Morgen wird in Berlin gewählt, und allenthalben herrscht
Kleinmut und Ratlosigkeit. In der
FAZ gibt Claudius Seidl, bekennender Berlin-Verächter, die Hoffnung auf, in der Stadt so etwas wie
Regeln oder Ordnung durchzusetzen: "Vom
Zauber der großen, hässlichen Stadt, in der so lange so vieles möglich war, bleibt die Verwahrlosung, die in manchen Vierteln neapolitanische Dimensionen erreicht. Und wenn einer, der für seine Wohnung eine Miete wie in München oder Paris zahlen muss, sich ärgert darüber, dass er vor der Haustür aber nur
Berliner Dreck und Durcheinander findet, dann muss er sich eben damit trösten, dass in dieser Kategorie die Stadt immerhin Weltspitze ist. Als am Dienstagabend, bei der Fernsehdiskussion der Spitzenkandidaten, ein Mann aus dem Volk die Frage stellte, was denn welche Partei gegen die Vermüllung von Straßen, Plätzen, Parks unternehmen wolle, kam es zu einem
bestürzenden Moment der Ehrlichkeit. Alle, von der Linkspartei bis zur AfD, gaben die gleiche Antwort: dass es über die Berliner Müllabfuhr nichts zu meckern gebe. Und dass man stattdessen an die Eigenverantwortung der Bürger appellieren müsse. Die Kandidaten hätten es den Berlinern auch so sagen dürfen:
Macht euren Dreck doch selber weg, ihr Ferkel, statt dauernd nach der Politik zu rufen und jeden Hundehaufen als Symptom des Staatsversagens zu deuten."
In der
taz wünscht sich Stadtbiograf
Jens Bisky mehr radikale Gesten: "Verzagtheit herrscht vor, wie jeder feststellen kann, der aus dem Hauptbahnhof tritt, jüngst fertiggestellte Wohnhäuser betrachtet, rings ums Neubauschloss geht oder landespolitische Debatten verfolgt. Man will schon besonders sein, aber dabei
nicht aus dem Rahmen fallen. Deswegen wirkt vieles so nett, aber unerfreulich, weit hinter den Möglichkeiten zurückbleibend. Zwei der am meisten
angefeindeten Berliner Vorhaben weisen wenigstens in die richtige Richtung, weil sie weder Wohlfühlrhetorik bemühen noch verzagt sind. Der erfolgreiche Volksentscheid Deutsche Wohnen & Co. enteignen und die auf den ersten Blick bloß niedlich scheinende
Sperrung von 500 Metern Friedrichstraße für den Autoverkehr politisieren entscheidende Fragen. In beiden Fällen ist nicht alles überzeugend, werden die praktischen Wirkungen sehr wahrscheinlich weniger revolutionär sein als erhofft oder befürchtet. Aber sie erschweren das Ausweichen, das Weiterwursteln..."be
Nur im
Spiegel blickt die Historikerin
Ute Frevert ganz ungebrochen positiv auf die Stadt. Die
Gleichmütigkeit der Berliner, die andere als bräsig missverstehen, rühre aus der Überreizung durch das Großstadtleben, erklärt Frevert mit Bezug auf Georg Simmel: "Vielleicht nehmen Berliner auch einfach die Nachteile der Großstadt in Kauf, weil sie
die Vorteile zu schätzen wissen. Zu Simmels Zeiten stürzen sie sich ins Amusement, flanieren auf der Friedrichstraße, gehen in diverse Etablissements und Divertissements, zum Sechs-Tage-Rennen und ab den Zwanzigerjahren vermehrt ins Kino. Heute stehen dafür das Berghain und die Klubszene ein. Wer mag sich nach einem durchtanzten Wochenende über lange Wartezeiten beim Bürgeramt oder den endlos verzögerten Radwegebau aufregen?
Nur Spießer."