Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 9 von 25

Magazinrundschau vom 06.03.2007 - Nouvel Observateur

Zum zehnten Todestag Francois Furets werden in Frankreich einige seiner Bücher (zum Beispiel hier und hier) neu aufgelegt. Philippe Raynaud kommt noch einmal auf Furets Kritik an den westlichen Intellektuellen und ihres Verhältnisses zum Kommunismus zurück: "Er sprach von der 'Vergangenheit' und nicht vom Ende einer Illusion und erwies sich darin als guter Leser Tocquevilles (und Marx'): Er wusste, dass sich diese Illusion aus einem permanenten Dilemma der Demokratie speist, die ein Gleichheitsversprechen enthält, ohne es jemals einlösen zu können. Darum war Furet am Ende seines Buch 'Passe d'une illusion' (deutsch 'Das Ende der Illusion') weit davon entfernt, die radikale Infragestellung der liberalen, demokratischen und kapitalistischen Welt als erledigt anzusehen. Einige Jahre nach dem Zerfall des sowjetischen Kommunismus kündigte er sogar ihre Wiedergeburt an."

Magazinrundschau vom 20.02.2007 - Nouvel Observateur

"Driften die Intellektuellen nach rechts?", fragt der Nouvel Obs besorgt in seinem Titeldossier. Hintergrund ist die bevorstehende Präsidentenwahl und das Engagement ehemaliger Linker wie Alain Finkielkraut oder Andre Glucksmann, die öffentlich Position beziehen - für Nicolas Sarkozy, den Kandidaten der gaullistischen UMP. Ein Überblicksartikel stellt die verschiedenen Positionen vor, und bringt am Ende eine Art Kurzcharakterisierung der wichtigsten Beteiligten. Beispiel: "Pierre-Andre Taguieff, Andre Glucksmann, Max Gallo und Alain Finkielkraut verkörpern jeder auf seine Art einen gewissen 'Rechtsruck' der Intelligenzija. Partisanen eines neuen Atlantismus (Taguieff, Glucksmann) oder überzeugt von der Dekadenz des republikanischen Modells (Gallo, Finkielkraut), weisen sie dennoch das Etikett 'Neoreaktionismus' zurück."

In einem Interview stellt Bernard-Henri Levy dagegen klar, dass er Linker ist. Seinen Freund Glucksmann, gibt er zu, verstehe er "nicht so ganz". Denn für das Engagement von Intellektuellen in Wahlkämpfen gälten drei Prinzipien. Das erste sei, dass sie nie "Gefolgsleute" sein dürften, das zweite "Misstrauen". Das wichtigste jedoch sei das "Timing": "Intellektuelle sind Freibeuter und ein Ärgernis, Leute, die Bedingungen stellen und maximalen Druck ausüben. Sie sollten sich so spät wie möglich äußern."

Zu lesen sind außerdem Beiträge des Historikers Benjamin Stora (hier) und von Nicolas Baverez, Autor des vieldiskutierten Buchs "La France qui tombe" (hier und zur damaligen Debatte hier und hier).

Magazinrundschau vom 13.02.2007 - Nouvel Observateur

Anlässlich des Erscheinens seines neuen Buchs "Der Sultan von Palermo" in Frankreich spricht der pakistanische Schriftsteller, Journalist und Filmemacher Tariq Ali über den Islamismus, den Irak und seine Jugend in den sechziger Jahren in London, wo er auch Mick Jagger und John Lennon begegnete. Für den Irak sieht er schwarz: "Nach meiner Meinung werden sich die kurdischen Gebiete im Norden abspalten, um unter israelisch-amerikanische Schutzherrschaft zu kommen. Ein Großteil des Südens wird iranisches und die Mitte saudi-arabisches oder syrisches Protektorat werden. Die Zeiten für einen unabhängigen Irak mit eigener Gebietshoheit sind vorbei. Er ist ebenso wie Afghanistan eine echte Zeitbombe."

Weiteres: Die Philosophin Barbara Cassin wettert gegen die Definitionsmacht und Englischlastigkeit von Google und plädiert für eine europäische Suchmaschine. Zu lesen ist ein Gespräch mit dem Philosophen Jacques Ranciere, der ein Buch über das Verhältnis von Politik und Literatur seit dem 19. Jahrhundert geschrieben hat: "Politique de la litterature" (Galilee). Georges Moustaki hat sich Olivier Dahans Film "La vie en rose" über seine ehemalige Lebensgefährtin Edith Piaf angesehen, für die er auch mehrere Chansons geschrieben hat, und erinnert sich.

Magazinrundschau vom 06.02.2007 - Nouvel Observateur

Anlässlich des Erscheinens seines Buchs "Une sorte de diable. Les vies de John M. Keynes" (Grasset, Auszug) unterhalten sich dessen Autor, der Wirtschaftswissenschaftler Alain Minc und sein Kollege Daniel Cohen über den Einfluss des englischen Ökonomen, Politikers und Mathematikers John Maynard Keynes. Minc meint: "Für Keynes war die Ökonomie viel stärker in die Gesellschaft eingefügt als für Marx. Paradoxerweise ließ er die Gesellschaft aber völlig außen vor. Sein soziologisches Denken ist ziemlich armselig und seine historische Kultur begrenzt. Er wird niemals bedeutender als Marx werden." Cohen dagegen findet: "Er war eine Proust'sche Persönlichkeit: in seinem Privatleben ein unerträglicher Snob, und er verehrte die aberwitzigsten Leuten, aber am Abend heckte er ein Werk aus, das seinem Leben unendlich überlegen war."

Zu lesen ist außerdem ein Beitrag des Wissenschaftlers, Theologen und Dominikaners Jacques Arnould zu seinem neuen Buch, in dem er sich ein weiteres Mal kritisch mit dem Kreationismus auseinandersetzt: "Dieu versus Darwin. Les creationnistes vont-ils triompher de la science?" (Albin Michel).

Magazinrundschau vom 23.01.2007 - Nouvel Observateur

Vollkommen aus dem Häuschen ist der Schriftsteller Philippe Sollers über ein "großartiges und vollkommen verkanntes Buch des 19. Jahrhunderts", ein "unentbehrliches Werk", das man an die Seite von Balzac, Flaubert, Zola, Maupassant und Proust stellen müsse. Gemeint ist damit eine Sammlung von Berichten und Aufzeichnungen der Pariser Sittenpolizei aus den Salons und Bordellen der Stadt: "Le Livre des courtisanes - Archives secretes de la police des moeurs (1861-1876)". "Schlagen Sie es auf, und Sie sind auf der Stelle überall in Paris, beobachten alles, wissen alles. Schön, die Polizeibeamten liefern ihnen nur Grundelemente der Vorgänge, aber: ein bisschen Phantasie, bitte sehr. Da räkelt sich die begehrt Göttin im rosa Neglige. Auf ihren Strümpfen stehen die Wochentage: 'Donnerstag' am Donnerstag und 'Sonntag' am Sonntag. Ein Mentor kommt vorbei, dann ein anderer, Minister, Abgeordnete, Generäle, Bankiers. Manchmal kommen sie aus verfeindeten Kreisen, was soll's. Bei Leonide Leblanc beispielsweise treffen Sie sowohl den Duc d'Aumale, den Prinzen Napoleon und Clemenceau."

Magazinrundschau vom 31.10.2006 - Nouvel Observateur

Der portugiesische Literaturnobelpreisträger und Kommunist Jose Saramago erklärt einmal mehr, was von der Demokratie überhaupt zu halten ist. Anlässlich des Erscheinens seines neuen Buchs "Die Stadt der Sehenden" in Frankreich (,,La Lucidite", Seuil) erläutert Saramago in einem Interview seine in diesem Roman ausgebreitete These, dass die Demokratie am Ende und letztlich eine "Lüge" sei. "Die westlichen Demokratien sind nur politische Fassaden der ökonomischen Macht. Eine bunte Fassade mit Fahnen und endlosen Diskursen über die Demokratie. Wir leben in einer Zeit, in der man über alles diskutieren kann - mit einer Ausnahme: über die Demokratie. Sie ist da, das ist eine gegebene Tatsache. Nicht anfassen, wie in den Museen. Dabei sollte man, bevor es zu spät ist, eine Debatte, eine große, weltweite Debatte über die Demokratie eröffnen."
Stichwörter: Saramago, Jose

Magazinrundschau vom 26.09.2006 - Nouvel Observateur

Vor 150 Jahren, am 1. Oktober 1856 erschien in der Revue de Paris ein Vorabdruck von Flauberts Roman "Madame Bovary". Aus diesem Anlass hat der "flaubertsche unter den britischen Schriftstellern", Julian Barnes, für den Nouvel Obs exklusiv eine Geschichte geschrieben, in der Emma Bovary nicht stirbt und stattdessen erzählt, wie ihr Leben weiterging, nachdem sie und ihr Mann Charles Yonville verlassen hatten. "Die Pilze enthielten nicht genügend Gift. Ich habe überlebt. Ich bin betrübt darüber, die Geschichte verpfuscht zu haben, aber die Tatsachen sind die Tatsachen. Ich habe mich nicht aus Verzweiflung getötet; stattdessen wäre ich beinahe auf Grund meiner Rührseligkeit gestorben. Und ich versichere Ihnen, dass ich niemals daran gedacht habe, mich umzubringen." Barnes lässt diese Erzählung so enden: "Er hat zugenommen; und meine Haare sind grau geworden, ein Los, vor dem mir einst graute. Charles fährt jeden Tag mit seiner Kutsche zu seinen Patienten. Man vertraut ihm hier. Er behandelt einen Bauern, der sich ein Bein gebrochen hat, der Bauer gibt ihm dafür ein Huhn, das werden wir am Sonntag essen. Es ist ein Leben wie jedes andere. Ich habe meine Erinnerungen. Die Paare leben weiter. Und die Frauen leben auch weiter."

Magazinrundschau vom 05.09.2006 - Nouvel Observateur

Dass das Schriftstellerleben ein mühseliges Geschäft ist, hat einmal mehr der französische Soziologe Bernard Lahire in seiner empirischen Untersuchung "La Condition litteraire" ermittelt. Über 500 französische Autoren und Autorinnen hat er zu ihrer ökonomischen Situation und ihren Lebensverhältnissen befragt und bereitwillig Auskünfte erhalten. Das erste Bild, das sich daraus für Bernard Genies ergibt, ist wohl das "einer gewaltigen Frustration. Weil der moderne Schriftsteller gar nicht existiert. Oder besser gesagt: Um existieren zu können, muss er etwas anderes sein." Lahire zitiert Paul Fournel, der die Situation so zusammenfasst: "Kein Mensch fragt einen Filmemacher: Und wovon lebst du? Aber bei einem Schriftsteller ist es die erste Frage, die man ihm stellt... Ich habe sie schon tausendmal gehört." Viele müssen für ihren Lebensunterhalt deshalb in "Nebenberufen" wie Lehrer, Journalist oder Übersetzer arbeiten, denn die Einkünfte aus Buchverkäufen sind mehr als mau: "So haben 2003 44 Prozent der Befragten gar nichts erhalten, 9,3 Prozent weniger als 200 Euro, 6,6 Prozent weniger als 5.000 Euro und nur 9,3 haben die Marge von 10.000 Euro erreicht."

Magazinrundschau vom 25.07.2006 - Nouvel Observateur

Ein ganzes Dossier feiert in dieser Woche eine neue Generation junger, französischer Köche und ihre gastfreundliche, erfinderische und zuweilen revolutionäre Küche: Sie sei der Sterneküche absolut ebenbürtig, stellenweise sogar überlegen. Vorgestellt wird unter anderem Jean-Marie Baudic, dessen Lieblingswort "Youpala" ist, was so viel bedeutet wie: Kochen mit Gefühl, Jazz, Instinkt und Spontaneität. In seinem Youpala Bistrot in Saint-Brieuc gibt es keine Speisekarte und alle Gerichte haben einen Einheitspreis. Sein Credo: "Produkte und Gewürze sind Noten, eine ganze Farb- und Geschmackspalette. Jeden Tag das Gleiche kochen hat keinen Reiz. Ich mag es, morgens noch nicht zu wissen, was ich abends kochen werde, ich lasse mich lieber treiben. Wenn ich mir ein Produkt vornehme, sehe ich, was ich damit anstellen werde. Wenn man zu Freunden essen geht, weiß man nie, was es gibt. Genau wie bei mir."

Am besten klickt man sich nach Lektüre des Überblicksartikels durch die zahlreichen Einzelbeiträge, um bei diversen Rezepten, etwa jenem von Benjamin Toursel, Chefkoch des Restaurants Le Bourg in Astaffort, zu landen und Gefallen daran zu finden: "Gänseleber, Ananas und Pastinaken nach Art des Spiegeleis".

Zu lesen ist außerdem die Rezension einer als "subtile Lektion der Ambivalenz" gelobten Studie über die "Fantome" der Aufklärung: "L'Invention de la liberte, 1700-1789" (Gallimard) des emeritierten Genfer Dozenten für französische Literatur und Geistesgeschichte Jean Starobinski.

Magazinrundschau vom 30.05.2006 - Nouvel Observateur

Aus Anlass eines neuen Buchs des Essayisten Stephane Zagdanski ("De l'antisemitisme", Climats) bringt der Nouvel Obs ein Gespräch zwischen dem Autor und dem Anwalt und führenden jüdischen Resistance-Mitglied Theo Klein. Zagdanski sieht den Antisemitismus als eine Grundströmung über die Zeiten und Zivilisationen hinweg: "Ein Beispiel aus der jüngsten Zeit illustriert dies: Der Mord an dem jungen Juden Ilan Halimi durch eine Bande von Pariser Vorstadtgangstern geschah aus dem Motiv, dass Juden angeblich viel Geld haben und immer zusammenhalten. Für mich gibt es zwischen dieser Überlegung und dem Satz aus Marx' "Über die Judenfrage", wonach das Geld der eifersüchtige Gott der Judenheit sei, nicht den geringsten Unterschied. Selbst wenn der Mörder Youssouf Fofana niemals Marx gelesen hat, so hat sich der selbe Wahn in ihm unterirdisch fortgepflanzt." Klein rät demgegenüber zu gelassenem Selbstbewusstsein: "Ein Jude, der sich nur durch die Schoah definiert, die er nicht erlebt hat, und durch Israel, wo er nicht wohnt, verfehlt für mich das Wesen der jüdischen Identität. Und gerade diese Leute sind am empfindlichsten. Wenn das Judentum etwas wirklich Spirituelles für jemand ist, dann explodiert er nicht gleich bei jeder antisemitischen Dummheit."