Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 25

Magazinrundschau vom 02.06.2009 - Nouvel Observateur

Unter der hübschen Überschrift "Schuld ist immer das Schwein" stellt der französische Historiker Michel Pastoureau, der sich auf die Geschichte der Farben, Symbole und Tiere spezialisiert hat, in einem Gespräch seine Kulturgeschichte des Schweins vor: "Le Cochon. Histoire d'un cousin mal aime" (Gallimard). Pastoureau, der zuletzt eine Geschichte der Farbe Blau veröffentlichte, erklärt darin unter anderem die besondere Mischung aus Anziehung und Ablehnung des Menschen gegenüber dem Schwein: "Es liegt an seiner zu großen biologischen Verwandtschaft zum Menschen. Nicht nur in seiner Morphologie ähnelt das Schwein dem Menschen sehr. Deshalb gewinnt man allerlei medizinische Produkte aus ihm (viel mehr als aus Affen): Insulin, auch seine Nebennieren werden benutzt, man entnimmt ihm ein Stück Haut ... Bereits die antiken Mediziner und später das arabische Mittelalter wussten es, was die heutige Medizin voll und ganz bestätigt: Sein Inneres ist uns völlig gleich! Insofern lassen sich auch Organe des Schweins in Menschen transplantieren. In Zeiten der Chirurgie kann eine Sau sogar ein menschliches Embryo tragen! Ich weiß nicht, welche psychologischen Probleme man damit bekommt, im Bauch eines Schweins gewesen zu sein, aber in Kanada hat man das gemacht."

Magazinrundschau vom 26.05.2009 - Nouvel Observateur

In einem Interview spricht Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison über Barack Obama, seine Symbolkraft für ein neues Amerika und seine ersten hundert Tage im Amt. Sie bekennt: "Ich wurde fast ein bisschen wehmütig wegen Bush, weil man nie wusste, was ihm noch alles einfällt! [lacht] Er war der König des Neologismus, des unpassenden Ausdrucks. Er hat zur englischen Sprache ein sagen wir ... ziemlich distanziertes Verhältnis. Aber im Rückblick ist es einfacher, darüber zu lachen. Obama dagegen kann beides, einfach reden und sich wie ein Jurist ausdrücken. Am Anfang hatte sogar die Presse Angst, sich von ihm verführen zu lassen, und fand seine Sprache viel zu schön. Ich, die ich alt genug bin, um Roosevelt gekannt zu haben, finde es tröstlich zu wissen, dass er zu komplexem Denken imstande ist. Er kann nicht nur gut zuhören, sondern versteht tatsächlich auch, was man sagt."

Magazinrundschau vom 19.05.2009 - Nouvel Observateur

Vor dem Hintergrund der Wahlen in Indien widmet der Obs dem Land sein Titeldossier. Der Schriftsteller Vikram Chandra ("Der Gott von Bombay"), erklärt in einem Gespräch, dass die größten Herausforderungen innenpolitische seien: nämlich die Bekämpfung von Armut, Korruption und Gangstertum. Über seine Heimatstadt Bombay und das Land im Allgemeinen sagt er: "Der Anstieg des organisierten Verbrechens ist untrennbar mit dem Wirtschaftswachstums des Landes verknüpft. Man könnte die Mafiosi als Unternehmer betrachten, die ihr Stück vom Kuchen haben wollen und dafür alles tun. Ich glaube, dass diese Mafiaorganisationen nicht verschwinden werden, sondern imstande sind, ihre Methoden den Verhältnissen anzupassen. Sie haben auf alle Lebensbereiche einen enormen und starken Einfluss. Die Korruption und die Angst, die sie verbreiten, schwächen die Entwicklung, die Justiz, den Handel, die Politik und alles andere auch. Ganz sicher gibt es kein Wundermittel dagegen. Ihren Einfluss zurückzudrängen wird eine lange und schwierige Aufgabe werden und ein schmutziger Job, für die Bürger wie für den Staat."

Begleitend analysiert der französische Indien-Experte Christophe Jaffrelot in einem weiteren Interview die Trümpfe und Schwächen der "größten Demokratie der Welt". Auf den Buchseiten beschäftigt sich Philippe Sollers mit bisher unveröffentlichten Texten des "absoluten Misanthropen" Emil Cioran, in denen er sich mit 22 Jahren als glühender Anhänger des Faschismus und Hitlers offenbart.

Magazinrundschau vom 12.05.2009 - Nouvel Observateur

In einem Gespräch aus Anlass des Erscheinens seines Essaybandes "Die exilierte Sprache" in Frankreich ("L'Holocaust comme culture', Actes Sud) erklärt Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz, warum er das Trauma der Konzentrationslager besser ertragen habe als Schrifsteller wie Romain Gary, Jean Amery oder Primo Levi: Weil er danach in einem kommunistischen System gelebt habe. Dieses Paradox erklärt er so: "Als Kind kannte ich nichts anderes als ein totalitäres Regime. Als ich nach Ungarn zurückkehrte, war es deshalb nicht so schwierig für mich zu verstehen, was sich da abspielte. Ich habe gesehen, wie man Menschen zu einem Teilchen in einem Räderwerk verwandelte. Die Anzeichen waren die gleichen. Ich habe 1956 den Aufstand von Budapest miterlebt. In diesen Situationen will niemand nachdenken, man will einfach leben. Alles war Lüge, die ganze Welt war eine Lüge. Doch die meiste Zeit hat man in dieser Absurdität den Verstand bewahrt. Ich hatte das Gefühl, dass meine Identität deformiert war, dass ich meine Normalität verloren hatte. Aber ich habe nie eine Erklärung dafür gefunden. Ich habe mich gefragt, ob meine 'Anomalie' zur Normalität geworden war. Oder ich ein anderer."

Magazinrundschau vom 28.04.2009 - Nouvel Observateur

Am 24. April jährte sich der Beginn des Völkermords an den Armeniern in der Türkei. Der in den USA lehrende Soziologe und Historiker Taner Akcam ist einer der ersten türkischen Wissenschaftler, der sich mit dem Thema befasste und sich nicht scheut, die Türkei dafür zur Verantwortung zu ziehen. Im Gespräch erläutert er die zentrale These seines in Kürze in Frankreich erscheinenden Buchs "Un acte honteux. Le genocide armenien et la question de la responsabilite turque" (Denoel), wonach die türkische Leugnung dieses Verbrechens mit den Verknüpfungen der kemalistischen Republik mit der ottomanischen Epoche zu tun habe. Demnach waren zahlreiche am Völkermord Beteiligte die ersten gewesen, die sich Kemal anschlossen und mit ihm den türkischen Staat gründeten. Diese Tatsache sei in der Türkei, wo man ihn als Lügner bezeichnet, einfach nicht ausreichend bekannt. "Einer der Gründe für diese 'Erinnerungslücke' ist zweifellos, dass sich die Regierungseliten seit der Republikgründung nicht verändert haben. Erst seit die islamische Partei AKP an die Macht kam, merkt man positive Veränderungen. Ein weiterer, wesentlicherer Grund ist, dass keine Nation gerne zugibt, dass ihre Gründerväter Mörder und Diebe sind.“

Zu lesen ist des Weiteren ein Gespräch mit der ehemaligen georgischen Außenministerin und Oppositionsführerin Salome Zourabichvili über die verfahrene Situation in ihrem Land.

Magazinrundschau vom 07.04.2009 - Nouvel Observateur

Der Nouvel Obs bringt ein Gespräch zwischen Daniel Cohn-Bendit und dem Philosophen Edgar Morin über Cohn-Bendits Idee einer "Politik der Zivilisation", die er in einem Buch mit dem leninistischen Titel "Que faire" entfaltet. (Das Buch scheint auf Deutsch noch nicht vorzuliegen.) Morin, auf den sich Cohn-Bendit bezieht, sagt dazu: "Daniel sieht seine 'Politik der Zivilisation' als Teil der Ökologie, ich dagegen integriere die Ökologie in die Politik. Politik der Zivilisation meint, dass die westliche Zivilisation durchaus positive Effekte hat, aber eben auch negative Effekte, die immer schwerer wiegen. So bringt der Individualismus Unabhängigkeit mit sich, aber auch eine Auflösung von Solidarität. Der materielle Wohlstand wird begleitet durch psychische Probleme und Depressionen. Auf Weltniveau führt das unkontrollierte Wuchern von Wissenschaft, Technik und Finanz die Menschheit in den Abgrund." Mehr zu Cohn-Bendits Büchlein auch in einem Interview bei Spiegel Online.

Magazinrundschau vom 24.03.2009 - Nouvel Observateur

Der große Kundera-Bewunderer Alain Finkielkraut hat zur Kundera-Affäre im letzten Jahr - Kundera soll in den frühen fünfziger Jahren in Prag einen Kurier des amerikanischen Geheimdienstes verraten haben, und die Dokumente, die das bezeugen, sind kaum in Zweifel zu ziehen, mehr hier - nicht Stellung genommen. Nun bespricht er für den Nouvel Obs einen neuen Essayband Kunderas (Une rencontre", Gallimard) über seine literarischen Begegnungen. Und Kunderas Bekenntnis ausgerechnet zu Anatole France' heute vergessenem Roman "Les dieux ont soif" klingt wie ein Reflex auf die Affäre. Finkielkraut schreibt: "Warum konnte gerade dieser Roman, der in Paris im Jahre 1793 spielt, im stalinistischen Prag der fünfziger Jahre eine solche Rolle spielen? Weil er sich nicht damit begnügt, seine Hauptfigur Evarist Gamelin, einen jungen Maler, der zu einem fanatischen Anhänger der Revolutionstribunale wird, als ein Ungeheuer zu zeichnen, sondern weil er das existenzielle Geheimnis dieser emotionalen und so alltäglichen Ungeheuerlichkeit erforscht."

Magazinrundschau vom 17.03.2009 - Nouvel Observateur

Unter der Überschrift "Die zwei Wunden Ägyptens" prangert Alaa El Aswany, der meistgelesene Schriftsteller des Landes und Begründer der Demokratiebewegung Kifaya, im Gespräch Ägyptens Diktatur und seine Komplizenschaft mit dem islamistischen Fundamentalismus an. "In Ägypten toben zwei Kämpfe: erstens der Kampf für Demokratie und zweitens der Kampf des toleranten Ägypten gegen den Wahabismus. Ich beteilige mich an beiden. Sie sind miteinander verknüpft. Die Verbindung zwischen Wahabismus und Diktatur ist unübersehbar, und es geht nicht, das eine gegen das andere zu bestärken, wie man im Westen meint. Diktatur und Fanatismus sind siamesische Zwillinge. Sie haben viel gemeinsam: das Frauenbild, Ansichten über die Freiheit, die Demokratie und das Privatleben und die Gewissheit der Eliten, das Volk könne Gut und Böse nicht voneinander unterscheiden, sie selbst hingegen schon. In der Demokratie gibt es keinerlei Grund, fanatisch zu sein. Doch in Ägypten wurde der Islam von der saudiarabischen Auslegung der Religion vergiftet."

Magazinrundschau vom 10.03.2009 - Nouvel Observateur

Anlässlich des Erscheinens seiner Erinnerungen "Le Lievre de Patagonie" (Grasset) spricht der französische Regisseur Claude Lanzmann über seine jüdische Identität. Am wichtigsten für ihn und seine Arbeit sei gewesen, dass er immer Teil davon und Außenseiter zugleich war. So hätte er seinen Film "Shoah" niemals machen können, wenn er selbst deportiert worden wäre. Mit der Frage amerikanischer Juden, die er wegen dessen Finanzierung ansprach, was seine "Message" sei, habe er nichts anfangen können. "Sie haben erwartet, dass ich ihnen sage: 'Nie wieder' oder 'Liebt einander'. Kurz, eine christliche Botschaft. Oder vielleicht eine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Warum ist das geschehen? Warum ist es Juden passiert? Diese Frage ist absolut obszön. Alle Begründungen, die man anführt, sind vielleicht notwendig, aber nicht ausreichend. Wie begründet man die Ermordung von eineinhalb Millionen Kindern? Ich musste mich mit aller Kraft der Fassungslosigkeit stellen, der Weigerung zu verstehen. Ich war wie ein Pferd mit Scheuklappen, habe nicht nach rechts und nicht nach links geschaut, sondern mich mit dem konfrontiert, was ich die 'schwarze Sonne' der Shoah nenne. Das war die einzig mögliche Verfahrensweise, diese Blindheit ist die reinste Form des Blicks, die Klarsicht selbst."

Magazinrundschau vom 03.03.2009 - Nouvel Observateur

In einem Interview spricht der französisch-libanesische Schriftsteller Amin Maalouf über die "Regellosigkeit der Welt" und seinen jüngsten Essay "Le Dereglement du monde. Quand nos civilisations s'epuisent" (Grasset). Darin beklagt er den "zeitgleichen Ausverkauf" der arabisch-muslimischen und westlichen Kulturen. Die muslimische Welt befinde sich in einer traumatischen Krise, die in vielen Ländern Schikanen, Diskriminierung und Rassismus nach sich zöge. "Man hätte erwartet, dass der religiöse Glaube das Moralempfinden schärft. Doch er erzeugt oft das Gegenteil. Als wäre man, indem man seinen Glauben proklamiert, zugleich seiner 'zivilen' Werte enthoben. Meine Kritik am Westen ist auf einer anderen Ebene angesiedelt. Dort redet man unablässig über Werte. Man wähnt sich stets im Kampf für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. Aber zu oft werden diese Begriffe selektiv gebraucht, wie es gerade passt. (...) Deshalb ist moralische Glaubwürdigkeit heutzutage ein seltenes Gut geworden. Der Westen hat zunehmend weniger davon und der Rest der Welt nicht genügend."

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit Christopher Hitchens, der in seinem Buch "Der Herr ist kein Hirte" den – vergiftenden – Einfluss der Religionen auf unsere Welt untersuchte; Hitchens erklärt unter anderem, dass er keine Sekunde lang glaube, der Papst hätte keine Ahnung von der Holocaust-Leugnung des Pius-Bruders Richard Williamson gehabt.