9punkt - Die Debattenrundschau

Dieses Schweigen dröhnt besonders laut

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.08.2019. In der SZ erklärt Max Hollein, warum er es richtig findet, "dass Kulturgüter nicht nur geteilt werden, sondern dass sie auch an ganz anderen Orten ihre Wirkung entfalten". In der FAZ bringt der ehemalige Bürgerrechtlicher Werner Schulz eine donnernde Replik auf Detlef Pollack in der Debatte über die Bürgerrechtler und den Mauerfall: Revolutionen ereignen sich, "wenn einige Mutige voranschreiten". Welt, Zeit online und Indiskretion Ehrensache diskutieren über die Forderung, Kinder, die nicht deutsch können, getrennt einzuschulen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2019 finden Sie hier

Europa

Revolutionen ereignen sich, "wenn einige Mutige voranschreiten und viele davon ermutigt werden, ihnen zu folgen. Genau das ist in Leipzig erfolgt", schreibt der ehemalige Bürgerrechtler Werner Schulz in einem Artikel wie Donnerhall gegen den Religionssoziologen Detlef Pollack, der in der FAZ die Verdienste der Bürgerrechtler und der "Kirche von unten" heruntergeredet hat und behauptete, die "Normalos" seien die eigentlichen Helden des Mauerfalls (unsere Resümees). Nebenbei kommt Schulz auf Pollacks Vita als Religionssoziologe zu sprechen, der in Leipzig als Schüler von "Prof. Hans Moritz, alias IM Martin, Mitglied im Zentralrat der FDJ" schon vor 1989 publizierte: "Noch 1988 hat Pollack den fruchtbaren Dialog zwischen Marxisten und Christen gepriesen und die stabilisierende Rolle der Kirche in der sozialistischen Gesellschaft betont - während er die Friedenskreise, die sich mit Abrüstung, Menschenrechten, Umweltschutz, Erziehung, Ausreise, Wehrdienstverweigerung und anderen, die Parteipolitik in Frage stellenden Themen beschäftigten, nicht einmal erwähnt."
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Gesellschaft

Der Paderborner CDU-Politiker Carsten Linnemann hat gerade gefordert, dass Kinder erst eingeschult werden sollen, wenn sie Deutsch (und damit dem Unterricht folgen) können. In der Welt findet das Thomas Lindemann nicht grundsätzlich verkehrt: "In Neukölln begleitet uns das, was er fordert, allerdings längst. An den Kindergärten gibt es 'Kikus', einen zusätzlichen Deutschunterricht für Kinder aus Einwandererfamilien. Auch unsere Tochter, typisch deutsches Bildungsbürgerkind, sollte mitmachen. Und zwar als 'Vorbildkind'. Für die anderen. Das hat sie mit Begeisterung getan und auf diese Weise gleich gelernt, was Solidarität ist. Wir helfen den Schwächeren. Warum also nicht viel früher ansetzen? Etwa: Beitragsfrei ist die Kita nur, wenn das Kind diesen Sprachkurs auch wirklich besucht. Dann muss man nicht mit Repressalien gegen Sechsjährige drohen. So könnte man Linnemanns Forderung nachbessern. Denn sie ist zwar im Detail falsch, aber dennoch wichtig. Immerhin redet mal einer über das Problem."

Warum nicht einfach mal nach Kanada gucken, schlägt Dorothea Siems, ebenfalls in der Welt, vor. "Dort kommen Kinder, die des Englischen beziehungsweise Französischen noch nicht mächtig sind, zunächst in spezielle Einrichtungen, in denen der Spracherwerb Toppriorität hat. Spätestens nach einem Jahr geht es an eine Regelschule. Dass auch dort der Ausländeranteil oft hoch ist, spielt dann überhaupt keine Rolle, denn alle Schüler können dem Unterricht ohne sprachliche Schwierigkeiten folgen."

Wie immer man das Problem angeht, es braucht mehr Geld und Personal, lernt Parvin Sadigh, die sich für Zeit online unter Experten umgehört hat, obwohl sich schon einiges zum Positiven geändert habe: "Besonders Kinder, die zu Hause hauptsächlich kein Deutsch sprechen, besuchten 2017 laut Bildungsbericht häufiger die Kita als noch 2007 (54 Prozent mehr). Das allein erklärt also nicht viel. [Michael Becker-Mrotzek, Direktor der Stiftung Mercator] nennt einen weiteren Grund: Da es keine Kindergartenpflicht gibt, gibt es auch keine Durchgriffsmöglichkeiten. Kitaträger sind oft privat, ihnen könne man schwer Vorgaben machen."

Thomas Knüwer greift auf seinem Blog einen scheinbaren Nebenaspekt der Debatte heraus: Die Rheinische Post hatte in der Online-Überschrift viel stärker zugespitzt als Linnemann selbst. Nur Nachprüfen können es die Leser kaum, denn das Interview steht hinter einer Zahlschranke. Knüwer dazu: "Es ist vollkommen legitim, wenn die Medienkonzerne sich auf Abos als Bezahlmodell festlegen - schließlich leben wir in einer freien (sozialen) Marktwirtschaft. Meine Meinung dazu ist ja nicht neu: Paid Content wird nicht ausreichend Einnahmen erbringen, um die aktuelle Konstruktion von Verlagen auch nur annähernd erhalten zu können. Aber trotzdem: Versuchen darf das natürlich jeder. Wer dies aber tut, sollte auch zu den gesellschaftlichen Folgen stehen: Jedes journalistische Stück hinter einer Bezahlschranke bedeutet, dass es  dem wichtigsten Ort der gesellschaftlichen Information und Debatte entzogen wird: dem Internet. Im Gegenzug wird dieser Ort den Extremisten, Trollen und Lügnern überlassen."
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Kulturpolitik

Amerikanische Museen mit ihrem Chor aus Förderern sind unabhängiger als europäische Museen, die immer auch vom Bürgermeister und Kulturdezernenten einer Stadt gegängelt werden können, meint Max Hollein, seit einem Jahr Direktor des Metropolitan Museum in New York, im Interview mit der SZ. Über Sponsoren wie die Sacklers müsse man natürlich reden - im Museum. An der Idee vom enzyklopädischen Museum will Hollein aber festhalten: Das heißt auch, Rückgabe von Kulturgütern nur, wenn sie illegal erworben wurden. "Prinzipiell halte ich es auch für einen wesentlichen Teil unserer kulturellen Geschichte, dass Kulturgüter nicht nur geteilt werden, sondern dass sie auch an ganz anderen Orten ihre Wirkung entfalten. Afrikanische Kunst zum Beispiel trifft in Amerika auf eine große afroamerikanische Bevölkerung und wird so auch ein Teil des kulturellen Erbes. Die Frage des Eigentums stellt sich dann noch einmal ganz anders."

Manuel Wischnewski (Welt) lernt aus einem Buch der Juristin Sophie Schönberger, "Was heilt Kunst? Die späte Rückgabe von NS-Raubkunst als Mittel der Vergangenheitspolitik", dass es nicht ausreicht, Raubkunst einfach zurückzugeben. Das sehe man deutlich bei der Rückgabe von den Nazis geraubter Kunst, die auf der Grundlage der Washingtoner Erklärung erfolge: "Die Versuche Deutschlands, die Rückgabe von NS-Raubkunst nicht mit hartem Recht, sondern mit den weichen Schlichtungsmechanismen der 'Washingtoner Prinzipien' und der lediglich 'Beratenden Kommission' umzusetzen, sieht Schönberger nicht zuletzt deswegen kritisch, weil sie keine überzeugende Erzählung haben stiften können, der sich die Erben im Zweifelsfall anschließen wollen. Die reine Berufung auf eine moralische Verpflichtung Deutschlands, deren Fundamente für selbsterklärend gehalten und scheinbar deswegen nicht mehr explizit formuliert werden, hat ein fatales gedankliches Vakuum entstehen lassen: 'Dieses Schweigen dröhnt im gegenwärtigen Restitutionsdiskurs besonders laut.'"
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Überwachung

Amazon bietet nicht nur Sicherheitstechnik für Häuser, sondern drängt sie der amerikanischen Polizei geradezu als Überwachungsinstrument auf, berichtet Markus Reuter bei Netzpolitik: "Amazon hat mit seiner Überwachungsfirma 'Ring' eine Partnerschaft mit mehr als 200 Polizeidienststellen in den USA. Die Dienststellen bewerben das Heimüberwachungsprodukt Ring und die dazugehörige App, verteilen kostenlose Exemplare und erhöhen so die Videoüberwachungsrate in den Gemeinden. Derart angefertigte Aufnahmen lassen sich anschließend über ein spezielles Portal mit dem Namen 'Law Enforcement Neighborhood Portal' bei den Ring-Kunden anfragen."
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Stichwörter: Amazon, Überwachung

Ideen

Die Zeitungen bringen Artikel zu Theodor W. Adornos fünfzigstem Todestag. Rudolf Walther erzählt in der taz, warum Adorno in Frankfurt bis heute für Streit sorgt: "Am Haus Seeheimer Straße 19 in Frankfurt-Oberrad, wo die Familie Adorno vor dem Krieg lange wohnte, wollte das Kulturamt eine Erinnerungstafel anbringen - wie bereits an Adornos Wohnhaus nach dem Krieg am Kettenhofweg 123 im Frankfurter Westend. Das Vorhaben scheiterte jedoch am Eigentümer des Hauses in Oberrad. Dessen Vorfahren konnten das Haus 1937 günstig 'erwerben', weil die Nazis die Familie Adorno zu 'Juden' gemacht und entrechtet hatten."

Arno Widmann erinnert sich in der FR an seine Zeit als Student bei Adorno: "Der autoritäre Charakter, gegen den wir, Adorno folgend, rebellierten, kam gerade in unserer Revolte wieder hervor. In uns. Das hatten wir auch bei Adorno gelernt. Aber niemand sieht sich selbst so genau, wie er auf andere schaut. Dass man es in dieser Kunst auch sehr weit bringen kann, darüber belehrt uns die Lektüre von Adornos 'Traumprotokollen'. Die Beschreibung des Traums, in dem er jungen Männern zuschaut, wie sie sich selbst guillotinieren, endet mit der Bemerkung: 'Alles völlig wort- und lautlos. Ohne jeden Affekt zugeschaut, aber mit Erektion aufgewacht.'"
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Stichwörter: Adorno, Theodor W.

Medien

In der letzten Woche sind in Mexiko allein drei Journalisten ermordet worden, Jorge Ruiz, Édgar Navas, Rogelio Barragán, berichtet  Klaus Ehringfeld bei Spiegel online. Die Täter sind laut der Journalistenschutzorganisation "Artículo 19" "zu fast gleichen Teilen staatliche Akteure und Schergen der organisierten Kriminalität. Während der sechsjährigen Amtszeit von Präsident Enrique Peña Nieto (2012 bis 2018) zählte die Schutzorganisation 2.500 Aggressionen gegen Journalisten, darunter 48 Morde. 52 Prozent der Delikte gingen auf das Konto der Mafia. Den Rest hatten Polizisten oder zumeist lokale Politiker zu verantworten." Auch unter dem neuen Präsidenten Manuel López Obrador, so Ehringfeld, habe sich leider nichts verändert.

Großer Lapsus bei der New York Times. Sie titelte gestern nach Trumps Rede zu dem Massaker von El Paso mit der Überschrift "Trump Urges Unity versus Racism" (hier ist die Überschrift noch zu sehen). Diese Art des Framings hat Stürme der Entrüstung und eine Menge Abokündigungen ausgelöst, berichtet Gabriel Snyder in einem stark retweeteten Artikel der Columbia Journalism Review. "Innerhalb einer Stunde tweetete Tom Jolly, Chef vom Dienst der Printausgabe die zweite aktualisierte Ausgabe mit der Überschrift 'Assailing Hate but not Guns'. Aber an diesem Punkt hatte sich der Sturm bereits ausgebreitet. Leser, Journalisten und Politiker attackierten die Zeitung auf Twitter und beschuldigten sie, Trumps eigenen Rassismus nicht zu benennen und sein 'Narrativ', dass er gegen Rassendiskriminierung sei, einfach zu akzeptieren."
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Politik

Wenn Weiße eine Waffe tragen in den USA, rührt sich nichts. Wenn ein Schwarzer das tut, läuft er Gefahr, von der Polizei erschossen zu werden. "Denn das Recht auf das Tragen von Waffen ist letztlich ein Privileg der Weißen in den USA", schreibt Adrian Daub auf Zeit online. "Genauso wie die Angst, die zur Selbstjustiz führen darf, ein Privileg von Weißen ist. Und obwohl auch diese selbstverständlich nicht das Recht haben, Massaker an anderen Menschen zu verüben, gehören auch diese Taten auf absurde Weise zu ihren Privilegien. Die Waffe ist - das machen die jüngsten Bluttaten noch einmal deutlich - kein bloßes Symbol. Sie ist seit kolonialen Zeiten dazu da, benutzt zu werden: zur Einschüchterung, zur Untermauerung eines territorialen Anspruchs, zur Ziehung einer Trennlinie zwischen denen, die sich als legitime Amerikaner gerade auch im Sinne Donald Trumps verstehen, und den anderen. Waffenbesitz hatte in den USA stets mit der Vormachtstellung der Weißen zu tun und machte den Waffenbesitzer zum Nebenorgan des Staats."

Im Freitag ist Konstantin Nowotny einigermaßen verstört, dass die rechtsextremistischen Attentäter von Christchurch und El Paso neben rassistischen Gründen auch den Klimaschutz als Anlass für ihre Taten nennen: "Muss man sich mit diesem Wahn überhaupt beschäftigen? Es ist gewiss erleichternd, die obigen Denkschritte als Irrsinn beiseitezuschieben. Es ist aber auch gefährlich, weil es die logische Durchschlagskraft unterschätzt. Die Gefahr ist, dass der Wahn kein individueller, sondern ein kollektiver ist, dass er längst in vielen Menschen brodelt und damit eine tödliche Gefahr darstellt. ... Als Klimaschutz noch Naturschutz hieß, konnten sich viele erinnern, dass auch die Nazis ihren 'Lebensraum' auf ganz ähnliche Art bewahren wollten, dass sie kapitalistischen Konflikten auch mörderisch begegneten. Zu glauben, Klimaschutz sei automatisch progressiv, und ginge daher nicht mit Faschismus zusammen, ist naiv. Abstrakt ist er seit Jahrhunderten nahtlos anschlussfähig für alle Formen der Menschenverachtung."
Archiv: Politik