
Im Debattenteil
bringt der
Obs Auszüge aus einem Vortrag, den
Jacques Derrida (mehr
hier) auf einem internationalen Kolloquium der
Unesco gehalten hat. Darin kritisiert er das "Welttheater der Entschuldigung (pardon)" und konstatiert eine Zunahme von "Szenen der
Reue und Bitte um Vergebung für Verbrechen gegen Menschlichkeit". Über die Vergebung schreibt er: "So rätselhaft die Vergebung im strengen Sinne bleibt, stellt man fest, dass ihr Bühnenbild, ihr Charakter und ihre Sprache, mit denen sie in Szene gesetzt wird, zu einem
religiösen Erbe zählen (das wir abrahamitisch nennen können, um den jüdischen, christlichen und islamischen Glauben darunter zu fassen)." Und wenn zum Beispiel Japan um Vergebung für seine im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen bittet, so diagnostiziert Derrida hier die
Globalisierung einer christlichen Tradition, eine "virtuell christliche
Konvulsion-Konversion-Konfession, einen Prozess der Christianisierung, der keine christliche Kirche mehr braucht".
Ebenfalls im Debattenteil
diskutieren Jacques Attali und
Alain Minc anlässlich von Mincs jüngster Veröffentlichung - "Les Prophetes du bonheur Une histoire personnelle de la pensee economique" (
Auszug) - über die "drei Säulen der ökonomischen Vernunft":
Marx,
Keynes und
Schumpeter.
In einer Art Sammelrezension
untersucht Aude Lancelin die Frage, ob man
Guy Debord kritisieren darf - schließlich ist der Situationist einer der
Säulenheiligen all jener Intellektuellen, die die trotz ihrer Wohlbestalltheit gerne radikal am Bestehenden zweifeln. Zehn Jahre nach dem Selbstmord des Autors von "La societe du spectacle" erscheinen
Neuauflagen seiner Schriften - und auch seine Kritiker melden sich wieder zu Wort. Der "kleine Sturm" den ein Pamphlet des Philosophen
Frederic Schiffter entfacht hat (
"Contre Debord", PUF), belege allerdings "komischerweise, dass 'der gefährlichste Mann im Königreich' heute der am schwersten zu kritisierende Ideologe geworden" sei. Lancelin berichtet, dass einige linke Buchhändler Schiffters Manifest nur
unter dem Ladentisch handeln.
Besprochen werden die
Korrespondenz zwischen
Simone de Beauvoir und ihrem Geliebten
Jacques-Laurent Bost, ergänzt um einige Auszüge (Gallimard), eine
Neuauflage des Klassikers "Le regle du Jeu" (la Pleiade) von
Michel Leiris und eine
neue Biografie über
Lord Nelson, der Napoleon in der Trafalgarschlacht besiegte. In einem
Gespräch mit
Catherine Deneuve werden ihre
Drehtagebücher vorgestellt, in denen sie ihre Notizen veröffentlicht, die sie während Dreharbeiten im Ausland gemacht hatte: von "The April Fools" von Stuart Rosenberg 1968 über "Tristana" von Luis Bunuel 1970 bis zu "Dancer in the Dark" von Lars von Trier 2000 ("A l'ombre de moi-meme", mehr
hier).