Der Historiker
Karl Schlögel, der bei der Buchmesse mit dem
Friedenspreis ausgezeichnet wird, unterhält sich im
Zeit-Online-Gespräch mit Andreas Öhler über Russland und die Ukraine, aber auch über die deutsche Demokratie: "Sorge bereiten mir sowohl das BSW als auch die AfD. Deren Anhänger halte ich für gefährlich unterschätzt. Ich komme viel im Land herum und erlebe manchmal gespenstische Szenen. Vor einem halben Jahr war ich in Bautzen, wo jeden Montag eine Polit-Prozession mit gut 500 Teilnehmern stattfindet, mit Russlandfahnen und Emblemen der rechtsextremen Gruppierung 'Freie Sachsen'. Da frage ich mich, wie es möglich ist, dass eine solche Bewegung das Bild dieser wunderbaren Stadt mit all ihrem kulturellen Kapital usurpieren kann. Die meisten haben ja keine konkrete Kenntnis von Russland. Aber Putin ist in ihren Augen der
große Rächer, der es dem Westen zeigt, die Revanche für eine als misslungen empfundene Wiedervereinigung, für Kränkung und Demütigung. Es wäre die Aufgabe von Soziologen, Historikern, Schriftstellern, uns eine Erklärung dafür zu liefern."
Donald Trump und Wladimir Putin haben vereinbart,
über die Ukraine wie über eine Beute zu beraten. Das Treffen soll, wohl ohne Wolodimir Selenski, am Freitag in Alaska stattfinden. Trump stellt einen "
Gebietsaustausch" in Aussicht. "Putin hat es erneut geschafft, Trump an der Nase herumzuführen",
kommentiert Anastasia Magasowa in der
taz. "Statt von harten Sanktionen ausgebremst zu werden, steht für den Kremlchef nun eine persönliche Audienz beim amerikanischen Präsidenten an, auf US-amerikanischem Boden. Mit möglichen Landverlusten der Ukraine sowie mit Trumps Einladung von Putin
belohnen die USA den russischen Machthaber. Damit holen sie ihn aus der internationalen Isolation heraus."
Die wichtigsten europäischen Länder inklusive Großbritannien sowie der EU haben diese amerikanische Initiative am Wochenende im prächtigen Chevening House, einer Residenz des britischen Außenministers, mehr oder weniger
kraftlos abgenickt,
erzählt Dominic Johnson in der
taz: "
Weit entfernt scheinen die Tage direkt nach dem Skandal im Weißen Haus am 28. Februar, als Trump und Vance den ukrainischen Präsidenten Selenski gemeinsam vor laufender Kamera niederbrüllten. Schon am nächsten Tag hoben der britische Premierminister Keir Starmer und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gemeinsam eine '
Koalition der Willigen' für die Ukraine aus der Taufe. Es ging darum, der Ukraine auch ohne US-Hilfe militärisch beistehen zu können, notfalls mit eigenen Soldaten auf ukrainischem Boden. Es folgten Gipfel in London und Paris. Kein halbes Jahr später ist die
Bilanz ernüchternd. Eine eigene diplomatische Initiative hat in Europa niemand entwickelt, aber auch keine eigene militärische."
"
Gebietsaustausch" ist ein seltsamer Begriff, notieren auch Johannes Leithäuser und Sara Wagener in der
FAZ: "Die Ukraine kontrolliert derzeit keine nennenswerten Flächen russischen Territoriums. Kiew lehnt
jegliche Abtretung von Gebiet auch strikt ab: 'Die Ukrainer werden ihr Land nicht dem Besatzer schenken', sagte Präsident Wolodimir Selenski am Samstagmorgen in einer Videobotschaft. Die ukrainische Verfassung enthalte die Antwort auf territoriale Fragen."
"In Europa hat man es lange verpasst, den
Weißrussen zuzuhören, wie man es verpasst hat, die
Ukrainer in ihren Sorgen und Kämpfen ernst zu nehmen",
betont Ingo Petz in der
NZZ. Es wird Zeit, die Belarusen in ihrem Kampf gegen Lukaschenko und Russland und ernstzunehmen: "Das ungleiche Ringen um kulturelle und identitäre Einflusssphären erhielt in westlichen Gefilden so gut wie keine Beachtung, wo man Weissrussland ohnehin für eine unvollkommene, dem
Zerfallsprozess der Sowjetunion entsprungene, ohnehin irgendwie russisch geartete Nation hielt (...) Das Nachdenken über Identität und Kultur als Teil einer nationalen Selbstbestimmung, wie es in Weissrussland und der Ukraine als überlebenswichtig erachtet wurde, galt westlichen Intellektuellen als
rückwärtsgewandt."