Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 25

Magazinrundschau vom 22.03.2004 - Nouvel Observateur

In dieser Woche beherrscht das Thema Verleger und Verlage die aktuelle Ausgabe. Der Obs bringt Auszüge aus den Erinnerungen des (ehemaligen) Verlegers Jean-Jacques Pauvert, der es Anfang der fünfziger Jahre als erster gewagt hatte, de Sade in einer nicht anonymen Ausgabe herauszubringen, und deshalb auch vor Gericht stand. Das Manuskript der "Histoire d'O." wiederum hatte ihm Jean Paulhan bei einem Abendessen mitgebracht und ans Herz gelegt. "Paulhan hatte Recht: Das war der Text, nach dem ich seit Jahren gesucht hatte. (...) Ich wusste: Ich bin der Traumverleger für die 'Geschichte der O.', weil die 'Geschichte der O.' für mich das Traumbuch ist. In fünfzig Jahren hat es kein zweites Zusammentreffen wie dieses gegeben. Ich war völlig aus dem Häuschen."

Ein Artikel stellt weitere Ex-Verleger vor, die geschluckt wurden, aufgegeben oder ihren Verlag verlassen haben, und fragt nach, was sie fühlen, wenn sie heute Bücher lesen, die unter "ihrem" Namen erscheinen. Und der amerikanische Verleger Andre Schiffrin (Autor von "Verlage ohne Verleger") erklärt in einem Interview, warum er die Konzentration im französischen Verlagswesen für "selbstmörderisch" hält. Frankreich riskiere damit, "sich in die gleiche Situation zu bringen wie Großbritannien oder die USA. Dort sind die Großkonzerne, die gehofft hatten, mit Büchern mehr Geld zu verdienen als mit Fernsehen oder Presse, allmählich fett geworden und versuchen nun, ihre 'schwierigeren' Programmzweige loszuwerden, vor allem die, die am wenigsten einbringen. (...) Man vergisst, dass von den ersten Büchern von Brecht oder Kafka nur 600 oder 700 Stück verkauft wurden!"

In einem Gespräch über das "Böse" in der Politik und das Recht auf Einmischung erklärt der bulgarische Literatur- und Sozialwissenschaftler Tzvetan Todorov (mehr hier): "Die USA praktizieren derzeit eine Art Moralpolitik, in der die Durchsetzung des Guten schon ein ausreichender Grund dafür ist, gegen andere Krieg zu führen. Sollte sich dieses Prinzip verfestigen, wäre das eine Quelle ständiger Konflikte."

Vorgestellt wird der Debütroman der albanischstämmigen Videokünstlerin und Malerin Ornela Vorpsi "Le Pays ou l'on ne meurt jamais" (Actes Sud), ein weiteres Dokument sexueller Bekenntniswut, "Cent Coups de brosse avant d?aller dormir" (Lattes) von Melissa P., das in Italien 600.000 Leser fand, in Frankreich aber vorerst in der eher schüchternen Auflage von 7.000 Exemplaren herauskommt, und "Immortel", der neue Film von Enki Bilal.

Magazinrundschau vom 08.03.2004 - Nouvel Observateur

Amos Oz (mehr) äußert sich anlässlich des Erscheinens seines Buchs "Une histoire d'amour et de tenebres" unter anderem über sein Verhältnis zu Europa, zum Terrorismus, zum Schreiben, zum jüdischen und palästinensischen Staat. Zum Stichwort jüdisches Leben in Frankreich schreibt er: "Ich lebe in Israel und verwünsche Sharon jeden Tag laut und deutlich. Ich schreibe jede Woche einen Artikel, worin ich wiederhole: Scher' dich zum Teufel, Sharon! Das schreibe ich ununterbrochen, aber aus irgendeinem mir unbekannten Grund, schert sich Sharon nicht zum Teufel ... Wenn ich in Frankreich lebte, hätte ich vielleicht ein kleines Problem damit, diesen Satz zu sagen - und zugleich ihn nicht zu sagen. (...) In Israel habe ich damit nicht das geringste Problem: Scher' dich zum Teufel, Sharon, aber Hand in Hand mit Arafat - marschiert gemeinsam in den Sonnenuntergang, wie in einem schlechten Hollywoodfilm."

Des weiteren bringt der Obs einen Auszug aus dem autobiografischen Buch "L'Africain" (Mercure de France) des französischen Schriftstellers Jean-Marie Gustave Le Clezio. Darin erzählt er, inzwischen 64 Jahre alt, von einer Afrikareise, während der er als damals Achtjähriger erstmals seinem Vater - einem in Nigeria arbeitenden Arzt - begegnet (die Rezension finden Sie hier). Vorgestellt werden drei neue Publikationen, mit denen der Mittelalterexperte Jacques Le Goff (mehr) "seinen 80. Geburtstag feiert" und in denen er seine Methode erläutert. Besprochen wird ein Essay des Pariser Philosophen Vincent Delecroix ("A la porte", Gallimard).

Zu lesen ist außerdem ein Porträt des gefeierten "Ausnahme-Schauspielers" Roland Dubillard (mehr hier), und fünf - auf der Website leider nicht namentlich genannte - Lyriker besingen die Ausstellung "La Grande Parade" im Grand Palais, die den Clowns gewidmet ist.

Magazinrundschau vom 01.03.2004 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil kündigt Paul Virilio (hier), von dem dieser Tage auch ein neues Buch erscheint ("Ville panique. Ailleurs commence ici", Ed. Galilee), sämtliche Zeitalter auf: Vorbei die historischen Kriegsformen der Materialschlacht, vorbei die Epoche der Geostrategie - das Zeitalter des derealisierenden Informationskrieges und der "Metrostrategie" ist angebrochen, deren Schauplatz und Feind verwischen, und die doch mitten in unsere Wirklichkeit einbrechen: in die Stadt. Und das, so Virilio, bedeutet Verhängnis in geballter Form, denn die Stadt der heutigen Zeit ist schon Katastrophe an sich: "Das große Scheitern der Menschheit, die wahre Katastrophe, der Totalschaden ist die Stadt. Das urbane Chaos. Alles spielt sich zwischenzeitlich in den städtischen Ballungsgebieten ab. Nicht nur der Krieg ist vom Land in die Stadt gezogen, auch die Wirtschaft vollzieht sich hier in Realzeit. Und die Realzeit benötigt keinen realen Ort. Ihr genügt ein Bildschirm und ein Telefonanschluss." Virilio, ganz klar, zieht es auf eine einsame Insel.

Weiteres: In einem Nachruf würdigt der Soziologe Edgar Morin den Filmemacher Jean Rouch (mehr). Der "filmemachende Ethnologe" habe sich die Botschaft der Surrealisten zu eigen gemacht, wonach Poesie nicht nur geschrieben, sondern auch gelebt werden müsse. "Sein Blick war immer zum Staunen bereit."

In einem Gespräch reden "der geheimnisvollste" französische Liedermacher Gerard Manset (mehr) und der Designer Philippe Starck (mehr) über das Leben, ihre Arbeit und die Kunst. Und in der Titelgeschichte setzt der Obs den derzeitigen französisch-amerikanischen Kulturkampf fort: mit Analysen und Kommentaren über jene "protestantische Sekte", welche die "Welt erobern" wolle (mehr) und deren "messianische Visionen" von Bush und zahlreichen seiner Mitarbeiter und Berater geteilt würden (mehr).

Besprochen werden eine "minutiöse" Biografie (Denoel) über Romain Gary (mehr), eine Untersuchung des Schriftstellers Adrien Goetz über ein verschollenes Ingres-Gemälde (Le Passage), und die Studie des Psychoanalytikers Jean-Claude Liaudet über die neurotischen Aspekte des Liberalismus (Fayard). Hingewiesen wird außerdem auf eine große Miro-Ausstellung im Centre Pompidou mit selten und teilweise noch nie gezeigten Arbeiten.

Magazinrundschau vom 23.02.2004 - Nouvel Observateur

Im Gespräch mit dem Novel Obs diskutieren Bernard Kouchner, Gründer von Medecins sans Frontieres, und der ehemalige französische Außenminister Hubert Verdrine Kouchners neues Buch "Les Guerriers de la paix" (Grasset), in dem er Einmischung und Intervention zugunsten bedrohter Völker oder Volksgruppen verteidigt. Kouchner vertritt die These, dass man die Souveränität von Staaten nur dann respektieren müsse, wenn diese auch "respektabel" seien. "Solche Staaten bringen ihr Volk nicht um! (...) Ich respektiere die souveränen Staaten, aber ich glaube an die kontrollierte Globalisierung der Demokratien und ihrer Menschenrechte. Wir sind auf dem Weg zu einer neuen, weltweiten, geteilten Souveränität."

Außerdem bringt der Obs Auszüge aus den Erinnerungen des polnischen Lyrikers und Literaturnobelpreisträgers Czeslaw Milosz (mehr), die in Frankreich als "Abecedaire" (Fayard) erscheinen. Besprochen werden mehrere Veröffentlichungen anlässlich des 700. Geburtstags von Petrarca, eine Studie über die Situation der Wissenschaften während der deutschen Okkupation und ein umfangreiches französisch-englisches Wörterbuch der Redensarten.

Magazinrundschau vom 16.02.2004 - Nouvel Observateur

"Haiti wird explodieren", annonciert der haitianische Autor Lyonel Trouillot im Gespräch mit dem Nouvel Obs. Allzu viele Hoffnungen macht er sich nicht für Land, auch nicht für die Zeit nach der Explosion: "Der haitianische Staat hat die Interessen der Bevölkerung immer schon missachtet. Darum gab es auch immer wieder populistische Strömungen, um die Leute gegen ihren Staat aufzubringen. Das galt schon für Francois Duvalier, der einen intellektuell elaborierteren Diskurs führte als Präsident Aristide. Als Aristide 1990 an die Macht kam, waren die Leute glücklich, dass endlich mal jemand über die Armen sprach. Aber man hatte vergessen, dass Duvalier dreißig Jahre zuvor genauso geredet hatte. Ich habe einmal eine Collage aus den Zitaten der beiden zusammengestellt: kein Unterschied festzustellen! Aristide war immer Antidemokrat. Außerdem ist er größenwahnsinnig. In Port-au-Prince hängen riesige Schilder: 'Toussaint-Louverture, Aristide, zwei Jahrhunderte, zwei Männer, eine Idee.'"

Außerdem setzt Susan George von Attac Hoffnungen in Europa und beschuldigt Präsident Bush, "ein protofaschistisches Regime" in den USA installiert zu haben.

Magazinrundschau vom 09.02.2004 - Nouvel Observateur

Viele Interviews in dieser Ausgabe. Als "Bekenntnisse einer Eigensinnigen" präsentiert der Nouvel Obs ein Gespräch mit der amerikanischen Schriftstellerin Joyce Carol Oates (mehr) über Klassenkampf, Frauenbewegung und Politik. Eingangs erklärt sie, was sie ihren Studenten in Princeton als erstes vermittelt: die "Liebe zum Text, seine Einzigartigkeiten, die es dem Autor gestatten, seiner persönlichen Vision Form und Struktur zu geben. Was unsere Aufmerksamkeit erregt, ist ja nicht 'die Geschichte' - jeder kennt Geschichten -, sondern die Art, wie sie erzählt wird. Erzählen ist ein natürlicher Instinkt des Menschen."

Um Geheimdienste, Spionage und Bin Laden geht es dagegen im Gespräch mit Frederick Forsyth (mehr). Er glaubt, dass man Bin Laden bisher nur deshalb nicht gefasst habe, weil dieser auf jedwede Kommunikation verzichte, und "wenn ein Terrorist nicht telefoniert, ist er nur sehr schwer zu lokalisieren". Er vermutet ihn in einem Versteck "irgendwo zwischen Pakistan und Afghanistan. Aber das kann man wohl kaum Leben nennen. Früher hatte er Trainingscamps, Quartiere, Laboratorien, unterirdische Waffenlager. (...) Jetzt hat er nichts mehr, außer der Macht des Antriebs. Als man Saddam schließlich fand, dieses Monster mit 50 Palästen, was besaß er da noch? Eine Schale Reis, ein halb aufgegessenes Hühnchen und ein Erdloch ..."

Der italienische Regisseur Marco Bellocchio (mehr) schließlich spricht über seinen Film "Buongiorno, notte", der die Geschichte der Entführung und Ermordung von Aldo Moro durch die Roten Brigaden 1978 erzählt, und in Italien für Furore gesorgt hat. "Ich habe geglaubt, 25 Jahre seien ausreichend, um diese Affäre in Ruhe und mit Abstand betrachten zu können. Ich habe mich getäuscht."

Besprochen werden unter anderem eine Biografie über Pius XII, ein Buch über 218 französische Soldaten, die 1940 aus deutscher Kriegsgefangenschaft in die Sowjetunion geflohen waren und schließlich doch wieder bei den Deutschen landeten, und Pierre Bourdieus (mehr) erst jetzt in Frankreich erscheinendes letztes Buch "Ein soziologischer Selbstversuch", in dem er sich selbst zum Objekt einer soziologischen Analyse macht.

Magazinrundschau vom 02.02.2004 - Nouvel Observateur

Heute nur Besprechungen im Nouvel Obs. Aude Lancelin porträtiert den Philosophen Paul Ricoeur (mehr), der - einst ein "Opfer der strukturalistisch-marxistischen Mode" und inzwischen 90-jährig - ein neues Buch vorlegt, das eine "spektakuläre Rückkehr zur Nachsicht" belegt: "Parcours de la reconnaissance" (Stock). "Was an Ricoeurs Weg erstaunt, ist, dass er stets gegen die Verführungen des typisch französischen Radikalismus gefeit war. 'Übe nie Macht in einer Weise über einen anderen aus, wie du es dir selbst verbitten würdest': Diese Regel sollte der Schüler von Jean Nabert und Gabriel Marcel schon früh ins Zentrum seiner Abscheu vor politischer Gewalt stellen."

In Frankreich ist es derzeit offenbar Mode, dass Schauspieler Romane schreiben. Warum nur, fragte der Obs einige der Neuromanciers, darunter Marlene Jobert, Bernard Giraudeau, Anny Duperey und Daniel Auteuil. Jobert, die ein Kinderbuch geschrieben hat, tat dies, weil ihre Töchter ihre "eigenen, erzählten Geschichten viel lieber mochten als vorgelesene", und Auteuil schätzt das Schriftstellerleben, in dem er seinen "eigenen Rhythmus bestimmen kann. Ich fange um acht Uhr früh mit einem Satz an und habe ihn um fünf Uhr nachmittags fertig, ohne dabei irgendwelchen Stress zu haben."

Vorgestellt wird außerdem ein Band mit dem Briefwechsel von Paul Eluard und Jean Paulhan zwischen 1914 und 1944 und eine Ausgabe der "Chronique de la Fronde" von Madame de Motteville (mehr, allerdings auf Englisch), die am Hof Louis XIII. lebte und über das Leben und die Intrigen im Palast schrieb (Mercure de France).

Magazinrundschau vom 26.01.2004 - Nouvel Observateur

Pierre-Louis Rozynes, Chef von Livres Hebdo, und Pierre Assouline, Leiter von Lire, werden beide ihre Blätter verlassen. Und kommentieren deshalb sehr freimütig die Zustände im literarischen Milieu und im Verlagswesen. Sie äußern sich unter anderem über den Konkurrenzkampf der großen Verlage, die Rolle literarischer TV-Sendungen, die Gefahr von Buchwerbung - und die "Bestechlichkeit" literarischer Preisjurys. Rozynes: "Diese festgefahrenen Preisgerichte, wie das des Goncourt zum Beispiel, die zum Karriereziel werden und zwei oder drei Verlage ernähren, sind erschreckende Veranstaltungen. Wie sie funktionieren? Bestimmte Autoren, die in einem der großen Verlage veröffentlichen, werden berufen. Heutzutage sind das überwiegend Autoren von Gallimard, Grasset, Albin Michel und Le Seuil (...). Jeder Verlag bringt seine Bücher ins Spiel und verlangt von seinen Juroren, für sie zu stimmen. Wenn ein Verleger sieht, dass er nicht die Mehrheit bekommt, verkauft er seine Stimme an einen Konkurrenten - gegen das Versprechen, dass er ihm bei einem anderen Preis hilft." Assouline ergänzt: "Weniger literarisch gesprochen, nennt man so etwas Einflusshandel."

Ein weiterer Artikel untersucht die Pläne von Albin Michel, XO und Flammarion, die ihre Bücher künftig im Fernsehen bewerben werden. Gallimard, Minuit et au Seuil wollen sich damit zurückhalten - noch.

Besprochen wird ein Buch über den reiselustigen Stendhal ("Stendhal, le bonheur vaga-bond" von Jean Lacouture, Seuil) und der neue Film von Alain Chabat mit dem klangvollen Titel "RRRrrr!!!" und Gerard Depardieu. Vorgestellt wird eine Inszenierung der Fabeln von La Fontaine, die Robert Wilson in der Comedie Francaise auf die Bühne brachte, ergänzt um ein kleines Porträt La Fontaines, diesem "in seinem Stil französischsten Schriftsteller". Ein Hinweis würdigt schließlich eine Ausstellung des Schweizer Fotografen Rene Burri im Pariser Maison europeenne de la Photo.

Magazinrundschau vom 12.01.2004 - Nouvel Observateur

Der Nouvel Obs startet mit einer neu gestalteten Website ins Neue Jahr. Die inhaltlichen Rubriken sind dagegen geblieben, auch wenn der Debattenteil jetzt "Reflektionen" heißt. Dort erläutert der amerikanische Historiker Robert O. Paxton (mehr hier) in einem Interview, weshalb er dreißig Jahre nach der Veröffentlichung seiner Studie über "La France de Vichy" (1972, Seuil) nun sein erstes Buch "L'armee de Vichy" (Tallandier) vorlegt, das bereits 1966 in den USA erschienen war. Darin sind bereits die meisten Gedanken und Thesen für das damals in Frankreich heiß debattierte Werk vorgezeichnet: vor allem seine Widerlegung der These, die Vichy-Regierung hätte "durch ihr Doppelspiel - die Kollaboration - den Widerstand am wirksamsten verschleiert". "L'armee de Vichy" erscheint unverändert, nur mit einem ergänzenden Nachwort versehen.

Und noch ein Interview: Anlässlich des Erscheinens der französischen Ausgabe seines Buchs "Tour de France", eine Essaysammlung über französische Küche, Lebensart und Literatur, erklärt der britische Schriftsteller Julian Barnes (mehr), was er von Tony Blair hält. "Er hat es eher als John Major geschafft, ein wahrer Nachfolger von Maggie Thatcher zu werden. Blair hat genau wie sie einen ausgesprochenen Geschmack am Krieg." Der Grund, warum er trotzdem nicht dauerhaft in Frankreich leben möchte: die "zweifelhafte Qualität des Beaujolais Nouveau. Man hat sogar in England aufgehört, ihn zu trinken."

Vorgestellt wird außerdem "L?Esquive", der zweite Film von Abdellatif Kechiche (mehr). In der Komödie entdecken Vorstadtjugendliche die "Spiele der Liebe", indem sie für ein Schulfest das gleichnamige Stück von Marivaux einstudieren.

Magazinrundschau vom 29.12.2003 - Nouvel Observateur

In einem unterhaltsamen Interview mit Doris Lessing (mehr) - Anlass ist das Erscheinen der französischen Ausgabe ihres neuen Romans "Ein süßer Traum" - erinnert sich die inzwischen 84-Jährige an die Sechziger und Tristan Tzara, lobt "Harry Potter" - und hackt genüsslich auf Tony Blair herum: "Er ist ein Wicht. Warum musste er bei diesem Krieg anbeißen? Ich glaube, er ist nicht besonders schlau. Ein Kind der Hippiegeneration. Es gibt ein Foto von ihm, mit langen Haaren und einem Banjo, zum Heulen. Ich denke nicht, dass er jemals ein Buch gelesen hat. Aber am schlimmsten ist, dass er so für wichtige Leute schwärmt. Er muss ein Problem mit seinem Papa gehabt haben."

Im Debattenteil lesen wir Anmerkungen des Philosophen Michel Serres zu 1968, die Risiken der Ökologie, die Zeit und das Meer. Ein Auszug aus seinen launigen Reflexionen: "Wir alle haben schon Eier vom Kühlschrank zur Pfanne getragen, um ein Omelett zu machen. Der Transport ist riskant, die Eier könnten auf die Kacheln fallen. Und doch ist uns das noch nie passiert. Wenn wir uns nun aber 12 Millionen Omelett-Liebhaber vorstellen, die zehn Jahre lang je 24 Millionen Eier zur Pfanne transportieren, wird die Zahl der zerbrochenen Eier beträchtlich ansteigen. Ein anderes Beispiel: Wenn ich ein Seminar in einem Vorlesungssaal gebe, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein krimineller im Raum sitzt, gering. Wenn ich zu drei Millionen Personen spräche, dann gäbe es wohl zehn Mörder im Saal... Das Böse steckt in den großen Zahlen."

Der britische Schriftsteller Martin Amis erklärt, warum Saul Bellow "der höchste amerikanische Schriftsteller" ist: "Vom intellektuellen Standpunkt aus betrachtet, haben seine Sätze ohne jeden Zweifel mehr Gewicht als die von irgendjemand anderem. Selbst John Updike und Philip Roth, die beiden einzigen Schriftsteller, die das Format haben, sich mit ihm messen oder seinen Rang einnehmen zu können, erkennen an, dass sein Status als Doyen nicht einfach eine Frage des Geburtsdatums ist."

Des weiteren gibt es ein Porträt von Jacques Chauvire, Arzt und Freund Albert Camus', der mit 88 Jahren jetzt die Erzählung "Elisa" (Le Temps qu'il fait) vorlegt, und Rezensionen, darunter einer "ausgezeichneten" Biografie über Emmanuel, Comte de Las Cases (1766 - 1842, mehr), die "Biene Napoleons" und Autor des "Memorial de Sainte-Helene" (Jean-Pierre Gaubert : "Las Cases"; Loubatieres)

Ein Hintergrundsbericht informiert über den fehlenden vernünftigen Konzertsaal in Paris. Und das Titeldossier beschäftigt sich mit Bibel und Koran.