9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1629 Presseschau-Absätze - Seite 95 von 163

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2019 - Geschichte

Grüne, FDP und Linkspartei wollen "Asoziale" als vergessene Opfer der NS-Zeit anerkennen. Kevin Culina spricht mit dem Soziologen Frank Nonnenmacher in der taz über die Frage, warum diese Anerkennung so spät kommt: "Überlebende dieser Opfergruppen schwiegen in aller Regel nach 1945. Sie haben keine Interessengruppe gebildet, die sich öffentlich wirksam zu Wort gemeldet hätte. Sie haben keine Autobiografien verfasst, sind nicht öffentlich aufgetreten und wurden aus der deutschen Erinnerungskultur ausgeblendet. Auch die Wissenschaft hat sich jahrzehntelang nicht mit dieser Opfergruppe beschäftigt, bei Entschädigungen wurde sie nicht beachtet. Und zu einem großen Teil haben die anfangs erwähnten Narrative über 'Asoziale' und 'Gewohnheitsverbrecher' fortgewirkt - zum Teil bis heute."

Außerdem: In La Règle du Jeu begrüßt Ara Toranian, der seit Jahren in Frankreich für die Anerkennung des Genozids an den Armeniern kämpft, dass Emmanuel Macron eine Kommission ins Leben gerufen hat, um die französische Mitverantwortung am Völkermord in Ruanda zu untersuchen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2019 - Geschichte

Erhard Grundl , Bundestagsabgeordneter der Grünen, setzt sich in der taz dafür ein, dass die von den Nazis als "asozial" in KZs Gesperrten, endlich als Opfergruppe anerkannt werden: "Es ging nicht um Straftaten, sondern um Lebensentwürfe. Die Internierung im KZ traf ab Mitte der 1930er Jahre sozial unangepasst lebende Menschen. Mit dem Instrument der 'rassischen Generalprävention' wurden sie als 'gemeinschaftsfremd' aus dem Kreis der Freien ausgeschlossen. Denn zu schützen war nicht das Kind oder der Jugendliche, nicht der Mensch mit seinen Sehnsüchten und seinen Krisen, sondern allein die nationalsozialistische 'Volksgemeinschaft'."
Stichwörter: 1930er, Volksgemeinschaft

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2019 - Geschichte

Emmanuel Macron reist nicht zu den Gedenkfeiern, die in Ruanda des Völkermords an den Tutsi vor 25 Jahren gedenken, obwohl er eingeladen wurde, schreibt François Misser, in der taz. Die französische Komplizenschaft tritt durch neue Bücher ehemaliger französischer Offiziere immer mehr zutage: "Besonders umstritten: die französische Militärintervention 'Opération Turquoise' ab dem 22. Juni 1994, nach Monaten der internationalen Untätigkeit angesichts der Massaker in Ruanda. Da besetzte Frankreichs Armee den Südwesten Ruandas, während im Rest des Landes die Tutsi-Rebellenarmee RPF (Ruandische Patriotische Front) gegen das Völkermordregime auf dem Vormarsch war. Offiziell war dies eine 'humanitäre Intervention', um dem Morden ein Ende zu setzen. Tatsächlich schützte der französische Einsatz Hutu-Völkermordtäter vor vorrückenden Tutsi-Kämpfern und ermöglichte ihnen den geordneten Rückzug in das benachbarte Zaire."

Laut einer Meldung des Infosenders France24 hat Macron gestern angekündigt, die französischen Archive der Jahre 1990 bis 94 für Historiker des Völkermords zu öffnen.

"Nie wieder Ruanda", rief man, nachdem man dem Völkermord tatenlos zugesehen hatte. Aber danach kam Srebrenica. Und seitdem gibt es kaum Besserung, schreibt Fabian Urech in der NZZ: "Vieles spricht gar für eine weitere Zuspitzung: Seit 2010 hat sich die Zahl der weltweiten Kriegsopfer verdreifacht, die Zahl der Flüchtlinge verdoppelt, und jüngst kam eine Studie zum Schluss, dass in den letzten zwanzig Jahren allein in Afrika etwa fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren an den Folgen bewaffneter Konflikte gestorben sind."

Seltsam, aber der Begriff des "Totalitarismus", der auch von westlichen Linken bis heute mit inniger Entschlossenheit bekämpft wird, findet doch immer auch wieder Verfechter, etwa Masha Gessen. Die taz bringt Gerd Koenens Laudatio auf die Autorin für den Leipziger Buchpreis, und er zeigt, wie sie den Begriff modernisiert: "Es geht bei dem 'Homo sovieticus' .. nicht um irgendeinen speziellen russischen Volkscharakter oder eine sonstige pauschale Zuschreibung. Sondern es geht im Kern um die mentalen Folgen dessen, was Russland im 20. Jahrhundert, nicht erst in der Stalin-Ära, sondern seit der Machteroberung der Bolschewiki 1917 und dem anschließenden mörderischen Bürgerkrieg, sich selbst angetan hat, sowohl physisch wie psychisch, soziologisch wie kulturell. Diese Geschichte, die fast jede russische Familie auf die eine oder andere Weise betrifft, ist intellektuell wie moralisch auch tatsächlich kaum zu 'bewältigen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2019 - Geschichte

Heute ist "ist Roma Day", an dem auch des Vökermords an den Sinti und Roma gedacht wird. Die Historikerin Jana Mechelhoff-Herezi erzählt im taz-Gespräch mit Susanne Memarnia von der Schwierigkeit, heute noch die Naziverbrechen gegen Sinti und Roma aufzuklären - die Historiker haben viel zu spät damit begonnen, so scheint es. Enorme Resonanz hat aber laut Mechelhoff-Herezi  der Gedenkort für die Morde in Berlin: "Das liegt sicher auch an der Lage im Tiergarten. Dort kommt jeder vorbei - und für viele Touristen ist es offenbar die erste Konfrontation überhaupt mit dem Thema. Aber: Zwar funktioniert es als Erinnerungsort hervorragend, aber als Informationsort überhaupt nicht. Es hat nur wenige informative Elemente, das meiste ist symbolisch: die Wasserfläche mit dem dreieckigen Stein, die Blume in der Mitte des Wassers, die jeden Tag neu eingesetzt wird, die gesplitterten Steinplatten mit 69 Ortsnamen, das umlaufende Gedicht 'Auschwitz', der Geigenton. Das hat einen überraschenden emotionalen Effekt - aber es fehlen Erklärungen."

Im FR-Interview mit Joachim Frank spricht der Historiker Norbert Frei über den Rechtsruck im Osten, die Verschiebung der Grenzen des Sagbaren durch die AfD und den "Vereinigungsrassismus" zwischen Ost und West: "Es lässt sich zeigen, dass Neonazis in der alten Bundesrepublik und in der DDR schon in den 1980er Jahren aufeinander reagiert und miteinander agiert haben. Der Vereinigungsrassismus im Deutschland der frühen 1990er Jahre mit seinen erschreckenden Ausbrüchen an Gewalt und Fremdenfeindlichkeit ist ein Indiz für ein Zusammenwachsen von Rechts. Und heute - fast 30 Jahre später - ist die AfD zum gesamtdeutschen Auffangbecken für rechte Strömungen in West und Ost geworden. Es fällt ja auf, dass führende AfD-Politiker wie Alexander Gauland oder Björn Höcke aus dem Westen in den Osten gegangen sind, um dort gezielt die autoritären Potenziale im vermeintlich 'heileren', von den 'Verfallserscheinungen' des Westens noch nicht so sehr erfassten Teil der Republik aufzunehmen und sie gleichsam in den Westen zu reimportieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2019 - Geschichte

Die iranische Revolution war nicht gleich eine islamische Revolution, schreibt die in Deutschland aufgewachene Schriftstellerin Nava Ebrahimi in der FAS. Und vierzig Jahre Revolution sind vierzig Jahre Exil, schreibt sie mit Blick auf die Generation ihrer Eltern: "Niemand hätte 1979 gewettet, dass die Mullahs mehr sein würden als ein Treppenwitz der Geschichte. Doch jetzt sind sie seit vierzig Jahren an der Macht. Mich überfällt Wehmut, wenn ich sie sehe, die einstigen Männer der Revolution. Sie fahren hier Taxi, betreiben Restaurants oder Teppichgeschäfte und fallen kaum auf. Aber ich sehe sie, und ich sehe auch diese Wolke über ihnen. So hätte es nicht enden sollen. Sie verdunkelt sich, denn diese Generation wird alt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2019 - Geschichte

Das Jüdische Museum in London wagt sich mit "Jews, Money, Myth" an eine Ausstellung über das vorurteilsbeladene Thema Juden und Geld. Die heute noch geläufige antisemitische Karikatur des geldgierigen Juden entstand im 12. Jahrhundert, berichtet Cathrin Kahlweit in der SZ, und wurde laut Ausstellungsmachern von der Katholischen Kirche in Umlauf gebracht: "Das Christentum vom frühen Mittelalter an brauchte und nutzte das Bild vom geldgierigen Juden als 'negatives Role Model', von dem sich Christen distanzieren sollten. Im Zuge des Rufs zahlreicher Kirchenmodernisierer nach apostolischer Erneuerung, nach Armut und Reinigung, habe sich, schreibt etwa Sara Lipton von der Stony Brook University im Katalog, in der Kunst auch die Darstellung von Juden gewandelt ... aus altmodisch gekleideten, bärtigen, freundlichen alten Juden wurden wahre Monstren. 'Kleriker fürchteten, so Lipton, 'das Christentum entwickle sich zu weltlich und zu wenig spirituell'. In Predigten seien die Gläubigen aufgefordert worden, dem Materiellen abzuschwören."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2019 - Geschichte

Die Malerin und Historikerin Sophie von Bechtolsheim, Enkelin des Hitler-Attentätters, veröffentlicht in der Zeit eine scharfe und ziemlich gut geschriebene Erwiderung auf Thomas Karlaufs Stauffenberg-Biografie: "Dass die gesellschaftspolitischen Ideen Stauffenbergs nicht mit denen eines heutigen Demokraten übereinstimmen, ist für Karlauf Grund genug, ihm die Fähigkeit zu moralischem Handeln abzusprechen. Das ist, als würde man behaupten, ein Kommunist könne angesichts der Unrechtsregime hinter dem Eisernen Vorhang prinzipiell über keine Moralität verfügen. Es ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Stauffenbergs Entscheidungen moralischen, sittlichen und vor allem christlichen Grundsätzen entsprangen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2019 - Geschichte

Bei den Grünen im Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain zirkuliert ein Antrag, Kreuzberger Straßen, die nach preußischen Generälen benannt sind - etwa die Gneisenau- oder Yorckstraße, möglichst nach verdienstvollen Frauen umzubenennen. Die Bild-Zeitung und die Berliner CDU sind empört, berichtet Antje Lang-Lendorff in der taz. Aber auch woanders gibt es Skepsis, etwa bei Historiker Hanno Hochmuth, den sie zitiert: Er "halte nicht viel davon, die Maßstäbe von heute retrospektiv auf die Vergangenheit zu legen, sagt er. 'Geschichte hat immer einen Schatten.' Die Befreiungskriege seien natürlich militant und aggressiv gewesen, auch der deutsche Nationalismus sei in dieser Zeit entstanden. 'Aber wenn wir anfangen die Geschichte zu säubern in Hinblick auf die heutigen Standards, wüssten wir gar nicht, wo wir aufhören sollten.'" Götz Aly hatte schon vor einer Woche in der Berliner Zeitung gegen die Grünen-idee protestiert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2019 - Geschichte

Ganz inspiriert kehrt Christine Wahl im Tagesspiegel von einer Diskussion im Berliner HAU mit dem Titel "DDR neu erzählen!" in Gegenwart von Klaus Lederer zurück, bei der etwa Carola S. Rudnick, die 2011 zur DDR-Aufarbeitung promovierte und jetzt die "Euthanasie"-Gedenkstätte Lüneburg leitet, eine der "Schieflagen" benannte, "an denen die DDR-Erinnerungskultur aus akademischer Sicht kranke: Dadurch, dass die Historisierung der DDR direkt mit ihrem Ende eingesetzt habe, so Rudnick, sei die Aufarbeitung zuerst nicht von Historikern unternommen worden. Vielmehr hätten (interessensgesteuerte) Politiker die Deutungshoheit gewonnen beziehungsweise Zeitzeugen, die - Stichwort ehemaliges Stasigefängnis Hohenschönhausen - massiv unter dem DDR-Regime gelitten haben: Moralisch nachvollziehbar, aber für die historische Einordnung, so Rudnick, nicht immer und unbedingt förderlich. Auch Täterforschung sei wichtig: 'Nur aus der Opferperspektive können wir Geschichte nicht verstehen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2019 - Geschichte

Thomas Karlauf, Autor einer bekannten George-Biografie, legt jetzt eine Biografie über den George-Jünger Claus Graf Schenk von Stauffenberg vor, die ein für Zeit-Autor Jens Jessen schmerzhaft negatives Bild des Hitler-Attentäter zeichnet: "Der versuchte Tyrannenmord als reine Geste. Mit anderen Worten: Karlauf traut dem Helden seines Buches nicht, er hält ihn nach heutigen moralischen Maßstäben nicht einmal für einen Helden, bestenfalls für einen kühnen Wirrkopf. Wenn man alles argumentative Hin und Her beiseiteschiebt, ergibt sich ein Bild, das der rasanten Abwertung des konservativen deutschen Widerstands in den letzten Jahrzehnten entspricht."

Außerdem: Der Historiker Julien Reitzenstein antwortet in einer Kontroverse über eine Nazisammlung mit jüdischen Schädeln in Straßburg und die für sie verantwortlichen Täter auf einen Artikel seines Kollegen Hans-Joachim Lang in der FAZ.