9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2019 - Geschichte

Fast auf den Tag genau vor hundert Jahren wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Die FAS lässt ausgerechnet den Autor Uwe Soukup, einst Redakteur der Jungen Welt und gern gesehener Gast beim Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen, über das Thema schreiben (hier redet Soukup bei einem KenFM-Talk über den "Tiefen Staat" zum Thema SPD). "Noske, der wird schießen", überschreibt er seinen Artikel. Ob und wie genau der Sozialdemokrat Gustav Noske an den Morden beteiligt war, kann Soukup in seinem Artikel letztlich nicht erhärten. Aber er fragt, ob die Verantwortung nicht noch auszudehnen wäre: "Zu der Frage, ob man Friedrich Ebert, immerhin über Monate Vorgesetzter von Noske, nicht in die Kritik einbeziehen müsse, äußerte ein SPD-Sprecher, eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sei an dieser Stelle angebracht. Geschichtliche Ereignisse müssten aber auch aus der Zeit heraus betrachtet werden: 'So hat die Parteivorsitzende die Rolle Friedrich Eberts gewürdigt, Ordnung und Recht in der jungen Demokratie durchzusetzen und weiteres Blutvergießen zu vermeiden.' Das Blutvergießen - hatte es nicht mit den Morden an Luxemburg und Liebknecht erst richtig begonnen? Tausende starben in den nächsten anderthalb Jahren durch Freikorps-Exzesse." Mit anderen Worten: Die SPD ist Schuld an allen kommenden Desastern?

Weiteres: In der taz empfiehlt Stefan Reinecke eine Reihe mit Filmen zu Rosa Luxemburg im Berliner Arsenal-Kino. In der SZ erinnert Benedikt Franz an die Ausstrahlung der "Holocaust"-Serie vor vierzig Jahren, die das bundesdeutsche Publikum erstmals massiv mit der deutschen Schuld konfrontierte - die Dritten Programme haben sich entschlossen, von ihrer heutigen Irrelevanz abzuweichen, und wiederholen die Serie in diesen Tagen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2019 - Geschichte

Daniel Schneiderman ist ein bekannter Medienjournalist in Frankreich, der der üblichen Linken angehört und also nicht gerade als ein Freund Bernard-Henri Lévys bezeichnet werden kann. Und doch preist der stets zu Großherzigkeit fähige Lévy Schneidermans neues Buch, das auch in Deutschland auf Interesse stoßen könnte: "Berlin, 1933 - La presse internationale face à Hitler". Was Lévy in den Reaktionen der internationalen Presse auf Hitler begegnet: "Die Gewöhnung an den Antisemitismus schon seit der Weimarer Zeit. Die Vergiftung der besten Köpfe, die - wie Raymond Aron - die 'mangelnde Vorsicht' der deutschen Juden beklagen. Die Idee, dass, nachdem eine Zeitung in Jerusalem erstmals den Namen 'Auschwitz' druckte, die Information parteiisch sein könnte und mit der Pinzette anzufassen sei. Oder die Religion der nackten Fakten, also die Verweigerung der Emotion, die hier ihre grausige Grenze findet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2019 - Geschichte

In der FAZ berichtet Joseph Croitoru von einem Streit um das von der PiS-Regierung geplante geplante Museum zum Warschauer Getto in Polen. Kritiker werfen der Regierung vor, dabei den polnischen Antisemitismus herunterspielen zu wollen. Die PiS-Regierung konnte punkten, als sie den israelischen Historiker Daniel Blatman zur Zusammenarbeit gewann. "In Israel wird Blatmans Entscheidung, den Posten zu übernehmen, massiv kritisiert. ... Havi Dreifuss, Geschichtsprofessorin in Tel Aviv und Mitarbeiterin von Yad Vashem, die schon zu den Kritikern der bilateralen Politiker-Erklärung gehörte, warf ihm in der Zeitung Haaretz vor, er lasse sich für die manipulative Gedenkpolitik der PiS-Regierung instrumentalisieren. ... Haaretz befragte auch Blatman: Man habe ihm alle Freiheit bei der Gestaltung der Ausstellung zugesichert. Es liege ihm daran, die gemeinsame Geschichte von Polen und Juden im Zweiten Weltkrieg darzustellen: 'Ich behaupte nicht, dass beide Volksgruppen das gleiche Schicksal teilten, aber beide lebten unter ein und derselben Besatzung und nicht auf verschiedenen Planeten.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2018 - Geschichte

Uwe Rada besucht für die taz im Märkischen Museum Berlin eine Ausstellung zur langen Wirkung der Novemberrevolution 1918. Verena Lueken hat sich für die FAZ das Legacy Museum und das National Memorial for Peace and Justice in Montgomery angesehen, die beide an die Opfer von Sklaverei und Lynchmorden erinnern.
Stichwörter: Sklaverei, Memorial, Justice

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2018 - Geschichte

In der NZZ widerspricht der Germanist Simone de Angelis Hoo Nam Seelman, die in einem vor zwei Wochen erschienenen Artikel die These aufstellte, die europäische Aufklärung sei der Ursprung jenes Denkens, "das Farben mit Rassen kombiniert". (Unser Resümee). Angelis erläutert: "Wie die australische Pazifikhistorikerin Bronwen Douglas festhält, berichteten europäische Reisende des 16. und des 17. Jahrhunderts von einer breitgefächerten Diversität in der Hautfarbe und der Erscheinung der Bevölkerung, die sie auf ihren Expeditionen zum 'Mar del Sur' gesehen hatten. Zeitgenössische Europäer reagierten nicht unsensibel auf Varietäten in der physischen Erscheinung von Menschen. Sie deuteten diese aber als Effekte des Klimas, des Lebensstils, der Lage und der Physiologie von Individuen einer einzigen menschlichen Gattung. Die moderne Idee, dass sich Rassen in untilgbaren körperlichen Merkmalen materialisieren, ist nach Douglas vor 1770 unbekannt. Und auch ab diesem Zeitpunkt sind die Positionen differenziert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2018 - Geschichte

In Versailles wurde 1918 nicht nur über Deutschland diskutiert, sondern auch über den Status der Kolonien und das Selbstbestimmungsrecht der Völker, erklärt der Historiker Jörn Leonhard ("Der überforderte Frieden") im Interview mit der FR. Es wurde schnell klar, dass vor allem Frankreich und Britannien daran kein Interesse hatten: Sie forderten erst den Nachweis einer "gewissen Entwicklungsreife" der Kolonisierten. "Vor diesem Hintergrund entwickelte sich Anfang Mai 1919 eine große Protestbewegung, die eng mit der Frage verbunden war, ob man sich weiterhin politisch am Westen orientieren sollte oder doch auf die eigene Geschichte oder auf das radikale neue Modell der Bolschewiki. Für den jungen Mao Tse-Tung ist die Enttäuschung über die Unglaubwürdigkeit des Westens eine ganz entscheidende Erfahrung, für den jungen Ho Chi Minh ebenso. ... Das macht aus dem Moment von 1919 ein Scharnier für das ganze 20. Jahrhundert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2018 - Geschichte

In der NZZ schreibt Ulrich M. Schmid zum hundertsten Geburtstag Alexander Solschenizyns. Obwohl sich der russische Autor im 21. Jahrhundert in jeder Hinsicht als Freund der autoritären Politik Putins erwies, wird sein Geburtstag kaum gefeiert, im Gegenteil: "Der große Mahner ist wieder unbequem geworden, weil sein berühmter Aufruf 'Lebt nicht mit der Lüge!' im heutigen Russland eine fatale Resonanz auslösen könnte. Solschenizyn hatte sich mit diesem flammenden Plädoyer zu Beginn der siebziger Jahre an die russische Intelligenzia gewandt und sie im verlogenen Sowjetsystem auf die bedingungslose Hochachtung der Wahrheit verpflichtet. Dieses Programm erhält eine neue Aktualität, wenn grüne Männchen auf der Krim auftauchen, Soldaten ihre Ferien kämpfend im Donbass verbringen und russische Touristen die Kathedrale von Salisbury bewundern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2018 - Geschichte

Vor fünfzig Jahren wurde mit der KPD/ML in einer Hamburger Kneipe die erste K-Gruppe gegründet, erinnert Bernd Ziesemer auf einer Doppelseite der taz und präzisiert: "Bis heute gelten die deutschen K-Gruppen und ihre maoistischen Schwesterparteien in aller Welt als dogmatischer Endpunkt der Studentenbewegung - und zugleich als Produkt des Bruchs mit den Idealen der Achtundsechziger. In Wahrheit geht ihre Entstehung bis in die späten fünfziger und frühen sechziger Jahre zurück - und ihre Entwicklung verlief zunächst vollständig getrennt von der Studentenbewegung. Erst ab Anfang 1970 übernahmen ehemalige SDS-Führer wie der spätere taz-Redakteur Christian Semler oder Joscha Schmierer (später Chefstratege des Auswärtigen Amts) die Leitung maoistischer Organisationen. Bei der Gründung der KPD/ML im 'Ellerneck' war noch kein Einziger von ihnen dabei."

Stefan Mayr besucht für die SZ Stuttgarts ehemalige Gestapo-Zentrale, die unter dem Namen "Hotel Silber" als "Lern- und Gedenkort" wiedereröffnet wurde. Eigentlich sollte es vor zehn Jahren abgerissen werden, aber eine Bürgerinitiative verhinderte das - "trotz erheblichen Widerstands des CDU-Ministerpräsidenten und des CDU-Rathauses" - und setzte außerdem durch, dass sie bei der Ausstellungskonzeption mitreden durften. "Das Abenteuer hat sich gelohnt", lobt Mayr. "Die Ausstellung zeigt nicht nur eindrückliche Exponate des Mordens und Sterbens. Sondern auch der zweiten Karrieren der Nazischergen nach dem Ende des Dritten Reichs. Wie sie sich zunächst wegduckten, dann wiederauftauchten und die Postenleiter emporkletterten in der jungen Bundesrepublik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2018 - Geschichte

Am 1. Dezember 1918 wurde die Gründung des jugoslawischen Königreichs erklärt, erinnert der serbische Schriftsteller Bora Cosic in der NZZ.  Das Projekt war von Beginn an zum Scheitern verurteilt, beanspruchten doch sowohl Serben als Kroaten die Führung für sich, schreibt er:  "So fiel dann auch alles unter die Krone der Karadjordjević, im Parlament kam es unter den Völkern zu ständigen Streitereien, ein serbischer Abgeordneter brachte mitten in der Parlamentssitzung kroatische Vertreter um, darunter den Führer der kroatischen Bauernpartei, eine Königsdiktatur wurde errichtet, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen wurde in Königreich Jugoslawien umbenannt, prokroatische Elemente ließen den jugoslawischen König ermorden, als dieser auf Staatsbesuch in Marseille war, und alles führte ins Verderben."

Im Zuge der "Systematisierungswut" der europäischen Aufklärung wurde die Menschheit in Farben eingeteilt, dabei beanspruchten die Europäer das "Weißsein" für sich, schreibt Hoo Nam Seelman in der NZZ: "Im Laufe des 18. Jahrhunderts verschob sich die Beurteilung der Ostasiaten zunehmend von weiß zu gelb. Je negativer jemand über China dachte, desto eher kategorisierte er die Chinesen als gelb. Denn in der Farbigkeit sah man eine Degenerationserscheinung. Folgerichtig wurde die weiße Farbe mit höherer Zivilisation gleichgesetzt, die darum eine überlegene war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2018 - Geschichte

Die osteuropäischen Länder sind die großen Vergessenen in der deutschen Geschichtsschreibung. Auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ erinnert der Historiker Jochen Böhler an das Ende des Ersten Weltkriegs und die direkt anschließenden Kriege bei der Entstehung der osteuropäischen Nationen: "Bis auf eine verschwindende Minderheit trugen litauische, polnische, ukrainische und tschechische Soldaten bis 1918 imperiale Uniformen und waren bisweilen gezwungen, auf 'Gegner' zu schießen, die dieselbe Sprache sprachen wie sie. In den ethnisch definierten Nationalstaaten dagegen setzte sich nicht das demokratische Gleichheitsversprechen durch. Sie unterschieden vielmehr von Beginn an - je nach Herkunft - zwischen Bürgern erster und zweiter Klasse, was sie selbst zu 'kleinen Imperien' machte."