen und dicht gepackten" Roman reist die Heldin von Australien nach Armenien, um den Vater ihres Kindes zu suchen.

Laura Miller singt eine Hymne auf die Fallstudie, "diesem unbekannten Genre im Grenzland zwischen Kunst und Wissenschaft". Als Meister nennt sie den Neurologen Oliver Sacks (mehr hier) oder Sigmund Freud, der die Abgründe hinter den respektablen bürgerlichen Kulissen seines Wiens so scharf und plastisch beschreibt und sie damit als das präsentiert, was sie sind: der Stoff für "großen Klatsch und große Literatur".

Zwei weitere, beachtenswerte Besprechungen: Owen Gingerich empfiehlt James Gleicks Biografie von "Isaac Newton" als die nun "erste Wahl für den interessierten Laien". Gleick schaffe es als Erster, mit der außerordentlichen Breite und Komplexität von Newtons Leben und Interessen fertig zu werden. Stacy Schiff gratuliert Hilary Spurling zu ihrem Porträt von Sonia Brownell, die vor allem deshalb bekannt ist, weil sie 14 Wochen mit dem schon todkranken George Orwell verheiratet war. Schiff gefällt Spurlings "große Sensibilität" sowie die "vorbildhafte Recherche".

Magazinrundschau vom 10.06.2003 - New York Times

"Ein Buch voller Gedanken, Profil, Schärfe und Laserlicht", schwärmt John Leonard von Norman Rushs Roman "Mortals" (eine Lesung mit dem Autor als Audio-File). Rush war sechs Jahre im Friedenskorps in Botswana, und auch sein mittlerweile drittes Buch spielt im südlichen Afrika: Ray und Iris richten ihre Ehe und sich selbst zugrunde. Er ist ein verdeckter CIA-Spion, sie betrügt ihn mit einem politisch-religiösen Aktivisten. "'Mortals' ist desillusionierend", schreibt der Rezensent, "eine schwarze Komödie über aufgeflogene Tarnungen, verpfuschte Intimität, schlechte Manieren und noch schlechtere Politik in einem Schwarzafrika, in dem wie auf einer sandigen Leinwand sich der westliche Irrsinn spiegelt."

John F. Kennedy war seine gesamte Amtszeit über schwer krank, enthüllt der Präsidentenhistoriker Robert Dallek (wie schon in einem Interview im Atlantic Monthly) nun in seiner ambitionierten Biografie "An Unfinished Life" (erstes Kapitel). Ted Widmer kann nicht umhin, nach der Lektüre die Härte, Intelligenz und schiere Ausdauer des Präsidenten zu bewundern. "Dallek widmet der Präsidentschaft mehr als die Hälfte des Buches", bemerkt Widmer. Die frühen Katastrophen werden kritisch betrachtet, aber die Kuba-Krise bezeichnet er als "Kennedys größte Stunde". Dallek ist Historiker, und sein Fokus auf die Politik geht auf die Kosten einer eingehenden Studie der Psyche von Kennedy. Alles in allem aber eine neue Studie von überragender Bedeutung, gründlich, kompromisslos und ausgeglichen - alles Qualitäten, die Kennedy geschätzt hätte."

Aus den weiteren Besprechungen: Auch wenn Paul Hendrickson sein eigentliches Ziel verfehle, ist "Sons of Mississippi" (erstes Kapitel) doch empfehlenswert, meint Brent Staples. Hendrickson versucht die Beweggründe der weißen Rassisten im Umfeld der gewalttätigen Proteste gegen den Einzug des schwarzen James Meredith (mehr) an der Universität von Mississippi zu erklären, bestätigt aber letzten Endes eindrucksvoll, "dass einige Klischees real existieren; unter der Oberfläche gibt es eben manchmal doch nichts mehr". Francine Prose bewundert Courtney Angela Brkic für ihren Mut, in ihrem Erzählband über den Balkankrieg "Stillness" aus der Perspektive ihrer gewöhnlichen und vor allem schon toten Helden zu schreiben. Brkic war mit einem forensischen Team auf dem Balkan und hat dort Massengräber ausgehoben. Ihre Eindrücke hat sie zu einem eindrucksvollen Einblick in das Leben und Sterben im Krieg verdichtet, "Panorama und Nahaufnahme zugleich".

Magazinrundschau vom 02.06.2003 - New York Times

Mit ihrem frechen und provokativen "The Memory of All That" (erstes Kapitel) hat Betsy Blair, die Frau von Gene Kelly (nicht nur ein Tänzer) und "rothaariges Showgirl, Schauspielerin, Linke, Ehefrau und Mutter, Abenteurerin und Europhile - im inspirierenden Alter von 79 Jahren ihr literarisches Debüt vorgelegt", schreibt James Toback und legt noch ein dickes Lob nach: "Ich kenne kein anderes Buch, das aus der Innenperspektive dieser mythisch-historischen Hollywood-Welt heraus geschrieben wurde, schon gar nicht eines von außen her, dass auch nur annähernd jene Stimmung wieder so lebendig machen würde." Denn als Kelly "die Nummer 1 als Schauspieler, Sänger, Tänzer, Choreographer und Regisseur war, umfasste die soziale und professionelle Welt der beiden praktisch jeden berühmten Namen der Zeit", erklärt Toback. Er hofft, dass sich Lady Blair entscheidet, "noch mehr zu schreiben, weiterzumachen, immer wieder zu überraschen".

Für die Sommerlektüre hat die New York Times Book Review eine ganze Liste an Empfehlungen zusammengestellt, basierend auf den Besprechungen seit Weihnachten und aufgeteilt in Belletristik und Sachbuch. Außerdem gibt es Lesetipps zu den Bereichen Reise, Garten und Kochen.

Weitere Rezensionen: Überraschend lustig findet Lisa Zeidner Mayra Monteros Don-Juan-inspirierte Fabel "Deep Purple" (Leseprobe). Mit träumerischer Intensität lasse die kubanische Autorin ihren Helden von seiner lebenslangen Kampagne berichten, mit jeder namhaften Interpretin klassischer Musik zu schlafen. Richard Eder hält die ungewöhnlich lange fünfjährige Wartezeit für Thomas Bergers neuen Roman "Best Friends" (erstes Kapitel) für angemessen. Denn die "dicht geflochtene Tragikkomödie", die den Alltag aus mythischer Sicht beschreibe, gehöre zu den besten von Bergers bisher 22 Erzählungen. James R. Kincaid dagegen empfiehlt "Star of the Sea" (erstes Kapitel), Joseph O'Connors "mutigen und kunstvollen" Roman, in dem sich ein Ire im Jahre 1847 aufmacht, einen Adligen zu töten, bevor ihr gemeinsames Schiff den Hafen von New York erreicht.

Magazinrundschau vom 26.05.2003 - New York Times

Strike! Die New York Times Book Review begibt sich auf amerikanische Spurensuche und hat ein ganzes Heft zusammengestellt, in dem es nur um eins geht: Baseball. In "The Teammates" (erstes Kapitel) schildert David Halberstam die Fahrt der Red-Sox-Legenden Dominic DiMaggioJohnny Pesky und dem in Geiste anwesenden Bobby Doerr, alle Anfang achtzig Jahre alt, nach Florida zu ihrem sterbenden Teamkollegen Ted Williams. Wie gern Charles McGrath dort als Leser mitgefahren ist, merkt man jeder Zeile seiner Besprechung dieses "eleganten kleinen Buchs" an. "Sie bewältigten die 1300 Meilen in drei Tagen, hielten in Philadelphia, wo DiMaggio von der 'Philadelphia Athletics Historical Association' geehrt wurde, und sprachen die ganze Zeit über Baseball. Das Radio blieb die ganze Fahrt über aus. Diese Gespräche bilden die Landkarte für die andere Reise dieses Buches, zurück zu den Westküstenligen der 30er Jahre, wo alle Spieler ihre Karriere begannen, und nach Boston in den 40ern, als diese Teamkameraden - Williams links, DiMaggio Mitte, Pesky vorne und Doerr auf dem zweiten - der Kern eines Red Sox Clubs waren, dem es an Größe nicht mangelte."

Außerdem empfiehlt Joel Conarroe "Game Time" (erstes Kapitel), 29 Essays des eloquenten Baseball-Analysten-Altmeisters Roger Angell. Lawrence S. Ritter bespricht Bücher von Andrew Zimbalist und Michael Lewis. Beide haben sich eingehend mit den wirtschaftlichen und sportlichen Ungerechtigkeiten beschäftigt, mit denen ärmere Teams der Liga konfrontiert sind. Roberto Gonzales Echevarria empfiehlt die Werke von Michael E. Lomax und Brad Snyder, die die bisher wenig beachteten "Neger-Ligen" beschreiben: ihre Teams, Besitzer, Manager und vor allem ihre Spieler. Dazu haben die NY Times-Redakteure eine lange Liste der bisherigen Rezensionen von Baseball-Büchern samt Links zu lohnenden Seiten zusammengestellt.

Weiteres: David Johnston stellt George Criles "Charlie Wilson's War" vor. Der Texaner Charles Wilson, 24 Jahre Kongressabgeordneter im Repräsentantenhaus, "war bekannt für seine Vorliebe für heiße Bäder, Frauen und Scotch", erzählt der Rezensent. Außerdem war er der "heimliche Patron der größten Under Cover Operation der CIA-Geschichte" - der amerikanischen Unterstützung der afghanischen Mujahedeen-Rebellen gegen die sowjetische Besatzung. Margot Livesey lobt Jane Alisons verwickelten zweiten Roman "The Marriage of the Sea", eine Studie über Liebe und Illusion. Paul Baumann bereut es nicht, Le Thi Diem Thuys Erstling "The Gangster We Are All Looking For" gelesen zu haben. Eine Flüchtlingsgeschichte, "kräftig wie ein Märchen und voller Anspielungen wie ein Gedicht."

Magazinrundschau vom 19.05.2003 - New York Times

Apokalypse now! Unsere Chancen, die nächsten 100 Jahre zu erleben, stehen 50:50, wenn man Martin Rees glauben darf. In "Our Final Hour" beschreibt der britische Astronom und Cambridgeprofessor, was da alles noch kommen mag. Die Besprechung von Dennis Overbye liest sich dann auch wie die Beschreibung der gesammelten Prophezeiungen einer Endzeitsekte, erschreckenderweise aber auf hohem seriösen wissenschaftlichen Niveau. "Es gibt viele Dinge, über die wir uns Sorgen machen müssen, manche sind altbekannt: globale Erwärmung, Asteroideneinschläge und der alte Schrecken eines Nuklearkriegs", referiert Overbye. Aber "andere sind neu": Hochentwickelte Nanopartikel "könnten uns und alles Lebe nauf der Erde verschlingen", und "gewisse physikalische Experimente könnten die Raumzeit selbst stören." Rees' "Antwort liegt im Weltall. Wenn wir erst einmal Kolonien auf verschiedenen Planeten errichtet haben, ist die Chance geringer, dass eine Katastrophe uns alle erwischt."

Nur weil es so gut dazu passt: Margaret Atwood (weitere Werke) lässt ihren neuen Roman "Oryx and Crake" (erstes Kapitel) in einer post-apokalyptischen Urszenerie" spielen, in den Resten der heutigen Welt "nach einer wenn auch etwas schwachen Apokalypse". Sven Birkert verreißt das Buch trotzdem. Science Fiction überhaupt und Atwoods Geschichte Besonderen "wird nie Literatur mit einem großen 'L' werden, weil sie immer eher von den Umständen als von den Charakteren ausgeht."

Aus den weiteren Besprechungen: Robert Dallek begrüßt "The Clinton Wars", die umfassenden Memoiren des Clinton-Beraters Sydney Blumenthal, als "willkommene Bereicherung der Literatur über die tumultreiche zweite Amtszeit des Präsidenten". Das Buch biete "eine starke und generell überzeugende Verteidigung von Bill, Hillary und Blumenthal" in der Zeit von Lewinksy-Affäre und Impeachment-Verfahren. Nicht ganz zufrieden hört sich dagegen Jennifer Schüssler nach der Lektüre von Cristina Garcias chinesisch-kubanischer Familienchronik "Monkey Hunting" (erstes Kapitel) an. "Ein ehrenwerter Versuch, alte Erinnerungen zu retten. Aber all die Blüten und Beschwörungen und Tränen schaffen es nicht, diese Vorfahren wieder lebendig zu machen". Wer Kinder kennt, die Englisch können, oder selbst eines ist, kann außerdem einen Blick in die 29 Kinderbuchbesprechungen werfen.

Magazinrundschau vom 12.05.2003 - New York Times

Reihenweise fielen die Frauen in Ohnmacht, als der turbangekrönte Rudolph Valentino (alles über den Göttlichen) 1921 im "Scheich" (Ausschnitte aus diesem und anderen Valentino-Streifen hier) reüssierte. Emily W. Leider hat sich in ihrem Buch "Dark Lover" auch den Schattenseiten des erfolgreichen Hollywood-Stars gewidmet. Herausgekommen ist ein "flüssiges, kultiviertes, wunderbar lesbares Buch", jauchzt Barry Gewen in seiner Rezension. Valentinos kometenhafter Aufstieg aus einem kleinen Dorf in Italien zum gefeierten Hollywood-Star machte ihn zur "Ikone der amerikanischen Sozialgeschichte im 20. Jahrhundert", notiert der Rezensent. "Vor Valentino waren die Hauptfiguren kantige, ruppig-direkte Typen wie Douglas Fairbanks. Valentino stellte all die Klischees auf den Kopf." Die Autorin versucht auch die Frage nach der Homosexualität des zartgliedrigen, flamboyanten Valentino zu klären. Sie tut dabei ihr Bestes, schreibt Gewen, auch wenn es wenig Beweise gebe. "Leider zerlegt die Legenden nach und nach, und präsentiert uns einen Valentino mit kindischen Macken, aber einer sehr menschlichen Verletzlichkeit".

"A tiny sun / With yellow tobacco hair / Is burning out in the ashtray". Jeden Morgen ein Gedicht, das rät eine begeisterte Margo Jefferson nach der Lektüre von ''The Vintage Book of Contemporary World Poetry", herausgegeben von J. D. McClatchy, seines Zeichens selbst Dichter. Jeffersons Anweisung: "Öffnen Sie das Buch. Drehen Sie den Globus in ihrem Kopf: Griechenland, China, Mauritius. Finden sie international bekannte Poeten: Joseph Brodsky, Paul Celan, Aime Cesaire, Czeslaw Milosz, Pablo Neruda, Octavio Paz, Derek Walcott. Dann schauen Sie nach den anderen, berühmt in ihrem eigenen Land oder ihrer Region."

Aus den weiteren Besprechungen: Marjane Satrapis originelles "Persepolis" hätte kaum in einem besseren Moment erscheinen können, findet Fernanda Eberstadt. "Mutig und lebendig" und in Form eines Comics beschreibe Satrapis ihre Kindheit im Iran, vom Sturz des Schahs bis zum Krieg mit dem Irak. Eine unerwarteten Genuss verspürte Karen Karbo beim Lesen von Meghan Daums Erstlingsroman "The Quality of Life Report" (erstes Kapitel), in dem eine hippe New Yorker Reporterin aufs Land zieht. Karbo schätzt Daums komisches Talent, dass sie gekonnt "auch für wirklich ernste Themen einzusetzen versteht". Steven Merritt Miner hofft inständig, dass Anne Applebaums exzellente, straff geschriebene und verdammende Geschichte des sowjetischen "Gulag" (erstes Kapitel) von vielen Leuten gelesen wird. Applebaum widerspricht den revisionistischen russischen Historikern, die die Straflager als stalinistische, aber nicht sowjetische Erscheinung beurteilen. Daniel J. Kevles schätzt die überwältigende Menge an Argumenten, die Diane Ravitch in ihrem überzeugenden Buch "The Language Police" zusammengetragen hat, einer leidenschaftlichen aber fundierten Argumentation gegen die grassierende Zensur von Schulbüchern in den USA. Prominentere Opfer der politisch korrekten Lobbyisten sind etwa Mark Twains "Huckleberry Finn" oder Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig".

Magazinrundschau vom 05.05.2003 - New York Times

Köstlich! Die New York Times besticht durch eine gesunde Liebe zu den irdischen Genüssen. Sieben Bücher werden in dieser Woche besprochen, die sich alle nur um eines drehen: Essen. Und kochen. Leben eben. Stacy Schiff etwa hat mit Wonne "The Apprentice" verschlungen, die Memoiren des schreibenden Chefkochs Jacques Pepin (mehr hier). Kennengelernt hat Pepin die Haute Cuisine von ganz unten: erst als hungriges Kind, dann als Küchenhilfe. "Im Frankreich der fünziger Jahre waren Orangen, Bananen und Ananas exotischer Luxus. Küchengehilfen waren angehalten zu pfeifen, während sie schnitten, um den Schwund gering zu halten. Pepin und seine Kollegen brauchten nicht lange, um herauszufinden, dass zwei Leute fröhlich vor sich hinpfeifen konnten, während der Dritte sich den Mund vollstopfte." (Leseprobe hier). Das literarische Menü in dieser Woche umfasst außerdem die Besprechungen der "Foodmemoirs" von Amanda Hesser, Abe Opincar, Victoria Abbott Riccardi und Calvin Trillin sowie von Colette Rossant und Patrizia Chen. Als Dessert wird ein Audio Interview mit dem Essensexperten der Times, Sam Sifton, gereicht, der über seine Lieblingsbücher zu diesem Thema plaudert.

Aus den weiteren Besprechungen: Anthony Quinn wundert sich über Graham Swifts "The Light of Day" (erstes Kapitel), die raffinierte Geschichte um einen Privatdetektiv, der sich in eine Mörderin verliebt. Der Plot verliert mit der Zeit an Bedeutung, und die Art des Erzählens tritt in den Vordergrund, schreibt Quinn. Eine Art "Turnschuh-Haiku" sei da entstanden, ohne jemals ein richtiger Thriller zu werden. Claire Messud bewundert Nadine Gordimers unbarmherzigen Blick in die menschliche Seele, den sie in ihrem neuen Erzählband "Loot" (erstes Kapitel) wieder einmal unter Beweis stelle. Was all die Geschichten aber zusammenhält, ist die Beschäftigung mit dem Tod, schreibt die Rezensentin. Vijay Seshadri schätzt die Poesie von Ai. In ihrem Sammelband "Dread" leiht sie Journalisten in Kriegsgebieten, gefallenen Priestern oder Mordermittlern ihre Stimme, "mit Verve und einem intimen Verständnis der verdrehten, wandelbaren menschlichen Natur".

Magazinrundschau vom 28.04.2003 - New York Times

Ein neuer Marquez? Ein neuer Fuentes? Gut möglich, findet Barry Unsworth in seiner begeisterten Besprechung zu Ignacio Padilla (mehr hier), einem Schriftsteller mit "außergewöhnlichem Talent". Padillas ebenso außergewöhnlicher Roman "Shadow Without a Name" ist jetzt als erstes seiner Bücher ins Englische übersetzt worden. Die Geschichte dreht sich um ein Schachbrett, an dem über das 20. Jahrhundert hinweg rätsel- und schicksalhafte Partien gespielt werden. Das erste Spiel - zwei Österreicher im ersten Weltkrieg 1916, der Verlierer muss an die Front oder sofort sterben - setzt eine "außerordentliche und in ihrer Komplexität faszinierende" Reihe von Partien in Gang, bei denen Identitäten und ganze Leben gefälscht und vertauscht werden. "Die Erzählung birst vor Alternativen, sie hängt an Begegnungen, die üblicherweise nicht klar gesehen werden, im Nebel oder Zwielicht stattfinden", schreibt Unsworth weiter. "Der Roman fesselt wie ein Krimi und schafft es, zugleich nüchtern und verspielt und manchmal wunderbar finster zu sein, er hat etwas von der drohenden Groteske des deutschen expressionistischen Kinos." (Hier liest Padilla einen Auszug aus seinem Roman.)

Was haben 100 Jahre Erziehungslehre gebracht? Ann Hulbert beantwortet diese nicht so einfache Frage mit "Raising America" (erstes Kapitel), einem gelungenen Überblick über die Früchte der Pädagogik des 20. Jahrhunderts. "Hulbert könnte sich kaum etwas Ehrgeizigeres vorgenommen haben, und zum größten Teil erfüllt sie ihre Aufgabe wunderbar", lobt Stacy Schiff. Rigider Behaviourismus in den Zwanzigern, ruhiger, undogmatischer Pop-Freudianismus eine Generation danach: "Dieses Hin und Her sagt eine Menge aus über diese düstere Wissenschaft, die nach Hulberts Auffassung nicht nur zwischen Disziplin und Selbstbestimmung schwankt, sondern auch zwischen Wissenschaft und Geschwätz."

Aus den weiteren Besprechungen: Sam Lipsyte hat sich in "101 Reykjavic" verliebt, den "wunderbar schrägen, manchmal brillianten, und oft auch frustrierenden" Roman von Hallgrimur Helgason. Die Geschichte des arktischen Bummelanten Hlynur ist für Lipsyte der "verzweifelte Ruf aus einer Zwischenzeit in einem Zwischenland" und zu Recht verfilmt worden. Paul Gray bezeichnet "Good Faith" (erstes Kapitel) als typischen Jane-Smiley-Roman (Audio-Lesung), was durchaus als Lob zu verstehen ist. Smiley schaffe es mit Leichtigkeit, wie Gray notiert, sogar dem eher beschaulichen Sujet der Immobilienbranche noch eine spannende Geschichte zu entlocken.Sherwin B. Nuland würdigt Philip J. Hilts gründlich recherchierten Band über ein Jahrhundert der staatlichen Nahrungsmittel- und Medikamentenkontrolle. Wissenschaftlich sauber und zugleich journalistisch spannend schildert Hilts in "Protecting America's Health" (erstes Kapitel) den Spagat der Behörde zwischen den verschiedenen Bedürfnissen von Industrie und Verbrauchern. "Crabwalk" (erstes Kapitel) ist Günter Grass' bestes Buch seit langem, freut sich Jeremy Adler und preist des deutschen Nobelpreisträgers bestechende Analyse der Vergangenheit ebenso wie dessen nüchtern-abgeklärten Hinweise für die Zukunft. Zum Vergleich die deutschen Rezensionen.

Magazinrundschau vom 22.04.2003 - New York Times

Simon Winchester hat einer der größten Naturkatastrophen der Menschheitsgeschichte ein Buch gewidmet, das es laut Richard Ellis' Lobeshymne mit dem Ereignis an Größe durchaus aufnehmen kann. Der Bericht über den Ausbruch des Vulkans "Krakatoa" (erstes Kapitel) im vorvergangenen Jahrhundert (ein etwas bunter, aber umfangreicher Überblick über die Geschehnisse hier) sei nicht nur "spannend, verständlich und literarisch" geschrieben, sondern auch "sorgfältig recherchiert und wissenschaftlich genau", mit einem Wort einfach brillant, schwärmt der Rezensent. "Als die Erde aufbrach, kam kaltes Meerwasser mit der Magma in Berührung, der Dampf explodierte mit katastrophaler Gewalt, und sechs Kubikmeilen Gestein und Asche wurden mehr als 20 Meilen in die Stratosphäre geschleudert", fasst Ellis zusammen. Gigantische Tsunamis "rasten in alle Richtungen davon, überschwemmten die Küsten von Java und Sumatra, begruben mehr als 300 Städte und Dörfer unter sich und töteten mehr als 36.000 Menschen". Kurz: "Eines der besten Bücher, das je über Geschichte und Bedeutung eines Naturdesasters geschrieben wurde."

Voll des Lobes ist auch Angeline Goreau über Benita Eislers (Audio-Interview) Chopin-Biografie. "Chopins Funeral" (erstes Kapitel) legt besonderen Wert auf die Schilderung der mysteriösen Freundschaft zwischen dem "sexuellen Outlaw" George Sand und dem kränkelnden, eher diskreten Komponisten. "Wie die beiden schließlich zusammenkamen, bleibt teilweise ein Geheimnis", schreibt eine begeisterte Goreau, aber "Benita Eisler erschüttert die Sicherheiten früherer Biografien und entwirrt die Geschichte". Auch in Bezug auf die spätere, noch unverständlichere Entfremdung der beiden komme die Autorin näher daran, "das ganze spektakuläre Verhängnis zu erklären als irgendein anderer Biograf, den ich kenne." Eisler gelinge dies mit "poetischer Einsicht und in bewundernswerter Kürze, indem sie ihre analytischen Fähigkeiten mit literarischer Begabung kombiniert".

Im Close Reader betrachtet Judith Shulevitz diesmal Helen Keller (Seite mit biografischen Daten, Fotos, Reden und Schriften hier) und ihre Autobiografie, wo es manche Unstimmigkeiten gibt, und erforscht davon ausgehend die Grenzen von Wahrnehmung und Erinnerung. "Vielleicht sind wir alle so: Kreaturen der Sprache, und nicht ihre Herren. Vieles was wir aus eigener Erfahrung zu wissen glauben, haben wir wahrscheinlich aus Büchern oder Zeitungen, von Freunden oder Geliebten, und haben es nie selbst draußen in der Welt überprüft."

Weitere Besprechungen: Steven Brills "After", in der er die inneramerikanische Reaktion auf den 11. September beschreibt, lobt Robert Stone als eine "intelligente Beschreibung der Stärken und Schwächen der kommerziellen Demokratie im 21. Jahrhundert, wenn sie unter Druck gerät". Giles Foden begrüßt die späte Übersetzung von Uwe Timms Roman "Morenga", der den blutig niedergeschlagenen Herero-Aufstand im kolonialen Deutsch-Südwest-Afrika zum Hintergrund hat. Timms Buch sei zwar stellenweise schwer zu verstehen, meint Foden, aber genau das "scheint der Punkt zu sein" bei einem Thema wie dem Genozid.

Magazinrundschau vom 14.04.2003 - New York Times

Gut und viel in dieser Woche: James McManus muss ein glücklicher Mann sein, vermutet Robert R. Harris nach der "aufregenden" Lektüre von "Positively Fifth Street" (erstes Kapitel). Eigentlich sollte McManus für das Harper's Magazine in Las Vegas die Weltmeisterschaft im Pokern verfolgen. Statt dessen entschied er sich, selbst mitzuspielen. Während des Turniers gewinnt er "866.000 Dollar in einer einzigen Runde und übernimmt die Führung" schreibt Harris bewundernd. "Dann endet seine Glückssträhne, plötzlich aber unausweichlich. Er schafft es noch bis zum Finale am fünften Tag, wird Fünfter (von 512) und spaziert schließlich mit etwas weniger als 250.000 Dollar heraus - und, für einen Reporter noch besser, auch noch mit einer guten Geschichte." McManus verknüpft seinen Report vom Turnier mit dem Prozess um den ermordeten Sohn des Casinobesitzers. Harris findet die Erzählung vom Wettbewerb schon "spannend wie einen Thriller" und glaubt, dass dieses Buch zurecht einen Platz auf dem Bücherregal neben dem Klassiker beanspruchen kann, von dem es inspiriert wurde, nämlich "The Biggest Game in Town" by Al Alvarez.

Wenn Demokratie übertrieben wird, ist die Freiheit in Gefahr - das ist die zentrale These von Fareed Zakarias "The Future of Freedom", einem "mutigem" Buch "gegen den Zeitgeist", wie Niall Ferguson in seiner Rezension urteilt. Aufgebaut auf seinem "brillanten", 1997 in Foreign Affairs veröffentlichten Artikel (Zusammenfassung), rate Zakaria allen Entwicklungsländern: "erst reich werden (und damit einen Mittelstand, eine Zivilgesellschaft und einen Rechtsstaat aufbauen), dann demokratisch werden. Memo für die arabische Welt: Reich werden aufgrund von Erträgen aus natürlichen Ressourcen zählt nicht." Und auch die Beobachtung, dass Amerika Schritt für Schritt zu einer "illiberalen - oder zumindest dysfunktionalen - Demokratie", wird, verdient - wie das ganze Buch an sich - eine "breite Leserschaft", findet Ferguson.

Margo Jefferson erinnert an die seit dem Film "The Hours" wieder viel gelesene Virginia Woolf und ihre Warnung davor, während des Krieges für die Freiheit (damals gegen den Faschismus) die Freiheit im eigenen Land zu vergessen. "Freiheit von unwirklichen Loylitäten" nennt Woolf das. "Als Erstes muss man den Nationalstolz abschütteln, dann den religiösen Stolz, den Stolz auf Bildung, Familie und das Geschlecht, und all die unwirklichen Loyalitäten, die daraus folgen."

Aus den weiteren Besprechungen: Walter Kim verreißt Don de Lillos Roman "Cosmopolis" (erstes Kapitel) in lesenswerter Manier. Er findet die Geschichte des superreichen, gefühllosen und eiskalten Börsenmanagers Eric Packer ausgelutscht und beschimpft sie als "fossilen akademischen Futurismus" bar jeder Überraschung und Spontaneität. (James Wood seufzt in seinem Verriss in The New Republic: Eric "hat keine Gedanken, er hat nur Meta-Gedanken".) Andrea Barrett glaubt in der Kanadierin Mary Swan eine vielversprechende Autorin entdeckt zu haben, die in der "brillanten" Titelgeschichte ihres Erzählbands "The Deep" (erstes Kapitel) beweise, dass ihr vor allem die schwierigsten Formen zu liegen scheinen. Richard Eder freut sich außerdem, dass nach mehr als zwanzig Jahren nun endlich eine amerikanische Version der "Memoiren eines italienischen Terroristen" erschienen ist, deren Authentizität zwar aufgrund des unbekannten Autors nach wie vor angezweifelt wird, die uns aber "gerade heutzutage" viel Wissenswertes über das Innenleben eines Terroristen verraten, meint Eder.