Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

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Magazinrundschau vom 15.12.2003 - Nouvel Observateur

"So lange ich den Islam kritisiere, applaudiert man mir, aber wenn ich gegen die Politik der USA protestiere, bringt man mich zum Schweigen", wundert sich die aus Bangladesch stammende Schriftstellerin Taslima Nasrin (mehr hier) in ihrem Debattenbeitrag über "ein unerträgliches Amerika". "Die Euphorie, mit der ich vergangenen September in Harvard, dem intellektuellen Herzen der Vereinigten Staaten, ankam, hat sich nach und nach verflüchtigt. Zunächst habe ich mehr als genug von den Lügen der amerikanischen Regierung. Und ich habe mehr als genug von der Heuchelei der Medien und der Ignoranz der Normalbevölkerung."

Die Kunst, erklärt der Künstler Christian Boltanski (mehr hier), ist "eine wilde Psychoanalyse", er selbst ein "Deprimierter mit heiterem Gemüt". In dem Interview, in dem er auch über seine Kindheit spricht, erläutert er unter anderem, warum er für seine Erinnerungsarbeiten ausschließlich mit Schwarzweißfotografien arbeitet: "Seltsamerweise birgt Schwarzweiß einen eigenen ästhetischen Wert, weil es sich von der Realität abgrenzt und auf Vergangenes verweist. Es beschwört auf unwiderstehliche Weise das Verschwinden. Nehmen Sie zum Beispiel meine schon ältere Arbeit 'Die Kinder aus Dijon': als die Leute diese 300 Fotos an der Wand gesehen haben, dachten sie, dass diese Kinder tot sind."

Im Titeldossier sorgt sich der Nouvel Obs um den zunehmenden Rassismus und Antisemitismus in Frankreich, berichtet über aktuelle Fälle (hier, hier und hier) und lanciert einen Aufruf, der unter anderem bereits von Jacques Attali Elisabeth und Robert Badinter, Frederic Beigbeder, Tahar Ben Jelloun und Bernard-Henri Levy unterzeichnet wurde.

Vorgestellt wird schließlich der Film "Apres vous" von Pierre Salvadori, eine Komödie mit Daniel Auteuil und Jose Garcia. Und in Kurzkritiken präsentieren Schriftsteller und Autoren vorwiegend Foto- und Bildbände; so schwärmt etwa Jacques Attali von einem Band, der von Bach bis Sibelius die "schönsten Partituren der klassischen Musik" vereint (La Martiniere).

Magazinrundschau vom 01.12.2003 - Nouvel Observateur

"Der Islam wird weder eine Identität darstellen, noch wird vor allem ein Anstoß gegen die Modernität und die Aufklärung des Individuums von ihm ausgehen", stellt der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun (mehr hier) in seinem "Das arabische Gefängnis" überschriebenen Debattenbeitrag fest. Jelloun antwortet darin auf das Buch von Jean Daniel ("La prison juive", Editions Odile Jacob). "Die arabische Welt ist eine Vorstellung, die von zweifellos aufrichtigen Nationalisten erfunden wurde, die allerdings ebenso wenig etwas miteinander zu tun haben wie sie demokratisch sind. Es handelt sich dabei um eine Vorstellung, die nichts mit der Realität zu tun hat. Was haben diese Millionen von Arabern denn gemeinsam? (...) Die arabische Welt würde es erst dann geben, wenn sie vereint wäre - nicht durch das irrational Religiöse oder eine unklare Leidensgeschichte, nicht durch die einschläfernden Litaneien der schönen Lieder von Oum Kalsoum, sondern durch ein ernst zu nehmendes Wirtschaftsprogramm, eine Einheitswährung, durch die Abschaffung von Grenzen und Visa, durch die freie Ausübung von Demokratie mit all ihren Anforderungen, Tugenden und Schwächen."

In einem Interview erklärt Alain Resnais, warum er für seinen jüngsten Film "Pas sur la bouche" auf einen Operettenstoff aus den Zwanziger Jahren zurückgegriffen hat, in dem alle Charaktere ein "bisschen verrückt" seien, und den er auch genreübergreifend inszenierte: die Schauspieler wechseln übergangslos von gesprochenen zu gesungenen Dialogen.

Außerdem lesen wir ein Porträt des Philosophen Michel Onfray, dessen von ihm in Caen gegründete Universite populaire außerordentlich erfolgreich ist und der zwei neue Essays über das Wesen der Kunst publiziert hat ("Feeries anatomiques. Genealogie du corps faustien", Grasset, und "Archeologie du present. Manifeste pour une esthetique cynique", Biro). Rezensiert wird eine Biografie über den rumänischen Religionswissenschaftler Mircea Eliade (hier; "Mircea Eliade, le prisonnier de l?histoire", La Decouverte), die sich auch mit dessen Bewunderung für Hitler beschäftigt ("Wirklich erstaunlich, wie es ihm gelang, seine extrem rechte Vergangenheit auszuradieren"), und ein "literarischer Spaziergang" durch England, dem eine Reihe von Fernsehporträts über 26 Schriftsteller der Insel von Shakespeare bis Le Carre zu Grunde liegt. Hingewiesen wird schließlich noch auf zwei Picasso-Ausstellungen in der Pinacotheque de Paris und im Musee Picasso.

Magazinrundschau vom 24.11.2003 - Nouvel Observateur

Im Titeldossier geht es in dieser Woche ausführlich um den wieder aufgeflammten Kopftuchstreit. Das zentrale Problem der Diskussion über ein geplantes Gesetz gegen das Tuch: was kann man gegen den sich ausbreitenden Fundamentalismus tun, ohne dabei den Islam zu beleidigen? Ein Übersichtsartikel informiert über die Frontverläufe - die Justiz und die Sozialisten sind dafür, Innenminister Nicolas Sarkozy und Kulturminister Luc Ferry dagegen - und erklärt, warum Chirac das Gesetz "gerade jetzt" will: weil man "immer häufiger auf eine Zunahme der Angriffe auf republikanische Prinzipien und die Gleichberechtigung" stoße. Eine Reportage aus einem Krankenhaus in Montreuil etwa berichtet, dass Ärzte und Pflegepersonal "angesichts neuer Formen von religiösem Radikalismus" zunehmend "handlungsunfähig" würden ("Fassen Sie meine Frau nicht an, sonst bringe ich Sie um"). Für die unterschiedlichen Argumentationen im Streit um ein Gesetz melden sich der Psychoanalytiker und Anthropologe Malek Chebel ("könnte eine pädagogische Neubestätigung unserer gemeinsamen Werte sein") und der Generalsekretär der Bewegung gegen Rassismus Mouloud Aounit ("wäre gefährlich") zu Wort. Weitere Artikel informieren über die historischen Grundlagen des Laizismus (hier), die Haltung in anderen europäischen Ländern (hier) und die Auswirkungen der französischen Diskussion in Tunesien, wo das Kopftuch plötzlich ebenfalls wieder aktuell wird (hier).

Weiteres: Im Debattenteil lesen wir die Zusammenfassung eines Gesprächs mit dem mexikanischen Schriftsteller Carlos Fuentes, in dem er sich über den Irak-Krieg, Bush, Faulkner und den Tod seines Sohnes äußert. Außerdem gibt es ein Interview mit dem Herausgeber eines "Dictionnaire des litteratures policieres" (Ed. Joseph K.) und eine Besprechung der Wiederauflage des legendären Comics "La Vilaine Lulu" von Yves Saint Laurent (Sand & Tchou).

Magazinrundschau vom 17.11.2003 - Nouvel Observateur

In einem Interview erläutert der Journalist Pierre Lepape die These seiner literaturwissenschaftlichen Untersuchung "Le Pays de la litterature" (Seuil): die Leser haben den "Glauben" an die Schriftsteller und die Literatur verloren und damit ist auch eine "französische Sonderrolle" verloren gegangen. So ist die Literatur einmal als "ein Grundpfeiler der französischen Identität" erschienen, nämlich als "der Weg, der ins Universelle führt". Das Verhältnis zwischen Lesern und Autoren ist inzwischen nicht deshalb erschüttert, weil Schriftsteller heute schlechter sind als früher, sondern weil "Schnelligkeit und Aktualität" der "Erinnerung" den Rang abgelaufen haben.

Weiteres: Zu lesen ist ein ursprünglich in La Repubblica veröffentlichter Artikel von Umberto Eco, der einen in Italien ausgebrochenen Streit über Kruzifixe in Klassenzimmern kommentiert hat. Außerdem druckt der Nouvel Obs einen von vier erst kürzlich gefundenen Briefen des Marquis de Sade, die demnächst bei Gallimard erscheinen (mehr dazu hier) und de Sades Liebesbeziehung zu seiner Schwägerin Anne-Prospere de Launay belegen ("Sade verliebt - das ist ein unbekanntes Bild").

Besprochen werden unter anderem der Essay "Feeries anatomiques. Genealogie du corps faustien" des Philosophen Michel Onfray, in dem er eine "libertäre" Bioethik verteidigt, eine Studie über literarische und intellektuelle Salons der III. Republik im 18. Jahrhundert in Frankreich und eine Neuauflage von Adornos ("der traurige Gelehrte") "Minima Moralia". In einem Gespräch diskutieren schließlich der Historiker Jean Delumeau und der Theaterregisseur Olivier Py über Glaubensfragen und die Zukunft der Kirche und stellen ihre neuen Bücher zum Thema vor. So berichtet Py in "L'Inacheve" etwa über seinen "unmöglichen" Wunsch, Mönch zu werden.

Magazinrundschau vom 10.11.2003 - Nouvel Observateur

In einem Interview erläutert Marcel Gauchet, Philosoph, Historiker und Chefredakteur der Zeitschrift Le Debat, warum Frankreich derzeit zwar eine "Krise der Demokratie" erlebe, er aber dennoch nicht an einen "Niedergang" glaubt. Anlass ist das Erscheinen seines Gesprächsbandes "La Condition historique" (Stock). Entgegen der Thesen der "Prediger des Verfalls" glaubt Gauchet nicht an eine "verhängnisvolle Dekadenz". Die das gesellschaftliche Leben bestimmenden Werte seien "im Prinzip" nach wie vor gültig, was dagegen "Probleme bereitet, ist ihre praktische Unsetzung".

Ein Dossier befasst sich mit einer neuen "Welle" der Aufarbeitung des Ersten Weltkriegs in Frankreich. Ein Hintergrund für die verstärkte Erinnerungsarbeit: Die letzten Überlebenden und Zeitzeugen dieses "europäischen Massakers" verschwinden allmählich. Neben Texten über die Auseinandersetzung mit dem Krieg im Film (hier) und in der Literatur (hier), informiert eine Publikationsliste über interessante Neuerscheinungen und in einem Interview erklären zwei junge Autoren, warum sie den Stoff in ihren - erfolgreichen - Romanen verarbeitet haben.

Die französische Historikerin und Expertin für die französische Revolution, Mona Ozouf, bespricht einen Band mit Liebesbriefen von Madame Roland, genannt Manon (1754-1793), Girondistin und Gattin des französischen Innenministers Jean Roland de la Platiere. Vorgestellt werden außerdem ein Band mit Texten und Gesprächen von Gilles Deleuze aus den Jahren 1975 bis 1995 (Minuit), und der zweite Film seiner Tochter Emilie Deleuze, "Monsieur V.".

Zu lesen ist schließlich noch ein interessantes Doppelporträt der "revolutionären" aus Mali stammenden Sängerinnen Oumou Sangare (mehr hier) und Rokia Traore (mehr hier).

Magazinrundschau vom 03.11.2003 - Nouvel Observateur

Das beherrschende Thema dieser Woche ist eine Debatte über den Essay "La Prison juive" (Editions Odile Jacob) des Nouvel Obs-Gründers Jean Daniel. In dem in Auszügen zu lesenden Text fragt sich Daniel, ob die göttliche "Auserwähltheit" und das "Bündnis" mit Gott nicht "vergiftete Geschenke" seien. "Verdammt zur Aggression" gegenüber der "arabischen Verweigerung", befinde sich Israel in einer "Falle", weil die Juden aus "Treue gegenüber dem Bündnis, das die Rückkehr nach Zion verhieß, der Anordnung untreu wurden, nur Geistliche und Gläubige zu sein". Diese "Widersprüche", die zu den "glühenden Spannungen" führten, vermitteln Daniel "das Gefühl, dass die Juden sich selbst freiwillig in einem regelrechten Gefängnis eingeschlossen haben und das Leiden lieben. Letztendlich gelingt es ihnen, in dieser Eingeschlossenheit des auserwählten Volkes die Dienstbarkeit und Großartigkeit der condition juive zu sehen."

In mehreren Beiträgen nehmen Intellektuelle, Theologen und Wissenschaftler zu dieser These Stellung. So erklärt der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der jüdischen Organisationen in Frankreich (CRIF), Theo Klein, dass er es vorzöge, wenn Daniel "eher von freiwilliger Einschließung statt erlittener Gefangenschaft" spräche. Der Philosoph Alain Finkielkraut konstatiert zwar, dass die Juden "das Vertrauen in die Geschichte in jenem Moment verloren haben, in der wir die Rettung nur noch von dem erwarten, der das Alarmsignal gibt", will der Vorstellung vom "Gefängnis der Tragik" aber gleichwohl widersprechen. Der ehemalige Großrabbiner in Frankreich, Rene-Samuel Sirat, denkt nach über die "Frage, die Abraham nie gestellt hat": "Man könnte anhand biblischer Texte in aller Ehrerbietung behaupten, dass, wenn es ein Gefängnis gibt, Gott darin eingeschlossen ist". Und die israelische Historikerin Idith Zertal erklärt, warum Jerusalem "keine heilige Stadt" und "das jüdische Gefängnis keine Metapher mehr" sei, sondern sich "heute im Bau der berüchtigten Mauer manifestiere, die alles um sie herum zerstört".

Weiteres: Das Titeldossier beschäftigt sich mit den Gründen für den schlechten Ruf der Presse. In einem kleinen Schwerpunkt wird Samuel Beckett gewürdigt: mit Auszügen aus den Erinnerungen der Beckett-Freundin Anne Atik, "Comment c'etait" (L'Olivier), sowie Hinweisen auf das Haus in Ussy-sur-Marne, das Beckett vierzig Jahre lang bewohnte, die Ausstellung "Samuel Beckett in Hamburg" in der Hamburger Kunsthalle und die bisher unveröffentlichten Tagebücher "Alles kommt auf so viel an" (Raamin-Presse). Ein weiterer Hinweis gilt der Veröffentlichung eines Bandes mit Vorlesungen von Michel Foucault zur "Macht der Psychiatrie" (Seuil-Gallimard), die dieser 1973 und 1974 am College de France gehalten hat. Und in der Abteilung Arts et Spectacles wird eine Renaissance der großen alten Chansonniers von Greco über Moustaki bis Aznavour gemeldet.

Magazinrundschau vom 27.10.2003 - Nouvel Observateur

In dieser Woche wird ein Band mit bisher unveröffentlichten Briefen besprochen, die der Politiker, Mitbegründer der Sozialistischen Partei Frankreichs und Führer der "Volksfront" Leon Blum (mehr hier) seinem Sohn aus dem Konzentrationslager Buchenwald geschrieben hat. Blum, zwischen 1943 und 1945 interniert, beschreibt darin unter anderem, wie ihn Musik und Literatur "vor der Hölle gerettet" haben. So schrieb er im November 1943: "Das Leben verläuft immer gleich. Viele Gespräche, die an jedem Tag neue Nahrung liefern. Musik (letzten Sonntag habe ich von Furtwängler eine ziemlich erstaunliche Interpretation der 7. Symphonie gehört). Und Bücher, fast immer dieselben: den Urfaust, den ich lange nicht mehr gelesen habe, schon gar nicht in einem Zuge, und der mich auf eine ziemlich seltsame Weise enttäuscht hat. Dafür habe ich eine heftige Bewunderung für Augustinus entwickelt: Du siehst also, ich bin für künftige Zeiten gerüstet."

Vor dem Hintergrund der auch in Frankreich wieder aufgeflammten Kopftuchdebatte und des streng laizistisch strukturierten Unterrichtssystems informiert ein Artikel über die Gratwanderung zwischen Wissensvermittlung und "Toleranz", in der französische Lehrer neuerdings Religion an den Schulen lehren sollen, um der "religiösen Unkultur" zu begegnen. So sollen sie beispielsweise "zwischen den Tatsachen und dem Glauben" unterscheiden und "nicht sagen: Christus ist auferstanden, sondern: die Christen glauben, dass Christus auferstanden ist". In einem beigestellten kurzen Interview erläutert der Philosoph Regis Debray (mehr hier), weshalb er den neutralen Begriff der "religiöse Tatsachen" den "spirituellen" Begriffen "religiöse Dimension" oder "religiöse Kultur" unbedingt vorzieht.

Eine Reportage führt schließlich "ins Herz der Hamas". Jean-Paul Marie hat sich im Gazastreifen umgesehen und geht in seinem Artikel den Fragen nach, wie die islamische Bewegung im Geheimen operiert, wer die angeworbenen Selbstmordattentäter sind und woher das Geld für die Unterstützung der Familien der "Märtyrer" kommt.

Magazinrundschau vom 20.10.2003 - Nouvel Observateur

Amelie Nothomb (mehr hier) ist ein Chouchou für ihre Verleger: Drei Manuskripte liefert sie jährlich ab, und jedes wird ein Bestseller. Das meistverkaufte Buch der belgischen Autorin, der Roman "Stupeur et tremblements", hat sich eine Million mal verkauft. Sie macht sich aber auch gut im Fernsehen, erzählt der etwas spöttische Artikel im NouvelObs: "Zum Beispiel ihre Vorliebe für faule Früchte. Sie hatte sie bei einer Talkshow aus Anlass ihres ersten Romans, 'Hygiene de l'assassin' bekannt, und diese komische Perversion hat nicht wenig zu ihrem frühen Ruhm beigetragen. Bis der pragmatische Fernsehmoderator Laurent Ruquier ihr in der Sendung 'On aura tout essaye' einige schimmlige Pfirsiche vorlegte. Unter dem Auge der Kamera biss Amelie zögernd hinein. Sie soll dem Talkmaster bis heute nicht verziehen haben!"

Magazinrundschau vom 13.10.2003 - Nouvel Observateur

Der Nouvel Obs präsentiert ein kleines Dossier über Gabriel Garcia Marquez. Anlass ist das Erscheinen der französischen Übersetzung des ersten Bandes seiner Memoiren. Es äußert sich zu Marquez zum Beispiel Milan Kundera, der seine Freundschaft und Bewunderung erklärt. Veröffentlicht wird aber auch eine Hymne von Fidel Castro himself über seinen Schrifstellerkumpel: "Gabo hat mich in das 'Laster der Lektüre von Bestsellern als das einzige Mittel zur Reinigung von den Wirkungen der Lektüre von Parteidokumenten' eingeführt. Außerdem hat er mich davon überzeugt, bei meiner Wiedergeburt als Schriftsteller zur Welt zu kommen..." Im Zusammenhang hiermit wird eine Biografie des Journalisten Serge Raffy über Fidel Castro vorgestellt. Im Interview erläutert Raffy, wie er, ein einstiger Bewunderer, zu einem scharfen Kritiker von Castros "tropischem Gulag" wurde.

Auch der NouvelObs bringt, wie Le point, eine Geschichte über den Islamisten Tariq Ramadan, der sein Texte in Internetzirkeln der Globalisierungsgegner veröffentlicht. In der gleichen Nummer ein Gespräch mit dem Politologen Vincent Geisser, der eine steigende "Islamophobie" in Frankreich beklagt.

Magazinrundschau vom 29.09.2003 - Nouvel Observateur

Stephen King polemisiert gründlich gegen Jonathan Franzens Essaysammlung "Anleitung zum Einsamsein" (mehr hier). Die einzig gute Nachricht sei, dass diese "unerträgliche New Yorkerische Arroganz, die mindestens einmal pro Seite flüstert: Ich bin schlauer als du, gebildeter, kultivierter, habe mehr Leser als du, kurz, ich bin einfach besser als du, verschwunden ist". Aber Franzens These, wonach "ernsthafte Literatur in Amerika keine Rolle mehr spielt und die Schriftsteller ihr Publikum verloren haben", werde in diesen Essays "mit der Besessenheit eines Kindes, das gerade seinen ersten Zahn verloren hat", durchbuchstabiert. Dabei sei sie pure "Augenwischerei". King jedenfalls kommt zu dem Fazit: "Der amerikanischen Literatur geht's gut." (Kings Originaltext erschien in der Juli/Augustausgabe des Book Magazine, ein Teil davon ist kostenlos hier zu lesen).

In einem als "Manifest" apostrophierten Text beschwört Alain Delon das "Kino von gestern" und beklagt seinen Niedergang. "Geld, Kommerz und Fernsehen haben die Traummaschine kaputt gemacht. (...) Bald wird es nur noch das Fernsehen geben, amerikanisches Kino und ein paar Autorenfilme, die geistig Zurückgebliebene in unmöglichen Kinosälen auf Leinwänden in Briefmarkengröße werden ertragen müssen. (...) Nein, mein Kino ist tot. Und ich auch." Jap.

Zu lesen sind des weiteren ein Interview mit dem amerikanischen "Hipsterliteraten" Dave Eggers (mehr hier) und eine Sammlung kleiner Anmerkungen des französischen Essayisten George Steiner (mehr hier), darunter zum 11. September, Amerika und Europa sowie Shakespeare und Maradonna. Der französische Außenminister Hubert Vedrine rezensiert eine neue Biografie über Talleyrand, besprochen werden ein "Dictionnaire amoureux de l?Amerique", ein Essay über Paris als "literarisches Zentrum der Welt" in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen und der Film "Alila" von Amos Gitai.