Emmanuel Macron reist nicht zu den Gedenkfeiern, die in Ruanda des
Völkermords an den Tutsi vor 25 Jahren gedenken, obwohl er eingeladen wurde,
schreibt François Misser, in der
taz. Die
französische Komplizenschaft tritt durch neue Bücher ehemaliger französischer Offiziere immer mehr zutage: "Besonders umstritten: die französische Militärintervention '
Opération Turquoise' ab dem 22. Juni 1994, nach Monaten der internationalen Untätigkeit angesichts der Massaker in Ruanda. Da besetzte Frankreichs Armee den Südwesten Ruandas, während im Rest des Landes die Tutsi-Rebellenarmee RPF (Ruandische Patriotische Front) gegen das Völkermordregime auf dem Vormarsch war. Offiziell war dies eine 'humanitäre Intervention', um dem Morden ein Ende zu setzen. Tatsächlich schützte der französische Einsatz
Hutu-Völkermordtäter vor vorrückenden Tutsi-Kämpfern und ermöglichte ihnen den geordneten Rückzug in das benachbarte Zaire."
Laut
einer Meldung des Infosenders
France24 hat Macron gestern angekündigt, die
französischen Archive der Jahre 1990 bis 94 für Historiker des Völkermords zu öffnen.
"Nie wieder Ruanda", rief man, nachdem man dem Völkermord tatenlos zugesehen hatte. Aber danach kam Srebrenica. Und seitdem gibt es kaum Besserung,
schreibt Fabian Urech in der
NZZ: "Vieles spricht gar für eine
weitere Zuspitzung: Seit 2010 hat sich die Zahl der
weltweiten Kriegsopfer verdreifacht, die Zahl der
Flüchtlinge verdoppelt, und jüngst kam eine Studie zum Schluss, dass in den letzten zwanzig Jahren allein in Afrika etwa
fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren an den Folgen bewaffneter Konflikte gestorben sind."
Seltsam, aber der Begriff des "
Totalitarismus", der auch von westlichen Linken bis heute mit inniger Entschlossenheit bekämpft wird, findet doch immer auch wieder Verfechter, etwa
Masha Gessen. Die
taz bringt
Gerd Koenens Laudatio auf die Autorin für den Leipziger Buchpreis, und er zeigt, wie sie den Begriff modernisiert: "Es geht bei dem '
Homo sovieticus' .. nicht um irgendeinen speziellen russischen Volkscharakter oder eine sonstige pauschale Zuschreibung. Sondern es geht im Kern um die
mentalen Folgen dessen, was Russland im 20. Jahrhundert, nicht erst in der Stalin-Ära, sondern seit der Machteroberung der Bolschewiki 1917 und dem anschließenden mörderischen Bürgerkrieg,
sich selbst angetan hat, sowohl physisch wie psychisch, soziologisch wie kulturell. Diese Geschichte, die fast jede russische Familie auf die eine oder andere Weise betrifft, ist intellektuell wie moralisch auch tatsächlich kaum zu 'bewältigen'."