
Das beherrschende Thema dieser Woche ist eine
Debatte über den Essay
"La Prison juive" (Editions Odile Jacob) des
Nouvel Obs-Gründers
Jean Daniel. In dem in Auszügen zu lesenden Text
fragt sich Daniel, ob die göttliche
"Auserwähltheit" und das "Bündnis" mit Gott nicht "vergiftete Geschenke" seien.
"Verdammt zur Aggression" gegenüber der "arabischen Verweigerung", befinde sich Israel in einer "Falle", weil die Juden aus "Treue gegenüber dem Bündnis, das die Rückkehr nach Zion verhieß, der Anordnung untreu wurden, nur Geistliche und Gläubige zu sein". Diese "Widersprüche", die zu den "glühenden Spannungen" führten, vermitteln Daniel "das Gefühl, dass die Juden sich selbst freiwillig
in einem regelrechten Gefängnis eingeschlossen haben und das Leiden lieben. Letztendlich gelingt es ihnen, in dieser Eingeschlossenheit des auserwählten Volkes die Dienstbarkeit und Großartigkeit der
condition juive zu sehen."
In mehreren Beiträgen nehmen Intellektuelle, Theologen und Wissenschaftler zu dieser These Stellung. So
erklärt der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der jüdischen Organisationen in Frankreich (
CRIF),
Theo Klein, dass er es vorzöge, wenn Daniel "eher von
freiwilliger Einschließung statt erlittener Gefangenschaft" spräche. Der Philosoph
Alain Finkielkraut konstatiert zwar, dass die Juden "das Vertrauen in die Geschichte in jenem Moment verloren haben, in der wir die Rettung nur noch von dem erwarten, der das Alarmsignal gibt", will der Vorstellung vom
"Gefängnis der Tragik" aber gleichwohl widersprechen. Der ehemalige
Großrabbiner in Frankreich,
Rene-Samuel Sirat,
denkt nach über die "Frage, die Abraham nie gestellt hat": "Man könnte anhand biblischer Texte in aller Ehrerbietung behaupten, dass, wenn es ein Gefängnis gibt,
Gott darin eingeschlossen ist". Und die israelische Historikerin
Idith Zertal erklärt, warum Jerusalem "keine heilige Stadt" und "das jüdische Gefängnis
keine Metapher mehr" sei, sondern sich "heute im Bau der berüchtigten
Mauer manifestiere, die alles um sie herum zerstört".
Weiteres: Das
Titeldossier beschäftigt sich mit den Gründen für den
schlechten Ruf der Presse. In einem kleinen Schwerpunkt wird
Samuel Beckett gewürdigt: mit
Auszügen aus den
Erinnerungen der Beckett-Freundin
Anne Atik, "Comment c'etait" (L'Olivier), sowie Hinweisen auf das
Haus in
Ussy-sur-Marne, das Beckett vierzig Jahre lang bewohnte, die
Ausstellung "Samuel Beckett in Hamburg" in der
Hamburger Kunsthalle und die bisher unveröffentlichten Tagebücher "Alles kommt auf so viel an" (Raamin-Presse). Ein weiterer Hinweis gilt der Veröffentlichung eines
Bandes mit Vorlesungen von
Michel Foucault zur
"Macht der Psychiatrie" (Seuil-Gallimard), die dieser 1973 und 1974 am College de France gehalten hat. Und in der Abteilung Arts et Spectacles wird eine
Renaissance der großen alten Chansonniers von
Greco über
Moustaki bis
Aznavour gemeldet.