9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2019 - Geschichte

In der NZZ erinnert Hoo Nam Seelmann an den gewaltlosen koreanischen Volksaufstand vor hundert Jahren gegen die japanische Kolonialmacht: die Japaner waren geschockt und knüppelten den Widerstand nieder. "Eine neue Kolonialpolitik sollte die Koreaner besänftigen. Eine subtilere Art der Unterdrückung wurde versucht, indem man die eigene Politik 'Kulturpolitik' nannte, die Methoden verfeinerte, um mehr Kollaborateure heranzuziehen, zwei Zeitungen Lizenzen erteilte, um Ventile zu schaffen, und die Unterhaltungsindustrie förderte, um den Menschen Zerstreuung zu bieten. Eine zentrale Rolle spielte die Errichtung der Gedankenpolizei, die unter den Koreanern Angst und Schrecken verbreitete. Darin zeigt sich das Grunddilemma jeder Kolonialpolitik, nämlich das abgrundtiefe gegenseitige Misstrauen zwischen Kolonisierten und Kolonialherren. Dass Rassismus und Ungleichheit die Grundlage kolonialer Okkupation sind, spürt jeder, dessen Land eine Kolonie ist."

Außerdem: Thomas Jordan berichtet in der SZ über die Tagung zu "Briefkultur(en) in der deutschen Geschichtswissenschaft" am Historischen Kolleg in München. Die FAZ druckt einen Auszug aus den geheimen Tagebüchern der deutschen Feministin Anna Haag während des Nationalsozialismus, die sie neben die Tagebücher Viktor Klemperers stellt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2019 - Geschichte

In der SZ berichtet Florian Hassel, wie die polnische Regierung versucht, ihren Geschichtskurs in den Institutionen durchzusetzen. So musste jetzt Dariusz Stola, seit 2014 Direktor des Warschauer Museums für die Geschichte der polnischen Juden (Polin) seinen Hut nehmen, weil er zwar ausführlich über die Ermordung der Juden in deutschen Konzentrationslagern informiert, so Hassel, sich jedoch nicht auf diese Vergangenheit beschränkt: "Anfang März 2018 eröffnete die Ausstellung 'Fremd im eigenen Haus' über eine antisemitische Kampagne des kommunistischen Regimes 1968, nach der 15.000 noch in Polen lebende Juden ins Ausland flohen. Die Ausstellung wies auch auf die antisemitische Tradition im Polen des 20. Jahrhunderts hin und auf Parallelen zur Gegenwart. ... Der Regierungschef Mateusz Morawiecki sagte, er wisse nicht, warum Polen sich für 1968 entschuldigen solle. Die antisemitischen Kundgebungen seien 'von der kommunistischen Macht vorbereitet' worden: 'Das war eine fremde Macht, die Vertreterin einer fremden Großmacht war.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2019 - Geschichte

Eine zivilgesellschaftliche Initiative, darunter Wolfgang Thierse, fordert die Errichtung eines Denkmals in Berlin für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung. Längst überfällig, schreibt der polnische Germanist Waldemar Czachur in der Welt, denn viele Deutsche wüssten heute kaum noch etwas über die deutschen Besatzung, während sie für die polnische Identität bis heute zentral sei: "Die Erzählung über den Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Westeuropa entstand zu Zeiten des Kalten Krieges, somit in Abwesenheit und unter Auslassung Polens. Die Polen, gezwungen, dem sowjetischen Narrativ zu folgen, durften ihre eigenen Erfahrungen und ihre Sicht der Geschichte nicht darstellen."

Nicht so lange die PiS-Partei regiert und mit antideutschen Ressentiments Stimmung macht und Unwahrheiten verbreitet, meint indes der Historiker Sven Felix Kellerhoff und ergänzt: Außerdem "wäre es problematisch, jeder der vielen Opfergruppen des von Hitlerdeutschland begonnenen Krieges ein eigenes Denkmal zu errichten, möglichst noch alle im Umfeld des Regierungsviertels. Wollte man nach Nationen getrennte Memoriale für die Opfer aller heutigen Staaten errichten, die 1939 bis 1945 von der Wehrmacht besetzt waren, kämen rund 25 Gedenkstätten zusammen. Besser kann man Ressentiments gegen eine seriöse Aufarbeitung der Vergangenheit gar nicht züchten. Würde man aber solche Mahnmale nur etwa für die besonders arg getroffenen Polen und Russen bauen, würden das Balten, Ukrainer, Serben oder Griechen zwangsläufig als Zurücksetzung empfinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2019 - Geschichte

Die Weimarer Republik sollte weder als "Vorläufer des Dritten Reichs" noch unter dem "verklärenden" Blick der Goldenen Zwanziger betrachtet werden, schreibt Bernhard Schulz im Tagesspiegel und plädiert für eine differenzierte Sicht, die auch die Errungenschaften der Republik, etwa die Einführung der Demokratie oder des Frauenwahlrechts, berücksichtigt: "Die Arbeitswelt veränderte sich grundlegend mit der Einführung des gesetzlichen Achtstundentages und der Anerkennung der Gewerkschaften als Tarifpartner, beides noch am Ende des Kaiserreichs. Allerdings blieb die Klassenteilung der Gesellschaft ebenso bestehen wie die Differenz von industrialisierten und agrarischen Regionen. Der am Ende der Republik so verhängnisvolle Einfluss der ostelbischen Großgrundbesitzer wurde nie in Frage gestellt, die Frontstellung von Großbourgeoisie und Arbeiterschaft kennzeichnete die Industrieregionen von Oberschlesien bis zum Ruhrgebiet. Die Zusammensetzung der politischen Akteure von (adligem) Militär, Großagrariern und Industriellen bis zu Kirchen und Gewerkschaften blieb die gesamte Republik über bestimmend."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2019 - Geschichte

Die Aktivistin und Ex-Muslimin Mina Ahadi erinnert sich im Gespräch mit Florian Chefai von hpd.de an die iranische Revolution vor vierzig Jahren: "Die Lebenssituation von Frauen hat sich kurz nach der islamistischen Machtergreifung drastisch verschlechtert. Ein Tag vor dem Weltfrauentag, am 7. März 1979, ordnete Chomeini den Kopftuchzwang an. In der Folge gab es zahlreiche Übergriffe auf Frauen, die sich dem Befehl verweigerten. Die Islamisten betrachteten Frauen nämlich als Ware, über die Männer je nach Belieben verfügen dürfen. Chomeinis Anhänger skandierten 'Ja Rusari, ja tusari', was so viel bedeutet wie 'Entweder Kopftuch oder ein Schlag auf den Kopf'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2019 - Geschichte

Die Berliner Zeitung hat die Rede des Historikers Götz Aly zum 74. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz online gestellt: "Mir bleibt rätselhaft, wie der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland zu folgender Forderung fand: Auch 'wir haben das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen'. Ich verspüre kein solches Bedürfnis. Warum das so ist, erkläre ich Ihnen am Beispiel des Feldwebels Werner Viehweg. Er wurde 1912 geboren und wuchs in einem sozialdemokratischen Elternhaus auf. Sein Vater verlor 1933 sofort seine Stellung als Bezirksoberschulrat im sächsischen Löbau; 1945 wurde er als Ministerialrat in Dresden reaktiviert. Doch dokumentiert das Kriegstagebuch, das Werner Viehweg 1941/42 in Polen und Russland führte, wie regimekonform er und auch seine beiden Brüder waren - trotz sozialistischer Erziehung..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2019 - Geschichte

Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus wird immer zersplitterter, beobachtet Insa Eschebach, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Heute möchte jede Opfergruppe - Polen, Homosexuelle, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas - sein eigenes Denkmal. "Das war früher in der DDR und in den Jahren nach der Wende harmonischer", sagt Eschebach im Interview mit der FAZ. Einige Polen trugen am Jahrestag der Befreiung im vergangenen Jahr "Armbinden mit dem Abzeichen 'NSZ' (Narodowe Sily Zbrojne, Nationale Streitkräfte). Das ist eine antisemitische, rechte Untergrundorganisation in Polen, die zur Zeit des Zweiten Weltkrieges partiell auf der Seite der Deutschen gekämpft hat. Einige der anwesenden Frauen waren völlig entsetzt und sagten, es könne doch nicht sein, dass hier Faschisten rumlaufen. Die polnische Botschaft hat mir dann gesagt, dass weibliche Angehörige dieses Verbandes in Ravensbrück gefangen waren. Die waren also da, um ihre eigenen Opfer zu betrauern. Und das ist natürlich eine interessante Frage: Ist es überhaupt akzeptabel, dass Gäste mit den Abzeichen antisemitischer Verbände ihrer Toten in Ravensbrück gedenken?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2019 - Geschichte

Alexandra Mostýn erinnert in der taz an die Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach auf dem Prager Wenzelsplatz - und zieht aus heutiger Sicht ein deprimierendes Fazit: "Das realsozialistische Regime ist aber nicht an Märtyrern wie an Jan Palach zerbrochen. Sondern an der eigenen Unzulänglichkeit. Die Gleichgültigkeit, aus der Palach wachrütteln wollte, hat es aber überlebt. Es sind nicht die Dissidenten von damals, die heute die Geschichte Tschechiens schreiben. Es sind die Wendehälse. Die, die dank der gesellschaftlichen Apathie, die Palach zu seinem Opfer zwang, Karriere gemacht haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2019 - Geschichte

In der NZZ schreibt Oliver Jens Schmitt über das Ende des Ersten Weltkriegs in Osteuropa: "Beim Gedenken an 1918 geht es um viel mehr als bei der Debatte um 1914. Und es handelt sich um Entwicklungen, die nicht auf einen europäischen Nenner gebracht werden können. Zu tief ist der Gegensatz zwischen dem Westen einerseits, der Mitte und dem Osten des Kontinents andererseits sowie zwischen Siegern und Verlierern. Die Verbindung von 1918 zu heute ist unmittelbar. Damit entstand in Grundzügen die heutige politische Landkarte des Kontinents."

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ erinnert Urs Schoettli - mit Blick auf Ministerpräsident Shinzo Abe - daran, wie Japan während der Meiji-Restauration im 19. Jahrhundert den Anschluss an die Moderne fand, der dann allerdings im Nationalismus endete.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2019 - Geschichte

Hundert Jahre nach ihrer Ermordung würdigt in der taz Stefan Reinecke Rosa Luxemburg: "Sie maß die Kommunisten an ihren eigenen Versprechungen - und fürchtete 'eine deformierte Revolution weit mehr als erfolglose', so ihr Biograf Peter Nettl. Für ihr Nachleben war ihr Tod, man muss es so sagen, Glück. Sie wurde zur Märtyrerin der Linken. Die Wahl, in der autoritären KP zu bleiben und sich selbst damit als Intellektuelle auszulöschen, oder zur einflusslosen Renegatin zu werden, blieb ihr erspart." Na, sie hätte doch auch in die SPD gehen können!

Die SZ widmet ihren Leitartikel auf dem Platz des Himmlischen Friedens (der Seite 4 der SZ) ebenfalls Rosa Luxemburg. Joachim Käppner greift ihren berühmten Satz "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden" auf und stellt klar: "Zunächst und vor allem galt er der revolutionären Bewegung, nicht dem Klassenfeind." Für den Klassenfeind hatte sie anderes vorgesehen: "Sie verfasste Wuttiraden gegen die Nationalversammlung, den Parlamentarismus, gegen das Prinzip der Mehrheitsbeschlüsse. Sie wollte Revolution - und zwar keine friedliche mit Lichterketten; sie hielt Gewalt für legitim..."