Magazinrundschau - Archiv

Tygodnik Powszechny

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Magazinrundschau vom 31.07.2007 - Tygodnik Powszechny

Einer der internationalsten Orte Warschaus, wenn nicht Polens, steht vor dem Aus: Der "Jarmark Europa", ein Riesenbasar im Inneren des 10-Jahres-Stadion (hier der Film und die Serie dazu), soll schon bald einem Stadionneubau für die Fußball-EM 2012 weichen. "Noch drei Monate lang wird hier Musik aus der ganzen Welt erklingen und auf dem Feld Cricket gespielt. Ja, Cricket! - Das Spiel kam aus dem Britischen Imperium über Indien hierher, und wurde zu einer inoffiziellen Visitenkarte der Händler; ein interkultureller Sport, eine Schau, die all den Emotionen und Widersprüchen Raum lässt", schreibt Weronika Milczewska. "Der Jarmark steht für die Geburt Polens als Einwandererland".

Der polnische Maler Wilhelm Sasnal gilt als einer der aufregendsten der jungen polnischen Kunst. Der Durchbruch des "Provinzlers" steht für Adam Mazur auch für "das Verlassen des lokalen Kontextes durch mitteleuropäische Künstler, hin zu Produktionen, die weder durch Inhalt noch durch Form von der kosmopolitischen Kunst des Westens abweichen. Dabei geht es nicht um - für periphere Kulturen typische - zeitversetzte Nachahmungen, sondern um die Zugehörigkeit der Begabtesten zur Avantgarde, die die Sprache der zeitgenössichen Kunst mitbestimmen". Aber auch im Inland stehen die Zeichen günstig - durch das Förderprogramm für regionale Zentren zeitgenössischer Kunst und das ehrgeizige Projekt des zentralen Museums für Moderne Kunst.

Positives gibt es auch aus der Theaterszene zu berichten: Anna R. Burzynska freut sich, dass die Provinztheater in Legnica, Walbrzych oder Olsztyn nicht bloß den Weg des geringsten Widerstands gegangen sind - Aufführungen von Schullektüren vormittags, Farcen für die Reicheren abends -, sondern die Vielfalt der kleinen Formen entdeckt haben. "Dadurch beweisen die Direktoren, dass sie Theater für das lokale Publikum, und nicht angereiste Kritiker machen. Durch Einbeziehung von Amateuren, Lesungen, Werkstättenschauen und anderes fördern sie die natürlichsten Formen derBegegnung im Theater, wo es nicht um Effekt geht, sondern die schiere Möglichkeit der Arbeit und des Dialogs."

Magazinrundschau vom 10.07.2007 - Tygodnik Powszechny

Aus Anlass des zehnten Jahrestags des "Jahrhunderthochwassers" an der Oder stellt Michal Olszewski pessimistisch fest: "Die Liste der Fehler damals ist fast genau so lang wie die der Unterlassungen danach". Das Problem sei die Mentalität der Verantwortlichen: "Die Wasserbauer denken noch in Vorkriegskategorien: ein guter Fluss ist ein gerader Fluss mit festen Wällen. (...) Wenn aber das wirklich große Wasser kommt, reichen Dämme nicht aus. Und große Fluten kommen immer häufiger vor. Die Klimaveränderung tut ihr Übriges und die Bebauung von Überflutungsflächen und die Flussregulierung durch den Menschen kommt dazu". Dennoch entstehen in den Flussniederungen neue Wohnsiedlungen - bei Anwohnern und Entscheidern fehlt größtenteils der Wille und die Vorstellungskraft, um die Denkweise zu ändern.

Weiteres: Die Kulturanthropologin Joanna Tokarska-Bakir empfiehlt die Lektüre eines zweibändigen Tagebuchs ("Zamojszczyzna", 1918-1943 und 1944-1959) von Zygmunt Klukowski. Dieser Arzt aus dem, einer südostpolnischen Kleinstadt beschreibt in nüchternem Stil den Alltag in der Provinz in der Zwischenkriegszeit, die beiden Besatzungen und die Wirren der Nachkriegszeit. Und: zum Auftakt einer Artikelserie mit Urlaubstipps wird... Deutschland empfohlen! Das Land, das Polen üblicherweise nur durchfahren. Und wenn sie mal bleiben, dann nur zum Arbeiten oder Studieren, so Agnieszka Sabor. "Für alle, die Gegensätze suchen: Weltläufigkeit und Provinzialismus, Elitarismus und Plattheit, Askese und Zügellosigkeit, Getöse und Stille, ist Deutschland ein Ferienparadies!"
Stichwörter: Askese, Nachkriegszeit, Wasser

Magazinrundschau vom 19.06.2007 - Tygodnik Powszechny

In Minsk steht die Wirklichkeit Kopf - Alexander Lukaschenko entlässt politische Häftlinge und organisiert Konzerte "Für ein unabhängiges Weißrussland", der Kreml wiederum finanziert die Opposition - damit den russischen wirtschaftlichen Interessen nichts in die Quere kommt, im Falle eines Falles. "Der Westen hat sich von der pro-russischen Opposition etwas vorspielen lassen. Ihr einziges Ziel war es, die neue Bewegung um den früheren Präsidentschaftskandidaten Milinkewitsch zu marginalisieren. Die Regimegegner, deren Erkennbarkeit in der Gesellschaft ohnehin stark begrenzt ist. haben sich faktisch in zwei Lager geteilt: ein pro-russisches und ein pro-europäisches. Diese werden jetzt um die Vorherrschaft rivalisieren - genauer gesagt darum, wer zu Gesprächen zugelassen wird, sollte es in Zukunft endlich zu einem politischen Umbruch kommen", schreiben aus Minsk Malgorzata Nocun und Andrzej Brzeziecki.

Der Filmregisseur Andrzej Wajda hat ein neues Projekt: In Krakau sollen Stanislaw Wyspianskis nicht mehr realisierte Glasfenster auf Grund von Skizzen rekonstruiert und in einem Pavillon im Stadtzentrum ausgestellt werden. "Als ich vor 67 Jahren die Originalfenster in der Franziskanerkirche gesehen habe, schrieb ich das einzige Gedicht in meinem Leben. Zum Glück ist es nicht erhalten. Die rekonstruierten Glasfenster und die existierenden vereinigen sich in eine theologische Einheit, die von Tod und Wiedergeburt in künstlerischer Kreation erzählen", sagt der Regisseur dem Magazin.

Das Projekt eines neuen Museums für Zeitgenössische Kunst im Herzen Warschaus startete mit großer Fortune - überparteiliche Unterstützung, eine anerkannte Fachjury - bevor innerhalb weniger Wochen alles zusammenbrach. Der Siegerentwurf von Christian Kerez wurde als "Baracke" beschimpft, die Experten überwarfen sich. "Jetzt müssen die Politiker Probleme lösen, die eigentlich im Zuständigkeitsbereich der Fachleute bleiben sollten. Die neue Zusammensetzung des Beirats wird über den Rang des Projekts entscheiden. Anfangs wird die Institution weder über gute Sammlungen, noch über viel Geld verfügen. Was bleibt sind interessante Ideen und... Glaubwürdigkeit. Das erfordert allerdings, dass der Konsens wiederhergestellt wird", schreibt Piotr Kosiewski.

Magazinrundschau vom 29.05.2007 - Tygodnik Powszechny

Peter Esterhazy, dessen polnische Ausgabe seines Romans "Harmonia caelestis" auf ein breites Medienecho stieß, knirscht beim Interview mit den Zähnen, wenn es um nationale Identitäten geht. "Was es heißt, ein Ungar zu sein? Wenn ich diese Frage höre, schlage ich mit dem Kopf gegen die Wand. Aus der Sicht eines Franzosen kann man diese Frage gar nicht stellen. Es ist aber eine sehr deutsche und wohl auch polnische Frage". Europa ist ihm da viel näher. "Das europäische Denken ist ein aristokratisches - die noblen Familien leben in einem übernationalen Raum, so wie die jüdischen Familien auch. Man denkt einfach nicht in einem nationalen Rahmen."

Der Theaterregisseur Jan Klata hat Timothy Whites Bob-Marley-Biografie mit Bewunderung gelesen. "Dieses Buch ist suspekt. Ich lese es und verliere mich im Dickicht widersprüchlicher Fakten. Ich kämpfe mich durch ein Gestrüpp irrelevanter Informationen von großer Bedeutung. Dieses Buch ist das Ergebnis jahrelanger fanatischer Arbeit. Je mehr White über Bob Marley schreibt, um so komplexer scheint dieser beseelte Künstler, der wie ein Prophet sang, aber nicht wie ein Prophet lebte." Klata unterstreicht auch die Rolle der Rastafari-Religion im Leben des Musikers: "Wer wissen will, was die Bibel mit seiner Musik zu tun hat, sollte sie einfach hören. Er soll hören, wie die Mauern von Jericho fallen."

Magazinrundschau vom 01.05.2007 - Tygodnik Powszechny

Ganz Polen spricht von einem neuen Fünf-Jahres-Plan: Bis zur Fußball-EM 2012 sollen bunte Stadien, weite Autobahnen und unzählige Hotels entstehen. Der Publizist Marek Bienczyk teilt die Begeisterung: "In diesem einen Moment eröffnet sich die Zukunft vor uns. Plötzlich denken wir mit Begeisterung daran, was kommen wird, alles macht wieder Sinn. Die Planungen, dieser technologische Messianismus, unser traditioneller Glauben im digitalen Gewand, erlaubt es uns, auf die Erfüllung hin zu arbeiten. Schon wird von einer nationalen Tat gesprochen, der Mythos der blitzschnellen Modernisierung hat seine fünf Minuten..." Es ist klar, warnt Bienczyk, dass es noch etliche alarmistische Warnungen geben wird, einige Investitionen werden virtuell bleiben und die zweite Metrolinie in Warschau wird eine Straßenbahn werden, aber: "Es wird schon klappen, es wird schon irgendwie klappen".
Stichwörter: Bienczyk, Marek, Autobahn

Magazinrundschau vom 27.03.2007 - Tygodnik Powszechny

Aus Anlass des 50. Jahrestags der Römischen Verträge blickt das polnische Magazin zurück auf die Geschichte der europäischen Integration. Ein Themenschwerpunkt bilden "Nationen ohne Staat", online zu lesen ist der Beitrag über Schottland. "Das Verhältnis zu England besteht aus einer eigenartigen Mischung von Stolz und Überlegenheitsgefühl mit Komplexen und Abneigung. In öffentlichen Diskussionen, in Zeitungen und Internetforen - überall dominiert der Ruf nach Unabhängigkeit. Es ist nicht die Frage nach dem Ob, sondern nach dem Wann, behaupten die Schotten." Angetrieben werde der Seperatismus durch die Forderung, die Einnahmen aus der Erdölförderung im Land zu lassen, hindernd wirkt die Befürchtung, für den Zerfall Großbritanniens verantwortlich gemacht zu werden. Die Pläne sind jedenfalls weit vorangeschritten: es gibt eine Hymne, eine Flagge und einen Feiertag; unklar sei nur, ob ein Monarch "Mrs. Phillip Mountbatten, Herzogin von Edinburgh" (wie die Nationalisten Elisabeth II. nennen) ersetzen soll. "Letztens kam der Name von Prinz Harry ins Spiel - wäre das nicht schön, wenn das geteilte Großbritannien von zwei Brüdern regiert würde: William in England und Harry in Schottland."

Magazinrundschau vom 06.03.2007 - Tygodnik Powszechny

Wie sollte man neueste polnische Geschichte zeigen, ohne die Teilungen der post-1989-Zeit im Publikum zu reproduzieren, fragt Filmkritiker Tadeusz Lubelski? Man kann es wie Volker Schlöndorff ("Strajk - Die Heldin von Danzig") tun, dessen Film mit dem Sieg der "Solidarnosc" endet. Lubelski stören dabei aber die Ungenauigkeiten, die popkulturellen Konventionen und die Glubschaugen-Extatik von Katharina Thalbach. "Ausgerechnet in dem Moment, da sich neueste Geschichte einer großen Konjunktur erfreut, nehmen sich westeuropäische Regisseure polnischer Themen an. Davon haben wir nichts, denn sie versuchen nicht, einen Außenblick zu wagen." Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage will Lubelski in "The Queen" und im rumänischen "12:08 Östlich von Bukarest" gefunden haben: verschiedene Perspektiven einnehmen und Sympathien für die Helden wecken.

Magazinrundschau vom 13.02.2007 - Tygodnik Powszechny

Spätestens seit der Spitzelaffäre um den zurückgetretenen Warschauer Erzbischof Wielgus hat sich die polnische Diskussion um die Abrechnung mit der kommunistischen Vergangenheit verlagert. Viele konservative Politiker und Publizisten beschuldigen Adam Michnik, einst führender Dissident und jetzt Chefredakteur der einflussreichen Tageszeitung Gazeta Wyborcza, die sogenannte Lustration über Jahre behindert und gemeinsame Sache mit den (Post-)Kommunisten gemacht zu haben. Michal Olszewski sieht ein Kalkül hinter diesen Vorwürfen: "Die Zeit der Abrechnung ist gekommen. Die Gazeta Wyborcza und Michnik selbst, mit ihrer Strategie der nationalen Versöhnung und des Vergebens, sind in der Defensive. Das Sagen hat jetzt eine Gruppe, die vom Differenzieren genug hat, die an ein einfaches Gut und Böse glaubt. Der Kommunismus war böse, die unterlassene Abrechnung nach 1989 war böse. Jetzt ist die Zeit gekommen, sich an Michnik für alle realen und angeblichen Vergehen zu rächen."

Magazinrundschau vom 30.01.2007 - Tygodnik Powszechny

Michal Klinger unterstreicht eine weitere Dimension der EU-Erweiterung um Rumänien und Bulgarien: neben Griechenland sind zwei weitere orthodoxe Länder in die Gemeinschaft aufgenommen worden, Byzanz rückt etwas näher an Brüssel. "Zwar versucht die EU sich von religiösen Angelegenheiten fern zu halten, aber der stetige Integrationsprozess bedeutet auch, dass das gemeinsame Erbe mit immer mehr Strömungen und Kulturen angereichert wird. Johannes Paul II. hat von den zwei "Lungenflügeln" Europas gesprochen - den West- und Ostkirchen. Wenn wir also nach den Wurzeln Europas suchen, betrifft das nicht nur die westliche, sondern auch die byzantinische Kultur. Die gleichberechtigte Integration dieser Traditionen innerhalb der EU sollte dazu führen, dass neue Mechanismen zur Konfliktlösung im Spannungsverhältnis Ost-West entstehen, noch bevor die Kirchen das Schisma beenden." Nicht zuletzt könnte die Aufnahme weiterer orthodoxer Länder dazu führen, russische Vorbehalte gegenüber Europa als "westlichen Klub" abzubauen

Anlässlich einer Ausstellung im Krakauer "Internationalen Zentrum für Kultur" stellt Agnieszka Sabor den "slawischen Gaudi" vor: Joze Plecnik. Der slowenische Architekt war seinerzeit in vielen Städten der k.u.k.-Monarchie aktiv, und wurde vor gut zwanzig Jahren in Frankreich wiederentdeckt. "Der Vergleich trifft den Kern der Sache - beide, Gaudi und Plecnik, verbindet ein ähnlicher Individualismus, der es erlaubt, unorthodox, aber harmonisch Gegensätze zu verbinden: Tradition und Modernismus, Regionalismus und Internationalismus, Nord und Süd, Dekoration und Schlichtheit." Sabor unterstreicht, dass polnische Städte - dominiert von "primitiven" sakralen Neubauten - auch einen Plecnik gebrauchen könnten, der die Kirchenarchitektur erneuert.

Magazinrundschau vom 16.01.2007 - Tygodnik Powszechny

Der Sieg der Orangen Revolution in der Ukraine hievte Viktor Juschtschenko vor fast genau zwei Jahren ins Präsidentenamt. Andrzej Brzeziecki zieht eine vernichtende Zwischenbilanz: "Sein drittes Amtsjahr beginnt Juschtschenko eingeschlossen in seinem Sitz in der Bankenstraße. Er ist zerstritten mit der Regierung, und seine Beziehungen zum Parlament sind auch nicht die besten. Seine Popularität schwindet - laut Umfragen wurde sein größter Rivale, Viktor Janukowytsch, Politiker des Jahres 2006. Das alles ist Folge seines Politikstils - er laviert zwischen den Parteien und versucht, seine Gegner gegeneinander auszuspielen, wobei er als Technokrat wenig Gespür für solche Spielchen hat. Sein Ansehen als Staatmann leidet. Heute hätte er keine Chance mehr auf eine Wiederwahl."
Stichwörter: Juschtschenko, Viktor