9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2022 - Geschichte

Eugen Ruge warnte vor eine Woche, nicht die Russen als verantwortlich für den Stalinismus und später für den Ukraine-Krieg anzusehen (unser Resümee). Man solle keine nationalen Schemata über das Geschehen legen. Gerd Koenen widersprach schon (unser Resümee). Heute schreibt der Historiker Martin Schulze Wessel, dass die Russen selbst diesen Nationalismus produzierten. Ja, der Holodomor war kein Ereignis, das nur die Ukraine betraf, räumt er gegenüber Ruge ein. "Nur ist das Narrativ der allgemein sowjetischen Hungerkatastrophe aus ukrainischer Sicht nicht die ganze Geschichte. Denn der von Stalin ausgelöste Hunger wurde im Falle der Ukraine willentlich verschärft, um vermutetem Widerstand zuvorzukommen - eine konstruierte Geschichte, ähnlich der Rechtfertigung des Terrors gegen die sowjetischen Polen. Gleichzeitig mit der Beschlagnahmung von Getreide auf dem Land verhaftete die Sowjetmacht in den Städten ukrainische Schriftsteller und Künstler, die in ihrer Sprache schrieben und ihre Nationalkultur pflegten. Auch hier setzte der Stalinismus russische Traditionen fort."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2022 - Geschichte

Der Osteuropaforscher Benno Ennker erkennt in einem Essay für die Gegenwart-Seite der FAZ zwar Bezüge zum Faschismus im Putinismus, allerdings fehlen ihm auch zentrale Elemente wie etwa die Mobilisierung nach innen. Viel stärker scheinen ihm Bezüge zum Stalinismus, der sich in dem von Putin verteidigten Hitler-Stalin allerdings auch mit dem Faschismus verbündete. Auch personell gebe es zum Stalinismus naturgemäß die größten  Verknüpfungen: Die Eliten seien "mit einer Vielzahl von Fäden mit der einst von Stalin geschaffenen sowjetischen Nomenklatura verbunden, wie in entsprechenden Untersuchungen wiederholt festgestellt wurde. Unter Berücksichtigung der elterlichen Herkunft machen Nomenklatura-Abkömmlinge selbst 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion einen Anteil von 60 Prozent in der politischen Elite aus, wie eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung von Maria Snegovaya ergab."

In der SZ macht Sonja Zekri ihrem Unbehagen über Timothy Snyders sehr aktive Unterstützung der Ukraine Luft. Ist das noch Wissenschaft, fragt sie? Verdreht der Historiker Snyder nicht auch ganz schön Fakten? Sie wirft ihm insbesondere vor, die Geschichte der Ukraine zu verklären und den Stalinismus mehr oder weniger mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen: So spreche er vom Holodomor als "spezifisch ukrainisches Ereignis" ohne zu erwähnen, dass Kasachen und Wolga-Bauern ebenfalls ausgehungert wurden. Und er spreche fast immer von sowjetischen "Konzentrationslagern", nicht vom Gulag. "Regelrecht verstörend aber wird es, wo er die Kollaboration mit den deutschen Besatzern bei der Ermordung der jüdischen Bevölkerung behandelt. Es ist eines der schmerzhaftesten Kapitel der ukrainischen Geschichte, denn ohne ukrainische - baltische, polnische - Helfer hätten die Nazis die Shoah schwerer durchführen können. Snyder geht den umgekehrten Weg. Er spielt die Kollaboration herunter, beschreibt sie als Folge einer Täuschung durch die Nazis, die den Ukrainern einredeten, alle Juden seien Kommunisten und alle Kommunisten Juden, oder als erzwungen und alternativlos. Dass es in der Ukraine - wie in vielen Staaten Osteuropas und wie in Europa insgesamt - einen virulenten Antisemitismus gab, dass viele Ukrainer ideologische Gründe für die Teilnahme am Holocaust hatten, erwähnt er nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2022 - Geschichte

Fast hätte man gedacht, die Hohenzollern-Familie würde nachlassen in ihren Versuchen, Schlösser und Kunstwerke zurückzuergattern, doch für das Frühjahr ist nun eine erste Verhandlung vor dem Landgericht Potsdam angesetzt. In der FAS findet die Düsseldorfer Rechtsprofessorin Sophie Schönberger, dass der Fall beileibe nicht so kompliziert oder unklar sei, wie die Hohenzollern gern behaupten. Stichwort Vorschubleisten: "In jüngerer Zeit wurde immer wieder behauptet, ein 'Vorschubleisten' liege nur dann vor, wenn das NS-Regime ohne das Handeln des ehemaligen Kronprinzen nicht in gleicher Weise errichtet worden wäre. Dieses Erfordernis ist der Rechtsprechung schlicht fremd. Es wäre auch absurd, einen solchen Kausalitätsnachweis zu verlangen, der historisch nie zu erbringen ist. Der Tatbestand liefe völlig ins Leere. Die Rechtsprechung verlangt daher allein, dass das Verhalten des Betroffenen die Bedingungen für die Errichtung des NS-Regimes objektiv verbessert hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2022 - Geschichte

Im Gespräch mit Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) erinnert sich die Historikerin Annette Leo, die in einer jüdisch-kommunistischen Familie aufwuchs, an die antizionistische Politik der DDR. Zum BDS sagt sie: "Was mich an der Israel-Kritik manchmal irritiert und stört, ist der besondere Fokus gerade auf diesen Konflikt. Das ist mir verdächtig. Warum beschäftigen sie sich nicht in demselben Maß mit dem Sudan, Ägypten, Syrien, Irak, Iran oder unzähligen anderen Beispielen? Warum wird sich so überdurchschnittlich über Israel empört? Das zeugt doch davon, dass da ein unterschwelliger Antisemitismus hineinspielt. Und wenn jemand sagt, die israelische Armee geht mit den Palästinensern so um wie die Nazis mit den Juden, dann hat er sich deutlich als antisemitisch geoutet. Es passieren schlimme Dinge in den besetzten Gebieten, doch das ist etwas anderes als der Holocaust. Aber wenn jemand mit der BDS-Bewegung (...) sympathisiert, wäre der für mich nicht zwangsläufig hinter der roten Linie. Ich selbst möchte diese Boykottbewegung, wo es ja vor allem um kulturelle Kontakte geht, gar nicht unterstützen, weil es die Falschen trifft - und klar gibt es Antisemiten, die dort aktiv sind. Aber im Grunde genommen ist es doch ein friedlicher Protest gegen ein ungerechtes Besatzungsregime. Warum das jetzt so verteufelt wird …"

Der Historiker Norbert Frei erinnert in der SZ an die zwölf Nürnberger Nachfolge-Prozesse, die vor 75 Jahren endeten. Bei den Juristenprozesse "präparierten die Amerikaner das 'System der Grausamkeit und Ungerechtigkeit' eindrucksvoll heraus, dem sich die Angeklagten 'unter Verletzung der Kriegsgesetze und der Gesetze der Menschlichkeit' verschrieben hatten - im Namen des Rechts." Aber: "Anders als beim Ärzteprozess, der einige Monate zuvor mit sieben Todesstrafen (aber auch mit vielen Freisprüchen) zu Ende gegangen war, nahm die Öffentlichkeit nun kaum mehr Notiz. Das hing mit dem enormen Widerwillen zusammen, mit dem die Deutschen inzwischen alles beäugten, was nach Entnazifizierung roch, allerdings wohl auch mit den vergleichsweise milden Strafen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2022 - Geschichte

Der Krieg war schon immer ein finsteres Geschäft. Der Wiener Historiker Florian Wenninger erzählt in einem Twitter-Thread, wie mit den Leichen verfahren wurde, die bei der Schlacht von Waterloo liegen blieben, die 20.000 Opfer gefordert hatte. Zähne von Gefallenen wurden etwa ausgebrochen, in Gebisse montiert und teuer verkauft. "In den Wochen nach der Schlacht wurden die Toten zusammen gesammelt und in Massengräbern verscharrt. Das Merkwürdige: in besagten Massengräbern wurden später ganze zwei Skelette gefunden. Von 20.000. Was war mit den restlichen Toten geschehen? In den 1830ern explodierten die Preise für Knochenmehl, das als phosphatreicher Dünger auf den Feldern ausgebracht wurde. Knochenmühlen kauften Gebeine en gros auf und stellten keine Fragen. Schon länger nimmt man also an, dass ein Gutteil der Toten zu Dünger verarbeitet wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2022 - Geschichte

Geschichte wiederholt sich nicht, betont der britische Historiker Ian Kershaw im FR-Interview mit Martin Hesse - "trotz dieses Spruchs von Karl Marx". Und deshalb sei auch nicht Liz Truss die Wiedergängerin von Margaret Thatcher und Putin nicht der neue Stalin: "Er ist eine Person der Vergangenheit, er blickt zurück auf eine vergangene Zeit. Seine Helden stammen vermutlich aus dem 18. Jahrhundert, nicht aus dem 20. Jahrhundert. Mit seinem Angriff auf die Ukraine hat er uns auf jeden Fall in eine neue Zeit versetzt. Wenn ich ein weiteres Buch schreiben würde, was ich nicht vorhabe, eines über das 21. Jahrhundert, würde Putin ohne Zweifel dazugehören. Merkel auch, Blair wahrscheinlich auch. Man müsste es global anlegen. Xi Jinping, Trump, Modi, Bolsonaro, Erdogan wären dabei, das zeigt die verminderte Wichtigkeit von Europa, anders als im 20. Jahrhundert, als es in der Mitte des Geschehens stand, in beiden Weltkriegen und weit darüber hinaus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2022 - Geschichte

Etwas undeutlich wehrt sich die Historikerin Rebekka Habermas in der Zeit gegen den Althistoriker Egon Flaig, der in der FAZ neulich darauf hinweis, dass Sklaverei keine westliche Erfindung war sogar den Kolonialismus verteidigte, der oft als Kampf gegen Sklaverei auftrat (unser Resümee). Die Sklaverei sei durch Europa in Afrika eingeführt worden, so Habermas. Flaig stelle abenteuerliche Thesen auf, etwa, "etwa die, dass die sogenannte Sklavenbefreiung - übrigens eine historische Bewegung, die sich dem aktiven und passiven Widerstand versklavter Menschen innerhalb und außerhalb Afrikas und Amerikas sowie vornehmlich religiösen Gruppierungen in Europa verdankt - ein Akt gewesen sei, der ohne die Europäer, die die Menschenrechte erfunden hätten, nicht passiert wäre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2022 - Geschichte

Während Nikita Chruschtschow in der Kubakrise vor sechzig Jahren eine friedliche Lösung ermöglichte, hätten Fidel Castro und Che Guevara die Atombombe auf Kuba bevorzugt, erinnert der Historiker Lukas Böckmann in der FAZ: "Die Revolutionsführung zog aus Chruschtschows Agieren einen weitreichenden Schluss. In Havanna kam man zu der Überzeugung, dass im Ernstfall kein Verlass auf die sowjetischen Verbündeten war. Noch in den ersten Novembertagen brachte Ernesto Guevara in einem längeren Aufsatz über die Taktik und Strategie der Revolution in Lateinamerika zum Ausdruck, was das politisch für die Zukunft bedeutete. In der zurückliegenden Krise hatte die kubanische Bevölkerung, Guevaras Ansicht nach, 'das fiebererregende Beispiel eines Volkes abgegeben, das bereit war, sich in der atomaren Konfrontation zu opfern, damit seine Asche als Dünger neuer Gesellschaften diene'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2022 - Geschichte

"Wieder einmal verliert Russland den Verstand", konstatiert der große Viktor Jerofejew und meint das wörtlich: Jeder junge Mann, der einigermaßen bis drei zählen kann, sucht augenblicklich Fluchtwege aus Russland. Jerofejew nutzt den Exodus, um an die Episode des "Philosophenschiffs" vor genau hundert Jahren zu erinnern. Lenin und Trotzki bewiesen ihren "Humanismus", indem sie einige missliebige Intellektuelle nicht einfach erschossen oder nach Sibirien schickten, sondern in ein Schiff Richtung Westen verfrachteten, darunter etwa den Philosophen Nikolai Berdjajew. "In dieser Liste fand sich auch Putins Lieblingsphilosoph Iwan Iljin, antisowjetisch bis zu einem Grad, dass er später Hitler als Kämpfer gegen den Kommunismus guthieß. Auf Putins Anordnung hin wurde die Asche Iljins aus der Schweiz nach Moskau überführt und feierlich beigesetzt. Die Asche Berdjajews verblieb auf einem Friedhof bei Paris." In Jerofejews Text finden sich zwei weitere Sätze, die so traurig schön sind, dass wir sie zitieren müssen: "Die Hoffnung ist der Feind jedes Emigranten. Sie saugt alle Kraft aus ihm."

Von 1949 bis 1990 zündete die Sowjetunion 715 Atomsprengsätze, erinnert der Historiker Stefan B. Kirmse in der NZZ. Kritische Stimmen wurden verschwiegen, die Gefahr von Atomkraft verharmlost: "Bei allen Sprengungen täuschte die verniedlichende Bezeichnung der friedlichen nuklearen Explosionen darüber hinweg, dass letztlich Atombomben gezündet wurden, zum Teil mit der zehnfachen Sprengkraft von jener von Hiroshima. Die Bomben zeigten das utopische Denken und die Rücksichtslosigkeit nicht nur der politischen Führung, sondern auch der sowjetischen Natur- und Ingenieurwissenschaft, die vom System in großem Maße profitierte. Wenn die Sowjetunion ein Imperium war, dann war sie auch ein Imperium der Ingenieure."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2022 - Geschichte

Der Historiker Egon Flaig wendet sich im großen Feuilletonaufmacher der FAZ gegen die Idee retrospektiver Gerechtigkeit, die sich etwa in Reparationsforderungen für Sklaverei manifestiere. Sie lasse vor allem außer Acht, dass auch andere Gesellschaften, besonders muslimische und afrikanische, Menschen versklavten. Seine Argumentation führt ihn sogar so weit, den Kolonialismus zu rechtfertigen, der sich häufig aus dem Kampf gegen Sklaverei legitimierte: "Jeder Begriff von Fortschritt schleppt die Inkaufnahme der Kosten seiner eigenen Universalisierung mit sich. Um die grauenhaften Versklavungskriege im Inneren Afrikas zu stoppen, reichte es nicht, den Sklavenhandel an der Küste zu unterbinden. Die Briten mussten Invasionen durchführen. Sie intervenierten seit 1807 zögernd und seit 1848 massiver im Innern, desgleichen die Franzosen. Selbstverständlich mussten sie teure militärische Einsätze durchführen und Protektorate errichten, die man später Kolonien nannte."