Die
türkische Gesellschaft ist in der Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Armeniern wesentlich weiter als die türkische Politik, schreibt der Korrespondent der
FAZ, Michael Martens: "Eine Gruppe von
Historikern und Intellektuellen protestierte unlängst in einem offenen Brief an die Regierung gegen den "offenen Hass und die Feindschaft" in der Darstellung der Ereignisse von 1915 in türkischen Schulgeschichtsbüchern, die immer noch voll von
nationalistischem Gerümpel sind. Über die Deportationen von 1915 erfahren türkische Schüler darin fast nichts, und über das hunderttausendfache Sterben der Armenier enthalten die Bücher nur einen Halbsatz an der Schwelle zur Lüge." Zu den Unterzeichnern gehört
Orhan Pamuk.
In seiner Rede zum Jahrestag des Völkermords an den Armeniern
sagte Bundespräsident
Joachim Gauck gestern Abend jenen Satz, der auch in der Petition des Bundestag steht, berichtet
Spiegel online mit Agenturen: "Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen,
ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist." In einer weiteren Passage "ging er auch auf die
Mitschuld des Deutschen Reiches ein, im Ersten Weltkrieg Verbündeter des Osmanischen Reiches. Auch die Deutschen müssten sich insgesamt "noch der Aufarbeitung stellen, wenn es nämlich um eine Mitverantwortung, unter Umständen sogar Mitschuld, am Völkermord an den Armeniern geht"."
In der
taz begrüßt der
Publizist Jürgen Gottschlich, dass sich die deutsche Regierung zum Begriff "Völkermord" durchringen konnte und stellt fest: "Die deutsche Entscheidung ist keine Verurteilung der Türkei, sondern in allererster Linie ein
Anerkenntnis eigener Mitschuld. Wenn die erste Empörung in Ankara sich gelegt hat, könnte das sogar ein Signal sein, welches es der türkischen Regierung leichter macht, sich aus ihrer jetzigen
Sackgasse herauszumanövrieren. Deutsche Diplomatie hat Erfahrung mit Wiedergutmachungsfragen und der Aufarbeitung historischer Schuld. Es wäre hervorragend, wenn man der Türkei damit
in aller gebotenen Vorsicht helfen könnte."
Ariane Bonzon
stellt auf
slate.fr einige
Graphic Novels zum Völkermord an den Armeniern vor, darunter "Mission spéciale, Némésis" von
Jean-Blaise Djian und
Jan Varoujan, die auf der folgenden Seite die Ermordung
Talaat Pachas, eines der Hauptverantwortlichen für den Völkermord, in
Berlin 1921 zeigt - auf allzu genaues Lokalkolorit legt der Zeichner offenbar keinen Wert!

Weiteres zum Thema: Fürs Feuilleton der
FAZ schreibt Christian H. Meier über die
Nachfahren der Opfer in der Türkei heute. In der
taz informiert Selcuk Oktay über Stiftungen, die versuchen, das 1915 von der Türkei
konfiszierte armenische Eigentum zurückzubekommen; der Politologe Ruben Mehrabyan
benennt im Interview den deutschen
Umgang mit dem Holocaust als geeignetes Vorbild für den Umgang der Türken mit dem Völkermord an den Armeniern; und Isil Cinmen
erinnert an den um Verständigung zwischen Türken und Armeniern bemühten, 2007 ermordeten Journalisten
Hrant Dink.
Seit langem gibt es Streit um die sogenannten
Elgin Marbles, einen antiken Kunstschatz aus 15 Metopen und 56 Reliefdarstellungen, den Thomas Bruce, der siebte Earl of Elgin, als britischer Botschafter in Konstantinopel Anfang des 19. Jahrhunderts aus Athen nach England überführte und der heute im British Museum steht. Wie nicht anders zu erwarten hat die britische Regierung die
Ansprüche Griechenlands erneut zurückgewiesen,
berichtet Georges Waser in der
NZZ: "Allerdings befürwortete Sir Richard Lambert, der Aufsichtsratspräsident des Museums, in einem Brief an die Unesco "direkte Gespräche" mit den Griechen. Zu Leihgaben sei man bereit, so Lambert, aber nur, wenn deren
Rückkehr nach London garantiert werde. Doch gerade für eine solche Idee hatte Athen bisher kein Ohr, widerspricht man dort doch der Ansicht, dass Lord Elgin "mit der Erlaubnis der damaligen Behörden" handelte."
Weiteres: Im Interview mit der
FR spricht der
Historiker Ian Kershaw über die frappierende Stabilität und den wirksamen Terror des NS-Systems in den letzten Kriegswochen. Andreas Kilb (für die
FAZ) und Stephan Speicher (für die
SZ) besuchen die
Ausstellung zum siebzigsten Jahrestag des
Kriegsendes im Deutschen Historischen Museum, die auch Eckhard fuhr in der
Welt bespricht.