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9punkt - Die Debattenrundschau

Selbst Gigant sein

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.03.2020. Im Guardian erklärt Timothy Garton Ash, warum Europa zu einer Supermacht werden sollte (und zwar am besten inklusive Britannien).  Ben Smith, der neue Medienkolumnist der New York Times, macht sich Sorgen über den ungeheuren Appetit seines neuen Arbeitgebers. Der neue Chefredakteur der Berliner Zeitung, Matthias Thieme, ist nach ein paar Wochen schon wieder zurückgetreten, meldet Horizont. Islamverbände wie die Ahmadiyya-Sekte versuchen Kritiker auch mit juristischen Mitteln zum Schweigen zu bringen, schreibt Necla Kelek Im Gießener Anzeiger.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.03.2020 finden Sie hier

Europa

Beginnt Boris Johnson jetzt mit einer Kulturpolitik à la Orban und Kaczynski? Downing Street 10 verweigert der berühmten Altertumshistorikerin Mary Beard wegen ihrer Ansichten einen renommierten Posten, berichtet Richard Brooks im Observer: "Die 65-jährige Gelehrte wurde von Downing Street als Trustee des Britischen Museums abgelehnt, wie der Observer erfahren hat. Quellen aus Whitehall sagten, dass die Entscheidung, sie abzulehnen, aufgrund ihrer pro-remain Ansichten getroffen wurde, die sie häufig über soziale Medien zum Ausdruck gebracht hat." Wie soll man ihr auch einen Posten in einer Institution gegen, die so wichtige englische Ausstellungsstücke wie die Elgin Marbles beherbergt, twittert Fintan O'Toole zu der Meldung.

"In einer Welt der Giganten muss man selbst Gigant sein", meint der Historiker Timothy Garton Ash im Guardian. Er möchte Europa als Supermacht sehen, um ein Gegengewicht zu Amerikanern, Russen und Chinesen zu bilden. Die Briten sollten idealerweise Teil dieses Bündnisses sein, denn sie wüssten besser als die anderen, was eine Supermacht ausmacht: "In einer kürzlich durchgeführten Pew-Umfrage waren die Bürger Großbritanniens allen anderen europäischen Ländern weit voraus in ihrer erklärten Bereitschaft, einen russischen Angriff auf einen Nato-Verbündeten auch mit militärischer Gewalt zu beantworten. 55 Prozent der Briten unterstützten das, aber nur 41 Prozent der Franzosen und nur 34 Prozent der Deutschen. Glücklicherweise gibt es noch einen anderen Weg, wie wir gemeinsam auf das Ziel hinarbeiten können, eine Supermacht zu sein. Es lässt sich mit dem Nike-Slogan zusammenfassen: 'Just do it'. Auf diese Weise haben wir beispielsweise eine europäische Politik gegenüber dem Iran und in gewissem Umfang auch gegenüber der Ukraine erreicht. Es genügt, wenn eine Gruppe von Staaten, idealerweise Deutschland, Frankreich und Großbritannien (die 'E3' der Iran-Politik), möglichst zusammen mit einigen anderen relevanten europäischen Staaten (Polen und die baltischen Länder für osteuropäische Herausforderungen, Spanien und Italien für die Mittelmeerländer), eine effektiv koordinierte Politik entwickelt und dabei eng mit dem Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik zusammenarbeitet."
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Medien

Mit einem ziemlichen Paukenschlag beginnt Ben Smith, einst von Buzzfeed, seine neue Medienkolumne bei der New York Times, womit er an die Stelle des in den USA legendären David Carr tritt: "Warum der Erfolg der New York Times eine schlechte Nachricht für den Journalismus sein kann", ist die Überschrift. Die New York Times lag einst fast brach, dann verkaufte sie fast alles und steckte es in die Strategie relativ preiswerter Digitalabos - mit Riesenerfolg. Fast alle berühmten Blog-Gründungen der Nullerjahre von Buzzfeed bis Gawker sind dagegen nur noch Schatten ihrer selbst oder gleich ganz tot: "Die Times dominiert das Nachrichtengeschäft inzwischen so sehr, dass sie viele Menschen aus Medien, die sie einst bedrohten, absorbiert hat: Die ehemaligen Top-Redakteure von Gawker, Recode und Quartz sind alle bei der Times, ebenso wie viele der Reporter, die Politico in Washington zu einer Pflichtlektüre machten. Ich habe meine ganze Karriere damit verbracht, gegen die Times anzutreten, hier zu arbeiten, fühlt sich ein bisschen an, als hätte ich aufgegeben. Und ich befürchte, dass der Erfolg der Times die Konkurrenz verdrängt." Und als typisch amerikanischer Journalist vergisst Smith dabei noch den Blick nach außen - denn die Times macht keineswegs nur amerikanischen Medien Konkurrenz!

Das war schnell! Erst vor drei Wochen waren die bisherigen Chefredakteure der Berliner Zeitung von dem neuen Chaos-Verlegerpaar Holger und Silke Friedrich geschasst worden, um Matthias Thieme als neuen Chefredakteur zu installieren - und nun kündigt auch dieser schon wieder, meldet Ulrike Simon bei Horizont. Zu den Gründen verlautet nur Vages: "Als Grund für Thiemes Entscheidung wird redaktionsintern eine komplexe Gemengelage angegeben. Sein Vorgehen wird angesichts der Umstände von seinen Redaktionskollegen als 'sehr nachvollziehbar' beschrieben." Offenbar gab es auch Streit um ein KI-Instrument zur News-Generierung namens "Newstech", das vom Herausgeber der Berliner Zeitung, Michael Maier, entwickelt worden ist. Neues zur Berliner Zeitung auch in der Welt, die über eine Briefkastenfirma der Friedrichs in der Schweiz berichtet.
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Ideen

Der Historiker Christian Geulen erzählt in geschichtedergegenwart.ch eine Geschichte des Links-Rechts-Gegensatzes in den Demokratien und Parlamenten und kommt für die Gegenwart zu einem etwas unscharfen Befund: "Die wesentliche Funktion der Links-Rechts-Unterscheidung, den gesellschaftlichen Grundkonflikt jenseits der multiplen Vorschläge seiner Lösung zu identifizieren, ist lahmgelegt. Freiheit und Gleichheit, Beharrung und Veränderung sind innerhalb wie zwischen den politischen Positionen frei zitierbar geworden, ohne in Widersprüche zu geraten."
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Stichwörter: Geulen, Christian

Gesellschaft

Islamverbände klagen gern vor Gericht, um Kritiker zum Schweigen, schreibt Necla Kelek in einem Zeitungsverbund (hier im Gießener Anzeiger) und schildert die Auseinandersetzung, in die sie von der Ahmadiyya-Sekte gezwungen wurde: "Jetzt hat das Oberlandesgericht in Frankfurt in zweiter Instanz ein Urteil gefällt und mir zugestanden, dass ich den AMJ sehr wohl als 'islamische Sekte' beurteilen darf, 'die den Islam wortwörtlich umgesetzt sehen will', sich 'inhaltlich nicht mit dem Koran - insbesondere den Gewaltstellen im Koran - auseinandersetzt' und aus der man nicht ohne Weiteres 'ein- und austreten' könne. Auch sei die Meinung legitim, diese islamische Gemeinde sei 'patriarchalisch und männerdominant'. Meine Meinung muss ja niemand teilen, aber eine Meinungsäußerung vom Gericht verbieten zu lassen zeigt, wie wenig diese 'Reformmuslime' von einem freien Diskurs halten, den sie nicht dominieren."

Besorgt muss der Rechtsprofessor Rudolf Steinberg in einem ganzseitigen Artikel für die Gegenwartsseite der FAZ feststellen, "dass religiös konnotierte Kleidungsstücke aus immer mehr Bereichen ausgeschlossen werden. Das gilt insbesondere für die Gesichtsverhüllung, in zunehmendem Maße aber auch für das muslimische Kopftuch. Dadurch angestoßen schrumpft der Raum für die Präsentation religiöser Symbole erheblich. Die Laizität ergreift immer mehr Bereiche von Staat und Gesellschaft."

Die jüngste Rechtsprechung des Bundesverfasssungsgerichts zur Sterbehilfe ist "im Kern tief unchristlich", schreibt Gustav Seibt in der SZ, weil sie ganz auf die individuelle Autonomie des Sterbenden setzt. "Suizidhilfe darf keine passiv entgegenzunehmende Sterbehilfe werden, sie muss die Bedingungen von Autonomie voraussetzen. ... Die Palliativmediziner, die sich nun so lautstark über das Urteil beklagen, haben von ihm eine entscheidende Aufgabe zugewiesen bekommen: Sie sollten durch ihr barmherziges Handeln jene Freiheit zum Suizid sichern, die ihre Inanspruchnahme im besten Fall überflüssig macht. Es geht dem Gericht beim Recht auf Selbsttötung also um die schiere Möglichkeit, sich das Leben zu nehmen. 'Hier ist', so schreibt es, 'bereits die individuelle Gewissheit identitätsstiftend, tatsächlich eigener Vorstellung entsprechend handeln zu können.' Und also nicht zu müssen, weil schon die Existenz eines Notausgangs das Leid erträglicher macht."
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