9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

2277 Presseschau-Absätze - Seite 124 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2020 - Ideen

Jügen Habermas würdigt in der Zeit den Philosophen Ernst Tugendhat zum Neunzigsten: "In der Sache war die aristotelische Metaphysik der Leitstern seines Philosophierens - und ist es geblieben." Außerdem denken Susan Neiman und Micha Brumlik in der Zeit über Größe und Triftigkeit deutscher Vergangenheitsbewältigung nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2020 - Ideen

In der Welt hofft Slavoj Zizek (man kann den Artikel online auf Englisch lesen), dass der Coronavirus endlich zu einer kommunistischen Gesellschaft führen wird: "Wir reden hier natürlich nicht vom Kommunismus alten Stils, sondern von einer Art globaler Organisation, die die Wirtschaft kontrollieren und regulieren sowie bei Bedarf die Souveränität der Nationalstaaten einschränken kann. Die meisten Länder waren unter den Bedingungen des Krieges stets in der Lage, dies zu tun, und wir alle nähern uns nun tatsächlich dem Zustand eines medizinischen Krieges." Auch fürs Detail hat er schon Ideen: "Die  Autoproduktion ist ernsthaft betroffen: Gut, das kann uns  zwingen, über Alternativen zu unserer Besessenheit mit Individualfahrzeugen nachzudenken. Die Liste lässt sich beliebig verlängern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2020 - Ideen

Der Historiker Christian Geulen erzählt in geschichtedergegenwart.ch eine Geschichte des Links-Rechts-Gegensatzes in den Demokratien und Parlamenten und kommt für die Gegenwart zu einem etwas unscharfen Befund: "Die wesentliche Funktion der Links-Rechts-Unterscheidung, den gesellschaftlichen Grundkonflikt jenseits der multiplen Vorschläge seiner Lösung zu identifizieren, ist lahmgelegt. Freiheit und Gleichheit, Beharrung und Veränderung sind innerhalb wie zwischen den politischen Positionen frei zitierbar geworden, ohne in Widersprüche zu geraten."
Stichwörter: Geulen, Christian

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.02.2020 - Ideen

In der NZZ möchte der Historiker Fabian Thunemann die Geschichte der Aufklärung immer auch als Geschichte ihrer Gegner und Kritiker lesen, um einen wie er meint ihr innewohnenden Hang zum Totalitären zu mildern: "Die Kritiker, ja viele erklärte Feinde der Aufklärung zeichneten sich gerade dadurch aus, dass sie angesichts universalistischer Bestrebungen für ein tieferes Verständnis menschlicher und kultureller Unterschiedlichkeit warben. Keineswegs muss diese Zurückhaltung gegenüber menschlichen Anmaßungen als unheilvoller Relativismus ins argumentative Abseits gestellt werden. Vielmehr habe man, wie der Liberale Isaiah Berlin nachdrücklich empfahl, eben den gesamten 'menschlichen Horizont' nicht aus den Augen zu verlieren."

Welt-Autor Dirk Schümer sieht mit dem Urteil über die Freiheit zum selbstbestimmten Tod eine ganz neue Epoche der Ethik in Deutschland anbrechen, wo seiner Ansicht nach christliche Moral und mangelnde Freiheitsliebe den selbstgewählten Tod diskreditierten: "So muss man auf der Suche nach den geistigen Grundlagen des Karlsruher Urteils schon bei den Dissidenten der christlichabendländischen Kultur nachblättern, wenn es um die Straffreiheit der Selbsttötung geht. Senecas souveräner Abschiedsakt etwa wurde zuerst in Venedig verherrlicht, als um 1550 im Umkreis der Komponisten Claudio Monteverdi und Francesco Cavalli ein Grüppchen von kirchenfeindlichen Epikuräern Operngeschichte schrieb. Senecas Sterbeszene aus Monteverdis 'Incoronazione di Poppea' zählt zu den bewegendsten Momenten einer erwachenden Freiheitskultur Europas."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2020 - Ideen

Ines Kappert vom Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie (das der Böll-Stiftung der Grünen angegliedert ist) feiert dreißig Jahre "Gender Trouble" von Judith Butler. Was ihr besonders gefällt, ist, dass "die Frau" nach Butler eigentlich nur noch ein Geschlecht von vielen und bloß kulturell konstruiert ist, was allerdings vielen Frauen auch damals schon nicht einleuchtete: "Wenn heute in feministischen Kreisen über Sinn und Unsinn vom intersektionalem Feminismus mit ähnlicher Härte gestritten wird, wiederholt sich vieles aus der Diskussion von damals. Wieder geht es um die Frage: Wer macht das Herz des Feminismus aus? Ist es die 'normale Frau', die weiße, nicht offensichtlich behinderte Frau, mal hetera, mal lesbisch? Oder sollte Feminismus sich für die Vielheiten und Verschiedenheiten der Lebenswelt öffnen und Gleichberechtigung und Selbstbestimmung für alle Geschlechter fordern, unabhängig von zugeschriebener Hautfarbe, Kultur und möglichen Be/hinderungen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2020 - Ideen

Peter Hintz hat sich für das Blog 54books die Mühe gemacht, die Glossen und Essays des  AfD-Beraters Michael Klonovsky zu lesen, der heute Reden für Alexander Gauland schreibt, aber doch aus einer konservativen Feuilletonsphäre kommt und Bewunderer wie Peter Sloterdijk, Lorenz Jäger oder Eckhard Henscheid hat. Hintz  versucht dem rechten Kitsch auf die Spur zu kommen,der radikaleres Gedankengut sozusagen für ein rechtskonservatives Bürgertum kompatibel macht: "Natürlich hat sich der Autor auch das Kulturverfallsthema nicht ausgedacht, das er unablässig bedient, um sich als vermeintliche letzte Elite hochleben zu lassen. Diese Texte wollen vor allem ein Manifest sein, in dem der Mann zum Widerständler und zur Minderheit erklärt wird - eine Ideologie, die er mit jedem 4chan-Incel teilt, die aber hier als Variante für den Salon brauchbar gemacht werden soll, der sich ja vermeintlich vom Stammtisch unterscheidet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2020 - Ideen

In der NZZ arbeitet sich Hans Ulrich Gumbrecht an der Banalisierung des Kritik-Begriffs ab, der bei Kant noch für den höchsten Erkenntnisanspruch stand, bei Marx wenigstens noch für eine fundierte Ablehnung der Gegenwart. Heute soll dier kritische Gestus linker Polemik wissenschaftliche Aura verleihen, glaubt Gumbrecht: "Schon immer ist die obligatorische Einschwörung der Intellektuellen auf ein verengtes Spektrum politischer Positionen das Erbe eines amputierten Begriffs von 'Kritik' gewesen, mithin ein großes Selbstmissverständnis."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2020 - Ideen

Auch der Politologe Constantin Huber wendet sich in hpd.de gegen die "Hufeisentheorie", die eine Nähe von Links- und Rechtsextremismus behauptet, auch weil die Linke so viel weniger gefährlich sei: "Nur wenn die verschiedenen Ursachen und die Problematiken in den Strukturen und Ideologien an den Rändern differenziert betrachtet werden, können funktionierende Lösungsstrategien eruiert werden. Und nur dadurch kann auch die Einsicht einkehren, dass der rechte Rand real sehr viel schädlicher für die Demokratie und ihre Institutionen ist als etwa das weichgespülte Schreckgespenst des Kommunismus, welcher von keiner relevant großen Gruppe aktuell eingeführt werden möchte respektive kann."

Auf Zeit online denkt Maximilian Probst in einem Essay über den Coronavirus als Metapher nach und was sich damit über China sagen lässt: Die Bekämpfung des Virus erfordert Meinungs- und Informationsfreiheit. Der chinesische Staat setzt statt dessen auf noch mehr Überwachung. "Geht aber der Überwachungsstaat gestärkt aus der Coronakrise hervor, wäre eine düstere Vision Foucaults bestätigt. Ihm zufolge haben Seuchen wie die Pest bereits im 17. Jahrhundert den Herrschenden 'die Probe auf die ideale Ausübung der Disziplinierungsmacht' gegeben. Sie 'träumten vom Pestzustand, um die perfekten Disziplinen funktionieren zu lassen'. ... Damit gewinnt die Frage, wer in China gewinnt - das Virus, das kommunistische Regime oder die Mittelschicht -, eine neue Bedeutungsebene. Gewinnt das Regime, wird es seinen Überwachungsstaat mit neuem Schwung als Erfolgsmodell propagieren. Daraus kann ein Exportschlager werden. Auch in Europa und Amerika ist die liberale Demokratie mittlerweile geschwächt genug, um sich am Virus der Überwachung im Namen einer effizienten Ordnung infizieren zu können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2020 - Ideen

Vielleicht sollte man nicht jedesmal gleich das Ende der Demokratie beschwören, wenn rechte Parteien Erfolge erzielen, meint die Historikerin Ute Daniel in der SZ. "Ist Demokratie nur dann im Normalmodus, wenn immer unfallfrei gefahren wird, nichts Unvorhergesehenes passiert und keine Krümel jucken? Und das ausgerechnet bei einem der schwierigeren Kunststücke, die in der parlamentarischen Demokratie zu vollbringen sind, nämlich dem Bilden stabiler Mehrheitsverhältnisse und ebensolcher Regierungen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2020 - Ideen

Mit leichter Belustigung notiert Adam Soboczynski in der Zeit, dass der Soziologe Armin Nassehi seinen Kollegen Andreas Reckwitz in der FAZ neulich recht scharf verrissen hat (unser Resümee). Vielleicht ist es Konkurrenz um die Beute? "Es ist nun komisch zu sehen, dass Reckwitz' Vorschläge letztlich auf nichts anderes abzielen als auf jene lagerübergreifenden Bündnisse, die auch Nassehi vor Augen hat."