9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2015 - Geschichte

Die türkische Gesellschaft ist in der Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Armeniern wesentlich weiter als die türkische Politik, schreibt der Korrespondent der FAZ, Michael Martens: "Eine Gruppe von Historikern und Intellektuellen protestierte unlängst in einem offenen Brief an die Regierung gegen den "offenen Hass und die Feindschaft" in der Darstellung der Ereignisse von 1915 in türkischen Schulgeschichtsbüchern, die immer noch voll von nationalistischem Gerümpel sind. Über die Deportationen von 1915 erfahren türkische Schüler darin fast nichts, und über das hunderttausendfache Sterben der Armenier enthalten die Bücher nur einen Halbsatz an der Schwelle zur Lüge." Zu den Unterzeichnern gehört Orhan Pamuk.

In seiner Rede zum Jahrestag des Völkermords an den Armeniern sagte Bundespräsident Joachim Gauck gestern Abend jenen Satz, der auch in der Petition des Bundestag steht, berichtet Spiegel online mit Agenturen: "Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist." In einer weiteren Passage "ging er auch auf die Mitschuld des Deutschen Reiches ein, im Ersten Weltkrieg Verbündeter des Osmanischen Reiches. Auch die Deutschen müssten sich insgesamt "noch der Aufarbeitung stellen, wenn es nämlich um eine Mitverantwortung, unter Umständen sogar Mitschuld, am Völkermord an den Armeniern geht"."

In der taz begrüßt der Publizist Jürgen Gottschlich, dass sich die deutsche Regierung zum Begriff "Völkermord" durchringen konnte und stellt fest: "Die deutsche Entscheidung ist keine Verurteilung der Türkei, sondern in allererster Linie ein Anerkenntnis eigener Mitschuld. Wenn die erste Empörung in Ankara sich gelegt hat, könnte das sogar ein Signal sein, welches es der türkischen Regierung leichter macht, sich aus ihrer jetzigen Sackgasse herauszumanövrieren. Deutsche Diplomatie hat Erfahrung mit Wiedergutmachungsfragen und der Aufarbeitung historischer Schuld. Es wäre hervorragend, wenn man der Türkei damit in aller gebotenen Vorsicht helfen könnte."

Ariane Bonzon stellt auf slate.fr einige Graphic Novels zum Völkermord an den Armeniern vor, darunter "Mission spéciale, Némésis" von Jean-Blaise Djian und Jan Varoujan, die auf der folgenden Seite die Ermordung Talaat Pachas, eines der Hauptverantwortlichen für den Völkermord, in Berlin 1921 zeigt - auf allzu genaues Lokalkolorit legt der Zeichner offenbar keinen Wert!



Weiteres zum Thema: Fürs Feuilleton der FAZ schreibt Christian H. Meier über die Nachfahren der Opfer in der Türkei heute. In der taz informiert Selcuk Oktay über Stiftungen, die versuchen, das 1915 von der Türkei konfiszierte armenische Eigentum zurückzubekommen; der Politologe Ruben Mehrabyan benennt im Interview den deutschen Umgang mit dem Holocaust als geeignetes Vorbild für den Umgang der Türken mit dem Völkermord an den Armeniern; und Isil Cinmen erinnert an den um Verständigung zwischen Türken und Armeniern bemühten, 2007 ermordeten Journalisten Hrant Dink.

Seit langem gibt es Streit um die sogenannten Elgin Marbles, einen antiken Kunstschatz aus 15 Metopen und 56 Reliefdarstellungen, den Thomas Bruce, der siebte Earl of Elgin, als britischer Botschafter in Konstantinopel Anfang des 19. Jahrhunderts aus Athen nach England überführte und der heute im British Museum steht. Wie nicht anders zu erwarten hat die britische Regierung die Ansprüche Griechenlands erneut zurückgewiesen, berichtet Georges Waser in der NZZ: "Allerdings befürwortete Sir Richard Lambert, der Aufsichtsratspräsident des Museums, in einem Brief an die Unesco "direkte Gespräche" mit den Griechen. Zu Leihgaben sei man bereit, so Lambert, aber nur, wenn deren Rückkehr nach London garantiert werde. Doch gerade für eine solche Idee hatte Athen bisher kein Ohr, widerspricht man dort doch der Ansicht, dass Lord Elgin "mit der Erlaubnis der damaligen Behörden" handelte."

Weiteres: Im Interview mit der FR spricht der Historiker Ian Kershaw über die frappierende Stabilität und den wirksamen Terror des NS-Systems in den letzten Kriegswochen. Andreas Kilb (für die FAZ) und Stephan Speicher (für die SZ) besuchen die Ausstellung zum siebzigsten Jahrestag des Kriegsendes im Deutschen Historischen Museum, die auch Eckhard fuhr in der Welt bespricht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2015 - Geschichte

Das Ullstein-Blog Resonanzboden bringt einen Auszug aus den Memoiren des Franzosen armenischer Herkunft Charles Aznavour: "Die junge türkische Generation, die keine Verantwortung für die Vergangenheit trägt, aber ein wichtiger Garant für die Zukunft ist, hat ein Recht darauf, Bescheid zu wissen und sich frei zu machen von einem Fehler, den sie nicht begangen hat."

Michael Hanfeld wundert sich in der FAZ, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten trotz des Gedenktags am Freitag so wenig zum Völkermord an den Armeniern bringen: "Es ist bedauerlich, fast schon sträflich, dass die bedeutenderen Gesprächssendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens es in den vergangenen Tagen versäumt haben, sich mit diesem Jahrhundertthema zu befassen."Immerhin kann man den Videorekorder programmieren, denn heute nacht wiedeholt die ARD Eric Friedlers große Dokumentation "Aghet" aus dem Jahr 2010.

Außerdem: Sven Felix Kellerhoff unterhält sich in der Welt mit dem Historiker Ernst Piper über die jetzt veröffentlichten Tagebücher des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2015 - Geschichte

Der kanadische Filmemacher Atom Egoyan schreibt in The Walrus über den Völkermord an den Armeniern: "Man sagt, die Zeit heile alle Wunden. Aber ein Armenier weiß hundert Jahre nach dem ersten Genozid in der modernen Welt, dass eine solche Heilung unmöglich ist, wenn die Nachfahren der Täter deren Rolle bei der Verfolgung meiner Vorfahren leugnen."

Im Guardian fordert der armenisch-amerikanische Schriftsteller Peter Balakian von der Türkei, dem Leugnen des Völkermords ein Ende zu machen und die wahren Zusammenhänge anzuerkennen: "Die Anfänge des Mordens liegen im späten 19. Jahrhundert, als armenische Reformer begannen, gleiche Rechte für Christen und Juden im Osmanischen Reich einzufordern, in dem Nicht-Muslime auf den rechtlichen Status von Ungläubigen gestuft wurden. Meist friedliche Proteste führten zu horrenden Massakern an mehr als 100.000 armenischen Zivilsiten unter Sultan Abdul Hamid II. in den 1890er Jahren. Als die Türkei während der Balkan-Kriege von 1912 bis 1913 immer mehr Territorium verlor, geriet sie in Panik." In Tablet hatte Balakian bereits über Israels Rolle in der Diskussion geschrieben.

Die türkische Gesellschaft sei längst weiter als die Regierung von Tayyip Erdogan, meint Christiane Schötzer in der SZ und rät daher zu mäßigem Druck: "Deutsche haben damals im Osmanen-Reich, das vor einem Jahrhundert ein enger Bündnispartner war, zugeschaut, als Armenier in die syrische Wüste getrieben wurden. Deshalb sollten die Politiker in Berlin auch jetzt nicht schulmeisterlich auftreten. Die Wende des Bundestags ist richtig, sie hilft den Versöhnern in der Türkei."

Die Los Angeles Times meldet: "Das Weiße Haus hat entschieden, dass Präsident Obama nicht das Wort "Genozid" benutzen wird, um die Morde an über einer Million Armeniern zu beschreiben."

In der FR schreibt der Historiker Jürgen Müller zum ersten Einsatz moderner Chemiewaffen bei Ypern vor hundert Jahren im Ersten Weltkrieg: "Um 18.00 Uhr ließ die deutsche Armee aus mehreren tausend Stahlbehältern 150 Tonnen Chlorgas abblasen. Es entstand eine sechs Kilometer breite und 600 bis 900 Meter tiefe Gaswolke, die durch den nordöstlichen Wind auf die feindlichen Stellungen getrieben wurde. Das Chlorgas, das schwerer als Luft war, sank in die französischen Schützengräben, wo die ungeschützten Soldaten völlig überrascht waren."

In der taz erinnern Überlebende der Giftgaseinsätze in Irak und Syrien die Einsätze jüngeren Datums in Halabja und Damaskus.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2015 - Geschichte

Auch die Bundesregierung schließt sich dem Resolutionsentwurf der CDU zum Völkermord an den Armeniern an, immerhin. Severin Weiland inspiziert den Satz, mit dem sie das tut, in Spiegel Online und staunt über die "hohe Schule der Spitzfindigkeit". Statt einfach zu sagen: "Der Bundestag verurteilt den an den Armeniern begangenen Völkermord", steht nun das Schicksal der Armenier "beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen und der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist". Aber weiter als Barack Obama ist man schon mal: "Als US-Senator hatte er einst versprochen, den Fakt des Genozids an den christlichen Armeniern anzuerkennen, als US-Präsident aber ließ er von seinem Ziel ab."





(Via Tablet Mag) Dieses sehr seltene Foto Sergei Prokudin-Gorskiis stammt aus einer Reihe von Farbfotos, die der Fotograf am Vorabend der Russischen Revolution von verschiedenen Ethnien im Zarenreich machte. Es zeigt zwei armenische Frauen in den Jahren unmittelbar vor dem Völkermord in der Türkei. (Sergei Mikhailovich Prokudin-Gorskii Collection at the Library of Congress)

Durchaus Fortschritte in der Türkei erkennt Raffi Khatchadourian im New Yorker: Zum ersten Mal in Jahrzehnten ist es möglich, das Wort "Völkermord an den Armeniern" auszusprechen, ohne gleich mit Strafverfolgung rechnen zu müssen. Liberale Türken in immer größerer Zahl brechen alte Tabus, und viele Kurden in der Türkei sprechen mit Traurigkeit über die Komplizenschaft ihrer Vorfahren."

Weiteres: Während die Armenier des Völkermords gedenken, der vor hundert Jahren begann, erinnern die Türken an die Schlacht von Gallipoli, berichtet Joseph Croitoru in der FAZ - und zwar ebenfalls am 24. April, dem Gedenktag des Völkermords.

In der taz weist außerdem Romani Rose - siebzig Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus - auf die in Europa immer noch verbreiteten Ressentiments gegen Sinti und Roma hin: "Vertreter der Politik und der Kirchen wiesen auf den wachsenden Antisemitismus hin, doch keiner der Redner erwähnte den gleichfalls virulenten Antiziganismus auch nur mit einem Wort."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2015 - Geschichte

Sehr instruktiv liest sich Markus Wehners Sonntags-FAZ-Interview mit dem Historiker Norman Naimark, für den kein Zweifel daran bestand, dass die Ereignisse in der Türkei vor hundert Jahren als "Völkermord" zu bezeichnen seien. Das Osmanische Reich sei überzeugt gewesen, "dass die Deportation und Vernichtung der Armenier für ihren militärischen Erfolg notwendig waren. Eine aktuelle Studie zeigt, dass es Anfang 1916 eine zweite Entscheidung gab, jene Armenier zu vernichten, die ihre Deportation in die Wüstenstädte in Nordsyrien überlebt hatten." Angesichts der aktuellen Debatte wäre man dankbar, wenn die FAZ dieses Interview online stellte!

Zeit online berichtet mit Agenturen, dass die CDU nun immerhin einen Antrag in den Bundestag einbringen wird, in dem der Völkermord beim Namen genannt wird. Der Text soll allerdings mit der Bundesregierung abgestimmt werden.

Im Feuilleton der FAZ schreibt Regina Mönch zur Zurückhaltung der deutschen Politik: "Wem also nutzt die starre Haltung der deutschen Regierung, die unermüdlich versichert, auf diesen Begriff, den des Völkermordes, verzichten zu wollen, weil es darum nicht gehe? Geht es um Wählerstimmen oder um einen Nato-Bündnispartner? In Umfragen und in eigentlich allen Medien ist das Echo auf diese Debatte nahezu einhellig: Ein Völkermord ist ein Völkermord und muss darum so benannt werden."

Für die SZ besucht Tim Neshitov den Sohn von Soghomon Tehlirian, der 1921 in Berlin den türkischen Großwesir und Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern, Talât Pascha, erschoss: "Sein Vater wurde damals zwar gefasst und vor ein Geschworenengericht in Moabit gestellt, aber die Geschworenen - ein Steinmetz, ein Juwelier, ein Schlosser, ein Apotheker - sprachen Soghomon Tehlirian frei: Wegen Unzurechnungsfähigkeit, weil der junge armenische Student seine Familie im Massenmord verloren hatte. Der Prozess war aber auch zu einem Gerichtsverfahren über die von Talât Pascha veranlassten Gräueltaten geworden, von denen die deutsche Öffentlichkeit nun zum ersten Mal ausführlich erfuhr."

Rue89 bringt einen Dokumentarfilm von Claire Koç, der erzählt, wie heutige Türken ihre armenische Herkunft entdecken und in der türkischen Gesellschaft Forderungen nach Anerkennung stellen:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2015 - Geschichte

In der NZZ erinnert Joseph Jung an den Juristen und Pamphletisten Friedrich Locher, der in den in den 1860er Jahren kräftig mit dazu beitrug, die wirtschaftsliberale Regierung Alfred Eschers in Zürich zu stürzen. Das Bild, das Jung zeichnet, könnte gut das eines Populisten aus dem 21. Jahrhundert sein: "Locher spürte, dass die Umwälzung in der Luft lag, und er wusste, was zu tun war, um das politische Erdbeben loszutreten: Er artikulierte das, was viele dachten, und steigerte es, indem er die "Opportunität" und die "herrschende Clique" und die "über das ganze Land netzartig ausgesponnene Cotterie" ebenso personalisierte wie Korruption, Oligarchie, Plutokratie, Servilismus, Protektion, Einschüchterung, Günstlingswirtschaft, Willkür in verschiedensten Formen und an allen Orten, die Instrumentalisierung von Justiz und Verwaltung oder die Unfähigkeit und Dummheit der Richter und Beamten."

Die Literarische Welt hat heute eine Themenausgabe zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Annett Gröschner sucht und findet im Prenzlauer Berg Spuren der letzten Kämpfe in der Schlacht um Berlin: "Was mit einem Gründerzeithaus bei einem Bombenangriff passiert, haben die Kinder in den Schulaufsätzen zu beschreiben versucht: "Eine Riesenfaust hat uns gepackt, zuerst gehoben und dann zu Boden geschmettert." So ähnlich, wie es Frau Globisch beschrieb, als der Wind sie ein Stück mitnahm. Kein Wunder, dass in den alten Gebäuden trotz Luxussanierung in der Nacht wie von Geisterhand die Türen aufgehen und die Bleistifte noch ein Stück weiterrollen, wenn sie herunterfallen. Die Luftminen und Sprengbomben haben auch die äußerlich unzerstörten Häuser krumm und schief gemacht. Wer das weiß, wundert sich, wenn die Leute mit den gierigen Augen durch die Häuser ziehen, um die begehrten Wohnungen zu astronomischen, wenn nicht sogar astrologischen Preisen zu kaufen."

Außerdem: Thomas Kielinger ist in der Welt immer noch fassungslos über die Bergen-Belsen Dokumentation der britischen Armee "German Concentration Camps Factual Survey", die erstmals auf der Berlinale 2014 öffentlich gezeigt wurde: "Man möchte die Augen abwenden, so unerträglich sind auch 70 Jahre nach ihrem Entstehen diese Bildsequenzen". Richard Kämmerlings stellt sieben Urszenen aus dem Mai 1945 zu berühmten deutschen Flakhelfern wie Grass zusammen. Matthias Matussek erinnert sich daran, wie genial Frank Schirrmacher in der FAZ die SS-Zugehörigkeit von Grass skandalisierte. Dirk Schümer unterhält sich mit dem Autor Jan Brokken, der für seinen Roman "Die Vergeltung" ein Kriegsverbrechen der Wehrmacht in seinem holländischen Heimatdorf rekonstruiert hat. Gisela Trahms liest Briefe ihres gefallenen Vaters, der am Marineprojekt "Valentin" mitgearbeitet hatte.

Und: Joachim Güntner beugt sich in der NZZ über den Zettel, auf dem Günter Schabowski handschriftlich vermerkte "Verlesen Reiseregelung". In der Welt denkt Lucas Wiegelmann über das angebliche Grabtuch Jesu nach, das ab Sonntag in Turin ausgestellt wird. Dirk Schümer hat - ebenfalls in der Welt - einige Bauchschmerzen, weil die Franzosen eine Euro-Münze der belgischen Zentralbank zum Gedenken an die Schlacht von Waterloo verhindert haben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2015 - Geschichte

Die deutsche Regierung kuscht vor Recep Tayyip Erdogan und wird den Völkermord an den Armeniern wohl nicht beim Namen nennen, schreibt Hasnain Kazim bei Spiegel Online: "Die deutsche Politik will am Freitag kommender Woche der Opfer dieser Geschehnisse gedenken. Im Bundestag ist eine einstündige Debatte geplant, im Anschluss soll eine Erklärung beschlossen werden. Das Wort Völkermord, sagen Abgeordnete aus Union und SPD, habe im ersten Entwurf zwar gestanden, sei dann aber gestrichen worden - aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten in der Türkei." Kazim zitiert auch den Journalisten Jürgen Gottschlich, der in einem Buch zur deutschen Kollaboration im Völkermord recherchiert hat, mehr im Tagesspiegel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2015 - Geschichte

In der NZZ begrüßt der Theologe Jan Heiner Tück nachdrücklich, dass Papst Franziskus an den Völkermord der Armenier gemahnt: "Er votiert für ein moralisches Konzept der Erinnerung, das durch das Gedenken an das Leid der Vergangenheit das Sensorium für die Opfer der Gegenwart schärfen will... Die päpstliche Botschaft, mag sie auch in Ankara noch auf taube Ohren stoßen, ist klar: Ohne Anerkennung der Wahrheit der Geschichte keine Heilung der Wunden. Ohne Heilung der Wunden keine Versöhnung. Ohne Versöhnung kein Friede."

Ganz richtig findet Klaus Kühlwein in der FR historisches Bewusstsein, würde sich das vom Vatikan aber auch wünschen, wenn es um seine eigene Rolle im Holocaust geht: "Siebzig Jahre nach dem Ende der Shoa wäscht der Vatikan immer noch seine Hände in Unschuld. Zu bedauern gebe es nichts - im Gegenteil. Pius XII. habe so viele Juden gerettet wie kein anderer und er habe seine Stimme erhoben gegen den Vernichtungswahn der Nazis. Er sei einer der großen Gerechten dieser Welt."

Der Historiker Mathias Middelberg erinnert im Gespräch mit Wolfgang Büscher in der Welt an den Anwalt Hans Calmeyer, der in der Nazizeit mehr Juden rettete als irgendein anderer Deutscher: "Er war ein hoher Beamter der deutschen Besatzungsbehörde in Holland. Seine Aufgabe war es, "rassisch" unklare Fälle zu entscheiden. In der NS-Terminologie gesprochen: War jemand "Volljude" oder "Arier"? Die Antwort auf diese Frage entschied über Leben und Tod. Das hieß, Calmeyer entschied über Leben und Tod. Diese Position hat er genutzt, um mindestens 3000 Juden zu retten. Darum wird er in Israel, in Yad Vashem, als Gerechter unter den Völkern geehrt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2015 - Geschichte

Für seine taz-Kolumne lässt sich Micha Brumlik Sebastian Voigts These durch den Kopf gehen, dass der Pariser Mai "68 nicht nur in einem banalen, sondern in einem historischen Sinn jüdisch war - die Hauptprotagonisten Pierre Goldman, Daniel Cohn-Bendit und André Glucksmann entstammten kommunistischen jüdischen Elternhäusern: "Tatsächlich solidarisierten sich die demonstrierenden Pariser Studenten mit dem an der Wiedereinreise nach Frankreich gehinderten Cohn-Bendit, indem sie riefen: "Wir sind alle deutsche Juden." Während sich Daniel Cohn-Bendit später zum klugen, das Maß politischen Handelns präzise einschätzenden Reformisten und André Glucksmann zum antitotalitären Philosophen wandelte, wurde Pierre Goldman, heute weitgehend vergessen, 1979 auf offener Straße erschossen." Allerdings legt Brumlik mit Blick auf Daniel Bensaid wert darauf, dass der Mai "68 nicht nur kommunistisch, sondern auch trotzkistisch war.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2015 - Geschichte

Hoffen wir, dass der Sommer nicht wird wie der nach dem Vulkanausbruch des Tambora in Indonesien vor 200 Jahren, der auch für Europa ungeheure Konsequenzen hatte. Martin Rasper erinnert in der taz an den Sommer 1816: "Schnee und Eis blieben monatelang liegen; es wurde nicht Frühling, es wurde nicht Sommer, das kümmerliche Getreide verfaulte an den Halmen. In manchen Gegenden gab es wochenlange Regenfälle und heftige Überschwemmungen; fast überall wurde der kälteste Sommer seit Menschengedenken registriert. In London fiel die Durchschnittstemperatur, die in den Jahren 1807 bis 1815 bei 10 Grad Celsius gelegen hatte, auf unter 4 Grad."

Christoph Baumer widmet sich in der NZZ der Erforschung der Vorgeschichte Kasachstans.