Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 27.01.2003 - New York Times

Bücher an die Front: An Weihnachten verteilte das amerikanische Verteidigungsministerium hunderttausend Klassiker an ihre Soldaten. Darunter auch Shakespeares Henry V., was Judith Shulevitz zu einem mokanten Kommentar über die zweifelhaften Absichten der uniformierten Bücherfreunde und die Selbstverteidigungskräfte der Literatur anregt. "Eine der befriedigsten Eigenschaften von Literatur ist, dass sie sich gegen den wenden kann, der sie für seine eigenen Zwecke benutzt. Die Handlung des Stücks beschreibt unsere heutige Situation treffender als das Pentagon es wahrscheinlich beabsichtigte. Der Anspruch eines neugekrönten Königs auf den Thron gibt Anlass zu verfassungrechtlichen Bedenken, da sein Vater ihn sich durch den Mord an dessen früheren Inhaber angeeignet hatte. Der König muss das Vertrauen seines Volkes gewinnen; er will ausserdem seine Jugend als Trinker und Hallodri übertünchen. Er tut genau das, indem er geschickt und wagemutig einen Krieg gegen Frankreich beginnt, genau so wie sein Vater es ihm geraten hatte: 'Be it thy course to busy giddy minds / With foreign quarrels'.

Mit George Bush beschäftigt sich auch David Frum, und das in gut informierter Weise. Frum war der Sprecher des Weißen Hauses im ersten ereignisreichen Regierungsjahr 2001, er war es, der das berüchtigte Wort von der "Achse des Bösen" geprägt hat. In seinem Insider Report "The Right Man" (erstes Kapitel) nimmt er nun kein Blatt vor den Mund, wie Jeff Shesol anerkennend feststellt. "In Bezug auf Bush spricht Frum offen die 'vielen Defizite' des Präsidenten an, etwa dass er oft 'uninteressiert und deshalb schlecht informiert' ist. Frums Bush ist ein komplexerer Charakter als etwa Nonnans Reagan, was sein Porträt glaubwürdiger macht. Insgesamt aber werden die Schwächen des Präsidenten, wie der Buchtitel suggeriert, durch seine Tugenden mehr als ausgeglichen: Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Haltung, Mut und Beharrlichkeit. 'Ein geradezu perfekter Führer in Kriegszeiten'." Wirklich, wir leben in finsteren Zeiten! Siehe oben.

Genug von Amerika, nun zu Russland. Richard Eder ist ganz angetan von Tatyana Tolstaya, einer Großnichte Leos. Sie hat in den USA gerade den Roman "Slynx" veröffentlicht sowie "Pushkin's Children", eine Sammlung von Essays über ihr Heimatland. "Wenn sie über das schlingernde Leben in Russland schreibt - seine Politik, Geschichte und Kultur, seine Obsessionen, menschlichen Fehlern und dem menschlichen Reichtum - dann glänzt sie und umschreibt ihren Gegenstand, als würde sie mit ihrer Sprache ein inneres Feuer einhegen. Sie fixiert die Realität mit extremen Gefühlen und der poetischen Genauigkeit ihrer Bilder."

Außerdem: Im Aufmacher würdigt Daniel Mendelssohn den Schriftsteller Richard Powers als ungemein talentierten Autor und seinen achten Roman "The Time of Our Singing" (erstes Kapitel), das Porträt einer musikalischen Familie in schwierigen Zeiten, als dicht und ambitioniert wie erwartet. Nina Bernstein prophezeit Randall Kennedys provokanter Studie über "Interracial Intimacy" (erstes Kapitel) ein großes Echo, trotz oder gerade wegen der widersprüchlichen Botschaft. Und David Kelly hat sich bei Tom Carsons "Gilligan Wake" prächtig amüsiert, dessen "trashige" aber sehr lustige Art der Rezensent sich nur als Ergebnis von lebenslangem TV- und Rock'n Roll Konsum erklären kann.

Magazinrundschau vom 20.01.2003 - New York Times

Er war klein, untersetzt, pockennarbig, wurde später schwerhörig, trieb vermutlich seinen Neffen in den Selbstmord, verfolgte Frauen, die ihn zurückwiesen, litt an chronischer Bronchitis, hatte einen Darmkatarrh und ein unausstehliches Temperament. Seine Wohnung war der "schmutzigste, unordentlichste Ort, den man sich vorstellen kann", wie Baron Tremont 1809 schrieb. Nebenbei komponierte noch großartige Musik. Ist es nicht erstaunlich? Jedenfalls gibt sich Michael Kimmelman Mühe, den New York Times-Leser mit Schmackes an den Gegenstand einer neuen Biografie heranzuführen: Ludwig van Beethoven (mehr hier und hier). Lewis Lockwood, "ein hervorragender Beethoven-Gelehrter und Harvard-Professor", hat dem deutschen Komponisten eine "umfassende, gemäßigte Biografie" gewidmet, die "alle Arten von spezialisierter und neuester akademischer Studien" zusammenfasst, lobt Kimmelman. "Das Buch wechselt zwischen Geschichten über das Leben des Komponisten und sein Milieu und einer Analyse seiner Musik, mit Schwerpunkt auf letzterem. Musik lesen zu können, ist zwar eine Hilfe, aber es gibt keine bessere Studie über Beethovens Kompositionen für ein größeres Publikum."

Aus dem bewegten Leben des legendären russischen Balletttänzers Rudolf Nurejew (Bilder) hat Colum McCann einen gelungenen Roman gemacht, "wunderschön schwebend", wie Peter Kurth ganz hingerissen schreibt. McCann hat laut Rezensent das einzig Richtige getan, hat alle Formalia weggelassen und sich ganz auf die Persönlichkeit Nurejews konzentriert. "Die Bilder vom Wasser und Wetter, von Erinnerungen, Bewegung und Zeit, sind die Essenz von 'Dancer', weil sie die Essenz von Nurejew sind. Jeder in dem Buch wird in diesen Wirbelsturm hineingezogen."

Margo Jefferson hat D.H. Lawrence' "Studies in Classic American Literature" von 1923 noch einmal gelesen, und ärgert sich, das nicht eine Frau in dem Kanon vertreten ist. Und so stellt Jefferson ihre eigene Liste auf. Wo Lawrence mit Benjamin Franklin anfängt, beginnt sie mit "Susanna Rowson, deren Bestseller-Roman 'Charlotte Temple' 1791, im gleichen Jahr wie der erste Teil von Franklins legendärer 'Autobiography', herauskam." Weiter geht's mit Emily Dickinson und Harriet Beecher Stowe...

Außerdem: N. John Hall hat dem "unvergleichlichen" Sir Max Beerbohm (mehr hier) eine Biografie gewidmet. Valentine Cunningham findet harte Worte für den Künstler: Je mehr Hall ihn zitiert, schreibt sie, desto mehr entpuppt sich Beerbohm als "gemäßigter Meister des Trivial Pursuit". Lisa Zeidner bespricht wohlwollend William Gibsons neuen Roman "Pattern Recognition" (hier ein Auszug zum Hören). Daphne Merkin kann A.S. Byatts "A Whistling Woman" (erstes Kapitel), den vierten und letzten Roman über eine altakadmische Familie in Yorkshire nicht jedem empfehlen, doch wenn es sich auch manchmal etwas zäh lese, sei es doch ein Buch randvoll mit erstaunlichen Einsichten und bemerkenswerten Bildern.

Magazinrundschau vom 13.01.2003 - New York Times

Sechs von zehn Amerikanern sind übergewichtig, auch hier sind die USA Weltspitze, wie der Journalist Greg Critser in "Fat Land" (erstes Kapitel) beschreibt. Auch wenn ihm Critser am Ende etwas zu moralisch wird, Michael Pollan hat viele interessante Einblicke in die politisch-ökonomischen Zusammenhänge hinter der Fresserei bekommen. Dass etwa der Erfinder der Supersize-Portionen David Wallerstein heißt und in den Sechzigern für eine Kinokette arbeitete, um den Popcorn- und Sodaverkauf anzukurbeln. "Wallerstein versuchte alles mögliche - zwei Portionen zum Preis von einer, Vormittags-Specials - aber er konnte einfach niemanden davon überzeugen, mehr als ein Getränk und eine Tüte Popcorn zu kaufen. Warum? Weil sich die Leute schämten, eine zweite Runde zu holen. Wallerstein entdeckte nun, dass die Leute mehr Popcorn und Soda kaufen würden - viel mehr - wenn sie sie in einem einzigen gigantischen Schub bekämen. So wurde der Big Gulp geboren, später wurden daraus der Big Mac und die Jumbo Pommes."

Im Close Reader beschäftigt sich Judith Shulevitz mit dem neuen Werk des skandalumwitterten irischen Dichters und Oxford-Professors Tom Paulin (mehr hier), "The Invasion Handbook". Paulin hat T.S. Eliot heftig für seinen Antisemitismus kritisiert, gleichzeitig von sich reden gemacht, als er in einem Interview die israelischen Siedler als "zionistische SS" bezeichnete. Das Handbuch "wurde schon als anti-antisemitisches Werk bezeichnet", schreibt Shulevitz. Paulins Verteidiger, darunter Bruce Shapiro in The Nation, zitieren Gedichte, die Walter Benjamin zugeneigt sind und die Kristallnacht missbilligen, als Beweis für Paulins Mitgefühl für die Juden. Es sollte herausgestellt werden, dass weder Bewunderung für Benjamin noch Abscheu für die Kristallnacht eine besonders mutige oder bahnbrechende Position ist." Paulin ist wohl kein Anti-Semit, wie immer behauptet wird, meint Shulevitz nach der Lektüre, "Paulin ist etwas Harmloseres, da leichter zu erkennen. Er ist ein Schläger." Allerdings einer, dessen "schwungvolle, dialogorientierte Rhythmen" und ihr Zusammenspiel mit "delikaten Versmaßen und überzeugenden Reimen", den Leser fesseln, selbst wenn er die eingestreuten nordirischen Dialektausdrücke nicht versteht.

Außerdem: Robert Dallek traut Michael Linds Studie "Made in Texas" über die Ursprünge George Bushs im tiefsten Texas durchaus zu, ein Standardwerk über seine historisch-sozialen Beweggründe zu werden, wenn er sich denn als wirklich so desaströs für Amerika entpuppen sollte, wie Lind es voraussagt. Tony Horwitz hat Geoff Dyers "Yoga for People Who Can't Be Bothered to Do It" genossen, der originelle und urkomische Reisebericht mit ungewöhnlichen Einsichten liest sich für ihn eher wie eine Sammlung von Kurzgeschichten und hat ihn noch Stunden später zum Schmunzeln gebracht. Hier eine Leseprobe. Suketu Mehta ist Samrat Upadhyay dankbar, dass der in seinem Debütroman "The Guru of Love" (erstes Kapitel) über das Leben eines Mittelklasse-Lehrers in Katmandu nicht das Land und seine Gebräuche zum Thema macht, "die Charaktere, die Situation könnten wirklich überall auftauchen - im vorstädtischen New Jersey oder im St. Petersburg des 19. Jahrhunderts."

Magazinrundschau vom 06.01.2003 - New York Times

In der Titelgeschichte befasst sich Ann Ducille mit Valerie Boyds Biografie von Zora Neale Hurston (mehr hier), der berühmt-berüchtigten schwarzen Feministin, Menschenrechtlerin, Folklore- und Volksmusikforscherin, vor allem aber routinierten Selbstdarstellerin im Amerika der 30er Jahre. Am besten ist "Wrapped in Rainbows", lobt Ducille, "wo primäre Quellen angezapft werden, um Hurstons Leben zu skizzieren und kritisch zu untersuchen. Weniger gut ist dagegen der Versuch, 'Hurstons Stimme erklingen zu lassen', indem ausgiebig aus ihrer Autobiografie und literarischem Werk zitiert wird." Interessant zu lesen ist das alle Mal, räumt Ducille ein, aber Hurstons Persönlichkeit mit Hurstons literarischen Aussagen über sich selbst zu erforschen, "untergräbt doch die Autorität von Boyds Buch als definitve Biografie, da die zugrundeliegenden 'Fakten' suspekt erscheinen." Zusammen mit den ebenfalls erschienenen Auswahl von Hurstons Briefen (erstes Kapitel) sei Boyds Porträt aber doch ein guter Einstieg in das Leben einer schillernden Persönlichkeit, so das versöhnliche Fazit der Rezensentin.

Mit sichtlichem Vergnügen hat sich Christopher Buckley die Neuauflage von Alex Comforts dreißig Jahre altem "The Joy of Sex" angesehen. Großzügig und lasziv illustriert, ist das legendäre Aufklärungshandbuch immer noch die Lektüre wert, schwärmt der Rezensent. Und zitiert hingebungsvoll aus dem Kapitel, das sich der Achselhöhle widmet. ''Klassische Stelle für Küsse. Sollte auf keinen Fall rasiert werden (siehe Cassolette). Kann an Stelle der Hand benutzt werden, um den Partner beim Klimax ruhigzuhalten." Weiter empfiehlt Comfort, den Handballen vor dem Einsatz im Liebesspiel an der eigenen Achselhöhle sowie der des Partner zu reiben. Angetan ist der Rezensent auch vom warmen, wohlwollenden Grundton der Liebesanleitung, richtig gerührt ist er von der herzerfrischenden Ernsthaftigkeit des Autors, wenn der etwa empfiehlt, beim Motorrad-Sex doch bitte einen Helm zu tragen. Ausgerechnet hier offerriert die Times natürlich keinen Auszug.

Außerdem: Mark Costello ist geradezu begeistert von Richard Prices (Feature) neuestem Roman "Samaritan" (erstes Kapitel), einem Thriller voller Drogen, Rassismus und Gewalt. Costello liebt die "kinotauglichen Charaktere, die Atmosphäre von stechender Bösartigkeit; ein übervolles Paket kurz vor dem Explodieren, zusammengehalten von einer starken, spannenden Geschichte". Gary Krist lobt "The Fall" (erstes Kapitel), Simon Mawers Buch vom Leben und Lieben zweier begeisterter Bergsteiger, als reichhaltiges Porträt einer Gruppe von Menschen, die sich von ihren Leidenschaften leiten und in die Irre führen lassen. Adam Hochschild charakterisiert Linda Colleys "Captives", die Geschichte der Engländer, die von Gegnern des Empire zwischen 1600 und 1850 als Geiseln genommen wurden und damit für die Expansion des Weltreichs büßen mussten, als zwar "engagiert und elegant geschrieben, aber irgendwie unbefriedigend".

Zum Schluss noch ein Comic von Marc Alan Stamaty, der allen Buchhändlern unbedingt eine psychotherapeutische Grundausbildung empfiehlt.

Magazinrundschau vom 30.12.2002 - New York Times

Elmore Leonards zweiter Kurzgeschichtenband "When the Women Come Out to Dance" (erstes Kapitel) bringt Charles Taylor zum Schwärmen. "Es gibt ein altes Sprichwort unter Schriftstellern, 'Ich habe viel geschrieben, weil ich nicht die Zeit hatte, es kurz zu schreiben'. Ich will gar nicht an die harte Arbeit denken, die für Leonards dichte Prosa vonnöten ist, seine Fähigkeit, erzählerische Information auf kleinstem Raum unterzubringen. Das Wunder seines Schreibens ist die scheinbare Leichtigkeit." Nicht zuletzt die meisterhaften Dialoge von Leonards Figuren machen Leonard für Taylor zu einem Autor, der nicht nur in seinem Genre seinesgleichen sucht. "Mein diesjähriger Weihnachtswunsch war, dass Cormac McCarthy, Michael Ondaatje und Toni Morrison, um nur drei zu nennen, unter ihren Baum schauen und eine freundliche Seele ihnen ein Exemplar von Leonards neuestem Werk hat zukommen lassen."

Alain Vircondelet hat unter dem Titel "Vanished Splendors" (erstes Kapitel) ein über zwei Jahre andauerndes Gespräch mit dem französischen Maler Balthus (mehr hier und hier) veröffentlicht. John Russel glaubt in den einzelnen Unterhaltungen das Privileg herauszuspüren, das jeder empfand, der mit Balthus zusammentraf. Das Buch profitiert zudem "von den aussagekräftigen und ungewöhnlichen Fotografien. In Frankreich wurde der Band als 'Memoirs de Balthus" herausgegeben, eine beträchtliche Überschätzung angesichts der unstrukturierten und fragmentarischen Unterhaltung. (...) Trotzdem spürt man aber, wie Balthus sich auf dem Weg durch die lange Geschichte seines Lebens vorantastet, Wort für Wort und zum letzten Mal."

Außerdem: Judith Shulevitz hat sich im Close Reader Virginia Woolfs 1925 erschienen Essay "On Being Ill" vorgenommen und empfiehlt, Woolfes Verteidigung der Krankheit als conditio humana des Künstlers schön langsam und aufmerksam zu lesen, um den feinen sarkastischen Charme nicht zu überlesen. Charles McGrath dankt Claire Tomalin für die aufopferungsvolle Recherche zu ihrer gelungenen Biografie von Samuel Pepys (erstes Kapitel), dem schillernden Selfmademan, Politker, Autor und Workaholic. Adam Shatz vermisst an John Szweds Miles-Davis-Porträt "So What" (erstes Kapitel) die Selbstbewusstheit des Interpreten, ohne die seine Biografie der Jazzlegende trotz einiger "inspirierter Momente" zu überladen und verstreut wirkt. Michael Upchurch gefällt an Ross Kings im 18. Jahrhundert spielenden Roman "Domino" (erstes Kapitel) vor allem die Freude des Autors an authentischem Vokabular, das den Leser eintauchen lasse in ein maskiertes Europa voller Trug und Täuschung.

Magazinrundschau vom 23.12.2002 - New York Times

Eine lange Parade von prominenten Rezensenten diese Woche: Nick Hornby (mehr hier) hat sich immer ein bißchen geschämt, wenn er im Taxi einen der sechs Comics oder besser Graphic Novels (hier eine Auswahl der Illustrationen) las, die er in dieser Ausgabe vorstellt. Obwohl er sie anspruchsvoll, innovativ und anregend findet wie es sonst nur gute Bücher sind. Hornby fühlte immer den Drang, dem Taxifahrer ztu erklären, dass zu Hause auf dem Nachttisch eine Menge "echter" Bücher bereitlägen. "die Wahrheit ist natürlich, dass viele dieser richtigen Bücher ungelesen bleiben werden, oder halbgelesen, wohingegen diese Comics verschlungen wurden, schnell und mit großer Lust: Comicbücher sind nie langweilig, nie so, wie Prosa sein kann, und es ist unvorstellbar, eine Graphic Novel nur halb zu lesen, ebenso wie man ein Sonnett nicht nur bis zur Hälfte liest. Und wirklich, eines der Probleme mit einem Buch wie Eric Dookers überwältigend schönem 'Blood Song' besteht darin, wie man es angemessen genießen kann. Man setzt sich kaum hin und beginnt auf Seite 1, und 20 Minuten später findet man sich am Ende, ausgespuckt aus der Geschichte und chancenlos, die ganzen Eindrücke auch nur annähernd aufgenommen zu haben."

Wenn William Langewiesche, Chefreporter des Atlantic Monthly, ein Buch und seinen Autor so rückhaltlos empfiehlt, kann man fast nichts mehr falsch machen. Und Langewiesche ist begeistert, er schwärmt von Charles Bowdens Geschichte (erstes Kapitel) eines Mannes, dessen jüngerer Bruder sterben musste, weil er gegen den Drogenschmuggel an der amerikanisch-mexikanischen Grenze kämpft. "Ist 'Down by the River' ein Exposee, etwas Geschichtliches, eine Biografie, eine Erinnerung, eine Abenteuergeschichte oder philosophisches Sinnieren? Alles auf einmal, Reportage auf höchstem Niveau, und es wechselt zwischen diesen Kategorien ohne Zögern oder Entschuldigung. Es ist auch eine Art Poesie. Wenn Bowden loslegt, schreibt er wie im Fieber."

Außerdem: Robert Gottlieb, Ex-Chefredakteur des New Yorker, lobt die von Susan Stanford Friedman herausgegebenen "Analyzing Freud - Letters of H.D., Bryher, and Their Circle" (erstes Kapitel) - alle waren Patienten von Sigmund Freud -, worin das Wien der 30er Jahre vor dem inneren Auge genau so aufersteht wie der große Freud, der hier aus allernächster Nähe geschildert wird. Patricia Hampl hat durch Ivan Klimas große Biografie (erstes Kapitel) den großen Tschechen Karel Capek kennen- und schätzen gelernt, den sie nach der Lektüre seines neu herausgegebenen Erzählbandes "Cross Roads" (erstes Kapitel) gleichauf mit Kafka und als Vorbild Milan Kunderas sieht. Jodi Kantor findet Susan Antillas Report über sexuelle Belästigung an der Wall Street "Tales from the Boom Boom Room" (erstes Kapitel) zwar schockierend, aber nuancenreicher als die gewöhnliche Aufdeckungs- und Skandalgeschichte.

Magazinrundschau vom 16.12.2002 - New York Times

Krieg erklärt, Allierte gewonnen, Bomben abgeworfen, Taliban vertrieben. So problemlos wie auf den ersten Blick war Bushs Afghanistan-Kampagne gar nicht, weiß Thomas Powers nach der Lektüre von Bob Woodwards "Bush at War" (erstes Kapitel), der gewohnt detailreich und seriös einen intimen Einblick in die Art und Weise gibt, wie Politik im Weißen Haus gemacht wird. So beschreibt wooodward etwa "eine Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates am 16. Oktober, auf der Rumsfeld darauf bestand, dass das Militär der Strategie des CIA in Afghanistan folge. Oh nein, sagte der Vertreter des CIA-Chefs Tenet, John Mc Laughlin, ?unsere Jungs arbeiten mit dem Commander in Chief Tommy R. Franks zusammen. Wir unterstützen ihn nur. Er hat das Kommando.' Nein, entgegnete Rumsfeld, ?ihr habt das Kommando. Wir gehen dorthin, wo ihr uns hinschickt.' Nach dem Treffen, schreibt Woodward, nahm (Condoleeza) Rice Rumsfeld bei Seite und erklärte, 'Don, das ist jetzt eine militärische Operation und Du musst nun wirklich die Leitung übernehmen.'" Das Weiße Haus hat keine von Woodwards Behauptungen dementiert.

In "The Eagle's Shadow" untersucht John Hertsgaard, wie wenig die Amerikaner darüber wissen, wie arrogant und selbstherrlich sie auf den Rest der Welt wirken. "Wenn wir Palästinenser Blue Jeans tragen oder Tschechen Big Macs verschlingen sehen, glauben wir, dass das globale Dorf uns einander näher gebracht hat. Das ist eine gefährlicher Irrtum." Die Annahme Hertsgaards, dass die Amerikaner klug und gerecht handeln werden, wenn sie erst einmal wissen, wie sie auf andere wirken, teilt Rezensent Chris Heedges aber nicht. "Weisheit, Großzügigkeit und Selbstlosigkeit - die Werte die er uns empfiehlt - erhalten und erweitern keine Reiche. Sie zerstören sie."

Außerdem: Sam Sifton ist entzückt von Sam Chalmers Roman "Who?s Who in Hell" (Auszug aus einer Lesung), dem mitreißenden, erheiternden, anarchischen und sehr witzigen Debüt des Briten. Nur manchmal, bedauert Laura Miller, findet Annie Proulx in "That Old Ace in The Hole" zu gewohnten erzählerischen Stärken zurück. Zu unstimmig, zu überladen kommt ihr die Geschichte über ein Landleben im Südwesten vor. Gar nicht überzeugend findet Caleb Carr Patricia Cornwells "Portrait of a Killer" (erstes Kapitel), in dem sie das Geheimnis um die Identität des legendären Mörders Jack the Ripper gelüftet haben will. Christopher Caldwell beschreibt Alistair Horne als den Typ des britischen Historikers mit einem Talent zum Erzählen und einer Vorliebe für Klatsch, Blutvergießen und das Bizarre. So erscheint Caldwell "Seven Ages of a Paris" (erstes Kapitel) dann zwar informativ-dicht, zugleich aber auch verwirrend-betörend.

Magazinrundschau vom 09.12.2002 - New York Times

"Tis the night before Christmas, again": Die Weihnachtsausgabe der New York Times Book Review stellt neuen Lesestoff fürs Fest und die Ferien vor und kürt (siehe unten) die besten Bücher des Jahres.

Zuerst war der Honig, so könnte der erste Satz von Tom Richardsons Süßigkeiten-Bibel "Sweets" lauten. Richardson erzählt nicht nur die Geschichte der Süßigkeiten bis zum heutigen High-Tech-Riegel, er befasst sich auch mit den kulturgeschichtlichen Dimensionen des Naschwerks. Und das in einer profunden, eloquenten und witzigen Art, wie Jane und Michael Stern in ihrer Besprechung jubeln. "Während das Buch seine Struktur aus seriöser Forschung bezieht, besteht sein Fundament aus purer Lust. 'Ich mag Süßigkeiten', sagt er auf Seite 1 und erinnert uns, dass bis zum späten 20. Jahrhundert die Liebe der Menschheit für Süßes mit 'gutem Charakter und Vergnügen' assoziert wurde. Naschwerk ist außerdem eine der wahrhaft universellen Facetten menschlicher Kultur - 'der einzige Aspekt der Küche, der fast immer von Ausländern geschätzt und verstanden werden kann'."

"I Want That" lautet der programmatische Titel der Untersuchung von Thomas Hines über die Faszination des Konsums. Wie auf einem Basar fühlt sich auch Laura Shapiro, wenn sie sich durch Hines etwas konfuses Sammelsurium an Einsichtungen und Beobachtungen, Fakten und manchmal nie beantworteten Fragen wühlt. Am besten ist Hines, findet Shapiro, wenn er kleine persönliche Geschichten rund um den Konsum erzählt. "Der Gemüseverkäufer, der eine Limone nicht erkannte, der Freund, der erheitert feststellte, dass ein Online-Shop ihm nach dem Erhalt seines Kundeprofils eine Sammlung erotischer Zeichnungen empfahl - solche Porträts erzählen uns mehr über zeitgenössiches Einkaufen als der Großteil der Analysen, die drumherum platziert wurden." (Hier das erste Kapitel)

Ansonsten: Patrica T. O'Conner hofft, dass "Rumpole Rests His Case", die neuen Geschichtensammlung John Mortimers rund um seinen legendären Londoner Rechtsanwalt Horace Rumpole (hier mehr) mit ihrem gelungenen Mix aus liebgewonnenen und liebenswürdigen Charakteren, doch nicht die letzte sein wird, wie der Titel ankündigt. Barry Gewen kann sich mit Jody Rosens flott geschriebener Historie von "White Christmas" (erstes Kapitel) einverstanden erklären - "denn wenn es ein Song verdient, dass man ein Buch über ihn schreibt, dann ist es dieser". Jeanine Basinger bescheinigt Simon Louvish, mit "Stan und Ollie" ein durchaus nützliches Referenzwerk und einen soliden Überblick über die Karriere der berühmten Stummfilm-Comedians (hier mehr) geschrieben zu haben, und Robert H. Boyle ist hingerissen von John McPhees "The Founding Fish" (erstes Kapitel), ein Buch über den "american shad" (ein großer Hering, mehr hier).

Schließlich, wie angekündigt, der Jahresüberblick: die sieben besten Bücher 2002 nach Ansicht der Herausgeber (hier ein Audio-Interview zur anscheinend recht lebhaften Diskussion davor), die Bestenliste zu Prosa, Lyrik und Sachbuch, Kinder-, Mystery- und Science-fiction-Literatur, die Auswahl an Paperbacks und zu guter letzt die Hitparaden zu Architektur, Kunst, Küche, Garten, Fotografie und Reisen.

Magazinrundschau vom 02.12.2002 - New York Times

Die New York Times Book Review beschäftigt sich heute intensiv mit Deutschlands Vergangenheit und bespricht zwei Bücher über die schicksalsträchtigen Verhandlungen zwischen und während den beiden Weltkriegen. Margaret McMillans Margaret McMillans Studie über die Friedenskonferenz in "Paris 1919" (erstes Kapitel) tritt an gegen "Peacemaking 1919" von Harold Nicolson und John Maynard Keynes "The Economic Consequences of the Peace". Auch wenn McMillan an deren Stil und "intellektuelle Feuerkraft" nicht heranreicht, löst sie ihre Aufgabe doch recht gut, findet Tony Judt. Besonders die Kapitel über die einzelnen Länder gefallen ihm. In ihrem Element sei McMillan, "wenn sie Persönlichkeiten beschreibt und charakterisiert, nicht nur die führenden wie Woodrow Wilson, David Lloyd George und Georges Clemenceau, sondern auch Randfiguren wie Königin Marie von Rumänien und eine Reihe von eher glücklosen Unterhändlern von Peking bis Budapest."

Michael Beschloss hat seine Untersuchung der Rolle von Roosevelt und Truman bei den Verhandlungen über die Zukunft Deutschlands unterbrochen, um auf die Öffnung einiger Archive zu warten, und diese Besinnungspause hat "The Conquerors" (erstes Kapitel) gutgetan, schreibt Thomas Powers. Besonders Roosevelt, der die Formel der bedingungslosen Kapitulation geprägt hat, erscheine in einem neuen Licht. "Der gewöhnliche Amerikaner sah in Roosevelt einen Fels, ernst und zuversichtlich, aber für die Männer in seiner Umgebung war er ein Rätsel. Niemand kannte seine wahren Pläne, niemand konnte sicher sein, was er anderen erzählte oder wann die Linie des Präsidenten sich ändern würde und Mitarbeiter plötzlich um ihren Rücktritt gebeten würden."

Dick Teresi hätte sich für seine "Lost Dicoveries" (erstes Kapitel), in denen er überzeugend und erschöpfend auf die nicht-westlichen Ursprünge der Wissenschaft hinweist, keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können, jubelt Stephen S. Hall. Und spannend sei die Suche nach den arabischen, indischen, chinesischen oder polynesischen Wurzeln unseres Denkens auch noch. Hall empfiehlt es als Pflichtlektüre, für die High School wäre es vielleicht "ein bißchen zu detailliert und überwältigend, geradezu ideal könnte es aber für Seminare über den westlichen Kanon an der Universität sein, oder noch besser, als Grundlage für eine Lektion der Ideengeschichte namens 'Demut 101'."

Außerdem zu lesen in dieser wahrhaft lohnenden Ausgabe: Robert W. Merry ist hoffentlich objektiv, wenn er John F. Stacks "Scotty", ein Porträt der Journalistenlegende James B. Reston (kurze Biografie hier), als klarsichtig und unsentimental feiert. Er nennt Reston die "mächtigste Stimme der mächtigsten Zeitung des Landes" - der New York Times. In den "Selected Poems, 1957-1994" kann man nicht nur die herausragende Poesie des Ted Hughes (alle besprochenen Bücher hier, mehr über Hughes hier) bewundern, sondern bekommt auch neue Einblicke in die künstlerische Entwicklung von Englands großem Poeten, verspricht Peter Davison. Die Krimi-Ecke birgt fünf Kurzbesprechungen neuer Kriminalliteratur, unter anderem Richard Starks "Break Out". Judith Shulevitz schaudert es schließlich im Close Reader vor Dichtern, die ihre Werke nicht vorlesen können, und rät Poeten mit diesbezüglichen Defiziten, doch bitte zu trainieren - für sich und ihre Zuhörer.

Magazinrundschau vom 25.11.2002 - New York Times

Als "unwiderstehlich spannend" preist Jim Holt "Prey" (hier das erste Kapitel) von Michael Crichton (homepage), der sich in seinem neuen Page-Turner der Wunder und Gefahren der Nanotechnologie (mehr dazu auch in unserer FAZ-Zusammenstellung vom Wochenende) bedient, um in gewohnt gekonnter Manier Wissenschaft und Suspense zu verbinden. Wie immer hat Crichton ausführlich recherchiert, bevor er den vierzigjährigen Computerprogrammierer Jack in seinem "bisher vielleicht ambitioniertesten Buch", wie Holt schreibt, in den Kampf gegen die Nano-Firma Xymos und wildgewordene, intelligente und sich selbst reproduzierende fliegende Mini-Roboter schickt. "Man wird unterhalten und lernt gleichzeitig was dabei", meint der Rezensent, "auch wenn die beiden Ebenen schließlich auseinandergehen. Und natürlich war ich dann nicht wirklich überrascht zu lesen, wie der Good-Guy-Erzähler eine hoffnungslose Situation nach der anderen meistert, bis die Nano-Bedrohung inmitten großer Explosionen vernichtet wird. Auch wenn Crichtons Thema die Unvorhersehbarkeit ist, manchmal kommt es doch genau so, wie man es sich gedacht hat."

John B. Judis' and Ruy Teixeiras Prognose, wie die zukünftigen wirtschaftlichen, demographischen und kulturellen Veränderungen die Politik der USA beeinflussen werden, lobt David Kusnet als informatives "intellektuelles Abenteuer". Die Autoren sagen in "The Emerging Democratic Majority" eine langanhaltende Wiedererstarkung der Demokraten voraus, ähnlich der Übermacht der Republikaner während der siebziger und achtziger Jahre. "Judis und Texeira finden diese Zukunft in den urbanen Regionen wie Kaliforniens Silicon Valley und North Carolinas Forschungsdreieck (...). Dort lokalisieren sie die drei Bevölkerungsteile, die mehr und mehr demokratisch werden: rassische und ethnische Minderheiten, gebildete arbeitende Frauen und hochspezialisierte Fachkräfte." (Hier das erste Kapitel)

Weiteres: Laura Miller erinnert an den kalifornischen Schriftsteller Philip Dick (mehr hier), der, obwohl seine besten Arbeiten der Pulp Fiction zugerechnet werden, nach Millers Überzeugung einen unabsehbaren Einfluss auf unser heutiges Alltagsleben ausgeübt hat. Michael Gorra ist ganz angetan von Alice McDermotts Roman "Child of my Heart" (hier das erste Kapitel), in der die 15-jährige Theresa auf dem Long Island der sechziger Jahre die Welt der Erwachsenen entdeckt. Das liegt zum großen Teil an McDermotts sauberem, schlanken Stil, der aber kein Detail vermissen lässt und den Sätzen damit einen "Unterton an Bedeutung" verleiht, wie der Rezensent schreibt. Adam Kirsch hält J. D. Clatchy für den herausragenden Vertreter einer strengen und exakten Tradition in der amerikanischen Poesie und empfiehlt daher auch seine neue Gedichtsammlung "Hazmat" als ansprechende, witzige und elegante Lektüre.