Der Historiker
Volker Weiß beugt sich in der
SZ über ein von
Politico vor einigen Tagen
geleaktes Strategiepapier der AfD, das "nichts Geringeres vorsieht als die Zerstörung der bestehenden Regierungskoalition durch
massive Einwirkung auf die CDU, um anschließend mit deren Hilfe Alice Weidel den Weg ins Kanzleramt zu ebnen". Und nicht nur deshalb ist der Text deutlich "vom
Geist des Trumpismus geprägt", so Weiß: "Um dies zu erreichen, will die Partei einerseits die SPD nach links und die CDU nach rechts zwingen. Es gelte, steht im Konzept, Schwarz-Rot zu 'spalten', um die destruktive Dynamik einer 'Ampel 2.0' zu schaffen. Dafür will die Partei den Markenkern der CDU attackieren. Mit der Wirtschafts- und Sozialpolitik als Sollbruchstelle sollen die 'Gegensätze' in der Regierungskoalition 'unüberbrückbar' gemacht werden. Bereits jetzt stürzt man sich auf die Konzessionen, die Merz der SPD gemacht hat, wie Weidels 'Lügenkanzler'-Zwischenrufe in der Generaldebatte zeigten. Der jüngste Streit in der Berliner Koalition um die Nominierung von
Frauke Brosius-Gersdorf als Richterin am Bundesverfassungsgericht hat einen ersten Vorgeschmack auf das gegeben, was noch kommen wird - auch hinsichtlich der Frage, welche Teile der CDU der AfD entgegenkommen wollen." Das Strategiepapier der AfD findet sich hier als pdf-
Dokument.
Etwas spät steigt die
taz in die Debatte um die Rechtsprofessorin
Frauke Brosius-Gersdorf ein, die bekanntlich auf SPD-Ticket zur Bundesverfassungsrichterin gewählt werden sollte und an Widerständen in der CDU scheiterte (unsere
Resümees). Umstritten ist ihre liberale Position zur
Abtreibung (über ihre Ansicht, dass Rechtsreferendarinnen und Richterinnen Kopftuch tragen können sollen, wird leider überhaupt nicht debattiert). Luisa Faust
fasst den Streit so zusammen: "Seit ihre Kandidatur bekannt wurde, läuft eine
Kampagne organisierter Abtreibungsgegner*innen gegen sie. Auch der katholische Bamberger Erzbischof Herwig Gössl schaltete sich am Sonntag per Predigt in die Diskussion ein: Die Wahl von Brosius-Gersdorf wäre ein 'innenpolitischer Skandal', so Gössl und zeichnete ein düsteres Bild einer Zukunft, in der Abtreibung legalisiert wäre. Allerdings sind Brosius-Gersdorfs Positionen
mehrheitsfähig: Sogar unter Katholik*innen sind 65 Prozent für ein Ende des Abtreibungsverbots, wie sie es vertritt. In der gesamten Bevölkerung befürworten es 80 Prozent. In einem Kommentar
erkennt tazlerin Dinah Riese auf einen "
Kulturkampf von ganz rechts", der von der AfD ausgehe: "Aber, und das ist nun klar: Die Unionsspitze hat ihre Abgeordneten nicht im Griff, der Kulturkampf reicht
bis weit in ihre Mitte."
Und während die
taz den
Druck von rechts auf die CDU thematisiert, schreibt Eckart Lohse in der
FAZ über den
Druck von links: "Solange Merz und seine Truppen nicht den rechnerisch einfachsten Weg gehen und die Mehrheit nutzen, die Union und AfD miteinander haben, sind sie in unterschiedlichen Abstufungen
von linken Parteien abhängig: beim Regieren von der SPD und beim Herstellen von Zweidrittelmehrheiten von Grünen und Linkspartei."
Von Konservativen wird Frauke Brosius-Gersdorf als "
linke Kulturkämpferin" dargestellt - sieht man sich ihre Positionen allerdings im Detail an, ist davon nicht viel zu spüren, hält Mark Schieritz bei
Zeit Online fest. Gerade ihre Haltung zur Wirtschaft ist hier interessant, so behandelt ihre Dissertation "die Frage, ob die Unabhängigkeit der Deutschen Bundesbank mit dem Demokratieprinzip vereinbar ist".
In der
NZZ zeichnet Andrei Kolesnikow ein
Stimmungsbild aus Moskau und kommt zu dem deprimierenden Ergebnis: Die Russen leben einfach weiter, als wäre nichts: "Die Anpassungsfähigkeit der russischen Bevölkerung scheint grenzenlos. Die Einkommen der Mittelschicht sind relativ hoch: Womöglich handelt es sich um einen neuen Mittelstand, der sich aus den Nutznießern des Krieges zusammensetzt - von den Beschäftigten der Rüstungsindustrie bis hin zu den Familien von Soldaten, die Vergütungen vom Staat erhalten. Aber auch die
russische Tourismusindustrie erlebt einen Aufschwung: Die Preise auch für Inlandferien sind exorbitant hoch, und dennoch sind alle beliebten Reiseziele - von Kaliningrad im Westen bis Altai im Osten - überbucht. In Moskau sind keine Spuren des Krieges zu sehen. Abgesehen von den 'patriotischen' Symbolen auf den Straßen und den heroischen Porträts von Militärangehörigen. Die Restaurants sind mit gut gekleideten, betuchten Menschen gefüllt und ganze Viertel im Stadtzentrum voll von modern gestylten Geschäften mit teuren Angeboten der Luxusindustrie."
In der
Welt plädiert der Außenminister Estlands
Margus Tsahkna für die Einrichtung eines Sondertribunals, das über den
russischen Angriff auf die Ukraine zu Gericht sitzen soll, mit dem Fokus auf den "Tatbestand der Agression". Wie "einst die Nürnberger Prozesse, die nach dem Zweiten Weltkrieg eingerichtet wurden, um die Verbrechen des NS-Regimes aufzuklären und strafrechtlich zu verfolgen, würde sich ein Sondertribunal ausschließlich mit den Hauptverantwortlichen der russischen Aggression gegen die Ukraine - also der
politischen und militärischen Führung - befassen und wäre damit das erste Sondertribunal für das Verbrechen der Aggression seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Tribunal würde unter der
Schirmherrschaft des Europarats arbeiten und sicherstellen, dass jene, die tatsächlich für die Friedensverletzung verantwortlich sind, zur Rechenschaft gezogen werden. Dieser Mechanismus dient nicht nur der Gerechtigkeit, sondern auch der längst überfälligen Rechenschaft für Hunderttausende Opfer der russischen Aggression."
Der Ausspruch des Militärhistorikers
Sönke Neitzel vom "vielleicht letzten Sommer in Frieden" ging im Frühjahr durch die Medien, wurde aber auch heftig kritisiert (
unsere Resümees). Im Gespräch mit Neitzel versucht Paula Haase für
Zeit Online der kontroversen Aussage nochmal auf den Grund zu gehen: "'Wir sollten mit bestimmten Szenarien einer bestimmten Breite rechnen, was nicht heißt, dass der Worst Case eintritt.', so Neitzel. Neitzels Antwort auf die tausend möglichen Szenarien: 'Wir wissen es eben nicht, aber es ist immer noch die bessere Alternative aufzurüsten, als es nicht zu tun.'" Wenn man "Neitzel richtig versteht, dann wollte er mit seinem Ausspruch genau das: Dass wir die
Debatte nicht mehr wegdrücken. 'Die Leute, die sich nicht den ganzen Tag mit Sicherheitspolitik beschäftigen, sollen mitbekommen, wie ernst die Lage ist', sagt er. Mit seinem Satz habe er wachrütteln wollen. Das sei seine Rolle als Wissenschaftler in der Gesellschaft. 'Ich wünsche mir eine
ehrliche Debatte.' Das Wissen von Nachrichtendiensten und der Bundeswehr müsse durch die Politik an die Bürgerinnen und Bürger herangetragen werden. Nur dann könne man Einsicht erwarten, sagt der Militärhistoriker."