9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1636 Presseschau-Absätze - Seite 147 von 164

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2015 - Geschichte

George Yancy unterhält sich für sein Blog The Stone bei der New York Times mit Noam Chomsky über Rassismus. Auf die Frage, ob an die Stelle des Rassismus gegen die Schwarzen ein antiarabischer Rassismus getreten sei, antwortet Chomsky: "Antiarabischer Rassismus hat eine lange Geschichte, und es gibt eine Menge Literatur darüber, Jack Shaheens Studien über Stereotype in visuellen Medien, zum Beispiel. Keine Frage, dass dieser Rassismus sich in den letzten Jahren ausgebreitet hat."

Weiteres: In der NZZ berichtet Joachim Güntner über die Eröffnung des neuen Berliner Kollegs Kalter Krieg, das vom Hamburger Institut für Sozialforschung, dem Institut für Zeitgeschichte, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie der Humboldt-Universität gegründet wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2015 - Geschichte

Der EU-Abgeordnete Alexander Graf Lambsdorff weist griechische Forderungen nach Reparationszahlungen in der Welt entschieden zurück: "Während die historische und moralische Aufarbeitung vergangenen Unrechts nicht enden kann und soll, muss es die juristische und finanzielle sehr wohl. Die heutige Generation junger Deutscher muss die deutsche Geschichte kennen, sie auch als handlungsleitend anerkennen - für Nazi-Verbrechen zahlen muss sie hingegen nicht mehr."

Dagegen weist die grüne Exbundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer im taz-Gespräch mit Pascal Beucker auf einen Präzedenzfall hin: "Ich habe mich seit den 80er Jahren mit der Zwangsarbeiterentschädigung befasst. Da wurde auch immer gesagt: Bitte nicht an diese Frage rühren, das wird teuer. Im Jahre 2000 gab es dann heftige Angriffe gegen deutsche Konzerne in den USA. Das führte zu dem Zwangsarbeiterfonds in Höhe von 10 Milliarden Mark. Das heißt: Es geht doch noch etwas, wenn der entsprechende politische Druck da ist. Den haben die Griechen natürlich nicht." Lambsdorff macht allerdings auf den Unterschied aufmerksam, dass sich die Ansprüche der ehemaligen Zwangsarbeiter nicht an den Staat, sondern an deutsche Privatunternehmen richteten.

Hundert Jahre nach dem türkischen Völkermord an den Armeniern fragt eine internationale Historikertagung in Berlin nach der Rolle Deutschlands in dem Verbrechen, berichtet Frank Nordhausen in der FR. Unzweifelhaft ist, dass die Berliner Regierung wusste, das sich die geplante Deportation der Armenier zu einem Massenmord entwickelte, und nichts dagegen unternahm: "So beklagte der armenierfeindliche Botschafter Wangenheim plötzlich die "Vernichtung der armenischen Rasse". Als er im Oktober 1915 an einem Schlaganfall starb, wurde er von Paul Graf Wolff Metternich abgelöst - dem einzigen Deutschen, der von einer hohen Position aus das Morden stoppen wollte, doch er wurde schnell wieder aus Konstantinopel abberufen. Die Angst, den wichtigen türkischen Verbündeten zu verlieren, gab den Ausschlag dafür, nichts zu tun - gemäß dem berüchtigtem Diktum des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg von Ende 1915: "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht.""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2015 - Geschichte

Alexander Menden huldigt in der SZ - zusammen mit der entsprechenden Ausstellung in London - der Magna Carta, die vor 800 Jahren verabschiedet wurde, um den Machenschaften von König Johann Ohneland Einhalt zu gebieten, und die noch heute als Garantin individueller Freiheit gegenüber der Staatsmacht ihre Gültigkeit hat: "Artikel 39 der ersten Magna Charta wird als Grundprinzip jedes Rechtsstaates angesehen: "Kein freier Mann soll verhaftet, gefangen gesetzt, seiner Güter beraubt, geächtet, verbannt oder sonst wie angegriffen werden; noch werden wir ihm etwas anderes zufügen oder ihn ins Gefängnis werfen, außer durch das rechtmäßige Urteil durch seinesgleichen, oder durch das Gesetz des Landes.""

Christian Bommarius erzählt in der Berliner Zeitung die Geschichte des Kameruners Manga Bell, der darauf pochte, dass auch Kolonialmächte an Gesetze und Verträge gebunden sind, und dafür gehängt wurde. Bommarius hat über ihn ein Buch geschrieben: "Er war in Deutschland zur Schule gegangen, hatte Jahre dort verbracht, konnte fließend Deutsch und berief sich in seinen Eingaben stets auf deutsches Recht. "Verträge sind einzuhalten" war sein Mantra."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2015 - Geschichte

Das französische Nationalarchiv befasst sich in einer Ausstellung mit der Kollaboration des Vichy-Regimes mit dem NS-Staat, berichtet Claudia Mäder in der NZZ: ""Les Français tous collabos?", fragen die Ausstellungsmacher am Schluss. Und verneinen klar: Die aktive Kollaboration sei ein Minderheitenphänomen gewesen, genauso wie der aktive Widerstand, der am anderen Ende des Verhaltensspektrums steht. Damit ist freilich noch nichts über die Masse zwischen den Polen gesagt, und so heilsam der differenzierende Blick für die kollektive Neurose sein mag, so einfach macht es die Fragmentarisierung dem Durchschnitt, sich unangenehmen Fragen zu entziehen."
Stichwörter: Vichy-Regime, Kollaboration

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2015 - Geschichte

In der SZ skizzieren Tomas Avenarius und Sonja Zekri die Strategie des IS, die hinter den Verwüstungen von Mossul und Nimrud steht: "Der Islamische Staat will das kulturelle Gedächtnis der Menschen im Nahen und Mittleren Osten vollständig auslöschen und Geschichte auf die knapp 100 Jahre islamischer Frühzeit reduzieren, auf die Lebenszeit Mohammeds und die Eroberung der damaligen Welt. Die kulturelle Festplatte der Region soll erst gelöscht und dann neu bespielt werden. Nur so kann sich der gewalttätige Islamismus mit seinem grotesken Anspruch auf globale Staatlichkeit zur einzig vorstellbaren Form von Religion und Gesellschaft erheben."

In der FAZ plädiert der Altorientalist Markus Hilgert nach der Verwüstung von Nimrud durch den IS dafür, wenigstens die Kulturschätze des Irak zu retten, die im wiedereröffneten Irakischen Nationalmuseum seit zwölf Jahren erstmals wieder zu sehen sind.

Judith Leister berichtet in der NZZ von den anhaltenden Debatten in München um die Verlegung von Stolpersteinen, gegen die sich der Stadtrat seit Jahren wehrt, vor allem weil die Israelitische Kulturgemeinde die Plaketten auf dem Boden ablehnt. So meint etwa Charlotte Knobloch: "Würdiges Gedenken kann nicht auf dem Boden, sondern muss auf Augenhöhe stattfinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2015 - Geschichte

Sein Vater ist in Kobane geboren, wohin seine Familie nach dem Genozid an den Armeniern flüchtete, erzählt der syrisch-armenische Journalist Harout Ekmanian in einem Artikel zum hundertsten Jahrestag des Genozids im Tagesspiegel: "Vor fünfzig Jahren gab es dort zwei Schulen, zwei Kirchen, es gab Kultur, Jugend- und Sportvereine. Wer konnte sich damals vorstellen, dass dieser ruhige Grenzort eines Tages im Fokus der Weltöffentlichkeit stehen würde, als Zankapfel zwischen den Kurden und dem "Islamischen Staat", dem größten Übel unserer Zeit? Wer hätte geahnt, dass diese kleine Stadt, in der hauptsächlich Überlebende des Genozids an den Armeniern wohnten, hundert Jahre später ähnliche Gräueltaten erleben würde?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2015 - Geschichte

Micha Brumlik war in Augsburg und fragt sich in seiner taz-Kolumne, warum sich der frühneuzeitliche Antikapitalismus eigentlich nur gegen die Juden und nicht gegen die Fugger richtete. Auch daran war Luther schuld: "1518 - lange vor seinen Hetzschriften - war Luther in Augsburg, wo er vor dem päpstlichen Gesandten seine aufmüpfigen Lehren widerrufen sollte, aber die Stadt fluchtartig verließ, da ihm Verhaftung drohte. Die Bauern aber, die Luther zu wörtlich nahmen, wurden Objekt seines geradezu genozidalen Hasses. In der 1525 verfassten Schrift "Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern" rief der Theologe zum Mord auf: "Drum soll hier erschlagen, würgen und stechen, wer da kann, und daran denken, dass nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann als ein aufrührerischer Mensch.""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2015 - Geschichte

Dan Diner erinnert in der Welt an die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel vor fünfzig Jahren: "Zwiespältig war das Unternehmen von Anfang an gewesen. Seinen zeremoniellen Ausdruck fand diese Ambivalenz im abends zuvor von den Delegationsführern der vertragsschließenden Parteien erzielten Einvernehmen, während und unmittelbar nach Vertragsunterzeichnung weder Reden zu halten noch Vertraulichkeiten auszutauschen. Nach außen hin sollte, trotz der zuvor diplomatisch erzielten Übereinkunft in der Sache, bleibender Dissens demonstriert werden. Einen das Vertragswerk besiegelnden Händedruck galt es zu vermeiden." (Der Text ist ein Vorabdruck aus einem neuen Buch Diners zum Thema.)

In Moskau erinnern kleine Metalltäfelchen an einst in den Gulag Deportierte - eine Aktion, die von den "Stolpersteinen" in Deutschland inspiriert ist, schreibt Elena Chizhova in der NZZ. Allerdings: "Es ist eine kleine Minderheit, die für die einzelnen Menschen, die zum Opfer des Staates wurden, Partei ergreift. Die im "sowjetischen Reagenzglas" erschaffene Mehrheit hingegen ist überzeugt: Die Millionen Opfer, die die Straforgane an ihrer "letzten Adresse" abgeholt haben, schmälern nicht allzu sehr die Errungenschaften des stalinistischen Regimes, dessen Höhepunkt der Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" war." Unterdessen bringt Spiegel Online die Meldung, dass der Oppositionspolitiker Boris Nemzow von gedungenen Mördern auf offener Straße erschossen wurde (hier ein Nachruf bei Radio Free Europe, mehr in der Welt).

Weiteres: Jürgen Gottschlich erinnert in der taz an deutsche Mitverantwortung für den Genozid an den Armeniern. Ebenfalls für die taz porträtiert Lennart Labrenz Alwin Meyer, Autor des Buchs "Vergiss Deinen Namen nicht - Die Kinder in Auschwitz".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2015 - Geschichte

Weder auf der Westerplatte noch in Moskau sollte in diesem Jahr des Endes des Zweiten Weltkriegs gedacht werden - sondern in Berlin, meint Adam Krzeminski in der Welt: "Den Sowjetsoldaten, die gegen die Wehrmacht kämpften und zu Hunderttausenden auf ihrem Marsch nach Berlin fielen, gebührt Respekt und den Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges das traditionelle Glas Wodka auf dem Roten Platz. Doch muss man auch daran erinnern, dass ihr Sieg über das Dritte Reich einer Hälfte Europas keine Freiheit brachte, sondern ein aufgezwungenes System und Unterdrückung. Dass erst die Revolution 1989 die Folgen des stalinistischen Imperialismus korrigiert hat. Dass wir das Recht auf ein anderes historisches Gedächtnis haben. Und auf eine andere Art, es auszudrücken."

Weitere Artikel: Ebenfalls in der Welt freut sich Sven Felix Kellerhoff auf die nach langer Bauzeit im April bervorstehende Eröffnung des Neubaus für das NS-Dokumentationszentrum in München. In der FAZ plädiert Jürgen Kaube gegen eine Umwandlung des Lehrstuhls Martin Heideggers an der Uni Freiburg in eine "Juniorprofessur für Logik und sprachanalytische Philosophie" - weil damit auch die Husserl-Tradition geopfert würde, die Heidegger mit dem Lehrstuhl usurpierte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2015 - Geschichte

"Hans Robert Jauss, der weltberühmte Romanist: ein Kriegsverbrecher", staunt Joachim Güntner in der NZZ angesichts des an der Universität Konstanz aufgeführten Stücks "Die Unerwünschten" von Gerd Zahner (wir berichteten). Für das Jauss von Zahner angelastete Kriegsverbrechen waren allerdings französische, nicht deutsche Offiziere verantwortlich, erklärt Güntner und verweist auf das für Anfang Mai angekündigte Gutachten des mit Nachforschungen zu Jauss beauftragten Historikers Jens Westemeier: "Seine Biografie der Jaussschen Jahre von 1921 bis 1948 dürfte umfangreiches neues Material präsentieren. Details verrät der Historiker zurzeit nicht. Nach wie vor fehlen der Öffentlichkeit Belege, die Hans Robert Jauss eine Beteiligung an Kriegsverbrechen nachweisen. Man sollte also dem Moralismus, so wenig appetitlich der große Romanist uns auch erscheint, nicht vorschnell die Zügel schießen lassen."

Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler erinnert in der SZ an die Berliner Konferenz vor 130 Jahren, in der die Aufteilung Afrikas unter den Kolonialmächten beschlossen wurde, und an genozidale, auch von Deutschen begangene Verbrechen in Afrika, die folgten: "In der Breite der Gesellschaft ist dieses Ereignis fast vergessen, und damit auch, dass es Berlin war, wo die geregelte Aufteilung Afrikas durch Europa ihren Anfang nahm."