Gestern wurde ein "Friedensplan" bekannt, den ein Unterhändler Trumps mit Putin ausgeheckt hat, über die Köpfe der
Ukraine und der EU hinweg. Die Ukraine soll
alle Gebiete und mehr abtreten, die Russland erobert hat und
ihre Armee begrenzen.
Wolodimir Selenski hielt eine historische Rede: "Wir erleben einen der schwierigsten Momente unserer Geschichte. Die Ukraine steht möglicherweise vor einer sehr harten Entscheidung: dem Verlust ihrer Würde oder dem Risiko, einen wichtigen Partner zu verlieren."
Hier die ganze Rede mit Untertiteln.
Es sind gerade die
scheinbaren Konzessionen Russlands, die in diesem "neuen Münchner Abkommen" katastrophal sind, schreibt der Politikwissenschaftler
Carlo Masala bei
Zeit online: "Von einem künftigen Angriff auf die 'Restukraine' soll Russland durch die Stationierung europäischer Kampfflugzeuge in Polen abgeschreckt werden. Man kann nicht umhin, dieses Konstrukt als
vollen Erfolg Russlands zu bezeichnen: eine vage Zusage der USA, sich militärisch zu engagieren, während die Hauptlast bei den Europäern bleibt. Wobei es allein um die sogenannte Abschreckung durch Entfernung geht, also nicht durch die Präsenz von Soldaten in der Ukraine, sondern
weit entfernt von der möglichen Front."
Gedemütigt werden auch die Nato und die Europäer: "Nicht nur, dass die Ukraine ihre künftige Neutralität und eine Absage an eine mögliche Nato-Mitgliedschaft in ihre Verfassung aufnehmen muss. Nein, die Allianz soll
eine Erklärung abgeben, dass die Ukraine nie in ihren Reihen aufgenommen werden wird."
Der amerikanische Historiker
Phillips Payson O'Brien ergänzt im
Atlantic: "Wenn Trump die Ukraine und ihre Verbündeten in Westeuropa dazu zwingt, ein Friedensabkommen zu akzeptieren, das Russlands Gebietsgewinne ratifiziert - wodurch Putin noch mehr erhält, als er erobern konnte, und keinerlei echte Zugeständnisse von ihm verlangt werden -, würde dies einer
vollständigen Rehabilitierung des russischen Präsidenten auf internationaler Ebene gleichkommen. Es wäre, als hätte Russland mit der Invasion eines souveränen Staates und der Eroberung eines großen Teils seines Territoriums nichts Unrechtes getan - alle klopfen sich gegenseitig auf die Schulter und machen weiter wie bisher. Wenn ein Friedensabkommen zum Ende der internationalen Sanktionen gegen Russland führt, wird dieses Land in den kommenden Jahren sein Militär wieder aufbauen und versuchen können, den Rest der Ukraine zu erobern, wenn es sich dazu bereit fühlt. Die Eroberung der Ukraine war
schon immer Putins Plan. Jetzt bereiten die Vereinigten Staaten ihn darauf vor, es erneut zu versuchen."
Die
Idee des Westens ist für Trump ad acta gelegt, kommentiert Reymer Klüver in der
SZ. "In Trumps zweiter Amtszeit setzen sich Businessleute durch... Russland gilt in dieser Weltsicht als geostrategischer Konkurrent, aber wegen seines enormen Energiereichtums auch als
möglicher Geschäftspartner. Ein Potenzial, das man wegen des Krieges in der Ukraine nicht nutzen kann. Was also liegt näher, als einen Friedensschluss zu günstigen Konditionen für Russland durchzusetzen und sich so den
Zugang zu milliardenschweren Deals dort zu sichern?"
Einen stillen Sieg hat der Westen Putin bereits in
Georgien gegönnt. Das Land wird zunehmend zu einer Diktatur wie Belarus,
schreibt Jens Uthoff in der
taz. Er schildert die Rolle des Schrifstellers
Zviad Ratiani, der in einer symbolischen Geste bei einer Demonstration einen Polizisten ohrfeigte: "Zviad Ratiani ist eine Art Public Intellectual in seinem Heimatland. Seit vielen Jahren setzt sich der Autor gegen die vom Oligarchen Bidsina Iwanischwili gesteuerte prorussische Regierung ein. Seine Gedichte handeln nicht selten von der Repression in Georgien. Ratiani ist mehrmals Opfer von Polizeigewalt geworden, erstmals wird er bereits 2017 verhaftet und misshandelt. Im Jahr darauf geht er ins Exil nach Österreich, 2022 kehrt er zurück, Ende November 2024 nimmt er an den proeuropäischen Demonstrationen nach den Parlamentswahlen in Georgien in Tbilissi teil. Polizisten prügeln ihn da krankenhausreif, er kommt kurzzeitig in Haft und wieder frei. Für die Ohrfeige verurteilt das Gericht in Tbilissi ihn schließlich im Oktober zu
zwei Jahren Haft."
Das vor dreißig Jahren geschlossene
Friedensabkommen von Dayton ist gescheitert,
schrieb Erich Rathfelder gestern in der
taz (unser
Resümee). Heute
erinnert er daran, wie ungläubig die bosnischen Soldaten waren, dass der Krieg durch das Dayton-Abkommen beendet war. "Zu tief saß die Enttäuschung darüber, dass der Westen und die UN über drei Jahre lang die Angriffe der serbischen Nationalisten unter dem später verurteilten Kriegsverbrecher Ratko Mladić
geduldet hatten - und ausgerechnet die Verteidiger Bosnien-Herzegowinas und seiner Hauptstadt
mit einem Waffenembargo belegt hatten. Im Juli hatten die schwer bewaffneten serbischen Angreifer unter den Augen der UN Tausende, zumeist unbewaffnete, Kameraden im ostbosnischen Dorf
Srebrenica hingeschlachtet. Und noch am 28. August hatten Granaten einige Dutzend Menschen auf dem Marktplatz Sarajevos zerfetzt."
Allein in Sarajewo gab es 13.000 Kriegstote.