9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1636 Presseschau-Absätze - Seite 146 von 164

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2015 - Geschichte

Anlässlich der Berufung Neil MacGregors zum Gründungsdirektor des Humboldt-Forums skizziert Thomas Kielinger in der Welt die "Hassliebe" zwischen Deutschen und Briten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2015 - Geschichte

Was wird aus Posens letzter Synagoge? Erbaut wurde sie Anfang des 20. Jahrhunderts, dann von den Nationalsozialisten entweiht und umgebaut und nach dem Krieg jahrzehntelang als Schwimmbad benutzt. Erst 2011 wurde das Bad geschlossen. Heute ist das Gebäude viel zu groß, um der kleinen jüdischen Gemeinde als Gemeindesaal zu dienen, berichtet Sarah M. Schlachetzki in der NZZ. Für die Einrichtung eines Zentrums des interkulturellen Dialogs fanden sich keine Gelder. Jetzt soll der Bau teilkommerzialisiert werden: "Das Projekt sieht vor, den größeren Teil der ehemaligen Synagoge in ein Luxushotel zu verwandeln. Mit diesem und einem koscheren Restaurant soll zugleich ein kleines Museum der Juden in der Region Großpolen finanziert werden. Das Äußere des Gebäudes wird dabei nicht in neoromanischen Formen restauriert, sondern erheblich umgestaltet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2015 - Geschichte

Die Griechen haben jetzt ausgerechnet, dass die deutsche Reparationsschulden bei genau 278 Milliarden Euro liegen (mehr hier oder hier). In der NZZ befasst sich Joachim Güntner eingehend mit den Forderungen. Güntner führt verschiedene Bespiele von deutschen Zahlungen auf, um zu erklären, "dass Deutschland nie einen Reparationen-Vertrag unterzeichnete und dass sich trotzdem die deutsche Volksmeinung im Gefühl sicher glaubt, hinreichend Wiedergutmachung geleistet zu haben. Wobei anzufügen wäre, dass "Wiedergutmachung" nach dem Krieg noch kein skandalisierter Begriff war, sondern ein moralischer Hebel, der innere Verpflichtung bewirken sollte: "Wir Deutschen haben wirklich vieles wiedergutzumachen." Und gleich auch noch ein Wort zum deutschen Zahlmeister-Gefühl: Natürlich stehen die Leistungen, die Deutschland als Mitglied der Nato oder der Vereinten Nationen oder als größter Nettozahler in der EU seit Jahrzehnten erbringt (Leistungen, von denen auch Griechenland kräftig profitiert), in keinem Zusammenhang mit Entschädigungen für die Folgen des Zweiten Weltkriegs."

Der Schriftsteller Raoul Schrott erzählt in drei Sätzen in der NZZ von seinem Besuch in dem aus der Zeit Gori, dem georgischen Geburtsort von Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2015 - Geschichte

Shermin Langhoff veranstaltet am Gorki-Theater ein Festival zum hundertsten Jahrestag des Völkermords an den Armeniern. Im Tagesspiegel-Interview mit Patrick Wildermann spricht sie auch über die deutsche Mitverantwortung: "Wir sprechen von 25.000 Soldaten im Osmanischen Heer und von 800 Offizieren, also maßgeblich Verantwortlichen. Der Generalstabschef des Feldheeres, der die Artillerie befehligte, war ein Deutscher. Aber der türkische Historiker Taner Akçam sagt dazu: Man kann nicht Mitschuld thematisieren, ohne von Hauptschuld zu sprechen. Und die ist klar definiert. Die deutsche Rolle interessiert uns natürlich, weil wir ein deutsches Stadttheater sind, in der Mitte Berlins."

Autor Steffen Kopetzky erklärt im Interview mit der Welt zu seinem neuen Roman "Risiko" um die Niedermayer-Expedition nach Afghanistan 1915, wie er bei den Recherchen lernte, dass die Deutschen gewissermaßen der Katalysator für den heutigen Dschihad waren: Als Max von Oppenheim noch an der deutschen Botschaft in Kairo war, stand "fast die gesamte muslimische Welt unter dem Einfluss von Feinden des Deutschen Reichs". Und so ersann Oppenheim einen Plan, den Islam zu instrumentalisieren: "Er will ihn als Waffe benutzen. In seiner "Denkschrift zur Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde" entwarf Oppenheim einen weltweiten Plan. Nicht nur die Niedermayer-Expedition nach Afghanistan, sondern von Marokko bis Indien sollte der Dschihad jeweils auf spezifische Weise angefacht werden. Dazu brauchte es den osmanischen Sultan, der ja auch Kalif war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2015 - Geschichte

Die Zeit bringt eine Doppelseite zu Bismarcks 200. Geburtstag und kratzt ein wenig am Bild vom klugen Politiker - er selbst nämlich war es, der auf der Annexion Elsass-Lothringens beharrte, obwohl auch die Bevölkerung des Elsass sich Frankreich zugehörig fühlte, schreibt der Historiker Christoph Nonn, der die Annexion als schweren Fehler beschreibt. Mögliche Alternativen habe Bismarck nicht in Betracht gezogen: "Auch Moltke war nicht zimperlich. Allen Ernstes stritt er sich mit Bismarck darüber, was die "humanere" Methode sei, um die Franzosen zum Aufgeben zu bewegen: Paris in Schutt und Asche zu legen oder es auszuhungern. Im Januar 1871 - die Kämpfe hatten mittlerweile fast 200.000 Menschen das Leben gekostet - stimmte Frankreich der Abtretung Elsass-Lothringens schließlich zu... Das Deutsche Reich, gegründet in einer den Gegner demütigenden Zeremonie im Spiegelsaal des Versailler Schlosses, unternahm in der Folgezeit nichts, um die Bewohner des neuen "Reichslandes" wirklich zu integrieren und das Verhältnis zu Frankreich zu verbessern."

Norbert Lammert erinnert im zweiten Artikel an Parlamentarier aus der Bismarck-Opposition, die für das Zustandekommen der Demokratie in Deutschland mehr getan haben als der eiserne Kanzler.

In der FR will Wilhelm von Sternburg die seiner Ansicht nach beinahe religiöse Bismarck-Verehrung, nicht mitmachen und attestiert dem Reichskanzler vielmehr außergewöhnliche Intelligenz, Machtwille und Brutalität: "Bismarck war ein Renaissancemensch in preußischen Kleidern. Er aß und trank zeitlebens unmäßig, bestritt als Student begeistert unzählige Mensuren, machte am Spieltisch riesige Schulden, die ihn über Jahre belasteten, verliebte sich rasch in schöne Frauen, und er war zeitlebens ein gewaltiger Hasser."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2015 - Geschichte

Mit einem Spezial erinnert die Literarische Welt an den vor zweihundert Jahren geborenen Otto von Bismark. Alan Posener sieht im Kulturkampf gegen die - durchaus reaktionären und illoyalen - Katholiken den Sündenfall des deutschen Liberalismus und die Vorlage für die heutige Auseinandersetzung mit dem Islam: "Geht es Liberalen immer darum, die Staatsmacht einzuhegen, so handelte Bismarck immer nach dem Motto "Der Staat kann!". Der Kulturkampf weitete die Befugnisse des Staates aus, gewöhnte die Deutschen an die Vorstellung, dass sich der Staat in der Tat in Lebensbereiche einmischen kann, die bis dahin als sakrosankt galten: Ehe, Familie, Erziehung, Religion. Es sollte fortan keine Parallelgesellschaften - wie man sie heute nennen würde - geben, keine Loyalitäten, die über der Treue zum Staat standen. Diese zutiefst illiberale Haltung ist den Deutschen in Fleisch und Blut übergegangen; man findet sie bis heute bei vielen Menschen, die sich für fortschrittlich und demokratisch und liberal halten, auf die aber Moscheen und Kopftücher so aufreizend wirken wie Kruzifixe und Mönchskutten auf ihre liberal-illiberalen Ahnen."

Weiteres: In der NZZ schreibt der Historiker Christoph Jahr zu Bismarck und hält vor allem dessen Verachtung für Wilhelm Tell für heuchlerisch: "Das Taktieren aus dem Hinterhalt war Otto von Bismarck keineswegs fremd." Bernhard Lang erinnert ebenda an die vor fünfhundert Jahren geborene Mystikerin Teresa von Avila. Im Tagesspiegel plädiert Caroline Fetscher für Forschung, Aufklärung und Erinnerung, um gerade auch in Afrika die endlose Gewaltspirale aufzuhalten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2015 - Geschichte

Zum siebzigsten Jahrestag schildert Thomas Kielinger in der Welt die Zerstörung Danzigs, die er als Kind miterlebte: "Es wurde die erste audiovisuelle Erfahrung des noch nicht Fünfjährigen. Ich schrie aus Leibeskräften, die Hände an eine Laterne geklammert, mich dem Inferno verweigernd. Die Innenstadt war eine einzige Fackel, die Nacht wolkenlos, der Vollmond hinter Rauch glutrot gefärbt. Flammen überall, Hitze, sprühende Funken, zusammenbrechende Hausfassaden. Die Straße voller Gefährte, Panzer, Kutschen, Panjewagen, Leiterwagen mit Hausrat, totes Getier, schreiende Soldaten und Flüchtlinge."

Ebenfalls in der Welt stellt Sven Felix Kellerhoff das Projekt European Holocaust Research vor, das länderübergreifend 464 Archive und Einrichtungen vernetzt: "Was auf den ersten Blick nach reiner Fleißarbeit klingt, erweitert in Wirklichkeit die Möglichkeiten der Forschung, aber auch anderer Nutzer erheblich: Mit geringem Aufwand kann man künftig in der zum größten Teil in Englisch verfassten Datenbank nach speziellen Quellen zum Holocaust in bestimmten Orten oder zu einzelnen Personen suchen."



Vor 500 Jahren führte die Schweizer Eidgenossenschaft ihren letzten Krieg - und erlebte in Marignano eine schwere Niederlage, die ihrer Großmachtpolitik ein für alle mal ein Ende setzte. Eine Ausstellung im Landesmuseum Zürich erinnert nun an die Schlacht, berichtet Marc Tribelhorn in der NZZ: "Es zeigt sich, dass die Eidgenossen der Sprengkraft der Franzosen nichts entgegenzusetzen haben. Die verweigerte waffentechnische Modernisierung hat sie zu Fall gebracht. Die Sieger kennen kein Erbarmen, erbeuten alles Wertvolle und schneiden den Gefallenen auch noch das Bauchfett aus dem Leib." Allerdings vermisst Tribelhorn den Bereich der Erinnerungskultur in der um historische Rekonstruktion bemühten Schau. (Bild: Darstellung des Schlachtfeldes von Marignano durch den Augenzeugen Urs Graf, 1521)

Weiteres: In der FAZ denkt Gina Thomas über die symbolische Bedeutung der Umbettung der Gebeine Richards III. für die Briten nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2015 - Geschichte

Ziemlich empört antwortet der Historiker Jörg Baberowski in der Zeit auf die vergangene Woche erschienene Replik seines Kollegen Gerd Koenen auf seinen Artikel über Putin und die Ukraine (unser Resümee): "Ich habe nicht verlangt, man müsse der russischen Regierung freie Hand lassen, und ich habe nicht geschrieben, dass der Leidenskult keinen Respekt verdient. Ich habe vielmehr versucht, historisch zu erklären, warum das imperiale Projekt nicht nur Feinde, sondern auch Freunde hat und warum die Ukraine ein gespaltenes Land ist, in dem unterschiedliche Geschichten über Vergangenheit und Gegenwart erzählt werden. Ich habe also nur getan, was Historiker tun sollen. Sie sollen verstehen, was sie lesen und hören. Denn sie sind weder Staatsanwälte noch Richter, die Menschen danach bemessen, ob sie ihren moralischen Ansprüchen genügen."

Am Dienstag hat die Historikerin Miriam Gebhardt ihre Studie "Als die Soldaten kamen" über Vergewaltigungen nach dem Zweiten Weltkrieg in der Berliner Topografie des Terror vorgestellt. Umstritten diskutiert wurde Gebhardts Kalkulation von 190.000 durch amerikanische GIs begangene Vergewaltigungen, berichtet Stefan Hochgesand in der taz: "Es gab in allen Bundesländern bald nach Kriegsende bis 1955 Statistiken über Kinder von Besatzungssoldaten. Die Behörden fragten die Mütter auch, ob das Kind durch Gewalt entstanden ist. 1.900 Fälle in der US-Besatzungszone sind auf diese Weise dokumentiert. Schon diese Zahl ist nicht notwendig belastbar, beruht sie doch auf Selbstaussage der Frauen. Gebhardt nutzt sie trotzdem: "Es gibt eine allgemeine Formel, dass von jeder hundertsten Vergewaltigung ein Kind entsteht.""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2015 - Geschichte

Tayyip Erdogan hat zwar erste Anstalten gemacht, den Völkermord an den Armeniern einzugestehen, aber in den aktuellen türkischen Schulbüchern herrscht noch die alte Lehrmeinung, berichtet Rainer Hermann in der FAZ. Da heißt es zum Beispiel, "dass zwar 300.000 Armenier an den Kriegsfolgen und Krankheiten gestorben seien. Jedoch: "Nach offiziellen russischen Quellen haben die Armenier allein in Erzurum, Erzincan, Trabzon, Bitlis und Van an die 600.000 Türken massakriert, vertrieben wurden 500.000." Insgesamt hätten damals 1,4 Millionen Türken ihr Leben gelassen. Opfer wären also vor allem sie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2015 - Geschichte

Bevor am Donnerstag die Gebeine von Richard III. feierlich begeisetzt werden, erzählt Alexander Menden in der SZ noch einmal, wie Philippa Langley sie gegen jede Wahrscheinlichkeit auf einem mit einem "R" markierten Parkplatz in Leicester fand: "Am ersten Grabungstag, dem 25. August 2012, stießen die Archäologen um 14.15 Uhr als Allererstes auf einen menschlichen Beinknochen. Das war zunächst nicht ungewöhnlich, im Zentrum mittelalterlicher Städte findet man bei Grabungen oft alte Knochen... Nach und nach kam fast ein ganzes Skelett zum Vorschein, nur die Füße fehlten: Ein etwa 30-jähriger Mann mit Rückgratverkrümmung - keinem Buckel! - und furchtbaren Kampfverletzungen."
Stichwörter: Richard III., Leicester