2003 machte
Anonymas Tagebuch
"Eine Frau in Berlin" Furore, in dem eine Berliner Journalistin von der
Eroberung der Stadt durch die Rote Armee und vor allem von den
Vergewaltigungen berichteten, denen Frauen ausgesetzt war. Die Historikerin
Yuliya von Saal am Münchner Institut für Zeitgeschichte hat nun das Buch
mit den Originalaufzeichnungen verglichen, und wie Maximilian Senfft in der
SZ informiert, sind sie
literarisch so stark bearbeitet, dass sie größtenteils nicht als authentisch gelten können: "Die reflexiven Passagen mit einem starken feministischen Akzent und Kritik an der Nazi-Männlichkeit hat Marta Hillers laut der Studie von Yuliya von Saal erst später für die Buchfassung ausgearbeitet. Einige Erlebnisse wurden
durch fiktive Elemente verdichtet. 'An diesen Stellen weichen Tagebuch und Buchfassung massiv voneinander ab, so zum Beispiel, wenn aus einem Zahnarztbesuch ein angstbesetzter Besuch beim Gynäkologen wird, um eine ungewollte Schwangerschaft auszuschließen.' Wer also ein authentisches Zeitdokument aus den Trümmern Berlins lesen will, muss zu Marta Hillers' handschriftlichen Aufzeichnungen greifen, nicht zum literarisierten Tagebuch der 'Anonyma'."
In der
FAZ erinnert Patrick Bahners daran, dass die Authentizität der Tagebücher schon früh angezweifelt wurde:
SZ-Journalist Jens Bisky hatte
Marta Hillers als Verfasserin und den Schriftsteller
Kurt Marek als Mitautor
enthüllt, der unter dem Pseudonym
C.W. Ceram den Bestseller "Götter, Gräber und Gelehrte". Für Bahners steht jetzt nicht nur
Walter Kempowski blamiert da, der als Gutachter für den Eichborn Verlag, die Echtheit bestätitgt hatte, sondern auch eine andere Idee: "Am Ende des Krieges stehe 'auch die Niederlage der Männer als Geschlecht', mit der 'männerbeherrschten Naziwelt' stürze 'der Mythos ,Mann'': Warum wollte man unbedingt glauben, dass die Namenlose ihre Erfahrung schon auf diese allgemeine Formel gebracht hatte, als sie noch in der Gewalt der sowjetischen Männer war? Von der
Niederschrift einer Selbsttherapie sprach eine Rezension - mit der Pointe, dass die Therapie gleichzeitig mit der Verletzung gewesen sein soll. So beglaubigte das Buch von 1959 im Jahre 2003 eine Phantasie von der heilenden,
ermächtigenden Kraft weiblichen Schreibens." (mehr zu den Blamagen
hier,
hier,
hier und
hier)
"Ich finde, dass es für unsere Gesellschaft gefährlich ist, wenn durch Mutmaßungen
moralische Vorbilder demontiert werden", sagt
Stauffenberg-Enkelin
Sophie von Bechtolsheim im
NZZ-
Interview mit Marc Felix Serrao im Bezug auf
Thomas Karlaufs Biografie ihres Großvaters (Unser
Resümee). Als Held möchte sie ihren Großvater, dem sie nun ebenfalls eine Biografie widmet, dennoch nicht missverstanden wissen: "Man muss wissen, dass mein Großvater andere Menschen gerne aus der Reserve gelockt hat. Meine Großmutter hat dafür den Begriff
Advocatus Diaboli benutzt. Für Historiker macht es das nicht einfach. Wenn Sie einzelne Sätze aus dem Kontext herauslösen oder Ironie nicht kenntlich machen, kann mein Großvater plötzlich wie ein Hardliner erscheinen. Auch dieser George-Sprech, den er ab und zu zeigt, dieses schwärmerische Pathos, dieser
glühende Patriotismus wirken heute sehr fremd."