Die USA verraten die
Ukraine, aber die entscheidende Frage für den
Osteuropahistoriker Karl Schlögel ist, ob
Europa willens und in der Lage ist, die Ukraine zu schützen, erklärt er im Interview mit dem
Tagesspiegel. Dass ihn manche, wie Sahra Wagenknecht, deshalb einen Bellizisten nennen, findet er absurd: "Ich nehme den Pazifismus ernst, aber eine pazifistische Bewegung, die von Frieden redet,
die Aggression und den Aggressor aber nicht beim Namen nennt, die nicht unterscheidet zwischen
Angriff und Verteidigung, ist blind. Ich kann sie nicht ernst nehmen. In welcher Welt lebt eine Friedensbewegung, die nichts aus der Geschichte des Appeasement gegenüber
Hitler 1938 gelernt hat? Die Leute, die auf Frieden mit Russland drängen, sollten sich einen Abend lang russische Medien anschauen. Der
Grad von Verhetzung ist unvorstellbar, und ich rede gar nicht von altbackener sowjetischer Propaganda und Falschinformationen, sondern vom schrillen Ton der Entmenschlichung, der Brutalisierung der Bilder, der Nonchalance, mit der über den Einsatz von Atombomben diskutiert wird."
"
Imperium heißt das Schlüsselwort" für Putins Russland, erklärt in der
NZZ der russische Journalist Andrei Kolesnikow. "Für die Menschen in Putins Umfeld ist die sowjetische Vergangenheit nur als
formale Hülle für die national-imperiale Ideologie wichtig. ... Putin baut nicht die Sowjetunion wieder auf, sondern ein Reich, das seinem Wunsch entspricht, 'Russland wieder groß zu machen'." Unterdessen zerfällt sogar die in der Sowjetzeit gebaute Infrastruktur. "Putin, der den Verfall hinnimmt, erweist sich als
antisowjetisch. Die Degradierung des menschlichen Materials ist erschreckend. Die UdSSR verfolgte und unterdrückte abweichende Meinungen, aber das
intellektuelle und moralische Niveau der gebildeten Kreise war hoch, die Intelligenzia übte die Herrschaft aus über Geist und Seele, man denke nur an Andrei Sacharow. Und jetzt aber haben wir es stattdessen mit Leuten wie dem Fernsehmoderator Wladimir Solowjow zu tun, der dazu aufruft, europäische Städte
in Schutt und Asche zu legen. Die Sprecherin des Aussenministeriums Maria Sacharowa und der Politikwissenschafter Sergei Karaganow machen sich einen Sport daraus, den Westen zu verfluchen."
In der
Türkei wurde nicht ein Wort, sondern ein Satz zum Ausdruck des Jahres gewählt: "
Ich werde verhaftet", erzählt Bülent Mumay in seiner
FAZ-Kolumne: "Verhaftung drohte früher nur Aktivisten, oppositionellen Politikern oder Journalisten. Heutzutage aber springt uns morgens nach dem Aufwachen
diese Phrase gleich dutzendfach aus den sozialen Medien an. Wer von der Polizei aus dem Haus geholt wird, setzt in aller Eile, bevor das Handy beschlagnahmt wird, diese Nachricht ab, damit die Angehörigen Bescheid wissen: 'Ich werde verhaftet!'"
Bei
Zeit online ist Wolfgang Bauer empört, wie kaltherzig die
afghanischen Helfer der deutschen Truppen im Stich gelassen werden: "Die Entscheidung ist ausschließlich politisch begründet, aber politisch ist sie
Irrsinn. So groß das Leid der Betroffenen ist, so verhältnismäßig gering ist ihre Zahl. Es geht um circa 2.000 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder. Sie sind
die Schlachtlämmer, die der Innenminister auf dem Altar der AfD opfert. Denn nur um die geht es bei diesem Aufnahmestopp. Es geht hier nicht um die Angst vor afghanischen Kindern und Frauen, die unsere Sicherheit in Deutschland gefährden, sondern ausschließlich um die Angst davor, dass die Partei von der Wut über die Aufnahme dieser Menschen profitieren würde. Doch wer immer Dobrindt politisch berät - er
berät ihn hundsliederlich."