Magazinrundschau - Archiv

Tygodnik Powszechny

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Magazinrundschau vom 19.12.2006 - Tygodnik Powszechny

Der polnische Schriftsteller Jerzy Pilch verrät im Interview mit Andrzej Franaszek etwas über seine Gründe zum Schreiben: "Schreiben ist wie eine Therapie. Wenn mehrere Stunden schreiben am Tag zu deiner beruflichen Pflicht wird, wird die Welt, die aus deinen Worten entsteht, realer als die wirkliche Welt. Sie gibt dir innere Ruhe und große Sicherheit. Grundsätzlich denke ich, dass glückliche Menschen keine Bücher schreiben."

Außerdem: Der Film "Workingmen's death" des Österreichers Michael Glawogger bewegte Jakub und Maciej Wisniewski dazu, sich intensiver mit dem Phänomen Arbeit in globaler Perspektive zu beschäftigen. Das Fazit der Ausführungen: "Was wir sehen, ist nicht das Ende der Arbeit als solche, sondern das Ende der Arbeit, wie wir sie kennen. Sie wird sich den Wandlungen des Kapitalismus anpassen müssen, wie sie es stets getan hat. Nach Mark Twain kann man sagen: die Kunde vom Tod des Arbeiters ist übertrieben."

Magazinrundschau vom 12.12.2006 - Tygodnik Powszechny

In der liberal-katholischen Wochenzeitung analysiert Marek Zajac den Papstbesuch in der Türkei. "'Wäre Benedikt XVI. zwei Tage länger in der Türkei, wäre er zum Islam übergetreten', schrieb ein türkischer Publizist. Tatsächlich verlief die Reise anders als erwartet. Der Papst wollte dem Dialog mit der orthodoxen Kirche einen neuen Impuls verleihen - und schrieb ein neues Kapitel in der Geschichte der Kontakte mit dem Islam." Zajac erinnert auch an die Ähnlichkeiten und Unterschiede zum Besuch Johannes Paul II. 1979 - damals hatte die türkische Öffentlichkeit sehr sensibel auf alle Gesten reagiert, die einer Manifestation der christlichen Religion ähnlich sahen. Heute erntete Benedikt XVI. Anerkennung für sein Gebet in der Blauen Moschee.

Magazinrundschau vom 24.10.2006 - Tygodnik Powszechny

Mit Beunruhigung registriert der Publizist Joachim Trenkner den immer intensiveren Flirt Putins mit dem Westen. "Deutschland als wichtigster russischer 'Brückenkopf' in Europa - das ist Putins Ziel, und deshalb versucht er, seine deutschen Partner dazu zu überreden, sich für russische Investitionen zu öffnen." Die Koalition in Berlin sei sich uneinig, wie weit man sich öffnen wolle. Aber schon jetzt sollte man sich fragen, wie viel Abhängigkeit im Energiesektor zulässig ist, wie weit man mit einer der korrumpiertesten Wirtschaften der Welt kooperieren will, und wie man den vorhersehbaren Konflikt mit den Ländern Ostmitteleuropas, insbesondere Polen, lösen will, so Trenkner.

Ewa Baliszewska empfiehlt den Besuch einer Ausstellung zu afroamerikanischer Kunst, die in der Warschauer Nationalgalerie "Zacheta" gezeigt wird. Gleichzeitig spricht sie auch das wichtigste Problem dieser Richtung an: das der Authentizität. "Die romantische Vision des schwarzen Künstlers, der sich auf der Suche nach Inspiration in seine afrikanischen Wurzeln vertieft, ist sowohl Aushängeschild als auch die größte Bedrohung der afroamerikanischen Kunst. Einige Kritiker meinen gar, sie sei geschaffen worden, um die Bedürfnisse von Weißen zu befriedigen. Im Kontext der schwarzen Pop-Kultur sind diese Vorwürfe besonders aktuell." So erzählt der Fotograf Hank Willis Thomas, wie er von weißen Freunden vorwurfsvoll gefragt wurde: "Hank, du hörst keinen Rap?! Also sind wir schwärzer als du?"

Magazinrundschau vom 17.10.2006 - Tygodnik Powszechny

Was ist nicht über die junge Schriftstellergeneration in Polen geschrieben worden, nachdem Dorota Maslowska den renommierten NIKE-Preis erhalten hat! Michal Olszewski, selbst junger Literat, beschreibt den Alltag dieser Spezies eher nüchtern: "Kaum setzen einige Verlage bewusst auf junge Schriftsteller, geht die ewige Meckerei wieder los: dass die Bücher zu klischeehaft sind, vulgär, provinziell oder eine billige Art von Postmoderne repräsentieren. Wenn sich die Autoren nicht mit dem Jetzt beschäftigen, wird ihnen Eskapismus vorgeworfen, fangen sie damit an, betreiben sie angeblich Publizistik." Olszewski plädiert dafür, genauer hinzuschauen, und nicht nur Maslowska zu sehen, denn "es passiert hier etwas. Junge Literatur hat einen hastigen Rhythmus, der den Zeitgeist widerspiegelt, so als ob die Autoren in Anspannung leben und nach der Arbeit schreiben würden. Das ist neu!"

Und was meint Dorota Maslowska selbst? In einem sehr langen Interview mit dem Tygodnik vergleicht sie die Preisverleihung mit der Geburt ihres Kindes: "Eine große Erleichterung. Ich muss nichts mehr beweisen. Ich wurde immer für eine Pseudo-Schriftstellerin gehalten, und jetzt bin ich in der richtigen Schublade gelandet. Andererseits fühle ich die Schwere dieses Urteils: Alle sind beleidigt!"
Stichwörter: Nike

Magazinrundschau vom 15.08.2006 - Tygodnik Powszechny

Mit der Nominierung von Wiktor Janukowytsch zum ukrainischen Premierminister hat sich Präsident Juschtschenko auf ein gefährliches Spiel eingelassen, meint Andrzej Brzeziecki. "Wer jetzt vom Verrat der Orangen Revolution und der Ideen vom Unabhängigkeitsplatz spricht, sollte bedenken, dass diese schon längere Zeit hinterfragt werden. Spätestens als sich nach den Wahlen im März die Helden von damals auf peinlichste Art und Weise gezankt haben, statt eine Koalition zu formen. Jetzt musste Juschtschenko den Frosch schlucken, den er selbst mit aufgezogen hat."

Weitere Artikel: Arkadiusz Stempin schreibt über die Schweriner Breker-Ausstellung: "Ob bewusst oder weniger bewusst: Sie entdämonisiert Brekers Werk, indem zum Beispiel die riesigen Ausmaße der Skulpturen verkleinert dargestellt werden. Statt sich des Themas objektiv, mit wissenschaftlicher Distanz anzunehmen wählte man den Aktionismus, für den Preis eines Skandals." Und Anna R. Burzynska hofft auf ein Brecht-Revival in Polen: "Die Faszination der jüngeren Generationen von polnischen Theatermachern für deutsche Kollegen wie Castorf oder Pollesch lässt auch bei uns auf eine Renaissance hoffen - des frühen Brecht vermutlich."
Stichwörter: Frösche, Anna R

Magazinrundschau vom 08.08.2006 - Tygodnik Powszechny

"Die ersten Äußerungen von Premierminister Kaczynski klingen fast so, als wolle sich Polen aus Europa verabschieden. Seine Philosophie lässt sich wie folgt zusammenfassen: die EU-Gelder bekommen wir, weil wir es historisch verdienen, und werden sie in unserem nationalen Interesse nutzen. Ansonsten ist eine polnische Beteiligung an europäischen Debatten nicht zu erwarten", schreibt der Brüsseler Korrespondent Marek Orzechowski. In den anderen Hauptstädten sieht es seiner Ansicht nach nicht viel besser aus: Italien ist mit sich selbst beschäftigt, genau so wie Spanien, von Frankreich gar nicht zu reden. Deutschland schiele zu sehr nach Paris, außerdem fehle es dem Land an Mut und Mobilität. "Polen erhält 50-60 Prozent aller EU-Mittel für die neuen Mitgliedsländer. Es wäre schon was, wenn es wenigstens 10 Prozent seines intellektuellen Potenzials in das Gespräch über Europa einbringen würde. Alles nehmen und nichts geben ist kein Rezept für eine effektive EU-Politik."
Stichwörter: Mobilität

Magazinrundschau vom 27.06.2006 - Tygodnik Powszechny

Was ist bloß mit Oriana Fallaci los? fragt das polnische Wochenblatt. "Ihre Drohung, die geplante Moschee nahe ihres Sommerhauses in der Toskana sprengen zu wollen, könnte für ein groteskes Beispiel für Xenophobie gehalten werden. Was dabei auch durchklingt, ist eine fundamentale Weigerung, durch die Globalisierung bedingte Veränderungen in ihrem alltäglichen Leben hinzunehmen. In der offiziellen Realität der EU gibt es keinen Platz für offene Bekundungen zum Althergebrachten. Was von Tradition übrig geblieben ist, sind Kodifizierungen für lokale Käsesorten und Schnaps."

Zygmunt Bauman warnt vor dem Reisen! Die Publizistin Olga Stanislawska zitiert den polnisch-britischen Soziologen, um mit ihm zu sagen: "Der Tourismus ist wie der Kolonialismus - der Reisende zeigt seine materielle und kulturelle Überlegenheit und Macht, in dem er für den Preis eines Tickets sich das Recht kauft, über die Eigenarten der Einheimischen zu staunen."

Magazinrundschau vom 30.08.2005 - Tygodnik Powszechny

Selbst in Polen ist man sich nicht immer bewusst, welche Wirkung für den ganzen europäischen Kontinent die Ereignisse in Danzig vor 25 Jahren hatten, konstatiert der Historiker und frühere Solidarnosc-Aktivist Jerzy Holzer. "Die Entstehung der freien Gewerkschaft war ein Ausdruck dafür, dass Millionen von Menschen in Polen den Katechismus des Kommunismus verworfen hatten. Der Kaiser war nackt - und es wurde endlich laut ausgesprochen. Die Solidarnosc wurde somit zur ersten großen Bewegung einer im Entstehen begriffenen Bürgergesellschaft. Der Weg dahin war noch sehr lang, aber wenn wir heute fragen, was von der Solidarnosc übrig geblieben ist, lautet die Antwort: dass man diesen Weg beschritten und ihn damit auch den anderen Nationen des Ostblocks gewiesen hat."

Magazinrundschau vom 23.08.2005 - Tygodnik Powszechny

Andrzej Stasiuk ist wieder nach Albanien gereist - ins "schwarze Loch Europas", wie er es nennt. "Hier war 600 Jahre lang die feudale Türkei, dann ein kurzer Paroxysmus der Freiheit zwischen den Krieg, und dann eine Katatonie des tribalen Kommunismus. Ich weiß selbst nicht, warum ich hergekommen bin. Es gibt hier keine Exotik. All diese Dinge, die Gerüche und all der Rest - das gibt es auch anderswo. Hier sind sie nur übersteigert, vervielfacht und herausfordernd wie billiges, starkes Parfüm in einem engen Raum."

Israel ist kein europäischer Außenposten im Nahen Osten, sondern ein Teil dieser Kultur - des Mittelmeerraums, stellt der israelische Schriftsteller Amos Oz im Interview mit dem polnischen liberal-katholischen Magazin fest. "Gerade in Israel sind die Traditionen der mediterranen Zivilisation am stärksten. Wir sind ein Land des Weins und der heißen Sommer, der Mittagsruhe und der langen Abende, ein Land des Handels und der schlechten Böden - so wie Griechenland, die Provence oder die Türkei."

Außerdem: Joachim Trenkner erzählt die Geschichte von Roland Jahn - einem deutschen Rebellen, der in den Achtzigern in Jena öffentlich die Solidarnosc unterstützte. "Er ließ sich von der Stasi nicht einschüchtern - obwohl er jahrelang verfolgt, von der Universität geschmissen, oft verprügelt und im Gefängnis isoliert wurde - er blieb ein Rebell. Einer der außergewöhnlichsten Oppositionellen in der Geschichte Ostdeutschlands. Ein sturer Individualist, ein enfant terrible der Friedensbewegung in Jena."

Magazinrundschau vom 05.04.2005 - Tygodnik Powszechny

Adam Boniecki, Chefredakteur der liberal-katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechny, die 1945 in Krakau gegründet quasi Wegbegleiter von Karol Wojtyla war, ehrt in einer Sonderbeilage "Johannes Paul den Großen". "Er sprach mit allen. Er empfing Menschen, die bei weitem nicht alle heilig waren, Diktatoren und Anführer, die Blut an den Händen hatten: Pinochet, Arafat. Er wusste, dass ein Treffen und ein Gespräch mehr bewirken konnte als verachtungsvolles Urteilen und Abwenden. Er sprach im Namen derer, von denen die freie Welt lieber nicht zu viel wissen wollte. Aber von seiner Größe zeugen weder Worte noch Ereignisse. Diese sind das Ergebnis seiner Größe. Die Logik des Glaubens und sein grenzenloses Vertrauen an Gott ließen Johannes Paul II die Zeichen der Zeit richtig entziffern und beantworten."

In einem anderen Artikel wird der Verlauf der Karwoche rekapituliert, und die "stille Ab- und Anwesenheit und das Leiden" des Papstes unterstrichen. "Vom Petersplatz aus schien alles so zu sein wie immer: hoch oben stand im offenen Fenster eine weiße Gestalt mit der roten Stola. Aber die Kameras von 104 Fernsehsendern aus 84 Ländern zeigten uns von Nahem jede Geste, jede schmerzvolle Grimasse. Sie schufen jene Nähe, die wir wollen und die wir fürchten, um nicht Auge in Auge mit dem Leid zu stehen."

Weitere Artikel: Anna Machcewicz beschreibt das schwierige Leben der vietnamesischen Einwanderer in Polen: "Sie sind auf der Straße leicht erkennbar und dadurch Freiwild für Räuber und, leider, für die Polizei." Viele Vietnamesen seien noch in kommunistischen Zeit zum Beispiel zum Studieren gekommen, der Rest sei größtenteils illegal eingewandert. "Man sollte sich deshalb hinsetzen und denen helfen, die schon in Polen sind, ihnen einen Raum geben, damit sie normal leben können. Zum Nutzen unseres Landes." Marek Cichocki vom Center for Eastern Studies erklärt im Interview, warum ein Dialog mit Russland immer schwieriger wird: "Die Menschen, die so einen Dialog führen können, melden sich aufgrund der aktuellen Stimmung nicht zu Wort. Das betrifft vor allem historische Diskussionen, die immer weniger von Historikern und immer mehr von Polittechnologen geführt werden."