9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2019 - Geschichte

In der NZZ erzählt Marc Neumann die Geschichte der Underground Railroad - jenes geheimen Netzwerks, das bis zu 100.000 Schwarzen die Flucht aus der Sklaverei in die Freiheit der amerikanischen Nordstaaten und Kanadas ermöglichte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2019 - Geschichte

Götz Aly schreibt in seiner Berliner-Zeitungs-Kolumne ein kleines Porträt des Holocaust-Historikers Yehuda Bauer, der mit seinen 93 Jahren nochmal nach Berlin kommt und am nächsten Mittwoch im Centrum Judaicum reden wird: "Er war Soldat im israelischen Unabhängigkeitskrieg, Melker im Wüsten-Kibbutz Shoval, Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem, ist Ideengeber und einer, der sich seit jeher für diejenigen interessiert, die anderer Meinung sind als er, um mit ihnen zu streiten, von ihnen zu lernen. Bauer wägt und prüft liebend gern das Neue - die Wiederholung des wissenschaftlichen Konsenses langweilt ihn. Deshalb besuchte er mich im Frühjahr 1988 in Berlin, um eine Wissenslücke zu schließen, um Genaueres über die damals wenig erforschten Euthanasiemorde zu erfahren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2019 - Geschichte

Wer weiß schon etwas "über den Farhud in Bagdad, jenes Pogrom des Jahres 1941, das den Auftakt für das Ende der über zweieinhalbtausend Jahre alten jüdischen Gemeinde im Irak bildete", fragt Stephan Grigat in der NZZ, der unter Bezug auf  die Studie "Die Juden der arabischen Welt" des Historikers Georges Bensoussan die Geschichte der Vertreibung arabischer Juden erzählt: "Von den fast 900.000 in arabischen Ländern vor 1948 lebenden Juden sind heute nur wenige Tausend übrig geblieben, die Mehrheit von ihnen in Marokko und Tunesien. Die Zahlen sind erschütternd: Von den über 250.000 marokkanischen Juden sind nur etwa 2.000 im Land geblieben. In Tunesien lebten 100.000 Juden, heute sind es 1000."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2019 - Geschichte

Das Vergessen ist in der Jugend angekommen. Die 26-jährige Bahlsen-Erbin Verena Bahlsen hat behauptet, dass es den Zwangsarbeitern in der Firma prima ging. Die Zahl der Zwangsarbeiter ging in Deutschland in Kriegszeiten in die Millionen, antwortet Andreas Rüttenauer in der taz unter Bezug auf Mark Spoerers Buch "Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz". "Was Spoerer auch schreibt: Zwangsarbeiter retteten unter lebensgefährlichen Umständen Produktionsanlagen, die später den westdeutschen Reichtum begründeten. Frau Bahlsen kann also auch deswegen so heiter plappern, weil Zwangsarbeiter ihre Haut riskiert haben. Die Verwüstung des europäischen Kontinents, der Genozid an den europäischen Juden, die Kriegsverbrechen der Wehrmacht basieren auf Zwangsarbeit. Und doch wird mit einem Mal über Zwangsarbeit wie über etwas gesprochen, von dem man noch nicht so genau weiß, was es war und was es zu bedeuten hat."

Christoph Kapalschinski versucht, die junge Erbin in einem Handelsblatt-Artikel zu verteidigen. In einem Artikel von ihm stand eine andere Äußerung von ihr - über ihre Lust auf eine Segeljacht -, deren Ironie absichtlich missverstanden worden sei. Ihre Äußerung zur Zwangsarbeit aber kann er nicht verteidigen: "Verena Bahlsen wiederholt .. ein Argument, das widerlegt ist: die Legende vom guten Unternehmer in schweren Zeiten. Wer Verena Bahlsen kennt, kann annehmen: Das macht sie, weil sie es nicht besser weiß - nicht, weil sie Geschichtsrevisionistin ist. Spätestens seit dem Bild-Artikel ist sie jedoch auf Twitter und Facebook Freiwild." Nun ja, sie besitzt ein Viertel einer großen Firma, die Zwangsarbeiter beschäftigte, da hätte sie im Geschichtsunterricht schon ein bisschen aufpassen sollen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2019 - Geschichte

Es ist eines der gut gehüteten Geheimnisse der deutschen Wirtschaftsgeschichte, dass die viel beschworenen Erfolge des Wiederaufbaus oft auf Grundlagen beruhten, die während des Kriegs durch Zwangsarbeit gelegt wurden. Die Keksfirma Bahlsen habe sich nichts zuschulden kommen lassen, sagte die 25-jährige Erbin Verena Bahlsen in einem Bild-Interview, obwohl auch Bahlsen Zwangsarbeiter beschäftigte. Felix Bohr resümiert bei Spiegel online: "Während Opfer des Nationalsozialismus nach 1945 um gesellschaftliche Anerkennung und vielfach um Entschädigung kämpfen mussten, konnte die Unternehmerfamilie im Wirtschaftswunder schnell an ihre alten Erfolge anknüpfen: 1959 beschäftigte sie wieder 1.500 Mitarbeiter."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2019 - Geschichte

Hubertus Knabe erinnert in seinem Blog an den Tod des DDR-Dissidenten Jürgen Fuchs vor zwanzig Jahren, der von der Stasi mit schändlichsten Methoden gequält und verfolgt worden war - und möglicherweise an den Folgen einer Vergiftung starb. Eindrucksvoll schildert Knabe, wie sich Fuchs als 25-Jähriger wochenlanger Vernehmung im Stasi-Gefängnis widersetzte, indem er innerlich den Spieß umdrehte und seinen Vernehmern "mit geradezu wissenschaftlichem Interesse bei der 'Arbeit'" zuschaute: "Auf unsichtbare Weise verkehrte er damit die Rollen -  und entzog sich damit partiell dem Druck, der auf ihm lastete. Weil Jürgen Fuchs im Gefängnis weder Stift noch Papier bekam, konnte er sich nur unsichtbare Notizen machen - mit dem Finger oder einem 'Stift' aus Schokoladenpapier auf der Tischplatte und manchmal nur in der Luft. Mit Hilfe dieser Methode, die die Vernehmer nicht zu deuten wussten, entstand in seinem Kopf ein Tagebuch, das ihm auch bei den regelmäßigen Zellenkontrollen niemand nehmen konnte. Sechs Wochen nach seiner Freilassung erschien es als Serie im Spiegel und bald darauf auch als Buch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2019 - Geschichte

Vor hundert Jahren startete ein gewisser Benito Mussolini mit seiner winzigen Kernzelle der "Fasci italiani di combattimento" ins kurze 20. Jahrhundert. Welt-Autor Thomas Schmid widmet ihm in seinem Blog ein lesenswertes historisches Porträt. Mussolini, erzählt er, begann als Sozialist in der Taverne seines Vaters: "Doch Theorie und Reformen interessierten den jungen Revolutionär nie. Der Einzelgänger mit unstillbarem Geltungsdrang war laut und streitsüchtig, legte sich häufig mit Feinden und Freunden an, gerne auch handgreiflich. Von Anfang an beschwört Mussolini die große Tat, den Umsturz, er liebt und verherrlicht die Gewalt, die für ihn ein Wert an sich ist. Der unbedingte Wille ist sein Weg. Er verachtet alles, was kompliziert ist und nicht radikal: Kompromisse, die Kirche, das Parlament, diese bloße Redeveranstaltung, und - so der Historiker Hans Woller - den 'ranzigen Liberalismus der besseren Leute'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2019 - Geschichte

In den Vierzigern wurde bei der Polemik eher noch weniger Rücksicht genommen, zeigt Nick Cohen in seiner Observer-Kolumne mit einem Zitat von George Orwell, das Cohen auch zur Beschreibung der Corbynisten geeignet erscheint: "Wie der Zufall will können Orwells gegen Stalin-Apologeten der Vierziger gerichteten Worte auch für die heutigen Apologeten Wladimir Putins, Nicolas Maduros, des Irans, der islamistischen extremen Rechten und der extremen Linken aus Labour eingesetzt werden: Er habe, sagt er, eine Botschaft an linke Journalisten und Intellektuelle im allgemeinen. Erinnere dich daran, dass man für Unehrlichkeit und Feigheit stets bezahlen muss. Bilde dir nicht ein, dass du jahrelang einen stiefelleckenden Propagandisten des Sowjetregimes oder irgendeines anderen Regiems aus dir machen und dann zu moralischder Anständigkeit zurückkehren kannst. Einmal Hure immer Hure."

Mehr als eine Million Menschen starben bei der Blockade Leningrads im Winter 1941/42 durch die Wehrmacht. Nach dem Krieg wollte die sowjetische Führung von den Opfern und überhaupt der Blockade nichts hören, erzählt die Schriftstellerin Elena Chizhova in der NZZ. Selbst das Museum, dem die Leningrader Tagebücher und andere persönliche Dinge aus dieser Zeit übergeben hatten, wurde zerstört. Das ist kein Wunder, glaubt sie, denn Stalin hasste Leningrad und tat nichts, der Bevölkerung zu helfen: "Der Grund dafür war, so denke ich, das Selbstbewusstsein der Leningrader, ihre Kraft zum eigenständigen Denken - beides galt es zur Stärkung von Stalins gottgleicher Macht mit Stumpf und Stiel auszurotten. Ein für alle Mal zu zerstören. Anders lässt sich nicht erklären, dass zu Blockadezeiten ganze Züge von Rüstungsgütern aus Leningrader Fabriken aufs 'Festland' (wie das nicht okkupierte Gebiet der Sowjetunion bezeichnet wurde) rollten, während Stalin und seine Helfershelfer nicht einmal die minimale, geschweige denn die reguläre Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln organisierten."

Außerdem: In der FAZ schreibt der Historiker Gerd Krumeich zu hundert Jahren Versailler Vertrag.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2019 - Geschichte

Die Historiker Stéphane Michonneau und Thomas Serrier haben eine Menge Kollegen aus europäischen Ländern zusammengetrommelt, um in einem international publizierten Aufruf einen neuen Blick auf die Geschichte Europas zu fordern. Der Aufruf ist im Tagesspiegel (Deutschland), in The Guardian (Großbritannien), Le Monde (Frankreich) , El Pais (Spanien) und der Gazeta Wyborcza (Polen) publiziert. Ziel des leicht schwammig-französisch formulierten Aufrufs ist es wohl, einen offeneren Blick auf die Spaltungen in Europa zu werfen, um eine neue Geschichtsschreibung zu entwickeln: "Wenn wir unsere gespaltenen Erinnerungen reflektieren und uns an neuen Formen der Auseinandersetzung mit der 'gemeinsamen Erinnerung' beteiligen, glauben wir, dass es möglich ist, die Geschichte eines Europas zu erzählen, das gegen alle Widerstände kämpft, um eine neue Art von Beziehung zu sich selbst und zum Rest der Welt aufzubauen."

Und die SZ übersetzt den heute im Nouvel observateur erschienenen, sehr wehmütigen Brief "Chère Europe" des französischen Schriftstellers Olivier Guez, der einen ähnlichen Ton anschlägt.
Stichwörter: El Pais

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2019 - Geschichte

In einem epischen Zeit-Online-Interview mit Ron Ulrich erinnert sich Gabriel Bach, stellvertretender Ankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann an seine erste Begegnung mit Eichmann, Einzelheiten aus dem Prozess und Hannah Arendt, der er falsche Berichterstattung und Fehleinschätzung vorwirft - etwa, wenn sie in der "Banalität des Bösen" schrieb, Eichmann sei ein "Hanswurst": "Er wusste, wovon er sprach. Ihm war noch immer der Stolz anzusehen, wenn er von seinen früheren Plänen berichtete. So erzählte er beispielsweise von seinem Befehl, dass die aus Ungarn deportierten Juden Postkarten an ihre Freunde schicken sollten. Und zwar bevor sie in die Gaskammern kamen. Auf den Postkarten sollten sie schreiben, dass sie sich in einem wunderschönen Ferienort befänden: 'Schöne Ausflüge, wenig Platz, also kommt so schnell wie möglich.'"