9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2020 - Ideen

Es gibt die autoritäre Versuchung des totalen Durchgreifens, das China jetzt so gut dastehen lässt, und die populistische des Leugnens, wie sie Jair Bolsonaro oder Donald Trump (zumindest zunächst) verkörperten. Ohnehin kommt es bei der Bekämpfung einer solchen Krise nicht so sehr auf die Form des Regimes an, meint Francis Fukuyama in einem längeren Essay für den Atlantic. "Bestehende Regeln oder Gesetze können niemals eine neue und schnell sich verändernde Situation vorwegnehmen. Die Fähigkeiten der Leute an der Spitze und ihr Urteilsvermögen bestimmen, ob das Ergebnis gut oder schlecht ist. Und für die Delegation von Autorität an die Exekutive ist Vertrauen die wichtigste Währung. Sowohl in einer Demokratie als auch in einer Diktatur müssen die Bürger glauben, dass die Exekutive weiß, was sie tut. Und Vertrauen ist leider das, was in Amerika am meisten fehlt."

Die Corona-Krise lässt manchen schon vom Systemumbau träumen: Stefan Hebel schlägt in der FR eine Entprivatisierung von Gemeingütern wie Wohnungen, Bahn, Krankenhäuser, Strom- und Wasserversorgung vor. Im Tagesspiegel forderte die Autorin Sasha Marianna Salzmann bedingungsloses Grundeinkommen und eine "globale Krankenversicherung". Und im Verfassungsblog plädiert der Richter Thomas Schomerus dafür, die Maßnahmen zum Kampf gegen Corona zum Vorbild für die Bekämpfung der globalen Erwärmung zu machen. Da fröstelt es den Juristen Arnd Diringer in der Welt: "Über solche Gedanken muss diskutiert werden - und zwar schnell und über den juristischen Elfenbeinturm hinaus. Denn wie Professor Uwe Volkmann von der Universität Frankfurt am Main unter dem Beitrag von Schomerus kommentierte: 'Alles was recht ist: Der Albtraum, in dem wir uns gerade befinden, allen Ernstes als Vorbild für die Bewältigung des Klimawandels? Dann gute Nacht.'"

In der NZZ kritisiert der Philosoph Reinhard K. Sprenger scharf den derzeitigen Einfluss von Medizinern auf die Politik. "Virologen regieren die Welt. Man mag diese Differenzierung für spitzfindig halten. Aber Politiker treten bevorzugt in Begleitung von Wissenschaftern auf und begründen ihre Maßnahmen mit dem Verweis auf Forschungsergebnisse. 'Alternativlos!' signalisiert das, der Konflikt zwischen Freiheit und Gesundheit ist moralisch vorentschieden, Widerspruch ist tabu."

Inzwischen kritisiert auch der Deutsche Anwaltverein das Berliner "Kontaktverbot", das einer Ausgangssperre sehr nahe kommt, berichtet Julius Betschka im Tagesspiegel: Zu schwammig, zu kompliziert, lautet die Kritik. "In den meisten anderen Bundesländern ist der Aufenthalt auf der Straße grundsätzlich gestattet, wenn man bestimmte Regeln beachtet. Berliner müssen sich hingegen jederzeit rechtfertigen und ausweisen können, wenn sie ihre Wohnung verlassen. Jetzt kritisiert der Deutsche Anwaltverein die Berliner Regelung. Zwar sei unbestritten, dass 'weitreichende Beschränkungen des sozialen Lebens' erforderlich sind. 'Ein generelles Verbot, die eigene Wohnung zu verlassen, ist dagegen mit dem Leitbild des Grundgesetzes nicht zu vereinbaren.' Die Bürger dürften nicht gezwungen werden, sich gegenüber der Polizei zu rechtfertigen, warum sie von grundlegenden Freiheiten Gebrauch machten."

Auch auf Zeit online fragt sich Kai Biermann, ob die getroffenen Maßnahmen wirklich alle verhältnismäßig sind: "In verschiedenen Städten gelten zum Beispiel inzwischen sogenannte Verweilverbote. Bewegung an der Luft sei weiter erlaubt, nur draußen herumsitzen nicht mehr, lautet das Argument der Regierungsstellen. Juristen halten das für unsinnig. Worin besteht beispielsweise die Gefahr, wenn eine Mutter mit ihren Kindern auf einer Bank im Park sitzt, damit alle etwas Sonne bekommen"?

"Die Bekämpfung von Desinformation .. kennt kein vernünftiges Maß", schreibt der Politologe Wolf J. Schünemann in Netzpolitik und wendet sich vehement gegen die Versuchung der erstarkten Exekutive, angebliche Desinformationen unter Strafe zu stellen. Desinformation, so Schünemann, sei nicht so leicht zu identifizieren wie Hassrede. Er erinnert an den Arzt Li Wenliang, der als erster über das Coronavirus berichtete, es zunächst noch falsch zuordnete und von den chinesischen Behörden wegen Verbreitens von Gerüchten belangt wurde. "Die Bekämpfung sogenannter Falschnachrichten und Gerüchte durch staatliche Behörden kann katastrophale Folgen haben, etwa wenn die rasche Aufklärung von Gesundheitsrisiken oder auch die Arbeit von Investigativjournalisten verhindert wird. Gravierender noch als die Sanktionierung im Einzelfall kann die durch die Sanktionspraxis bewirkte Abschreckung und Selbstzensur eine Gefährdung der demokratischen Öffentlichkeit dar." Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" bringt eine ständig aktualisierte Seite über Pressefreiheit in Zeiten der Corona-Krise.

Die sozialen Medien intervenieren unterdessen selbst gegen Fakenews. Facebook stellt 100 Millionen Dollar bereit, um Medien in ihrer Berichterstattung zu unterstützen, berichtet Marc Tracy in der New York Times. Twitter löscht Tweets von Jair Bolsonaro, der Falschinformationen über Corona verbreitete, meldet etwa Spiegel online.

Weiteres: In der NZZ lehnen der Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner (hier) und der Volkswirtschaftler Mathias Binswanger (hier) den kürzlich in der NZZ gemachten Vorschlag von Reiner Eichenberger für eine gezielte "Massendurchseuchung" der Bevölkerung ab.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2020 - Ideen

In der SZ erklärt die Soziologin Teresa Koloma Beck, welche Bedeutung Alltagsroutinen bei der Bewältigung von Krisen haben: Sie geben uns das Gefühl, die Situation doch irgendwie unter Kontrolle zu haben. "Die Veralltäglichung der Krisensituation ist ein extrem spannungsgeladener Prozess. Die Trägheit des Alltagsbewusstseins schützt uns vor Erfahrungen der Disruption. Doch hat diese Anpassung einen Preis. Denn den Alltag um tödliche Bedrohungen herum zu organisieren, ist anstrengend. Nicht zuletzt, weil damit affektiv-emotionale Belastungen einhergehen. Praktiken der Gefahrenvermeidung bringen Bedrohungen nicht zum Verschwinden, sondern halten sie in der Praxis selbst präsent - und damit auch die Möglichkeit des eigenen Todes und des Sterbens nahestehender Menschen."

Unsere Gesellschaft ist unbeweglich geworden, schreibt der Unternehmer und Trump-Unterstützer Peter Thiel (Facebook, Paypal) in der NZZ und empfiehlt die Lektüre eines Buchs des New-York-Times-Kolumnisten Ross Douthat: "The Decadent Society: How We Became the Victims of Our Own Success": "Douthat arbeitet vier Aspekte der Dekadenz heraus: Stagnation (Mittelmaß in den Bereichen Technologie und Wirtschaft), Sterilität (sinkende Geburtenraten), Verknöcherung (versagende Institutionen) und Wiederholung (kulturelle Erschöpfung). ... Mit dem Begriff Wiederholung benennt Douthat die Befindlichkeit einer Kulturszene, die sich in endlosen Remakes von Remakes erschöpft. Während die fünfziger, sechziger, siebziger und achtziger Jahre jeweils klar unterscheidbare Stile in Design, Mode, Musik und Kunst hervorbrachten, wirken die letzten drei Dekaden wie ein einziger großer Remix."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2020 - Ideen

Im historischen Vergleich mit Pest-Epidemien und anderen Seuchen geht es uns mit dem Corona-Virus noch gut, meint der Kulturwissenschaftler Thomas Macho im Gespräch mit dem Van Magazin: "Wir sind schon ungeheuer schnell. Als 1918 die 'Spanische Grippe' durch die noch vom Ersten Weltkrieg erschöpften Länder Europas zog, starben wohl innerhalb von zwei Jahren bis zu 50 Millionen Menschen. Und man wusste damals eben nicht, dass Grippe sich viral entwickelt. Man fahndete nach allen möglichen Bakterien - kannte aber noch nicht die Dynamik von Viren! Das war eine vollkommen andere Situation. Die 'Spanische Grippe' ist tatsächlich so etwas wie ein kollektives Trauma, das erst 2018 - also exakt einhundert Jahre danach - genauer wissenschaftlich aufgearbeitet wurde. Historiker*innen hatten bis dahin erstaunlich wenig darüber geforscht."

Er ist vierzig Jahre alt und hat bisher noch nicht Geschichte erlebt, nur Ereignisse, schreibt der polnische Autor Szczepan Twardoch ("Der Boxer") in der Literarischen Welt. Die Geschichte breche ein in Form einer Katastrophe, die das angenehme Zeitgefüge und die Rituale, in denen wir lebten, empfindlich durcheinander bringt: "Ja, ich bin vierzig Jahre alt und war auf die Geschichte nicht vorbereitet. Lieber würde ich das Leben im archaischen Zyklus des sich erneuernden Jahres verbringen, in der Welt der kapitalistischen Rituale der Postmoderne, doch die Geschichte kommt immer wie der Dieb in der Nacht, sie trifft uns immer unvorbereitet." Ebernfalls in der Literarischen Welt empfiehlt Sahra Wagenknecht das neue Buch von Thomas Piketty (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Andrian Kreye feiert den Wohltäter Bill Gates in der SZ als Visionär, der schon lange vor Pandemien gewarnt habe: "Bill Gates' Fähigkeit, als einer der wichtigsten Architekten der digitalen Welt in Netzwerken zu denken, ist sein offensichtlichster intellektueller Vorteil. Für Pandemieforscher ist ein Ausbruch zunächst einmal ein Netzwerk, dessen Eigenschaften sie so schnell wie möglich festlegen müssen." Dagegen könnte man natürlich einwenden, dass Gates alles andere als der Erfinder des Netzes ist - und dass seine Software besonders gern von Viren heimgesucht wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2020 - Ideen

Auch politisch lehrt uns die Corona-Krise ein paar "harte Wahrheiten", notiert der Politologe David Runciman ("So endet die Demokratie") im Guardian. Zum Beispiel diese: "Es kommt tatsächlich auf nationale Regierungen an, und es ist wichtig, unter welcher Regierung man sich befindet. Obwohl die Pandemie ein globales Phänomen ist und an vielen verschiedenen Orten ähnlich erlebt wird, werden die Auswirkungen der Krankheit in hohem Maße von den Entscheidungen der einzelnen Regierungen beeinflusst. Unterschiedliche Ansichten darüber, wann und wie weit man handeln soll, bedeuten auch, dass keine Nation die gleiche Erfahrung macht wie die anderen."

Die neue "Wissenschaftsgläubigkeit" der Politiker hat auch ihre Schattenseiten, konstatiert der Philosoph Markus Gabriel in der NZZ. Der gegenwärtige "virologische Imperativ" bedarf auch einer "ethisch-philosophischen Reflexion", fährt er fort. Über die ethische Berechtigung einer Ausgangssperre in liberalen Demokratien wurde ebenso wenig nachgedacht wie über deren Folgen: "Wie steht es mit den konkreten Gefahren für unser Gesundheitssystem, die durch den wirtschaftlichen Schockzustand der bevorstehenden Wirtschaftskrise erst geschaffen werden? Wie mit den Einsamen und Suchtkranken, den Menschen, die nicht den Luxus haben, sich in ein sicheres Zuhause mit Garten zurückziehen zu können, sondern denen durch die Ausgangssperren häusliche Gewalt und Missbrauch drohen? Und welche Risiken bestehen für unsere Sicherheitsapparate, wenn plötzlich Geschäfte in E-Meetings abgewickelt werden, die ohne große Schwierigkeiten abgehört werden können?"

Weitere Artikel: In der Welt nimmt Slavoj Zizek die Krise wieder einmal zum Anlass, um den Kommunismus zu preisen. In der NZZ fürchtet Olivier Kessler, Vizedirektor des Liberalen Instituts, indes eine zunehmende "Verstaatlichung, Zentralisierung und Knechtschaft" der Gesellschaft. Ebenfalls in der NZZ versucht die Philosophin Ursula Renz die Krise mit Spinoza-Lektüre zu bewältigen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2020 - Ideen

Schade, dass über so etwas die Feuilletons nie berichten würden: Am letzten Wochenende fand unter der Schirmherrschaft der Bundesregierung ein riesiger virtueller Hackathon statt unter dem Namen #WirvsVirus: 27.000 Freiwillige stellten fast 1.500 Projekte auf die Beine, um die gesellschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus abzufedern. Mit dabei waren Programmierer und Grafikdesigner, aber auch Pädagogen, Historiker oder Psychologen. Dabei ging es um Fragen wie: "Wie lässt sich das Abstandhalten im Alltag -'Social Distancing' - in den nächsten Wochen besser realisieren? Wie können Menschen aus der Risikogruppe beim Einkaufen unterstützt werden? Und wie können die bundesweiten Kapazitäten an Krankenhausbetten auf einer Plattform gebündelt werden?", schreibt Helena Ott auf den Digitalseiten der SZ. "Die Programmierer tüftelten gemeinsam an Codes, Grafiker entwarfen Logos. Andere Freiwillige kümmerten sich um die ersten Inhalte und Social-Media-Posts. Das Team 'Ernte retten' nahm sich zum Beispiel das Problem vor, dass im Frühjahr 300.000 Saisonarbeitskräfte auf den Feldern fehlen könnten. Gemeinsam setzten sie bis Sonntag eine Website auf, die verschiedene existierende Angebote bündelt, bei denen Erntehelfer und Landwirte zusammenkommen sollen." Auch Perlentaucher-Mitbegründer Adam Cwientzek arbeitete an einem der Projekte mit und half zusammen mit 126 Mitstreitern, ein virtuelles Klassenzimmer auf die Beine zu stellen. Alle Abschlussvideos findet man hier.

Hier das Video, mit weiterführenden Links, zum virtuellen Klassenzimmer:



Im Interview mit der Berliner Zeitung kritisiert der Soziologe Sighard Neckel den Rückzug des Staates aus elementaren Aufgaben wie medizinischer Versorgung der Bevölkerung. Die Folgen würden sich ja jetzt zeigen, mit viel zu wenig medizinischem Personal und Krankenhausbetten. Er fordert daher "eine Art Infrastruktursozialismus, der nicht nur die elementaren Funktionen als hochwertige öffentliche Güter betreibt. Ja, wir brauchen eine Umwertung der ökonomischen Werte. Die Nützlichkeit und Unverzichtbarkeit gesellschaftlicher Leistungen muss in der Staffelung von Erträgen vorrangig sein. Wir können ziemlich sicher auf etliche Consultants und Derivatehändler verzichten, aber auf keine einzige Pflegekraft im Krankenhaus." Und was ist mit Soziologen? Oder Journalisten?

In der NZZ denkt der 71-jährige Hans Ulrich Gumbrecht über das neue Vertrauen in den Staat nach. Und über die Solidarität, die jüngere mit älteren Menschen derzeit üben, wenn sie Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen akzeptieren, die vor allem die Älteren schützen sollen, aber einen hohen wirtschaftlichen Preis haben könnten: "Und hier stellt sich den (in einem moralisch positiven Sinn) populistischen Notstands-Regierungen eine - skandalös wirkende und gewiss schmerzhafte - Frage, deren Beantwortung sie schleunigst ins Visier nehmen müssen. Wird durch den Entschluss, alle Zeitgenossen mittels drakonisch durchgesetzter sozialer Distanz gleich und maximal gegen eine Todesgefahr zu schützen, das Überleben der Menschheit oder mindestens doch die Zukunft der jüngeren Generationen aufs Spiel gesetzt?"

Die Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann ( "Das Schweigen der Mitte") konstatiert ebenfalls in der NZZ: "Inzwischen scheint sich endlich die Einsicht durchgesetzt zu haben, dass unsere Freiheiten und unser Lebensstil, den anspruchsvollsten, den wir je hatten, nur zu halten sind, wenn wir in außergewöhnlichen Situationen zum Schutz der Gesundheit und des Gemeinwohls bereit sind, temporär auf die Ausübung dieser verfassten Freiheitsrechte zu verzichten."

Außerdem: In der FR schreibt Arno Widmann eine kleine Kulturgeschichte der Seuchen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2020 - Ideen

Die Slawistin Sylvia Sasse reagiert in geschichtedergegenwart.ch mit einem Text über die "Tolstoi und die Ansteckung" hochkomplex (und leider nicht immer ganz nachvollziehabar) auf eine Intervention Giorgio Agambens zur Corona-Krise und auf eine Antwort Slavoj Zizeks darauf. Giorgio Agamben hat in einer Kolumne für die Zeitschrift Quodlibet von der "Erfindung einer Epidemie" gesprochen, die im Grunde nur darauf aus sei, den Ausnahmezustand herzustellen. Slavoj Zizek wirft Agamben in der NZZ vom 13. März mit einsichtigen Argumenten vor, dass er hier Diskurs und Realität verwechselt und kommt dann auf die Metapher der "Ansteckung" bei Tolstoi zu sprechen, womit er Sasses Widerspruch erregt. Der Mensch sei eben nicht autonom, schließt Zizek. Und hier wirft Sasse ein, dass Zizek fast den selben Fehler macht wie Agamben: "Banal gesagt, die komplexen physischen Prozesse einer Ansteckung mit Corona werden wir nicht mit Konzepten geistiger Ansteckung interpretieren können, das könnte schlimmstenfalls selbst die physische Ansteckung befördern."

Die Corona-Krise verläuft nicht wie andere Pandemien in früheren Jahrhunderten, meint in der NZZ der Historiker Volker Reinhardt. Vergleichen könne man aber dennoch mit Gewinn: schon um zu sehen, was seitdem besser geworden sei. Diejenigen, die jetzt davon träumen, die einschränkenden Maßnahmen nach dem Ende der Epidemie für die Umwelt einfach weiterlaufen zu lassen, erinnert Reinhardt daran, dass die Menschen nach der Pestepidemie des 14. Jahrhunderts nicht frommer wurden. Im Gegenteil: "Ein Menschenalter nach der ersten großen Epidemie meißelt Donatello seinen David und den heiligen Georg, malt Masaccio die ersten dreidimensionalen Fresken. Das waren Werke, die den Menschen in einer ganz neuen Größe, Würde und Unverwechselbarkeit zeigen ... Mit anderen Worten: Die künstlerische und intellektuelle Elite münzte die Epidemie in einen Hymnus auf das Leben und den Lebensgenuss um."

Na bitte, der Neoliberalismus ist in Zeiten von Corona am Ende, statt dessen ist Solidarität gefragt, triumphiert der Soziologe Heinz Bude im Gespräch mit der Berliner Zeitung: "Wir erleben gerade den Schlussstrich unter einer Periode, in der der starke Einzelne gerühmt, der Staat belächelt und an die vernetzte Welt geglaubt wurde. Die Bewusstsein einer relativ klassenindifferenten Vulnerabilität, also Verletzlichkeit, belebt die Suche nach neuen Formen der Solidarität, die Anerkenntnis der Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft ernüchtert den fröhlichen Geist zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation, und die Einsicht in die dunklen Seiten der Vernetzung stärkt den Bedarf nach den kleinen Lebenskreisen, in denen man sich wechselseitig hilft und aufeinander achtet. ... Das Pendel wird von der Seite der Freiheit zur Seite des Schutzes schwingen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2020 - Ideen

Zu alldem passen László F. Földényis Meditationen aus seiner Rede für den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Unsere Zivilisation ist zu selbstsicher geworden, meint Földenyi. Der Melancholiker habe es stets besser gewusst: "Der Melancholiker teilt diese universelle Selbstsicherheit nicht. Für ihn ist das Unbekannte nicht etwas, was sich bei entsprechenden Kenntnissen früher oder später entschleiern lassen wird, sondern das innerste Zentrum des menschlichen Daseins und Denkens. Und was ist dieses Unbekannte? Etwas, worin jedes Leben eingebettet ist. Niemals sind wir vollständig Herr unseres Lebens; es gibt etwas, was stets über uns hinausgeht."

In der NZZ macht der Sozialpsychologe Jonathan Haidt die sozialen Medien verantwortlich für Depressionen und letztlich die Tribalisierung unserer Gesellschaft, die sich an Universitäten besonders deutlich zeige: Studenten würden andere Standpunkte zunehmend "als Angriff auf ihre Persönlichkeit wahrnehmen. Als Psychologe habe ich mich in die Forschung zu Depression, Angstzuständen und Sozialen Netzwerken vertieft. Das Resultat: Leute mit Jahrgang 1996 oder später sind grundsätzlich anders als ältere Jahrgänge, weil die Generation Z schon ab der sechsten Klasse auf sozialen Netzwerken aktiv wird, wenn ihre Gehirne noch überaus plastisch sind. Das unterscheidet sie von Millennials mit 1980er Jahrgängen, die erst an der Uni auf Social Media aktiv wurden. Die Gen Z ist viel fragiler, ängstlicher, verletzlicher und empfindlicher gegenüber Worten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2020 - Ideen

Necla Kelek analysiert bei cicero.de das viel besprochene Buch "Sprache und Sein" der Bloggerin Kübra Gümüsay, die anhand von Sprache die Diskriminierung von Türken in Deutschland beschreiben will. Kelek kritisiert, dass Gümüsay die deutsche Gesellschaft mit einem Zirkelschluss immer in die Position der Schuldigen schiebe: "Sie wirft den Deutschen Diskriminierung vor, wenn von den muslimischen Frauen oder den Muslimen gesprochen wird, nimmt aber das Kollektivmandat für sich in Anspruch, wenn sie von 'Wir Fremde' spricht... Die Autorin nutzt die hermeneutische, durchweg westliche Methode, um die Deutschen, um europäische und westliche Praxis und Prinzipien zu kritisieren, ergreift aber nicht die Chance, mit diesem Wissen die eigenen mitgebrachten Werte und Traditionen etwa der islamischen Welt zu hinterfragen, zu deuten und gegebenenfalls zu ändern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2020 - Ideen

In einem sehr schönen taz-Gespräch mit Ralf Leonhardt spricht der ungarische Schriftsteller und Essayist László Földényi über Verlust und Schmerz, Geschichte und Melancholie, die seit Keats "im Tempel der Heiterkeit" verortet wird: "Der französisch-rumänische Philosoph Emil Cioran hat gemeint, es gebe drei melancholische Nationen: die Portugiesen, die Russen und die Ungarn. Ich würde die Ungarn aber eher eine frustrierte Nation nennen. Diese Frustration kommt aus der Geschichte der letzten Jahrhunderte. Melancholie ist etwas anders, die kann man nicht mit der Geschichte erklären, das ist eher ein existenzieller Begriff. Ich würde ihn nicht auf Nationen ausdehnen... Seit dem Mongolensturm im 13. Jahrhundert haben die Ungarn fast nur Niederlagen erlitten, selten einen richtigen Sieg gefeiert. Sie waren eine besetzte Nation: von Tataren, Türken, Habsburgern, Deutschen, Russen. Ungarn hat nie eine richtige Selbstständigkeit erlebt. Ähnlich wie Polen, das ja zeitweise sogar als Land von der Karte verschwand.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2020 - Ideen

Das Coronavirus ist ein Mahnruf, um die Globalisierung zurückzubauen, findet Claus Leggewie in der taz: "Die Regionalisierung der Märkte wäre ein wichtiger Baustein zu einer rationalen und schrittweisen Deglobalisierung. Wer arbeits- und sozialpolitische, gesundheitliche und ökologische Kosten zusammenzählt oder in die Bilanz einrechnet, erkennt die immensen Kosten und Kollateralschäden einer aus dem Ruder gelaufenen Globalisierung." Wie genau er den "ekligen Bündnispartner: die völkisch-autoritären Nationalisten, die in den USA und Großbritannien gerade demonstriert haben, welchen Schaden wirtschaftlicher Protektionismus anrichten kann", dabei im Zaum halten will, macht er nicht ganz klar.

Andreas Kyriacou unterhält sich bei hpd.de mit Sarah Haider, die die "Ex-Muslims of North America" gegründet hat und unter anderem über die Reaktionen des sehr religiösen und auf der Linken heute sehr proreligiösen amerikanischen Publikums spricht: "Religiosität wird von Vertretern der Identitätspolitik oftmals als etwas Unveränderliches angesehen. Dabei beweisen wir Ex-Muslime alleine durch unsere Existenz, dass die eigene Weltanschauung etwas Dynamisches ist und man einem ganzen Strauß von Ideen nachgehen kann. Es wird übrigens spannend sein zu sehen, welchen Einfluss die Genderdebatte auf die Identitätspolitik haben wird, die in vielerlei Hinsicht von der Unveränderbarkeit von Merkmalen ausgeht, beim sozialen Geschlecht aber Fluidität betont."