9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

2278 Presseschau-Absätze - Seite 135 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2019 - Ideen

Im Welt-Gespräch mit Martina Meister erneuert der französische Philosoph Michel Onfray noch einmal seine hässlichen, bereits in einem Essay erhobenen Vorwürfe gegen Greta Thunberg - sie sei ein von Erwachsenen instrumentalisierter, "geschlechts- und gefühlloser Cyborg" und eine "Silikonpuppe" - um dann eine unappetitliche Parallele zur 68er-Revolution zu ziehen: "Sie wurde von denen gemacht, die heute die Eltern dieser Königskinder sind, und die, nachdem sie Mao und Trotski gefeiert haben, heute das Credo von Jean Monnet und Emmanuel Macron nachbeten. Es sind diejenigen, die vor den Kindern auf die Knie gehen, weil sie selbst nie fähig waren, erwachsen zu werden. Bei dieser Gelegenheit kann man daran erinnern, dass sich die Altachtundsechziger in den 70er-Jahren massiv dafür eingesetzt haben, die Pädophilie zu entkriminalisieren. Das Wesen von Kindern ist es, über sich hinauszuwachsen, und nicht, als Fetisch oder Ikone gefeiert zu werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2019 - Ideen

Die FAZ stellt dankenswerter Weise den Artikel des Historikers Marco Ebert über Judith Butler von den gestrigen Geisteswissenschaftenseiten online. Er zeigt, wie sie sich im Namen des Postkolonialismus und Antirassismus komplett vom aufgeklärten Denken verabschiedet: "Das tut sie, indem sie eine Neudefinition von Freiheit fordert, die nicht mehr auf Subjektivität, sexueller und künstlerischer Ausdrucksfreiheit beruht, sondern vom Begriff der Handlungsfähigkeit (agency) ausgeht: Agency 'erlaubt diverse Praktiken als Ausdruck von Freiheit vorzustellen, die nicht unbedingt dem Individuum entspringen oder irgendeiner innerlichen Vorstellung von Selbstbestimmung'. Eine solche Praktik ist für Butler beispielsweise die 'Freiheit, eine Burka zu tragen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2019 - Ideen

Der Historiker Volker Weiß glaubt nicht an den Verfassungsschutz, wenn es um die Aufdeckung rechtsradikaler Netzwerke geht, im Gegenteil: "Ich fürchte, der Inlandsgeheimdienst ist Teil des Problems, nicht der Lösung", sagt er im Interview mit der FR, während er mit Hilfe Adornos die Lage analysiert: "Adorno warnt in seiner Rede vor einfachen Ableitungen. Die kleine Konjunkturkrise der Sechziger war auch weder mit dem Schwarzen Freitag 1928 noch mit der Finanzkrise von 2008 vergleichbar. Ihm geht es um etwas anderes: die Subjekte spüren gewissermaßen die Brüchigkeit des Ganzen, das heißt, Unsicherheit bildet das Grundgefühl. Was einmal die Deklassierungsangst einer bestimmten Schicht gewesen ist, betrifft heute alle. Daher ist die Rechnung 'Krise = rechte Wähler' zu kurzsichtig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2019 - Ideen

Auf der Suche nach einer Aufklärung, die nicht aufs Moralisieren oder Menschheitsbeglückungs setzt, wird Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ bei Diderot und dem jungen Voltaire fündig, die eher einen Stil individueller Skepsis pflegten: "Von Gestalten wie Diderot und dem frühen Voltaire ermutigt, lässt sich der Vorwurf, jede Kritik an politisch korrekten Positionen sei 'anti-aufklärerisch', mit einer kontrapunktischen Konzeption von Aufklärung kontern. Unter der Annahme unaufhebbarer Komplexität und Kontingenz der Welt bleibt diese Konzeption vor allem skeptisch gegenüber allen sich als a priori 'richtig' präsentierenden Lösungen, Anleitungen und Imperativen. Ansätze zur Orientierung in konkreten Situationen mit ihren jeweiligen Problemen gewinnt die andere Aufklärung aus der Bereitschaft, sich über Unterschiede des Urteilens wie des Erfahrens zu verständigen. Dabei entsteht eine intellektuelle Kraft, die es sich leisten kann, Widersprüche wahrzunehmen und an Rückschlägen zu arbeiten - statt sich mit moralischer Selbstgerechtigkeit und kollektiven Fortschrittsversprechen selbst zu blenden."

Welt
-Autor Thomas Schmid kann zwar einige luzide Gedanken aus Theodor W. Adornos wiederaufgelegtem Text "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" ziehen, aber er stellt auch etwas enttäuscht ein gewisses Manko fest: "Adornos Wiener Rede enthält nicht die geringste Spur des Vertrauens in den neuen Staat. Im Grunde hat er 1967 dieselbe Botschaft wie sein Kollege Horkheimer 1939: Der Prozess der Kapitalkonzentration führt ausweglos zu neuen Deklassierungen, zu einer verfestigten, technologisch bedingten Dauerarbeitslosigkeit, zu einer allgemeinen Verelendung und zum totalen totalitären Staat. Wenn man das glaubt, muss die Situation ausweglos sein: kein Silberstreifen am Horizont. Den gab es aber wohl, wie die Geschichte der Bundesrepublik zumindest im Rückblick zeigt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2019 - Ideen

Die Zeitungen bringen Artikel zu Theodor W. Adornos fünfzigstem Todestag. Rudolf Walther erzählt in der taz, warum Adorno in Frankfurt bis heute für Streit sorgt: "Am Haus Seeheimer Straße 19 in Frankfurt-Oberrad, wo die Familie Adorno vor dem Krieg lange wohnte, wollte das Kulturamt eine Erinnerungstafel anbringen - wie bereits an Adornos Wohnhaus nach dem Krieg am Kettenhofweg 123 im Frankfurter Westend. Das Vorhaben scheiterte jedoch am Eigentümer des Hauses in Oberrad. Dessen Vorfahren konnten das Haus 1937 günstig 'erwerben', weil die Nazis die Familie Adorno zu 'Juden' gemacht und entrechtet hatten."

Arno Widmann erinnert sich in der FR an seine Zeit als Student bei Adorno: "Der autoritäre Charakter, gegen den wir, Adorno folgend, rebellierten, kam gerade in unserer Revolte wieder hervor. In uns. Das hatten wir auch bei Adorno gelernt. Aber niemand sieht sich selbst so genau, wie er auf andere schaut. Dass man es in dieser Kunst auch sehr weit bringen kann, darüber belehrt uns die Lektüre von Adornos 'Traumprotokollen'. Die Beschreibung des Traums, in dem er jungen Männern zuschaut, wie sie sich selbst guillotinieren, endet mit der Bemerkung: 'Alles völlig wort- und lautlos. Ohne jeden Affekt zugeschaut, aber mit Erektion aufgewacht.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2019 - Ideen

Welt-Autor Thomas Schmid stimmt in seinem Blog nicht ganz in die allgemeinen Hymnen auf Theodor W. Adornos neu edierte Schrift zum Rechtsextremismus von 1967 an - vor allem weil er in die grobschlächtige Theorie vom Faschismus als letztem Stadium des Kapitalismus zurückfällt und dabei den Blick auf die neue Bundesrepublik verliere: "Er verliert in der Rede kein einziges Wort über die Institutionen und ihre Erfolge bei der Etablierung einer neuen Ordnung. Das Grundgesetz würdigt er so wenig wie die Tatsache, dass es nun ein keineswegs machtloses Bundesverfassungsgericht gab. Die Parteien kommen so wenig vor wie die Zivilgesellschaft, die schon damals - unter entschiedener Mithilfe Adornos - die Republik zu festigen begann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2019 - Ideen

Traditionsverbundene, abgehängte Landbevölkerung? Gibt's gar nicht, meint Nils Markwardt auf Zeit online, die ist nur eine Erfindung der Konservativen. Und wo es sie doch gibt, sind die Konservativen schuld an der Misere, die immer versichert hätten, unregulierter Kapitalismus und Globalisierung würden am Ende schon alles richten: "Da die politische Thematisierung dieses Umstands aber die konservative Mitverantwortung offenlegen würde, passiert das, was man schon aus Kohls 'geistig-moralischer Wende' in der Wirtschaftskrise 1982 oder von den US-Republikanern kennt: Statt ökonomische Strukturprobleme anzusprechen, werden Konflikte kulturell überdeterminiert. Um zu überdecken, dass die eigene wirtschaftspolitische Agenda mitverantwortlich für die Abgehängtheit vieler Wähler ist, wird ein kultureller Ersatzkonflikt geschürt, der sich dann wahlweise auf Minderheiten oder vermeintliche Kultureliten in den Städten bezieht."

Der Spiegel-online-Kolumnist Christian Stöcker hält Verbote zur Bekämpfung der Klimakrise für richtig. Verbote seien nichts anderes als Gesetze. Die Kritik von Liberalen an dieser Idee zeige eher, dass Liberale über ihren nationalen Tellerrand nicht hinausblicken, so Stöcker: "In unserer globalisierten Welt wird das Konzept des Liberalismus ziemlich hohl, wenn man individuelle Freiheit immer nur innerhalb der aktuellen Staatsgrenzen einfordert - und nur mit Blick auf die eigene Generation. Genauso hohl übrigens wie ein linkes Denken, das sich nur für Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich im nationalen Rahmen interessiert."

Mimetisches Begehren, dass man also etwas begehrt, weil ein anderer das auch tut, gibt es nicht nur in der Liebe, erklärt der 2015 verstorbene französisch-amerikanische Denker René Girard in einem NZZ-Interview, das Robert Pogue Harrison 2005 mit ihm führte. "Die mimetischste Institution von allen ist eine kapitalistische: die Börse. Man will eine Aktie nicht, weil ihr etwas objektiv Begehrenswertes eignet. Man weiß überhaupt nichts über sie, aber man ist allein darum auf sie erpicht, weil andere Leute sie auch haben wollen. Und wenn alle sie haben wollen, steigt ihr Wert ins Unermessliche. So betrachtet, ist das mimetische Begehren eine Art absoluter Herrscher."

Ebenfalls in der NZZ schreibt Rainer Stadler zum 50. Todestag Theodor W. Adornos.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2019 - Ideen

Der Politologe Jan-Werner Müller verteidigt im Tagesspiegel die Idee einer linken Identitätspolitik: "Wer Minderheiten vorwirft, sie würden ja immer nur narzisstisch von sich reden, verbietet den Stigmatisierten de facto, über ihr Stigma zu sprechen. Hannah Arendt bemerkte einmal, wenn man als Jüdin angegriffen werde, müsse man sich als Jüdin wehren. Eine Verteidigung, die sich sofort ins Allgemeine zurückzieht, lässt es gar nicht zu, besondere Umstände und Gründe eines Unrechts zu erkennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2019 - Ideen

Anlässlich seines 85. Geburtstages haben sich die Politologen Waltraud Meints-Stender und Dirk Lange mit dem Sozialphilosophen Oscar Negt zum großen FR-Gespräch getroffen und mit ihm über politische Bildung, die Krise der Demokratie und Rechtspopulismus gesprochen. Negt spricht unter anderem einer "Entwertung von Bindungen" durch den Kapitalismus: "Das Zerbrechen von Bindungen bedeutet nicht, dass die Bindungsbedürfnisse der Menschen nachlassen, im Gegenteil sie werden intensiviert, und die kulturellen Suchbewegungen sind darauf gerichtet, sich neue orientierende Bindungen zu verschaffen. Die Angebote von Kameradschaften, nationalen Ortsbestimmungen und Heimaten, die menschliche Nähe versprechen, sind keineswegs mehr bloße Phantasien. Ungarn ist nicht am Rand des europäischen Kosmos situiert, Frankreich und die Niederlande sind Zentralstaaten des europäischen Zusammenhangs."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2019 - Ideen

Es ist gefährlich, Endzeittheorien als eine Art anthropologische Konstante zu sehen und dann abzuwinken, schreibt Johannes Schneider bei Zeit online. Ja, "die Menschheit hat sich zu allen Zeiten gern mit ihrem Ende befasst. Deshalb bemerkt sie nicht, dass es jetzt so weit ist." Der Grund ist für Schneider, dass sich das Ende nicht so anfühlt: "Die Apokalypse geschieht ja längst, wir bemerken es nur nicht, indem wir auf ihre äußere Manifestation in Form eines besonders grauenhaften Ereignisses warten. Sie ist passiert, als der Ottomotor erfunden wurde, sie ist mit der Wachstumslogik in die Welt gekommen, sie verbirgt sich im angereicherten Uran auf diesem Planeten." Äh, ist das Uran jetzt auch für die Klimakrise zuständig, oder sagt Schneider außerdem einen Atomkrieg an?

Welt-Autor Philip Cassier versucht, die Idee des Liberalismus vom Konservatismus und der Linken abzugrenzen: "Mögen Konservative aktuelle Ereignisse nur für die Schaumkronen des ewig wogenden historischen Meeres halten, in die Zeit hineinhorchen und ein paar ewige Wahrheiten in den Lauf der Dinge zurückraunen, mögen Linke so lange rhetorische Akrobatik vorführen, bis jede Tatsache auf dem Papier zum Plan passt - der Liberale fragt sich, was er heute tun kann, damit der dünne Lack der Zivilisation bis morgen hält, und morgen wird man weitersehen."