Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

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Magazinrundschau vom 26.07.2004 - Nouvel Observateur

Nachdem vergangene Woche (hier) der Philosoph Jean-Pierre Vernant über unser hellenistisches Erbe nachgedacht hat, erklärt heute der Historiker Jaques Le Goff, inwiefern das zeitgenössische Europa aus dem Mittelalter hervorgegangen ist. Unter dem Stichwort "Die Intelligenzia und die Kaufleute" schreibt er: "Ich war immer davon überzeugt, dass das Netzwerk der mittelalterlichen Universitäten in der Geschichte der westlichen Zivilisation eine wesentliche Rolle gespielt hat. Die Intellektuellen im Mittelalter, denen ich einen Großteil meiner Arbeit gewidmet habe, erfüllten Funktionen, die man heute als Forschung, Lehre und soziale Vermittlung bezeichnen würde. Die Institution Universität hat maßgeblich dazu beigetragen, dieser dreifachen Funktion innerhalb eines Raums des Ausstauschs im europäischen Maßsstab eine Form zu verleihen."

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem derzeit bekanntesten australischen Schriftssteller Tim Winton (mehr), dessen letzter, für den Booker Prize nominierter Roman "Dirt Music" gerade in Frankreich unter dem Titel "Par-dessus le bord du monde" (Rivages) herauskommt (in Deutschland heißt es abwechslungshalber "Der singende Baum"). Der Roman erzählt eine Liebesgeschichte und spielt in einem Küstenort Westaustraliens, in dem Winton inzwischen lebt. Mit dessen Einwohnern, die erst allmählich herausfanden, welche Berühmtheit da anonym zugezogen war, hat er einen Deal geschlossen: "Sobald Journalisten versuchen, mich aufzustöbern, schicken sie sie meilenweit in die entgegengesetzte Richtung. Im Gegenzug habe ich mich verpflichtet, den Namen der Stadt nicht zu verraten, damit die Leute nicht belästigt werden. Aber der Ort in meinem Buch, White Point, hat Ähnlichkeit mit diesem Städtchen."

In Fortsetzung der Sommerserien bringt der Obs einen weiteren Brief von Emile Zola an seine Geliebte und Mutter seiner beiden Kinder Jeanne Rozot. Exzentriker der Woche ist diesmal Salvador Dali: "Le grand masturbateur" - soll man das jetzt mit "der große Wichser" übersetzen?

Magazinrundschau vom 19.07.2004 - Nouvel Observateur

Es ist Sommer, Zeit also für die gaaanz großen Themen - und für Serien. Der Nouvel Observateur startet in dieser Woche mit gleich zwei Fortsetzungsprojekten. In der Abteilung Arts et Spectacles beginnt er mit dem Vorabdruck einiger der 200 Liebesbriefe, die Emile Zola an seine Geliebte Jeanne Rozerot geschrieben hat, und die im Herbst bei Gallimard erscheinen werden. In der Rubrik "Reflexions" dagegen wird es in den kommenden sechs Wochen um Kulturen gehen, "deren Erben wir sind". Den Anfang machen die Griechen, deren Denkern auch das Titeldossier gewidmet ist. Und in seinem Debattenbeitrag erklärt uns der Philosoph Jean-Pierre Vernant (mehr), inwiefern unser heutiges Alltagsleben noch immer vom "hellenistischen Erbe" durchzogen ist. Zum Stichwort Kultur schreibt er: "Wir denken noch immer ein wenig wie die Griechen. Was tut man, um Philosoph zu werden? Man liest zuerst die Griechen, danach liest man Descartes und Spinoza, aber da gibt es einen Zusammenhang. Man liest die Griechen und nicht die chinesischen Philosophen, auch nicht die Indiens. Das gilt auch für die Künste. Die Malerei der Renaissance hat ihren Ursprung in griechischen Vorlagen. Beim Theater und in der Tragödie ist es das gleiche. Doch abgesehen von diesem Erbe hat man sich von Griechenland entfremdet. Einem Griechenland, das man wiederentdecken wird."

Die nächsten Wochen schreiben dann Jacques Le Goff über das mittelalterliche Europa, Paul Veyne über Rom, Christiane Desroches Noblecourt über Ägypten, Armand Abecassis über die hebräische und Henry Laurens über die arabisch-muslimische Welt.

Magazinrundschau vom 12.07.2004 - Nouvel Observateur

Typisch französisch halten es der Historiker Alexandre Adler ("Die amerikanische Odyssee") und Philippe Roger ("Der amerikanische Feind") in ihrem Gespräch zur Frage des französischen Antiamerikanismus. Einerseits verärgert über die weltweite amerikanische Einflussnahme, beteuern sie, dass die Franzosen gegen diesen Einfluss immun sind: "- A. Adler: Dieser kulturelle 'Imperialismus' ist viel schwächer als es zum Beispiel der englische war. Und was die berühmte Hollywood-Traumfabrik angeht, bezweifle ich, dass Arnold Schwarzeneggers Filme den Charakter der Franzosen beeinflussen. Viel eher bin ich verblüfft, wie wenig die amerikanische Werte in unsere Welt eindringen konnten. - P. Roger: Konsum heißt nicht Zustimmung. Das Gegenteil zu glauben, wäre soziologische Naivität."

Sehr schön liest sich auch das Interview mit dem Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie, der das Gebiet der Klima-Geschichtsforschung begründet hat und mit Fabien Gruhier über sein jüngstes Werk, die "Menschliche und vergleichende Geschichte des Klimas" ("Histoire humaine et comparee du climat"), spricht.

In einem dramatischen Plädoyer ruft der Sozialist und Ex-Premierminister Laurent Fabius dazu auf, die Kultur wieder ins Zentrum der Politik zu rücken. Denn Kultur sei schlichtweg lebenswichtig: "Ich habe mich im Umweltschutz engagiert, weil das Leben unseres Planeten bedroht ist. Tja, und das Gleiche gilt eben für die Kulturpolitik: Sie ist für das geistige Leben des Menschen so unentbehrlich wie es die Wälder für die Erneuerung seines Sauerstoffs sind."

Weiteres: Pascal Merigeau huldigt dem Marlon Brando von früher. Und Didier Eribon stellt Judith Butlers neues Buch über die Macht der Worte ("Le Pouvoir des mots. Politique du performatif") vor, die sich die Zivilgesellschaft zunutzen machen sollte.

Magazinrundschau vom 05.07.2004 - Nouvel Observateur

Im Gespräch mit Aude Lancelin (anlässlich seines Buches "Le Pacte de lucidite ou l'intelligence du Mal" - "Der Klarsichts-Pakt oder das Verstehen des Bösen") wettert Jean Baudrillard gegen das neue amerikanische Herrschaftsprinzip der vorbeugenden Gewalt, das auch vor unschludigen Opfern keinen Halt mache, um das Böse im Keim zu ersticken: "Tötet sie alle um der Vorsicht willen. Gott wird seine Schäfchen schon erkennen! Doch ist es eigentlich das terroristische Ereignis des 11. Septembers, das es gilt in diesem Krieg zu entschärfen und sogar mit einem riesigen, rückwirkenden Verhütungsaufwand zu verhindern. Es gilt, alles so zu herzurichten, dass der 11. September nicht hätte stattfinden können. Im Grunde fehlt diesem Krieg jede eigene Zielsetzung. Er ist eine Verschwörung, eine Art Exorzismus, und deshalb ohne Ende."

In einem sehr interessanten Artikel verteidigen sich die Filmemacher Gerard Mordillat und Jerome Prieur gegen eine ganze Welle von Vorwürfen bezüglich ihrer jüngsten arte-Serie "Die Geburt des Christentums", insbesondere gegen den Vorwurf des deplazierten Positivismus, der von der Dogmen-Kommission der französischen Bischofskonferenz erhoben wurde.

Weitere Artikel: Der Philosoph Rene Girard (mehr hier und hier) unterhält sich mit Jean-Claude Guillebaud über Lustprinzip und Mimetik und preist die geniale Dissidenz der Antigone. Odile Quirot begrüßt das deutschsprachige Theater beim Festival von Avignon, dem Thomas Ostermeier als diesjähriger Gastkurator Pate steht. Serge Raffy liefert ein schönes Porträt von Modezar Karl Lagerfeld, der diese Woche seine 42. Kollektion vorstellt. Enttäuscht meldet Daniel Garcia, dass die große Callas-Rivalin Elisabeth Schwarzkopf in ihrer Autobiografie ("Les autres soirs") kein bisschen Selbstkritik übt an ihrer "ganz ordinären Feigheit" während der NS-Zeit. Arnaud Montebourg, das enfant terrible der französischen Sozialisten, erklärt Francois Bazin, warum die europäische Verfassung keinen "neutralen Rahmen", sondern eine liberale Weisung für die Politik der Zukunft bedeutet.

Aus den USA berichtet Philippe Boulet-Gercourt von einer aufflammenden Anti-Michael-Moore-Kampagne: "Internetseiten wie Mooreexposed sprießen überall, ein Buch mit dem vielversprechenden Titel "Michael Moore ist ein fetter stupid white man" ist am Dienstag erschienen, der Dokumentarfilm "Michael Moore hasst Amerika " dürfte im September in die Kinos kommen." Und passend dazu fragt Pascal Merigeau: Wer oder was ist Michael Moore?

Magazinrundschau vom 24.05.2004 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil erhalten zwei miteinander befreundete Journalisten - einer Moslem, der andere Jude - Gelegenheit, einen Streit beizulegen, der nach den Selbstmordanschlägen in Israel in Folge des 11. September zwischen ihnen entstanden war. Es geht unter anderem um die Frage, was ist ein Araber. Hamid Bara, Fernsehjournalist marokkanischer Herkunft, erklärt: "Ich gehöre zum Westen. (...) Das ist ein Glaubensbekenntnis, der Ordnungsbegriff eines politischen Programms, das alle Araber betrifft. (...) Für mich ist der Westen der geometrische Ort der Gesamtheit der universellen Werte, vor allem der drei entscheidenden: Religion, Politik und die Stellung der Frau. Zum Westen zu gehören erfordert, die religiöse Freiheit aller zu garantieren." Der jüdische Journalist Guy Sitbon, der auch als Buchautor bekannt wurde, schreibt unter anderem: "Nicht alle Araber sind Terroristen, aber alle Terroristen sind Araber. (...) Um die Wahrheit zu sagen: die Tunesier und Ägypter sind keine Araber. Die Franzosen leben in Frankreich, die Marokkaner in Marokko und die Araber in Arabien. Algerien ist Algerien und Arabien ist Arabien. Punkt." Die arabisch-islamischen Eliten sollten sich "ein Beispiel an Mandela und Gandhi nehmen und an ihre Völker appellieren, Nationen wie alle anderen zu werden. Ihre Regierungen werden dem folgen."

Im Titeldossier äußert sich Ann Cantat, jüngste Schwester des in Litauen wegen Totschlags an der Schauspielerin Marie Trintignant verurteilten Sängers von "Noir Desir", Bertrand, über den "wahren Cantat". Sie tut dies - erstmals öffentlich - im Vorfeld des Erscheinens eines zweiten Buchs von Nadine Trintignant, Mutter des Opfers, "um ein Gleichgewicht herzustellen".

Anlässlich seiner jüngsten Studie "Le Sens du Progres. Une approche historique et philosophique" (Flammarion) spricht der Philosoph und Politologe Pierre-Andre Taguieff (mehr hier) über die Zukunft der Idee des Fortschritts. Deren gegenwärtige "Erschöpfung" erlaube uns, "die Faszination zu verstehen, die die verschiedenen Formen des islamischen Fundamentalismus ausüben. Der Islamismus funktioniert wie eine Ersatzreligion für eine Art Religionsersatz, welcher die Fortschrittsideologie im Westen war."

Besprochen werden der Essay "Libertad!" von Dan Franck über die Intellektuellen der dreißiger Jahre, die sich gegen den Faschismus stellten (Grasset). Außerdem gibt es einen Hinweis auf einen Dictionnaire, in dem sich 350 zeitgenössische französische Schriftsteller in Selbstauskünften vorstellen (Mille et Une Nuits).

Magazinrundschau vom 10.05.2004 - Nouvel Observateur

Im Gespräch erläutert der Leiter des Festival von Aix, Stephane Lissner, weshalb die streikenden Theaterleute und Bühnenarbeiter - die das Festival im vergangenen Sommer platzen ließen -, endlich ihre Anspruchshaltung gegenüber der Regierung aufgeben sollten, und was er für die Zukunft befürchtet: Sollte Aix in diesem Sommer nicht stattfinden, werde das Festival dies nicht überleben. Nur noch unter Polizeischutz spielen zu können, sei "eine undenkbare Situation, dafür ist die Polizei nicht da. Ein Künstler muss sich frei artikulieren können. Und die Polizei bedeutet keine Freiheit! Ich wollte nicht, dass man sagt: dieser Fascho hat die Bullen gerufen, um den Leuten einen Maulkorb zu verpassen."

Hubert Prolongeau porträtiert einige "Textbesessene" und "Vielschreiber" der französischen Schriftstellerzunft, also Leute, die mehrere Bücher im Jahr veröffentlichen: darunter Serge Brussolo (150 Romane seit 1980), Georges-Jean Arnaud (mehr als 400 Romane), Pierre Pelot (150 Romane) und Max Gallo (ein mehrbändiges historisches "Fresko" pro Jahr). Die jüngsten Veröffentlichungen der Vielschreiber finden Sie hier.

Ebenfalls in einem Gespräch wird ein Buch des Schweizer Wissenschaftlers und Harvard-Professors, Alexis Keller, vorgestellt. Keller, der mit finanzieller Unterstützung seines Vaters, die israelisch-palästinensischen Geheimverhandlungen in Genf organisierte, beschreibt in "L?Accord de Geneve. Un pari realiste" (Labor et Fides/Seuil) die Wendungen, Sackgassen und Chancen dieses "Abenteuers". Besprochen werden des weiteren ein Essay von Michel Foucault über Edouard Manet ("La Conference sur Manet", Seuil), eine Biografie des Dramaturgen Jean Giradoux und der Erfolg von Yann Queffelecs jüngstem Roman "Moi et toi" (Editions Fayard).

Zu lesen in schließlich eine Bericht über die Nostalgiewelle im französischen Kino ("eine Art Idealisierung des Lebens und Glücksfall für den Markt") und ein Interview mit Pedro Almodovar anlässlich seines neuen Films "La mala educacion" ("Schlechte Erziehung"), der in diesem Jahr in Cannes laufen wird - außer Konkurrenz, weil Almodovar den Wettbewerb nicht mag und angeblich keinen Preis für einen Film braucht, den er ohnehin sehr liebt.

Magazinrundschau vom 03.05.2004 - Nouvel Observateur

Nach seinem Buch über den ermordeten Journalisten Daniel Pearl (mehr hier) legt Bernard-Henri Levy (BHL) jetzt zwei neue und ziemlich dicke Essaybände vor: "Recidives" (1008 Seiten, Grasset) und "Jours de colere" (448 Seiten, Livre de poche). Im Gespräch mit dem Nouvel Obs erläutert Levy seine "Wahrheiten" und erzählt von den "großen Schlachten meines Lebens". Seinen Einfluss beurteilt er erstaunlich ambivalent: "Seit ich 25 war, hatte ich immer wieder einflussreiche Positionen, bis zu dem Moment, in dem die Dinge total in die Hose gingen. Etwa in der Zeit um 1974/75, als ich nichts Geringeres wollte, als die französische Presse neu zu erfinden und eine Tageszeitung namens l'Imprevu vom Stapel ließ - ein Abenteuer, das in einem lächerlichen Debakel mündete. Zur Zeit der 'nouveaux philosophes' gab es einen Moment, in dem ich einen wirklichen Einfluss auf dem intellektuellen Feld hatte; im Gegenzug sind die Dinge, als ich Theater machte, schlecht gelaufen. Und mit dem Film war es noch schlimmer."

Im Debattenteil schreibt der spanische Schriftsteller Javier Marias über die Sozialisten, Aznar und Blair, Franco, Proust und Tintin. Über den Terrorismus in Spanien sagt er: "Terroristen sind meistens Leute, die früh aufstehen. Der größte Teil der Attentate in Spanien findet am frühen Morgen statt. Es gibt diesen Brauch, sich jedes Mal, wenn die ETA einen oder mehrere Menschen umgebracht hat, am Mittag vor den Rathäusern zu einer Schweigeminute zu versammeln. (...) Von meinem Fenster aus sehe ich das Madrider Rathaus. Gewöhnlich schreibe ich und bin ein bisschen versunken, und plötzlich spüre ich eine seltsame Stille. Dann weiß ich, dass es ein Attentat gegeben hat."

Ebenfalls im Debattenteil beschäftigt sich der Mittelalterexperte Jacques Le Goff mit mehreren Publikationen zum Verhältnis Islam - westliche Religion und resümiert "sieben Jahrhunderte Gleichgültigkeit" und "gegenseitige Feindseligkeit": "Von Anfang an sind die Dinge schlecht gelaufen")

Besprochen werden außerdem der neue Roman "Le Dernier Ami" (Seuil) von Tahar Ben Jelloun und eine Biografie über Pierre Levy, den Verleger von Max Ernst und De Chirico und Gründer der legendären Zeitschrift Bifur. Zu lesen sind des weiteren ein umfangreicher Artikel über die norwegische Musikszene und das experimentelle Label Rune Grammofon und ein Porträt des Schauspielers und Regisseurs Jacques Perrin (mehr).

Magazinrundschau vom 26.04.2004 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil warnt Esther Benbassa, Dozentin für Geschichte des modernen Judentums an der Ecole pratique des Hautes Etudes in einem Artikel an die Adresse der jüdischen Gemeinde von Frankreich vor einer übertriebenen "Pflicht zur Wachsamkeit". Vor lauter Angst vor einem arabischen oder sonstigen Antisemitismus versuche man inzwischen immer häufiger Diskussionsveranstaltungen oder Filmvorführungen zu verbieten, ein Riesenfehler, mein tBenbessa: "Solche Praktiken sind um so inakzeptabler als sie ausgerechnet aus einem Vok kommen, das selbst so oft Opfer von Zensur, Verboten und Bücherverbrennungen wurde. Statt zu diskutieren, verbietet man und das im Namen eines Zionismus, der in vielen Milieus, die über das Judentum nicht mehr viel wissen, zu einer Art Ersatzidentität wurde."

Weiteres: Eine Reportage führt in die "Hölle der Abgelehnten", sprich in die Verlage, wo jährlich Tausende von Manuskripten eintrudeln, die Lektoren zur Verzweiflung treiben. So meint etwa Philippe Sollers von Gallimard: "Ich bin doch kein Sanitäter! Trotzdem meint jeder, er habe das Recht, über sein Leben zu faseln und mir ein Manuskript schicken, das undruckbar ist." Ergänzend dazu sind kurze Berichte von Autoren zu lesen, die das Glück hatten, dass ihre Manuskripte angenommen und tatsächlich veröffentlicht wurden. Darunter auch Philippe Dijan, der zugibt, es über Beziehungen versucht und geschafft zu haben.

Schließlich gibt es den Hinweis auf eine für "großartig" befundene Ausstellung im Pariser Musee d'Art et d?Histoire du Judaisme über die aus der Schweiz stammende Schauspielerin Rachel alias Elisa Felix. Als 17-Jährige gab die Tochter armer jüdischer Hausierer 1838 in Frankreich ihr Debüt und wurde ein Weltstar, der auch in den USA auf der Bühne stand.

Magazinrundschau vom 19.04.2004 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil bringt der Obs Auszüge aus einem Vortrag, den Jacques Derrida (mehr hier) auf einem internationalen Kolloquium der Unesco gehalten hat. Darin kritisiert er das "Welttheater der Entschuldigung (pardon)" und konstatiert eine Zunahme von "Szenen der Reue und Bitte um Vergebung für Verbrechen gegen Menschlichkeit". Über die Vergebung schreibt er: "So rätselhaft die Vergebung im strengen Sinne bleibt, stellt man fest, dass ihr Bühnenbild, ihr Charakter und ihre Sprache, mit denen sie in Szene gesetzt wird, zu einem religiösen Erbe zählen (das wir abrahamitisch nennen können, um den jüdischen, christlichen und islamischen Glauben darunter zu fassen)." Und wenn zum Beispiel Japan um Vergebung für seine im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen bittet, so diagnostiziert Derrida hier die Globalisierung einer christlichen Tradition, eine "virtuell christliche Konvulsion-Konversion-Konfession, einen Prozess der Christianisierung, der keine christliche Kirche mehr braucht".

Ebenfalls im Debattenteil diskutieren Jacques Attali und Alain Minc anlässlich von Mincs jüngster Veröffentlichung - "Les Prophetes du bonheur Une histoire personnelle de la pensee economique" (Auszug) - über die "drei Säulen der ökonomischen Vernunft": Marx, Keynes und Schumpeter.

In einer Art Sammelrezension untersucht Aude Lancelin die Frage, ob man Guy Debord kritisieren darf - schließlich ist der Situationist einer der Säulenheiligen all jener Intellektuellen, die die trotz ihrer Wohlbestalltheit gerne radikal am Bestehenden zweifeln. Zehn Jahre nach dem Selbstmord des Autors von "La societe du spectacle" erscheinen Neuauflagen seiner Schriften - und auch seine Kritiker melden sich wieder zu Wort. Der "kleine Sturm" den ein Pamphlet des Philosophen Frederic Schiffter entfacht hat ("Contre Debord", PUF), belege allerdings "komischerweise, dass 'der gefährlichste Mann im Königreich' heute der am schwersten zu kritisierende Ideologe geworden" sei. Lancelin berichtet, dass einige linke Buchhändler Schiffters Manifest nur unter dem Ladentisch handeln.

Besprochen werden die Korrespondenz zwischen Simone de Beauvoir und ihrem Geliebten Jacques-Laurent Bost, ergänzt um einige Auszüge (Gallimard), eine Neuauflage des Klassikers "Le regle du Jeu" (la Pleiade) von Michel Leiris und eine neue Biografie über Lord Nelson, der Napoleon in der Trafalgarschlacht besiegte. In einem Gespräch mit Catherine Deneuve werden ihre Drehtagebücher vorgestellt, in denen sie ihre Notizen veröffentlicht, die sie während Dreharbeiten im Ausland gemacht hatte: von "The April Fools" von Stuart Rosenberg 1968 über "Tristana" von Luis Bunuel 1970 bis zu "Dancer in the Dark" von Lars von Trier 2000 ("A l'ombre de moi-meme", mehr hier).

Magazinrundschau vom 29.03.2004 - Nouvel Observateur

In französischen Gefängnissen ist der Islam die vorherrschende Religion. Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung des Soziologen Farhad Khosrokhavar, die in Kürze erscheinen wird. Im Debattenteil fasst Khosrokhavar seine Analyse der damit verbundenen gesellschaftlichen Ursachen und Konsequenzen zusammen und merkt unter anderem an: "Das Gefängnis enthüllt ein Problem, das alle französischen und europäischen Einrichtungen betrifft: das der Eingliederung des Islam in unsere westlichen Gesellschaften. In Frankreich kommt die zu strenge Auslegung des Laizismus dazu. Unsere defensive Sichtweise des Laizismus erweist sich als Hindernis, über grundlegende Integrationslösungen nachzudenken. Das Kopftuchgesetz wird, ob man will oder nicht, häufig als Verbot und nicht als Integration aufgefasst. (...) So gibt es in Frankreich Tausende junger Muslime, die davon überzeugt sind, in dieser Gesellschaft keinerlei Aufstiegschancen zu haben. Aus dieser Sackgasse fänden sie nur mithilfe echter sozialtherapeutischer Unterstützung heraus, flankiert von konkreten Maßnahmen. Das Gefängnis ist jedoch nicht in der Lage, dieses Problem zu lösen."

Vorgestellt wird ein "origineller" Essay über eine "französische Leidenschaft": das Duell (Jean-Noel Jeanneney: "Le Duel, une passion francaise, 1789-1914", Seuil). Begleitet wird die Rezension von einer Umfrage unter französischen Schriftstellern und Künstlern, mit wem, warum und mit welcher Waffe sie sich, wenn sie müssten, duellieren würden. Catherine Millet weiß gleich eine ganze Hand voll Leute, die sie mit der "Wahrheit" bekämpfen will, Frederic Beigbeder hat dagegen George W. Bush auf dem Korn, den er mit "irakischen Massenvernichtungswaffen, also mit nackten Händen" erledigen würde. Und der Regisseur Patrice Leconte würde den "Fahrer des senfgrünen Opel Astra mit dem Kennzeichen 103 PJL 75" zur Rechenschaft ziehen, der ihm einen Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hat.

Darüber hinaus werden eine Biografie des Surrealisten und Dichters Rene Char (Fayard, mehr hier) und die Studie eines französischen Historikerkollektivs über den ersten Weltkrieg (La Decouverte) besprochen. Und in der Abteilung Arts et Spectacles ist ein Porträt des vor 25 Jahren gestorbenen Counter-Tenors Alfred Deller (mehr) zu lesen, der jetzt auf einer ganzen Reihe von CDs (wieder) zu hören ist.